{"id":2039,"date":"2019-05-30T07:18:06","date_gmt":"2019-05-30T07:18:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=2039"},"modified":"2026-02-23T15:18:26","modified_gmt":"2026-02-23T15:18:26","slug":"robinson-crusoe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/robinson-crusoe\/","title":{"rendered":"Robinson Crusoe"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00dcber menschliche Spuren im Mondsand w\u00e4ren die Astronauten der Apollo 11 vor f\u00fcnfzig Jahren nicht minder erstaunt gewesen als der schiffbr\u00fcchige Robinson Crusoe. F\u00fcnfzehn lange Jahre lebt er schon allein auf der Insel, als er \u2013 in der Mitte des Buches \u2013 am Strand auf den Abdruck eines nackten Fusses st\u00f6sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wer die Ur-Robinsonade nie gelesen hat, ist mit unz\u00e4hligen Details und Motiven dieser Geschichte vertraut und erkennt sie in anderen Erz\u00e4hlungen wieder, etwa dem&nbsp;<em>Schweizerischen Robinson<\/em>&nbsp;von Johann David Wyss, William Goldings&nbsp;<em>Herr der Fliegen<\/em>, Lutz Seilers&nbsp;<em>Kruso<\/em>, Filmen wie&nbsp;<em>Cast Away<\/em>&nbsp;(Robert Zemeckis 2000),&nbsp;<em>The Martian<\/em>&nbsp;(Ridley Scott 2015) oder der amerikanischen Fernsehserie&nbsp;<em>Lost<\/em>&nbsp;(ABC 2004\u20132010).<\/p>\n\n\n\n<p>Die abenteuerliche Geschichte des Kaufmanns aus York vermag nach 300 Jahren noch genauso zu faszinieren wie die erste Mondlandung. Beide Jubil\u00e4umsereignisse haben unseren Blick auf die Erde und deren eigenwillige Bewohner einschneidend gepr\u00e4gt. Ein Wiederlesen von Daniel Defoes erstem Roman lohnt sich allemal. Mit anderen Klassikern der Literaturgeschichte teilt&nbsp;<em>Robinson Crusoe<\/em>&nbsp;das Schicksal, dass viele Leserinnen und Leser die Geschichte nur aus stark gek\u00fcrzten \u00dcbersetzungen, als freie Nacherz\u00e4hlung f\u00fcr Kinder, literarisches Remake oder verwegene Filmadaption kennen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die erlesene und sorgf\u00e4ltig edierte Ausgabe des Mare Verlags bietet nun Gelegenheit, dieses einzigartige Werk der Weltliteratur in der erfrischend modernen \u00dcbersetzung von Rudolf Mast neu und in voller L\u00e4nge zu entdecken. Mit seinem\u00a0<em>Robinson Crusoe<\/em>\u00a0von 1719 begr\u00fcndet Daniel Defoe nicht nur den englischen Roman, sondern spielt bereits gekonnt mit den Mitteln der Fiktion und dem, was man heute den autobiografischen Pakt nennt. \u00abDer Herausgeber h\u00e4lt den Bericht f\u00fcr die Beschreibung von Tatsachen\u00bb, lesen wir im Vorwort. \u00abErfundenes vermag er darin nicht zu erkennen.\u00bb Vordergr\u00fcndig pr\u00e4sentiert \u00abDas Leben und die aussergew\u00f6hnlich erstaunlichen Abenteuer des Seefahrers Robinson Crusoe aus York\u00bb eine wahre Geschichte und gibt den fiktiven Ich-Erz\u00e4hler als empirischen Autor eines dokumentarischen Textes aus, \u00abWritten by Himself\u00bb, wie die fr\u00fchen Ausgaben verk\u00fcndeten. Dass man die Erz\u00e4hlung f\u00fcr einen authentischen Erlebnisbericht hielt, hat zweifellos zum grossen Erfolg des Romans beigetragen. Tats\u00e4chlich liess sich Daniel Defoe (1660\u20131731) durch die Erfahrungen des schottischen Seemanns Alexander Selkirk inspirieren, den es f\u00fcnf Jahre lang auf eine verlassene Insel verschlagen hatte. Robinsons Martyrium dauert wesentlich l\u00e4nger. 28 Jahre muss er auf der Insel vor der K\u00fcste Amerikas unweit der M\u00fcndung des Orinoco ausharren, und erst drei Jahre vor seiner Rettung findet er im befreiten Freitag einen treuen Diener und Gef\u00e4hrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Robinsons Inselaufenthalt ist als Mythos ins kollektive Bewusstsein eingegangen. Ungleich abenteuerlicher nehmen sich allerdings die Anfangs- und Schlusskapitel aus. Sie berichten von unb\u00e4ndigen St\u00fcrmen, Schiffshavarien, Auseinandersetzungen mit Piraten, Robinsons Jahren als Sklave in Afrika, seiner waghalsigen Flucht aus der Gefangenschaft und, im Schlussteil des Buches, von der winterlichen \u00dcberquerung der Pyren\u00e4en, als die Reisenden gegen dreihundert ausgehungerte W\u00f6lfe ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dagegen wirkt Robinsons ungest\u00f6rtes Inselleben nahezu beschaulich und friedfertig. Anfangs verflucht der Gestrandete zwar sein Schicksal, muss aber bald erkennen, wie viel Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck ihm beschieden ist. Er hat als Einziger \u00fcberlebt, w\u00e4hrend der Rest der Besatzung den Tod fand. Zudem kann er aus dem Wrack vieles bergen, das ihm den Aufenthalt auf der Insel ertr\u00e4glicher macht. Immer wieder zieht Robinson reum\u00fctig Bilanz, zeichnet seine Stimmungsschwankungen auf und protokolliert Erfolge und R\u00fcckschl\u00e4ge. Abgesehen vom Spannungsplot l\u00e4sst sich der Text so auch als treffliche Parabel auf unsere Zivilisationsgeschichte, kolonialen Ethnozentrismus oder philosophisch-theologische Reflexion \u00fcber das Wesen des Menschen und die Macht der Vorsehung lesen. Hat uns der Fortschritt kl\u00fcger und nachsichtiger gemacht, oder sind wir so unreif f\u00fcr die Insel wie der arme Robinson?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\"><em>Daniel Ammann<\/em>, 27.5.2019<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">\u00abUnreif f\u00fcr die Insel.\u00bb<br><em>Akzente<\/em> 2 (27.5.2019).<br><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"14\" height=\"14\" class=\"alignnone size-medium\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/pdf_icon.png\"> <a href=\"http:\/\/www.magoria.ch\/texte\/Akzente_medientipps-online-2019-5-Robinson.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Download<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Daniel Defoe<br><em>Robinson Crusoe<\/em>. <br>Aus dem Englischen von Rudolf Mast. <br>Mit einem Nachwort von G\u00fcnther Wessel. <br>Hamburg: mareverlag, 2019. 415 Seiten.\u00a0<span style=\"font-size: 12pt;\"><span style=\"line-height: 1.3em;\"><br><\/span><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"130\" height=\"218\" class=\"alignnone size-thumbnail\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/defoe_Robinson-Crusoe_web.jpg\"><br><\/span><\/p>\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber menschliche Spuren im Mondsand w\u00e4ren die Astronauten der Apollo 11 vor f\u00fcnfzig Jahren nicht minder erstaunt gewesen als der schiffbr\u00fcchige Robinson Crusoe. 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