{"id":4038,"date":"2024-07-28T09:02:52","date_gmt":"2024-07-28T09:02:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=4038"},"modified":"2025-07-21T09:01:26","modified_gmt":"2025-07-21T09:01:26","slug":"es-laeutet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/es-laeutet\/","title":{"rendered":"Es l\u00e4utet &#8230;"},"content":{"rendered":"<p class=\"p1\">\u00abAm Anfang steht eine Frage, ein R\u00e4tsel, ein Geheimnis.\u00bb Das habe ich vor nicht allzu langer Zeit in einem <a href=\"http:\/\/doi.org\/10.5281\/zenodo.12188373\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Aufsatz<\/a> behauptet. Sehr oft gilt das schon f\u00fcr den Einstieg in eine Geschichte. Wir sitzen in einem dunklen Raum und der erste Satz st\u00f6sst die T\u00fcr einen Spalt auf. Das einfallende Licht weckt unsere Neugier, lockt uns in den anderen Raum. Bleiben wir vor der Schwelle stehen, hat der Roman verloren.<\/p>\n<p class=\"p1\">Machen wir die Probe aufs Exempel und schauen uns aufs Geratewohl Franz Hohlers Roman <span style=\"color: #008000;\"><i>Das P\u00e4ckchen<\/i><\/span> (2017) an. Eigentlich beginnt das R\u00e4tsel schon mit dem Titel, denn wir m\u00f6chten schon gern erfahren, von welchem P\u00e4ckchen die Rede ist und was es damit auf sich hat. Geht es um ein wertvolles Geschenk, eine falsch zugestellte Postsendung oder ein Paket mit Sprengstoff? Schliesslich will man uns eine Geschichte andrehen. Da hoffen wir auf Spannung und unvorhergesehene \u00dcberraschungen. Der erste Satz lautet also:<\/p>\n<p class=\"p1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" class=\"wp-image-4059\" style=\"color: #666666; font-size: 1.125rem; font-style: italic;\" src=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Hohler.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Hohler.png 1024w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Hohler-300x225.png 300w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/07\/Hohler-768x576.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/p>\n<p class=\"p1\">Aha! Keine Antwort, sondern lauter neue Fragen. Wer ist \u00aber\u00bb? Warum sollte er den H\u00f6rer denn nicht abnehmen? \u2013 Vibriert da ein fremdes Handy auf dem Tisch im Caf\u00e9 oder geht der Unbekannte wie im Spionagefilm an einer Telefonzelle vorbei, als es drinnen zu klingen beginnt?<\/p>\n<p class=\"p1\">Auf jeden Fall muss es sich um eine folgenschwere Entscheidung handeln, sonst g\u00e4be es nichts zu erz\u00e4hlen. Mit anderen Worten: keine Geschichte. Ist die anrufende Person nur \u00abfalsch verbunden\u00bb oder stellt sich Mitarbeiter:in eines Callcenters heraus, kann das Leben ungest\u00f6rt weitergehen. Zumindest wissen wir: Es gibt ein Sp\u00e4ter. Dieser \u00aber\u00bb hat \u00fcberlebt und macht sich im Nachhinein Gedanken. \u00abBei Anruf, Mord\u00bb war es also nicht.<\/p>\n<p class=\"p1\">Will ich mehr erfahren, bleibt mir also nichts anderes \u00fcbrig als weiterzulesen. Da mit dem ersten Satz auch der Absatz fertig ist, schalte ich eine kurze Pause ein und schaue, was hochkommt. Von Weitem h\u00f6re ich das Klingeln in einem anderen Buch. Wo war das noch gleich? Paul Auster nat\u00fcrlich (oder eher unnat\u00fcrlich). <span style=\"color: #000080;\"><i><span style=\"color: #000080;\">Stadt aus Glas<\/span><\/i><span style=\"color: #000000;\"> (1987).<\/span><\/span>\u00a0Auch kein schlechter Anfang:<\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #000080;\">Mit einer falschen Nummer fing es an, mitten in der Nacht l\u00e4utete das Telefon dreimal, und die Stimme am anderen Ende fragte nach jemandem, der er nicht war.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\">Ich fahre mit Hohlers erstem Satz weiter:<\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #008000;\">Warum er den H\u00f6rer abgenommen hatte, konnte er sich sp\u00e4ter nicht mehr erkl\u00e4ren.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\">Dann abermals Auster (als w\u00fcrde er den Gedanken weiterf\u00fchren):<\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #000080;\">Viel sp\u00e4ter, als er in der Lage war, dar\u00fcber nachzudenken, was mit ihm geschah, sollte er zu dem Schluss kommen, nichts ist wirklich ausser dem Zufall.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\">An eine ruhige Lekt\u00fcre ist nun nicht mehr zu denken. Unweigerlich beginnen nun die beiden Romane miteinander zu sprechen und entfalten eine dritte Geschichte. Ich springe hin und her und kann mich dem dialogischen Wechselspiel nicht mehr entziehen.<\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #008000;\">Da machte er einen Schritt, hob den H\u00f6rer und sagte: \u00abHallo?\u00bb<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #000080;\">Dann kam wie aus grosser Entfernung der Klang einer Stimme, wie er dergleichen noch keine geh\u00f6rt hatte. Er erschrak.<\/span>\u00a0<\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #000080;\">\u00abHallo?\u00bb, sagte die Stimme.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #008000;\">\u00abWie kann ich Ihnen helfen?\u00bb<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #000080;\">\u00abIst das Paul Auster?\u00bb, fragte die Stimme.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #008000;\">Er z\u00f6gerte einen Moment und sagte dann: \u00abJa. Wer spricht?\u00bb<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #000080;\">\u00abIch m\u00f6chte Mr. Paul Auster sprechen.\u00bb<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #008000;\">\u00abNat\u00fcrlich. Und wie kann ich helfen?\u00bb<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #000080;\">Wieder ein Schweigen am anderen Ende.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #008000;\">\u00abBitte.<\/span> <span style=\"color: #000080;\">Die Angelegenheit ist \u00e4usserst dringend\u00bb, sagte die Stimme. <\/span><span style=\"color: #008000;\">\u00abIch brauche deine Hilfe.\u00bb<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #000080;\">\u00abWer spricht dort?\u00bb<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #008000;\">\u00abIch\u00bb, sagte die Frau am andern Ende.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #000080;\">\u00abWas kann ich f\u00fcr Sie tun?\u00bb<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\"><span style=\"color: #008000;\">Hier, sagte er sich sp\u00e4ter, hier h\u00e4tte er aufh\u00e4ngen sollen, denn hier hatte er aus irgendeiner Neugier heraus begonnen, sich auf das Spiel einzulassen.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\">Vor ziemlich genau 35 habe ich im <i>Nebelspalter<\/i> den 1074 Seiten starken Band 14 des PTT-Telefonbuchs besprochen. An den ersten Satz habe ich leider keine Erinnerung mehr, aber auch in diesem Bestseller der Gebrauchsliteratur gab es einen mysteri\u00f6sen Anruf.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 25px;\">&#8211; Mit wem m\u00f6chten Sie sprechen?<br \/>&#8211; Mit wem spreche ich?<br \/>&#8211; Sie sprechen mit &#8230;<br \/>&#8211; Ich m\u00f6chte gerne Herrn X sprechen.<br \/>&#8211; Herr X ist nicht da. Kann ich etwas ausrichten?<br \/>&#8211; Kann ich mit dem Vertreter von Herrn X sprechen? Der Anruf ist sehr dringend.<br \/>&#8211; K\u00f6nnten Sie bitte lauter sprechen? Ich verstehe nicht.<\/p>\n<p class=\"p1\">Die letzte Dialogzeile w\u00e4re doch ein passabler erster Satz f\u00fcr einen Roman, oder? Vielleicht haben Sie ja Lust, den Faden aufzugreifen und den Text weiterzuspinnen. Einiges h\u00e4ngt vom ersten Satz ab, aber mehr noch von dem, was folgt und was die Geschichte aus dem vielversprechenden Anfang macht. Oder wie es in Paul Austers erstem Roman <em>Stadt aus Glas<\/em> heisst:<\/p>\n<p style=\"margin-left: 2em;\">Das Problem ist die Geschichte selbst, und ob sie etwas bedeutet oder nicht, muss die Geschichte nicht sagen.<\/p>\n<p class=\"p1\">Warum hat Ihr Protagonist wohl den H\u00f6rer abgenommen?<\/p>\n\n\n\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Ferngespr\u00e4ch zwischen Franz Hohler und Paul Auster.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4061,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[1029,6,26,36],"tags":[211,269,844,1015],"class_list":["post-4038","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-der-erste-satz","category-texte","category-essay","category-uebersschreiben","tag-poetik","tag-paul-auster","tag-erste-saetze","tag-franz-hohler"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4038","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4038"}],"version-history":[{"count":23,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4038\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5514,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4038\/revisions\/5514"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4061"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4038"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4038"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4038"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}