{"id":4101,"date":"2024-08-01T22:34:00","date_gmt":"2024-08-01T22:34:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=4101"},"modified":"2024-08-11T12:39:19","modified_gmt":"2024-08-11T12:39:19","slug":"das-narrative-damoklesschwert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/das-narrative-damoklesschwert\/","title":{"rendered":"Das narrative Damoklesschwert"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"p1\">Eine M\u00f6glichkeit, Spannung zu erzeugen, ist wie das Ticken einer Bombe. Regisseur Alfred Hitchcock hat diese Art als <em>Suspense<\/em> bezeichnet und von <em>Surprise<\/em>, dem \u00dcberraschungsmoment, unterschieden. Im Film ist es oft so, dass wir als Zuschauer:innen mehr wissen, dass wir das drohende Unheil, die heranr\u00fcckende Gefahr kommen sehen. Diese Spannung operiert mit unserem Vorwissen, speist sich aus unserem Wissensvorsprung gegen\u00fcber den handelnden Figuren der Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p1\">In Hitchcocks Beispiel ist es die Bombe unter dem Tisch, von der die Figuren nichts ahnen. Auch Literatur arbeitet mit solchen Mitteln. Entweder die Handlung wartet mit unvorhersehbaren Wendungen auf, \u00fcberrumpelt und verbl\u00fcfft uns. Oder sie l\u00e4sst uns ahnen, was passiert und spannt uns so auf die Folter.<\/p>\n<p class=\"p1\">Nicht selten schaffen es bereits die ersten S\u00e4tze, durch Andeutungen unsere Neugier zu wecken oder etwas Dramatisches in Aussicht zu stellen. Dabei geht es weniger um die Frage, was als N\u00e4chstes passiert, sondern wann und wie genau sich unsere dunklen Vorahnungen bewahrheiten. Gelegentlich reicht es schon, eine einschneidende Ver\u00e4nderung anzudeuten oder ein heraufziehendes Ereignis zu verk\u00fcnden. Bleibt das Bef\u00fcrchtete dann doch aus (Rettung in letzter Sekunde) oder passiert etwas weitaus Schlimmeres (Katastrophe), bekommen wir zur Spannung obendrein auch noch eine Portion \u00dcberraschung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p1\">Schauen wir uns ein typisches Beispiel an. So beginnt Louis Bayards <em>Der denkw\u00fcrdige Fall des Mr Poe<\/em>:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Mr-Poe_web.png\" alt=\"\" style=\"width:642px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"p4\">Der Countdown erinnert an Hitchcock tickende Bombe. Der t\u00f6dliche Ausgang scheint unausweichlich. Hier zeigt sich aber schon, dass es wohl gar nicht das nahende Ende des Ich-Erz\u00e4hlers ist, das uns vorw\u00e4rts dr\u00e4ngt. Vielmehr sind wir auf das Warum, auf die verh\u00e4ngnisvollen Hintergr\u00fcnde gespannt. Da hat es jemand eilig, seine Geschichte loszuwerden \u2013 und die \u00dcberschrift l\u00e4sst vermuten, dass es eine Art Beichte wird: \u00abTestament von Gus Landor, 19. April 1831\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p4\">Der Romantitel sch\u00fcrt ebenfalls hohe Erwartungen. Wer von Edgar Allen Poe geh\u00f6rt hat oder mit seinen unheimlichen Erz\u00e4hlungen und Detektivgeschichten vertraut ist, kann sich schon mal einstimmen. Eines seiner mystischen Abenteuer tr\u00e4gt im Deutschen den Titel <i>Die denkw\u00fcrdigen Erlebnisse des Arthur Gordon Pym<\/i>. Im Original sind beide Titel wesentlich unspektakul\u00e4rer. Poes Erz\u00e4hlung aus dem Jahr 1838\u00a0heisst schlicht <i>The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket<\/i>. Und Louis Bayards Kriminalroman tr\u00e4gt im Englischen den Titel <i>The Pale Blue Eye \u2013 <\/i>eine direkte und doch subtile Anspielung auf das \u00abblassblaue Auge\u00bb des alten Mannes, dem Poes manischer Ich-Erz\u00e4hler in der Kurzgeschichte \u00abDas verr\u00e4terische Herz\u00bb nach dem Leben trachtet. Es ist nur eine Frage der Zeit.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Auch \u00fcber Bayards Protagonist Augustus Landor baumelt ein unsichtbares Damoklesschwert. Und Poe-Kenner:innen denken vielleicht an <em>Die Fallgrube und das Pendel <\/em><span class=\"s1\">und den Satz <\/span>\u00abDas Urteil&nbsp;\u2013 das grausame Todesurteil&nbsp;\u2013 war das Letzte, was noch klar an meine Ohren drang.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/bayard_Der-denkwuerdige-Fall-des-Mr-Poe_web.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"p1 has-small-font-size\">Louis Bayard<br><em><i>Der denkw<\/i><span class=\"s1\"><i>\u00fc<\/i><\/span>rdige Fall des Mr Poe. <\/em><br>Aus dem amerikanischen Englisch von Peter Knecht. <br>Berlin: Insel Verlag, 2022. 500 Seiten.<\/p>\n\n\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/poe_Neue%20unheimliche%20Geschichten_web.jpeg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"p1 has-small-font-size\">Edgar Allan Poe<br><i>Neue unheimliche Geschichten<\/i>. <br>Aus dem amerikanischen Englisch v. Andreas Nohl. <br>M\u00fcnchen: dtv, 2020. 392 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-color has-text-color has-link-color has-small-font-size wp-elements-a015eef6f404bbd5412c3e1ffe06308c\">[1.8.2024]<\/p>\n\n\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon der erste Satz einer Geschichte kann Spannung erzeugen und als unsichtbares Damoklesschwert \u00fcber dem Haupt des todgeweihten Helden baumeln.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4103,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[1029,1,6,26,33,36],"tags":[182,844,1016],"class_list":["post-4101","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-der-erste-satz","category-aktuell","category-texte","category-essay","category-medientipps","category-uebersschreiben","tag-edgar-allan-poe","tag-erste-saetze","tag-louis-bayard"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4101","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4101"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4101\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4213,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4101\/revisions\/4213"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4103"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4101"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4101"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4101"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}