{"id":4169,"date":"2024-08-11T12:02:26","date_gmt":"2024-08-11T12:02:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=4169"},"modified":"2025-10-07T14:01:22","modified_gmt":"2025-10-07T14:01:22","slug":"einfach-anfangen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/einfach-anfangen\/","title":{"rendered":"Einfach anfangen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Carroll.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4172\" srcset=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Carroll.png 1024w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Carroll-300x225.png 300w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Carroll-768x576.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n<p class=\"p1\">\u00abLies vor!\u00bb, fordert der K\u00f6nig das weisse Kaninchen in <i>Alice im Wunderland <\/i>auf. \u00abWo soll ich anfangen?\u00bb fragt es zur\u00fcck. <span style=\"font-size: revert;\">\u00abFang am Anfang an\u00bb, antwortet der K\u00f6nig, \u00abund lies weiter, bis du zum Ende kommst. Dann h\u00f6r auf.\u00bb<\/span><\/p>\n\n\n<p>Zahlreiche Autor:innen schw\u00f6ren auf den ersten Satz, behaupten sogar, ohne ihn seien sie ausserstande, \u00fcberhaupt anzufangen. Das mag zutreffen oder nur Koketterie sein. Auf alle F\u00e4lle hebt es die Magie des kreativen Prozesses hervor &#8230; und ein bisschen auch das Genie der Schreibenden. Stellt sich der z\u00fcndende erste Satz allerdings nicht ein, ist die Schreibblockade quasi vorprogrammiert.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Roman <em>Rauch und Schall<\/em> (Diogenes 2023) l\u00e4sst Charles Lewinsky den genialischen Johann Wolfgang von Goethe genau daran auflaufen. Zur\u00fcck von seiner Schweizer Reise wartet der Meister vergeblich auf die Inspiration, w\u00e4hrend der von ihm als Lohnschreiber verachtete Schwager Christian August Vulpius Buch um Buch produziert. Weil Goethe einen Ruf zu verlieren hat, nimmt er schliesslich widerwillig die Dienste seines Schwagers in Anspruch, zuerst als Ghostwriter, dann als Schreibcoach.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Lewinsky.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4175\" srcset=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Lewinsky.png 1024w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Lewinsky-300x225.png 300w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Lewinsky-768x576.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"p1\">Die humorvolle Demontage des Genies beginnt bei Lewinsky schon im ersten Satz (\u00abGoethe hatte H\u00e4morrhoiden.\u00bb), nimmt aber mit der Umkehr der Hierarchie erst richtig Fahrt auf. Lewinsky inszeniert den unterw\u00fcrfigen Vulpius als handwerklich versierten Autor und stilisiert ihn zum p\u00e4dagogisch-psychologischen Schreiblehrer.&nbsp;<br>Dabei spielt abermals ein erster Satz die zentrale Rolle.&nbsp; Vulpius entpuppt sich sogar als didaktischer Pionier und Vertreter des <em>Freewriting<\/em> avant la lettre. Seine Aufgabe an den widerspenstigen Schreibsch\u00fcler Goethe lautet denn auch, mit einem vorgegebenen ersten Satz zu beginnen und dann ohne Unterbruch einfach weiterzuschreiben. \u00abNicht an andere Dinge denken. \u00dcberhaupt nicht denken. Einfach schreiben.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Vulpius.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4251\" srcset=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Vulpius.png 1024w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Vulpius-300x225.png 300w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Vulpius-768x576.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"p1\">Goethe spielt mit, auch wenn er in seiner Selbstgef\u00e4lligkeit und Arroganz \u00fcberzeugt ist, alles besser zu wissen, wie seine Reaktion auf den Schreib-Prompt zeigt:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><i>Ganz Italien spricht von ihm.<\/i>\nKein wirklich guter Anfang. Er musste Vulpius bei Gelegenheit erkl\u00e4ren, wie wichtig die ersten Worte f\u00fcr ein Buch waren. Ein Signal f\u00fcr den Leser. So wie man beim Betreten eines Hauses sofort sp\u00fcrte, was f\u00fcr Leute dort lebten. Damals beim Werther \u2013 auf diesen Anfang war er heute noch stolz \u2013 hatte der erste Satz geheissen: <i>Wie froh bin ich, dass ich weg bin!<\/i><\/pre>\n\n\n\n<p class=\"p1\">Goethe braucht etliche Anl\u00e4ufe, bis es ihm gelingt, seine Einw\u00e4nde und die hohen Anspr\u00fcche \u00fcber Bord zu werfen. Immer wieder schweifen seine Gedanken ab. So \u00e4rgert er sich \u00fcber die Beschaffenheit des Federkiels, die Farbe der Tinte und st\u00f6sst sogar auf Ideen f\u00fcr neue Vorhaben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Man m\u00fcsste, \u00fcberlegte Goethe, die Anf\u00e4nge ber\u00fchmter Romane sammeln. Vielleicht eine Brosch\u00fcre daraus machen. Die verschiedenen Arten von ersten Worten miteinander vergleichen.<\/pre>\n\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Sind die \u00fcblichen Vermeidungstrategien erst einmal ausgehebelt, kann es endlich losgehen. Die <em>Rinaldini<\/em>-Kur, wie Goethe sie bei sich nennt, schl\u00e4gt an und der Meister tr\u00f6stet sich damit, dass ausser Vulpius niemand dieses Machwerk je zu Gesicht bek\u00e4me&nbsp;&#8230; \u00abEr war so gl\u00fccklich wie schon lang nicht mehr. Und seine H\u00e4morrhoiden waren auch kaum mehr zu sp\u00fcren.\u00bb Die Heilung hat er dem ersten Satz zu verdanken, aber mehr noch der Einsicht, dass es weit wichtiger ist, mit dem Schreiben \u00fcberhaupt erst anzufangen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\"><em>Daniel Ammann, 11.8.2024<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/lewinsky_Rauch-und-Schall_cover.jpg\" alt=\"\" style=\"width:139px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Charles Lewinsky<br><em>Rauch und Schall.<\/em> <br>Z\u00fcrich: Diogenes, 2023. 304 Seiten. <\/p>\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf den ersten Satz kommt es an. Aber noch entscheidender ist es, mit dem Schreiben \u00fcberhaupt anzufangen. Denn der passende erste Satz kann sich auch sp\u00e4ter noch einstellen. Da muss sogar der grosse Goethe \u00fcber seinen langen Geheimratsschatten springen. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4564,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[1029,1,6,26,33,36],"tags":[1026,1027,1028,482,844],"class_list":["post-4169","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-der-erste-satz","category-aktuell","category-texte","category-essay","category-medientipps","category-uebersschreiben","tag-johann-wolfgang-goethe","tag-charles-lewinski","tag-christian-august-vulpius","tag-freewriting","tag-erste-saetze"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4169","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4169"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4169\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5673,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4169\/revisions\/5673"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4564"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4169"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4169"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}