{"id":4247,"date":"2024-08-18T10:23:07","date_gmt":"2024-08-18T10:23:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=4247"},"modified":"2024-08-20T10:33:35","modified_gmt":"2024-08-20T10:33:35","slug":"es-gibt-keine-anfaenge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/es-gibt-keine-anfaenge\/","title":{"rendered":"Es gibt keine Anf\u00e4nge"},"content":{"rendered":"<figure class=\"wp-block-post-featured-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Ari.png\" class=\"attachment-post-thumbnail size-post-thumbnail wp-post-image\" alt=\"Es gibt keine Anf\u00e4nge\" title=\"Es gibt keine Anf\u00e4nge\" style=\"object-fit:cover;\" srcset=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Ari.png 1024w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Ari-300x225.png 300w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Ari-768x576.png 768w\" sizes=\"auto, 100vw\" \/><\/figure>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zu den Anf\u00e4ngen mit Namensvorstellung kommen wir bei anderer Gelegenheit.<sup data-fn=\"c8649dc4-d49f-4dda-8db5-dd8f932952db\" class=\"fn\"><a href=\"#c8649dc4-d49f-4dda-8db5-dd8f932952db\" id=\"c8649dc4-d49f-4dda-8db5-dd8f932952db-link\">1<\/a><\/sup> Hier geht es mir um die pr\u00e4ventive Ank\u00fcndigung der Geschichte, um den Vorbehalt, das Caveat. Die Ich-Erz\u00e4hlerin in Eva Rottmanns Jugendroman <em><strong>Kurz vor dem Rand<\/strong><\/em> (Jacoby &amp; Stuart, 2023) steigt mit einer Triggerwarnung ein. Wir sollen uns darauf gefasst machen, dass die Sache schlecht ausgeht. Das weckt unsere Neugierde \u2013 und vielleicht auch leise Zweifel.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den gleichen rhetorischen Trumpf spielt Daniel Handler (alias Lemony Snicket) im ersten Band seiner \u00abReihe betr\u00fcblicher Ereignisse\u00bb aus. <em>Der schreckliche Anfang<\/em> (<em>The Bad Beginning<\/em>, dt. v. Klaus Weimann) beginnt so:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Wenn du gern Geschichten mit einem Happy End liest, solltest du lieber zu einem anderen Buch greifen. In diesem gibt es kein Happy End, auch keinen gl\u00fccklichen Anfang und nur wenig Erfreuliches mittendrin. <\/pre>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit hat uns auch diese Geschichte an der Angel. Wie sagt doch Lord Henry in Oscar Wildes Roman zu Dorian Gray: \u00abEine Versuchung wird man nur los, indem man ihr nachgibt.\u00bb Ein Buch, vor dem wir ausdr\u00fccklich gewarnt werden, einer Lekt\u00fcre, von der uns sogar abgeraten wird, stellt zweifellos eine Verlockung dar, der wir kaum widerstehen k\u00f6nnen. Wir m\u00f6chten weiterlesen. Jetzt erst recht. W\u00fcrde uns hingegen die beste aller Geschichten angepriesen, das gr\u00f6sste Lese-Erlebnis aller Zeiten versprochen, w\u00e4re die Antwort wohl eher ein \u00abVergiss es!\u00bb. Immerhin wissen wir, was von solch vollmundigen Werbeversprechen zu halten ist.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Lemony Snicket&#039;s A Series of Unfortunate Events | Official Trailer [HD] | Netflix\" width=\"525\" height=\"295\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Tup-5yOcJuM?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><figcaption class=\"wp-element-caption\">Lemony Snicket&#8217;s A Series of Unfortunate Events (USA 2004. Regie: Brad Silberling)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber schauen wir zuerst, wie das im Einzelnen funktioniert. W\u00e4hrend uns Handler auf das ungl\u00fcckselige Leben der Baudelaire-Kinder vorbereitet (\u00abFast alles, was ihnen zustiess, strotzte nur so vor Unheil, Elend und Verzweiflung.\u00bb) setzt Eva Rottmann noch einen drauf, wenn Ari in rotzigem Ton beif\u00fcgt, dass wir auf eigene Verantwortung handeln: \u00abEs ist mir ehrlich gesagt scheissegal. Ihr k\u00f6nnt das machen, wie ihr wollt. Ich sag euch einfach, was auf euch zukommt.\u00bb Von Bevormundung h\u00e4lt sie \u2013 wie sich zeigen wird \u2013 definitiv nichts. Damit gibt uns die Ich-Erz\u00e4hlerin auch gleich eine Kostprobe ihrer harten Schale (unter der wir selbstverst\u00e4ndlich etwas Empfindsames vermuten). <\/p>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt bald eine Lebensweisheit, die man durchaus als poetologisches Programm oder Erz\u00e4hlprinzip deuten darf:<\/p>\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\">Ich habe \u00fcberlegt, wie ich anfangen soll, und dann ist mir eingefallen, was Tom mal gesagt hat. Dass es n\u00e4mlich gar keine Anf\u00e4nge gibt.<\/pre>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Geschickt verpackt sie darin eine inhaltliche Anspielung. Geht es also um Ari und Tom? Ist das die Lovestory ohne Happy End?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Wenn das Ende nicht gut ist, ist es vielleicht noch nicht das Ende<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Als das grosse rote Buch, in dem Ari ihre Erlebnisse aufschreibt, fast voll ist, erreicht die Geschichte zwar ihren vorl\u00e4ufigen Schluss. Aber so wie es keine Anf\u00e4nge gibt, ist mit dem fehlenden Happy End noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ari liest noch einmal die beiden Anfangss\u00e4tze ihres ersten Eintrags und muss pl\u00f6tzlich lachen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Ari2.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-4259\" srcset=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Ari2.png 1024w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Ari2-300x225.png 300w, https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2024\/08\/Ari2-768x576.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 767px) 89vw, (max-width: 1000px) 54vw, (max-width: 1071px) 543px, 580px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/rottmann_Kurz-vor-dem-Rand_web.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Eva Rottmann<br><em>Kurz vor dem Rand.<\/em> <br>Berlin: Verlagshaus Jacoby &amp; Stuart, 2023. 192 Seiten. Ab 14 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/SKJBP-2023-Sticker.png\" alt=\"\" style=\"width:92px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes has-small-font-size\"><li id=\"c8649dc4-d49f-4dda-8db5-dd8f932952db\">Herman Melvilles <em>Moby-Dick<\/em> mit seinem weltber\u00fchmten Anfangssatz wird uns sicher noch besch\u00e4ftigen, aber um es f\u00fcr den Moment mit Melvilles Bartleby zu sagen: \u00abIch m\u00f6chte lieber nicht.\u00bb\u00a0 <a href=\"#c8649dc4-d49f-4dda-8db5-dd8f932952db-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol><div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ersten S\u00e4tze eines Romans k\u00f6nnen als Triggerwarnung daherkommen. Aber wenn man das so geschickt anstellt wie Eva Rottmann oder Daniel Handler, ist es ein poetologischer Schachzug, der Auftakt f\u00fcr eine Geschichte voller \u00dcberraschungen. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":4253,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"","fifu_image_alt":"","footnotes":"[{\"content\":\"Herman Melvilles <em>Moby-Dick<\/em> mit seinem weltber\u00fchmten Anfangssatz wird uns sicher noch besch\u00e4ftigen, aber um es f\u00fcr den Moment mit Melvilles Bartleby zu sagen: \u00abIch m\u00f6chte lieber nicht.\u00bb\u00a0\",\"id\":\"c8649dc4-d49f-4dda-8db5-dd8f932952db\"}]"},"categories":[777,1029,1,27,6,775],"tags":[837,1030,1031],"class_list":["post-4247","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kjm","category-der-erste-satz","category-aktuell","category-literaturkritik","category-texte","category-belletristik","tag-daniel-handler","tag-eva-rottmann","tag-happy-end"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4247","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4247"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4247\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4275,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4247\/revisions\/4275"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media\/4253"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4247"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4247"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4247"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}