{"id":4658,"date":"2018-09-04T15:05:18","date_gmt":"2018-09-04T15:05:18","guid":{"rendered":"http:\/\/magoria.ch\/wp\/?p=745"},"modified":"2018-09-04T15:05:18","modified_gmt":"2018-09-04T15:05:18","slug":"auktorial-suggestive-audiodeskription","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/auktorial-suggestive-audiodeskription\/","title":{"rendered":"Auktorial-suggestive Audiodeskription \u2013 Mister Write goes to &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Der dritte <a href=\"http:\/\/magoria.ch\/wp\/category\/hc-award\/\">\u00abHC Award for Special Achievement in Literary Fiction\u00bb<\/a>\u00a0 (benannt nach dem schweizerisch-kanadischen Lite\u00adratur\u00adwissenschaftler Herman Couzens) geht an <strong>Julia von Lucadou<\/strong> f\u00fcr den <a href=\"https:\/\/files.hanser.de\/Files\/Article\/ARTK_LPR_9783446260399_0001.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Prolog<\/a>\u00a0 in ihrem Roman <em>Die Hochhausspringerin<\/em> (Berlin: Hanser, 2018).<\/p>\n<p>Was ist an diesem Romananfang so bestechend und aussergew\u00f6hnlich?<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-768\" src=\"http:\/\/magoria.ch\/wp\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/lucadou_Die-Hochausspringerin_web-184x300.jpg\" alt=\"\" width=\"184\" height=\"300\" \/>Als die Autorin im Rahmen von <a href=\"https:\/\/www.stadtlesen.com\/lesestaedte\/st-gallen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stadtlesen St. Gallen<\/a> am 11. August aus ihrem soeben erschienenen Buch vorlas, war ich von diesem Einstigg und seinem ganz besonderen Erz\u00e4hlton sofort gefesselt. Bald wusste ich, wie ich ihn charakterisieren m\u00fcsste und habe daf\u00fcr den folgenden Begriff gepr\u00e4gt:\u00a0<em>auktorial-suggestive Audiodeskription.<\/em><\/p>\n<p>Die promovierte Filmwissenschaftlerin\u00a0Julia von Lucadou erschafft auf den ersten Seiten ihres Romans eine Erz\u00e4hlinstanz, die uns entschlossen an der Hand nimmt und durch die Szene f\u00fchrt. Dieser betont auktoriale Gestus ist aus zahlreichen Romanen bekannt, auch wenn er etwas aus der Mode geraten ist. Die Autorin verleiht dem Ganzen zudem einen postmodernen (oder doch wenigstens medienreflexiven) Touch. Der \u00abGeist der Erz\u00e4hlung\u00bb (ein Begriff von Thomas Mann) adressiert uns hier direkt. Einerseits beschreibt seine Stimme, was sich vor unseren Augen abspielt (ganz im Sinne der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Audiodeskription\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Audio\u00addeskription<\/a>, wie wir sie von H\u00f6rfimen kennen). Andererseits erweist sie sich als ausgesprochen dominant und oppressiv, indem sie die Leserinnen und Leser nicht nur zur Betrachtung einl\u00e4dt, sondern diesen vorschreibt, worauf sie ihr Augenmerk zu richten haben und wie sie das Gesehene deuten und bewerten sollen.<\/p>\n<blockquote><p>Aus Ihrer Sicht ist die Welt rund und glatt. Geniessen Sie diese Gleichm\u00e4ssigkeit, stellen Sie sich vor, dass sie nur f\u00fcr Sie existiert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das hat anfangs etwas k\u00fchl Deskriptives, erinnert entfernt an den neutral beobachtenden \u00abCamera-Eye\u00bb-Stil. Aber w\u00e4hrend es bei Christopher Isherwood heisst \u00abIch bin eine Kamera mit offenem Verschluss, nehme nur auf, registriere nur, denke nichts\u00bb, geht Julia von Lucadous Stimme einen Schritt weiter. Sie dirigiert <em>unser Auge<\/em> wie ein Kameraobjektiv und bedient sich filmtechnischer Begriffe.<\/p>\n<blockquote><p>Zoomen Sie nun ein wenig n\u00e4her heran. Sie k\u00f6nnen Fehler in der Gleichm\u00e4ssigkeit der Erdoberfl\u00e4che erkennen, Erhebungen und Senken. Sie bilden ein weiches, wellenf\u00f6rmiges Relief, die Wechsel von Rot zu Blau zu Braun ergeben ein meliertes Muster.<\/p><\/blockquote>\n<p>Diese Stimme schmeichelt sich subversiv ein, ohne die Deutungshoheit aus der Hand zu geben.<\/p>\n<blockquote><p>Zoomen Sie also ruhig weiter heran, haben Sie keine Scheu, er steht Ihnen zu, dieser Blick.<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber der Ton bleibt dominant und eindringlich. Letztlich haben wir keine andere Wahl, als uns ihren Aufforderungen und Anweisungen Folge zu leisten.<\/p>\n<blockquote><p><span style=\"font-size: 14px\">Nehmen Sie jetzt wieder Abstand, zoomen Sie langsam hinaus, sachte, ohne Wackler, so dass die Bewegung dem Auge angenehm bleibt.<\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Sogar mehr als das. Die suggestiven Regieanweisungen gewinnen etwas irritierend \u00dcbergriffiges. Die Erz\u00e4hlstimme zeigt uns nicht einfach eine Szene, die wir nach Gutd\u00fcnken betrachten und in Ruhe aufnehmen k\u00f6nnen. Sie bedr\u00e4ngt uns, dr\u00e4ngt sich auf und dringt in uns ein. Von Beginn weg werden wir dirigiert und manipuliert. Dieses Verfahren zwingt uns nicht nur einen voyeuristischen Blick auf, es schreibt uns vor, was wir denken und f\u00fchlen sollen. Selbst unsere emotionale Reaktion, mentale Kommentare und Assoziationen werden diktiert:<\/p>\n<blockquote><p>Betrachten Sie das Gesicht der Frau. Was f\u00fcr ein Gesicht, denken Sie, so symmetrisch, als habe man nur eine Gesichtsh\u00e4lfte erschaffen und diese dann gespiegelt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dieser g\u00f6ttlich-suggestiven Autorit\u00e4t m\u00fcssen wir uns bedingungslos unterwerfen &#8230; und halten uns am Ende gar selbst f\u00fcr auktorial.<\/p>\n<blockquote><p>Jetzt, in diesem Moment, da Sie sich langsam aus der Welt zuru\u0308ckziehen, gibt es keinen Tod, nur Leben.<\/p><\/blockquote>\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der dritte \u00abHC Award for Special Achievement in Literary Fiction\u00bb\u00a0 (benannt nach dem schweizerisch-kanadischen Lite\u00adratur\u00adwissenschaftler Herman Couzens) geht an Julia von Lucadou f\u00fcr den Prolog\u00a0 in ihrem Roman Die Hochhausspringerin (Berlin: Hanser, 2018). Was ist an diesem Romananfang so bestechend und aussergew\u00f6hnlich? 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