{"id":4665,"date":"2019-10-06T14:49:29","date_gmt":"2019-10-06T14:49:29","guid":{"rendered":"http:\/\/magoria.ch\/wp\/?p=882"},"modified":"2019-10-06T14:49:29","modified_gmt":"2019-10-06T14:49:29","slug":"die-zeit-im-rueckwaertsflug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/die-zeit-im-rueckwaertsflug\/","title":{"rendered":"Die Zeit im R\u00fcckw\u00e4rtsflug \u2013 Mister Write goes to \u2026"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_898\" aria-describedby=\"caption-attachment-898\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-898\" src=\"http:\/\/magoria.ch\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/time_1572174441-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-898\" class=\"wp-caption-text\"><a href=\"https:\/\/pixabay.com\/users\/TheDigitalArtist\/\">TheDigitalArtist<\/a> \/ Pixabay<\/figcaption><\/figure>\n<p class=\"p1\">Fiktion kann mit der Zeit umspringen, wie sie will. Zeitverl\u00e4ufe werden beim Erz\u00e4hlen nicht nur gedehnt und gerafft oder durch R\u00fcckblenden und Vorgriffe unterbrochen. In F. Scott Fitzgeralds Novelle <em>Der seltsame Fall des Benjamin Button<\/em> (dt. v. Christa Schuenke; Orig.\u00a0<em>The Curious Case of Benjamin Button<\/em>) kommt ein Kind in Gestalt eines siebzigj\u00e4hrigen Greises zur Welt und entwickelt sich \u00fcber die Jahre k\u00f6rperlich und geistig zur\u00fcck bis zum Baby.<\/p>\n<p class=\"p3\" style=\"padding-left: 30px\">\u00abEingewickelt in eine bauschige weisse Decke und halbwegs hineingestopft in eines der Bettchen, hockte dort ein alter Mann von augenscheinlich etwa siebzig Jahren. Er hatte sch\u00fctteres, nahezu weisses Haar, und von seinem Kinn hing ein langer, rauchgrauer Bart, der in dem durchs Fenster hereinkommenden Luftzug irrwitzig hin und her wehte. Mit einem ratlosen, fragenden Blick in den tr\u00fcben, verwaschenen Augen schaute er hinauf zu Mr.\u00a0Button.\u00bb<\/p>\n<p class=\"p1\">W\u00e4hrend sich die Zeit kontinuierlich vorw\u00e4rts bewegt, l\u00e4uft sie f\u00fcr Benjamin Button r\u00fcckw\u00e4rts. Bis er sich schliesslich<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>an nichts mehr erinnern kann.<\/p>\n<p class=\"p3\" style=\"padding-left: 30px\">\u00abDann gab es nur noch Dunkelheit, und sein weisses Bettchen, die verschwommenen Gesichter, die sich \u00fcber ihn beugten, der warme, s\u00fcsse Duft von Milch \u2013 all das verblasste und schwand endlich ganz und gar aus seiner Erinnerung.\u00bb<\/p>\n<p class=\"p1\">Einen erz\u00e4hltechnischen und perspektivischen Schritt weiter geht Martin Amis in seinem Roman <em>Pfeil der Zeit<\/em> (<span class=\"s1\">dt. v. Alfons Winkelmann; Orig. <i><\/i><\/span><em>Time\u2019s Arrow<\/em>). Hier l\u00e4uft die Zeit mit der Geschichte r\u00fcckw\u00e4rts.<\/p>\n<p class=\"p3\" style=\"padding-left: 30px\">\u00abTodd Friendly liegt in einem amerikanischen Krankenhaus im Sterben, doch mit dem Tod beginnt sein Leben r\u00fcckw\u00e4rts zu laufen, bis er schlie\u00dflich in den zwanziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wieder im Mutterleib verschwindet. Stationen sind eine erfolgreiche T\u00e4tigkeit als Mediziner in Amerika, die Flucht nach dem Zweiten Weltkrieg aus Europa sowie \u2013 Schl\u00fcssel zu seinem Leben \u2013 die Zeit als Arzt in einem KZ.\u00bb<\/p>\n<p class=\"p1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-883\" src=\"http:\/\/magoria.ch\/wp\/wp-content\/uploads\/2019\/10\/amis_Pfeil-der-Zeit_cover-187x300.png\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"300\" \/>F\u00fcr seine erz\u00e4hlerische K\u00fchnheit und die virtuose Gestaltung der Zeitumkehrung geb\u00fchrt Martin Amis der vierte <a href=\"http:\/\/magoria.ch\/wp\/category\/hc-award\/\">\u00abHC Award for Special Achievement in Literary Fiction\u00bb<\/a> (benannt nach dem schweizerisch-kanadischen Literaturwissenschaftler Herman Couzens). Auf eindr\u00fcckliche Weise und mit narrativer Konsequenz erz\u00e4hlt Amis im <em>Time\u2019s Arrow<\/em> \u00abdas Leben eines Nazikriegsverbrechers vom Augenblick seines Todes r\u00fcckw\u00e4rts bis zu seiner Geburt [&#8230;], mit anfangs komisch-grotesker Wirkung und dann zunehmend beunruhigt und beunruhigend, als die Geschichte sich den Schrecken des Holocausts n\u00e4hert\u00bb (wie David Lodge in seiner\u00a0<em>Kunst des Erz\u00e4hlens<\/em><i> festh\u00e4lt; \u00fcbers. v. Daniel Ammann)<\/i>.<\/p>\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fiktion kann mit der Zeit umspringen, wie sie will. Zeitverl\u00e4ufe werden beim Erz\u00e4hlen nicht nur gedehnt und gerafft oder durch R\u00fcckblenden und Vorgriffe unterbrochen. In F. Scott Fitzgeralds Novelle Der seltsame Fall des Benjamin Button (dt. v. 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