{"id":4811,"date":"2025-01-09T06:54:46","date_gmt":"2025-01-09T06:54:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=4811"},"modified":"2025-01-09T12:54:45","modified_gmt":"2025-01-09T12:54:45","slug":"hermann-reinfrank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/hermann-reinfrank\/","title":{"rendered":"Hermann Reinfrank (1952\u20132023)"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading p1\"><b>\u00abFarblose gr\u00fcne Ideen schlafen w\u00fctig\u00bb  <br><\/b><b>Hermann Reinfrank \u2014 K\u00fcnstlerportr\u00e4t<\/b> [1994]<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"p2 wp-block-paragraph\">Von Mark Staff Brandl und Daniel Ammann<\/p>\n\n\n\n<p style=\"padding-left: 80px; text-align: left;\"><span style=\"text-align: left; font-size: 90%;\">\u00abNicht immer hat ein Abdruck die gleiche Form wie der K\u00f6rper, der ihn gemacht hat, und nicht immer entsteht er durch das Gewicht eines K\u00f6rpers. Manchmal reproduziert er nur den Eindruck, den ein K\u00f6rper in unserem Geist hinterlassen hat, dann ist er der Abdruck einer Idee. Die Idee ist ein Zeichen der Dinge, und das Bild ist ein Zeichen der Idee, also das Zeichen eines Zeichens. Aber aus dem Bild rekonstruiere ich, wenn nicht den K\u00f6rper, so doch die Idee, die andere von ihm hatten.\u00bb<br>Umberto Eco, <i>Der Name der Rose<\/i><\/span><\/p>\n\n\n\n<p class=\"p7\">Freunde von uns haben k\u00fcrzlich eine Episode erlebt, die sich immer wieder ergibt, wenn kleine Kinder ein Geschenk bekommen. Als sie ihrem einj\u00e4hrigen Sohn Nicolas ein Spielzeugauto \u00fcbergaben, beachtete er das Spielzeug kaum und wandte seine ganze Aufmerksamkeit sofort dem f\u00fcr ihn aufregenden Styropor und der knisternden Plastikverpackung zu. Diese Art von Verpackung ist tats\u00e4chlich oft von besonderer Faszination \u2014 auch wenn diese \u00dcberreste nur die umh\u00fcllende Absenz dessen bilden, was wir f\u00fcr wertvoll halten. Zu dieser grundlegenden Erkenntnis gelangt auch der St.\u00a0Galler K\u00fcnstler Hermann Reinfrank, aber er begreift, steigert und vertieft diese Einsicht \u00fcber den Abfall nachhaltig durch Einfallsreichtum, Assoziation und schiere Obsession.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Reinfrank, 1952 in St. Gallen geboren, spricht in Zusammenhang mit seiner k\u00fcnstlerischen Aktivit\u00e4t von \u00abM\u00fcllhalden\u00bb \u2014 und das trifft zu, obgleich es sich in seinem Fall eher um das Sammeln und Anh\u00e4ufen von historischem Zivilisationskehricht handelt als eine blosse Lagerst\u00e4tte, wie der Begriff ebenfalls nahelegt. Voller Sorgfalt und mit grossem Eifer hortet er auserw\u00e4hlte Bestandteile aus dem Abfallberg seines Lebens, wandelt sie sp\u00e4ter um oder f\u00fcgt sie neu zusammen und schafft so eine lebensbereichernde Kunst. Gleich auf mehreren Ebenen stellt er die Verbindung zum M\u00fcll her: erstens, indem er polsternde Schutzverpackungen aus Styropor kombiniert und diese Konstruktionen dann zum Beispiel in Gips giesst; zweitens, indem er seinen pers\u00f6nlichen Unrat direkt zu Werken und Installationen zusammenf\u00fcgt, und drittens, indem er, gleich einem Zwang folgend, alles sammelt, ja beinahe katalogisiert, was an Altmaterial \u00fcberhaupt anf\u00e4llt \u2014 vor allem wenn es die Farbe Gr\u00fcn hat. Bei all diesen Ann\u00e4herungen setzt Reinfrank auf die Zeit und l\u00e4sst diese f\u00fcr sich arbeiten, so dass auch Zufall und Alltagserfahrung eingebracht werden. Als kritischer und aufmerksamer Beobachter all dessen, was wir auf unserem Lebensweg an Spuren zur\u00fccklassen, komponiert er \u00abheisse\u00bb Kunst, im Gegensatz etwa zum \u00abk\u00fchlen\u00bb Schaffen anderer Sammler-K\u00fcnstler wie Arman, Robert Rauschenberg oder Andy Warhol. \u00dcberhaupt zu einem Vergleich gen\u00f6tigt, w\u00fcrden wir ihn eher in die N\u00e4he eines Kurt Schwitters r\u00fccken als der eben genannten, vor allem dem Schwitters des Merzbau. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Die Spuren und Markierungen, welche Menschen auf der Erde hinterlassen, k\u00f6nnen \u2014 unter einem semiotischen Blickwinkel betrachtet \u2014 drei Ebenen von m\u00f6glichen Bez\u00fcgen aufweisen und entsprechende Schlussfolgerungen zulassen. Eine Gegebenheit, wie beispielsweise ein Fussabdruck, kann einfach als <span class=\"s1\"><em>simples Ereignis<\/em><\/span> genommen werden, als neutrales Zeichen, das lediglich dadurch zustandekommt, dass jemand auf den feuchten Erdboden getreten ist. Der gleiche Fussabdruck kann aber \u2014 als Index oder An-Zeichen \u2014 auch <span class=\"s1\"><em>informativen<\/em><\/span> Wert bekommen, wenn die Spur pl\u00f6tzlich als Hinweis (und Nachweis) daf\u00fcr dient, dass \u00fcberhaupt jemand hier war. So w\u00fcrde ein Detektiv den Fussabdruck unter dem Fenster eines gepl\u00fcnderten Hauses ganz selbstverst\u00e4ndlich in dieser Weise, n\u00e4mlich als Indiz, lesen. Die dritte Ebene schliesslich k\u00f6nnen wir als <span class=\"s1\"><em>kommunikativ<\/em><\/span> bezeichnen: Das Zeichen wird vom Betrachter als beabsichtigte Botschaft eines echten oder fiktiven Senders gelesen und entsprechend interpretiert, selbst wenn diese Mitteilungsabsicht in Wahrheit gar nicht existiert. Die gleichen Spuren werden nun als Aufforderung verstanden, ihnen zu folgen, mit dem Vorhaben, uns an einen bestimmten Ort zu leiten. So verh\u00e4lt es sich beispielsweise mit den aufgemalten Fussabdr\u00fccken in un\u00fcbersichtlich angelegten \u00f6ffentlichen Geb\u00e4uden oder Museen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Der kulturell vorgegebene Rahmen, in dem wir leben, h\u00e4lt uns nun dazu an, Abfall, vor allem Verpackung, als ein Nebenprodukt anzusehen, eben als simples Ereignis. Die Botschaft lautet allenfalls \u00abPack mich aus\u00bb und (ver\u2011)f\u00fchrt uns zu den Leckerbissen im Inneren, ungeachtet des verursachten Abfalls. Reinfrank praktiziert die bedeutungsvolle Um<span class=\"s1\"><em>keh<\/em>r<\/span>ung der <span class=\"s1\"><em>Kehr<\/em><\/span>ichtwahrnehmung. Absichtlich und mit Nachdruck liest und (miss\u2011)versteht er das scheinbare Nebenprodukt als kommunikatives oder doch zumindest als hoch informatives Zeichen. Was sagt uns dieses Objekt? Worin besteht seine Wesenheit, sein ontologisches Sein? \u2014 Es ist ebenso sehr ein Artefakt \u2014 ein Kunsterzeugnis also \u2014 wie derdiedasjenige, welche es hinterlassen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">In diesen Komplement\u00e4rgestalten, den negativen Lebensh\u00fclsen, will Reinfrank Hohlformen erkennen, Matrizen, in die wir Erfahrung giessen k\u00f6nnen. Diese Ein-Dr\u00fccke und Ab-Bilder liegen dann als Fund-Elemente unter Umst\u00e4nden jahrelang in seinem Atelier brach, warten auf eine Reaktion, auf ihre Transformation. Reinfrank glaubt n\u00e4mlich, dass ein Verpackungsdesign dann am besten ist, wenn das urspr\u00fcnglich Verpackte daran nicht mehr erkennbar ist. Dies ist eine Arch\u00e4ologie ph\u00e4nomenologischer Lebenserfahrung \u2014 gelebtes Leben oder, um einen Begriff zu verwenden, der im Gespr\u00e4ch mit ihm immer wieder auftaucht: <span class=\"s1\"><em>\u00dcberleben<\/em><\/span>. Seine Kunstwerke werden zu Relikten von Zufallsbegegnungen in diesem t\u00e4glichen Kampf. Eine Gipsskulptur, die wir hoch auf einem Balken seines Studios stehen sahen (leider noch ohne Titel) hat ihren Ursprung in der Verbindung zweier ganz unterschiedlicher Styroporst\u00fccke. Theoretisch gesehen eine einfache Kombination, aber eindr\u00fccklich in ihrer nachhaltigen Wirkung. Es nimmt die Gestalt eines geometrischen Jaguargesichts an, eine Mayastele, die uns an jene in Tikal erinnert, taucht pl\u00f6tzlich im Abfallberg der Schweiz wieder aus dem Verborgenen auf. In \u00e4hnlicher Weise stellen auch andere St\u00fccke Verbindungen zu solch altert\u00fcmlichen Vorstellungsbildern und sogar zur modernen Kunst her und bewahren dennoch den Witz, der ihrer Entdeckung innewohnt: die Aztekenpyramide aus einer Abzugshaube, die Maquette zu einer abstrakten Plastik aus einer angeschwollenen Tetrapackung. Diese M\u00fcllhalden sind von vornherein mit Leben erf\u00fcllt. Ein Stapel von Objekten, an denen Reinfrank zur Zeit arbeitet, besteht aus den durchsichtigen Plastikbeh\u00e4ltern f\u00fcr Fertigsalate, die der K\u00fcnstler auch alle selber verzehrt hat. Schritt f\u00fcr Schritt f\u00fcllt er seine Kunstst\u00fccke mit mehr und mehr Leben an, anstatt sie auszuh\u00f6hlen, um sinnbildlich unsere Situation aufzuzeigen, wie es etwa die Pop-Art tun w\u00fcrde. \u00abKreativit\u00e4t ist eine Lebensform\u00bb, sagt Reinfrank.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Unser metonymisches Bild von Fussabdr\u00fccken, das wir weiter oben verwendet haben, hat in einer von Reinfranks st\u00e4rksten Arbeiten konkrete Gestalt angenommen, einer Installation mit Haushaltschw\u00e4mmen, die von Wand zu Wand einen fl\u00e4chendeckenden Bodenbelag bilden. Dieses Werk mit dem Titel \u00abProjekt Plasma\u00bb entstand 1991 f\u00fcr eine Ausstellung in der St. Galler Kunsthalle. Die gelb-gr\u00fcnen Putzschw\u00e4mme wurden dabei nahtlos aneinander gereiht, jeweils mit der rauh-gr\u00fcnen Schrubbseite nach oben. Wenn nun Ausstellungsbesucher \u00fcber die Schw\u00e4mme gingen, wurden diese nat\u00fcrlich verr\u00fcckt. (Kinder waren offenbar ganz versessen darauf, die Schw\u00e4mme wieder richtig einzuf\u00fcgen und so den Boden zu \u00abreparieren\u00bb.) Aus diesen St\u00f6rungen ergaben sich Wellenmuster, welche die Wege der Betrachter und Betrachterinnen durch den Raum nachzeichneten. Die Installation stellte in mehrfacher Hinsicht ein betr\u00e4chtliches Unterfangen dar: Die 6\u2019200 Schw\u00e4mme beliefen sich auf insgesamt Fr. 2\u2019500. Trotz grosser Bem\u00fchungen um einen Mengenrabatt beim Hersteller und im Gesch\u00e4ft, musste Reinfrank die Schw\u00e4mme tats\u00e4chlich st\u00fcckweise \u00fcber den Detailhandel beziehen, da f\u00fcr einmal der pers\u00f6nliche Abfall nicht reichte. Wahrscheinlich war man nicht dazu f\u00e4hig, sich dieses Projekt \u00fcberhaupt als Kunst vorzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Schieres \u00dcberleben und mit seiner Kunst genug Geld zu verdienen, um damit weitermachen zu k\u00f6nnen, sind bei Reinfrank ein wiederkehrendes Thema. So gibt es mindestens zwei Nebenbesch\u00e4ftigungen, die in positiver wie negativer Weise einen direkten Einfluss auf sein k\u00fcnstlerisches Schaffen ausge\u00fcbt haben und die f\u00fcr seine F\u00e4higkeit stehen, die kleineren \u00dcberlebensk\u00e4mpfe in dieses zu integrieren. Schon seit zw\u00f6lf Jahren ist er als Busreiniger besch\u00e4ftigt. Arbeitszeiten eines Vampirs und der allgegenw\u00e4rtige Abfall haben dabei wesentlich zu seiner pers\u00f6nlich-k\u00fcnstlerischen Lebenseinstellung beigetragen, einer Betrachtungsweise, die gewissermassen auf der anderen Seite unserer eigenen liegt. Er dreht Verh\u00e4ltnis zwischen H\u00fclle (leer) und Inhalt (voll) sogar bei den Tageszeiten um, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt. Fr\u00fcher arbeitete Reinfrank zehn Jahre lang als Textildruckentwerfer, und vieles in seinem grunds\u00e4tzlichen Kunstverst\u00e4ndnis l\u00e4sst sich in diese Zeit zur\u00fcckverfolgen. Die T\u00e4tigkeit verlangt in gewisser Weise Kreativit\u00e4t, aber h\u00e4lt diese bewusst durch die kollektive Paranoia vor den st\u00e4ndig wechselnden Modetrends in Schach, obwohl sich auch diese Mode parasitisch von der Kunst ern\u00e4hrt. \u00abDie n\u00e4chste Saison steht unter dem Motto Mir\u00f3\u00bb, bringt Reinfrank das typische Gepl\u00e4nkel der Modedesigner und -verk\u00e4ufer auf den Punkt. Er schuf Dessins f\u00fcr Stoffe, die neben Lob auch Kritiken wie \u00abDas ist ein Bild\u00bb ernteten. Auf der andern Seite malte er gleichzeitig Bilder, die dann wiederum als \u00absch\u00f6ne Dessins\u00bb eingestuft wurden. Schon damals also verstiess er gegen einen kategorischen Imperativ des Lebens, und mit seinem heutigen Schaffen f\u00fchrt er diesen Schritt allm\u00e4hlich zur Vollendung. Dabei muss man aber auch zur Kenntnis nehmen, dass er diese Trennlinie nicht bloss im Feuer \u00fcbertreibender Verallgemeinerung \u00fcberquert, wie das heutzutage oft der Fall ist. Nirgends in seiner Arbeit l\u00e4sst sich etwa eine Aussage wie \u00abKunst und Werbung sind das gleiche\u00bb oder eine \u00e4hnliche Platit\u00fcde ableiten. Er praktiziert ja gerade das Gegenteil und f\u00fchrt durch eine ethisch konsequente Trennung Kunst und Leben erst zusammen. Vielleicht hat er auch deshalb jenen \u00abBeruf\u00bb (was f\u00fcr ein gewichtiger schweizerischer Ausdruck) aufgegeben, um nur noch als Busreiniger zu arbeiten und so Raum f\u00fcr seine eigentlich k\u00fcnstlerische T\u00e4tigkeit zu schaffen. Vor diesem Hintergrund arbeitet er immer noch, wird oft zuerst w\u00fctend, wie er sagt, und in der Folge kreativ.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Die konzentrierte Besch\u00e4ftigung mit der Farbe Gr\u00fcn geht ebenfalls auf seine Zeit als Textildruckentwerfer zur\u00fcck. Er habe sie 1972 aufgrund ihres \u00abUn-Sinns\u00bb ausgew\u00e4hlt, erkl\u00e4rt Reinfrank. Damals war er im Vorkurs der Kunstgewerbeschule, wo es verschiedene Aufgabestellungen zum Thema Farbe gab. Uns scheinen die Assoziationen dieser Farbe mit einer Wellenl\u00e4nge von 500 Nanometer zwar viel weitreichender, weshalb Reinfrank sie vielleicht absichtlich nicht genauer ausf\u00fchrt. Eines seiner bekannteren Werke ist eine kleine Anthologie, eine (An\u2011)Sammlung von S\u00e4tzen, die das Wort \u00abgr\u00fcn\u00bb enthalten und aus einem breiten Spektrum von Texten stammen. <span class=\"s1\"><em>S\u00e4tze mit gr\u00fcn<\/em><\/span> (Mai 1985) das erste Exemplar aus dem <a href=\"https:\/\/vexer.ch\/\">Vexer Verlag<\/a>, einem Kind des St. Galler K\u00fcnstlers Josef Felix M\u00fcller, dessen Programm sich durch kostbare Ausgaben und Buchwerke experimenteller K\u00fcnstler einen Namen gemacht hat. Seither hat Reinfrank willk\u00fcrlich \u2014 oder auch nicht \u2014 immer wieder Gr\u00fcn als Bezugsfarbe f\u00fcr seine Arbeit gew\u00e4hlt. Wenn nicht etwas anderes, so zeichnet sicher die obsessiv-zwanghafte Verwendung dieses Farbprinzips seine einzigartige Stellung in der Ostschweizer Kunstszene aus. Ganz bewusst treibt er eine ausgefallen individuelle Entscheidung \u00fcber die Jahre fast auf die Spitze.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Ebenfalls eine Reaktion auf die Kunstgewerbezeit scheint Reinfranks Feststellung zu sein, dass Kunst \u00abkeine Dekoration\u00bb ist \u2014 und nicht sein darf. Er tritt zwar leidenschaftlich daf\u00fcr ein, dass (seine) Kunst einem Zeck dienen soll, jedoch einem ganz anderen als dem der Verzierung. Betrachter m\u00fcssen ins Bild kommen k\u00f6nnen, sei es physisch oder gedanklich. \u2014 \u00abWas mal Leinwand war, sind Hirne.\u00bb <b>\u2014<\/b> Die Oberfl\u00e4che unserer allt\u00e4glichen W\u00fcnsche bemalt er mit Abfallpigment aus dem, was wir ausblenden. Es ist durchaus denkbar, dass Reinfranks relative Abgeschiedenheit von der aktiven Kunstszene \u2014 abgesehen von seiner Mitwirkung in der St. Galler Kunsthalle und der Teilnahme an Veranstaltungen wie der Ausstellung Kunstschaffen in der OLMA \u2014 auf seine friedliche Ablehnung jeweiliger Modestr\u00f6mungen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Das Verlangen, \u00abseine Datenbank zu f\u00fcllen\u00bb, verfolgt ihn mehr als die Erfolgsmasch(in)e. \u00abNicht was in der Kunstszene l\u00e4uft, sondern alles ist wichtig, um Kunst zu machen \u2014 nicht die Kunst\u00bb, sagt Reinfrank. Ihn interessiert die Schnittstelle zwischen Relikt, Gesellschaft und dem Unsichtbaren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Zu einem gewissen Grad sollte er sich wahrscheinlich vermehrt mit den Abl\u00e4ufen des Ausstellungsbetriebs auseinandersetzen oder nach Alternativen suchen, denn viele der potentiell faszinierenden Installationen scheinen nur auf den Rahmen einer passenden k\u00fcnstlerischen Veranstaltung zu warten, damit auch andere die Entdeckungen des K\u00fcnstlers sehen und daran teilhaben k\u00f6nnen. Das pralle Chaos seines Ateliers br\u00e4uchte nur den z\u00fcndenden Funken einer Gelegenheit, um nach aussen zu gelangen und dort Interesse zu wecken. Ein sch\u00f6n gefertigter Karteikasten aus Holz, den er aus dem Abfall gerettet hat, wartet hoffnungsvoll auf eine Ausstellung \u2014 zum Beispiel gef\u00fcllt mit Ideen und Gr\u00fcn. Weggeworfene Papierrollen, urspr\u00fcnglich f\u00fcr Billettautomaten gedacht, liegen auf einem Stapel. Das Hintergrundbild der stilisierten (und spiegelverkehrten) Landschafts-Silhouette des Klosterviertels in St. Gallen gibt Reinfrank die Idee zu einer Installation, wo Besucher Regionallandschaftskunst per Laufmeter kaufen k\u00f6nnten. Neben diesen Arbeiten auf Abruf macht sich Reinfrank nun bereits um die Beschaffung des Rohmaterials f\u00fcr seine Kunst Sorgen. Scherzhaft, aber doch mit einer gewissen Betroffenheit, stellt der Sammelw\u00fctige fest, dass angesichts des (scheinbar) recyclierbaren Styropors nicht mehr genug M\u00fcll als Grundmaterial f\u00fcr seine Formen bleiben wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Obgleich einiges in dieser Diskussion um M\u00fcll schockierend wirken mag \u2014 oder zumindest als Versuch zu schockieren, so trifft dies in Wahrheit f\u00fcr Reinfranks Kunst ganz und gar nicht zu. Hingegen stimmt es, dass er bei einzelnen Werken schon mit ungew\u00f6hnlichen Begriffen im Zusammenhang mit Abfall gearbeitet hat. Beim letzten (in der gleichen Ausstellung zu sehen wie die gr\u00fcne Schwamm-Teppich-Installation) handelte es sich um eine digitalisierte Form des Wortes \u00abScheisse\u00bb. Reinfrank verwendete hierbei den ASCII-Standard (American Standard Code for Information Interchange), einen bin\u00e4ren Zahlencode zur Darstellung von Zeichen im Computer. Der Buchstabe \u00abS\u00bb beispielsweise l\u00e4sst sich durch eine Serie von ge\u00f6ffneten (\u00abaus\u00bb) und geschlossenen (\u00abein\u00bb) Schaltkreisen in der Form \u00ab\u00d8\u00d811\u00d8\u00d811\u00bb ausdr\u00fccken, wobei <i>\u00d8<\/i> \u00abaus\u00bb und <i>1<\/i> \u00abein\u00bb bedeutet. Dieses Prinzip wandte Reinfrank, ebenso wie es ein Computer tun w\u00fcrde, auf das ganze Wort an und stellte dieses visuell mit Hilfe von Kaugummis dar, welche in zwei unterschiedlichen Gr\u00fcnt\u00f6nen geliefert werden. \u00abSo sch\u00f6n kann Scheisse sein\u00bb, meint er dazu. Obwohl es in der Beschreibung zwar provokativ t\u00f6nt, handelt es sich in der visuellen Umsetzung um eine sch\u00f6ne Arbeit. Der K\u00fcnstler konzentriert sich hier auf das Uneingestandene und f\u00fchrt seine Arbeitsthese quasi mit den Mitteln des pr\u00e4chtig neuen Computerzeitalters aus. Gem\u00e4ss Reinfrank l\u00e4sst dies in gewisser Weise auch an unsere ganze Lebensspanne denken, und etwas trocken, aber vielleicht v\u00f6llig zutreffend kommentiert er: \u00abWir sind hier, um Kohlenstoff zu produzieren\u00bb. In dieser Sichtweise wird das menschliche Leben relativiert und erweist sich gewissermassen als Kompost \u2014 ein durchaus wirksames Gegenmittel angesichts zu starker Romantisierung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Schwingt hier auch Melancholie mit? \u2014 Sicherlich, zumindest teilweise. Als wir Reinfrank so in seinem Atelier sitzen sahen, umgeben von einer Unmenge von Objekten, wurden wir doch ein bisschen an den Engel in Albrecht D\u00fcrers Radierung <i>Melencolia II<\/i> erinnert, der zwischen Symbolen und Gegenst\u00e4nden von Handwerk und philosophischem Denken sitzt, die das Leben eines K\u00fcnstlers begleiten, eine Allegorie f\u00fcr die Verbindung von Zelebration und Requiem, welche so ein Leben darstellt. In diesem K\u00fcnstler finden wir D\u00fcrers Engel in der Begegnung mit Dada, immer noch nach Leben d\u00fcrstend. \u00abKein fester Boden\u00bb, lautet eine von Reinfranks Antworten. \u00abMan muss weitermachen\u00bb. In der k\u00fcnstlerischen T\u00e4tigkeit geht es also einmal mehr \u00abum Wahrheit\u00bb. Jede und jeder bleibt auf sich selbst gestellt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"p8 wp-block-paragraph\">Als Reinfrank vor einiger Zeit ins neue Atelier umzog, musste er die \u00fcbliche Entsorgungsgeb\u00fchr f\u00fcr all das bezahlen, was er nicht transportieren wollte. Worin er eher quer zu uns liegt, ist wohl die Auswahl dessen, was er verbrennen liess und was ihm wertvoll genug erschien, um es zu ordnen und mitzunehmen. Seine M\u00f6bel hat er entsorgt und die M\u00fcllhalde behalten. Reinfrank wirft das weg, was andere sorgsam aufbewahren, und hortet, was andere wegschmeissen. Dies f\u00fchrt uns wieder zur\u00fcck zur verborgenen Aussagekraft unseres M\u00fclls. Indem er sich auf das konzentriert, was uns entgeht oder gar bewusst ignoriert wird, zeigt er uns einen Aspekt unseres Lebens auf, der die Erfahrung als Ganzes bereichern und abrunden kann. Wer will denn festlegen k\u00f6nnen, warum das eine Spielzeug und das andere nichts sein soll? Vielleicht brauchen wir beide, um \u00fcberhaupt zu spielen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Mark Staff Brandl &amp; Daniel Ammann<br>\u00ab\u2039Farblose gr\u00fcne Ideen schlafen w\u00fctig\u203a: Hermann Reinfrank \u2013 K\u00fcnstlerportr\u00e4t.\u00bb<br><em>f\u00f6n<\/em> 11 (Nov.\/Dez. 1994): [S. 9\u201310].<br><a href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/pdf_button.png\" data-rel=\"lightbox-image-0\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" title=\"\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"14\" height=\"14\" class=\"alignnone size-full wp-image-421\" src=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/pdf_button.png\" alt=\"\"><\/a> <a href=\"http:\/\/www.magoria.ch\/texte\/brandl_ammann_Reinfrank_1994.pdf\" data-type=\"link\" data-id=\"http:\/\/www.magoria.ch\/texte\/Literarischer-Perspektivenwechsel_Akzente_2024-3.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Download<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Siehe auch:&nbsp;<br>Stillhart, Sibylle. \u00abDie M<span class=\"s1\">\u00fc<\/span>llhalde lebt! Notizen beim Besuch des Ateliers von Hermann Reinfrank, Abfallk<span class=\"s1\">\u00fc<\/span>nstler.\u00bb <i>Saiten<\/i> (Okt. 1995): <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.5169\/seals-885897\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">doi.org\/10.5169\/seals-885897<\/a>.<\/p>\n\n\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abFarblose gr\u00fcne Ideen schlafen w\u00fctig\u00bb Hermann Reinfrank \u2014 K\u00fcnstlerportr\u00e4t [1994] Von Mark Staff Brandl und Daniel Ammann \u00abNicht immer hat ein Abdruck die gleiche Form wie der K\u00f6rper, der ihn gemacht hat, und nicht immer entsteht er durch das Gewicht eines K\u00f6rpers. 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