{"id":5258,"date":"2025-05-02T13:41:52","date_gmt":"2025-05-02T13:41:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=5258"},"modified":"2025-07-23T08:40:47","modified_gmt":"2025-07-23T08:40:47","slug":"bartleby","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/bartleby\/","title":{"rendered":"Bartleby mag einfach nicht"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"p1\">Vor ein paar Jahren, vermutlich 2018, spielte ich mit dem Gedanken, Herman Melvilles Meistererz\u00e4hlung \u00abBartley, the Scrivener\u00bb ins Deutsche zu \u00fcbertragen. Nicht als Erster nat\u00fcrlich, aber es w\u00e4re ein gute \u00dcbung, um literatur- und sprachwissenschaftlich in Schwung zu bleiben. Man liest ja nie genauer, als wenn man einen Text Satz f\u00fcr Satz in eine andere Sprache transportiert. Bekanntlich geht es dabei nicht nur um die inhaltliche Fuhre semantische Pr\u00e4zision und ein zeitge\u00adm\u00e4sses Register. Man m\u00f6chte vor allem die passende Atmosph\u00e4re schaffen, den Ton zu treffen und dem Stil des Ausgangs\u00adtextes gerecht werden. Also ein waghalsiges Spiel, bei dem es sprachlich und literarisch zur Sache und dem \u00dcbersetzer oder der \u00dcbersetzerin an den Kragen geht, sollte das Unterfangen missgl\u00fccken. <sup data-fn=\"1036337a-71e9-4dc0-81b8-ee57092a580b\" class=\"fn\"><a href=\"#1036337a-71e9-4dc0-81b8-ee57092a580b\" id=\"1036337a-71e9-4dc0-81b8-ee57092a580b-link\">1<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p class=\"p1\">Aus ebendiesen Gr\u00fcnden macht es aber auch unendlichen Spass, \u00fcber linguistische Feinheiten und kalauernde Grobheiten nachzudenken und mit Gleichgesinnten zu diskutieren, wie wir das monatlich am Z\u00fcrcher \u00dcbersetzer:innen-Treffem unter Ulrich Blumenbachs Leitung in der James-Joyce-Stifung praktizieren . Manchmal f\u00f6rdert das Schwarm\u00addenken \u00fcberraschend eine mehrheits\u00adf\u00e4hige L\u00f6sung zutage, dann wieder verzetteln wir uns geh\u00f6rig und kommen zu keiner Einigung. Die \u00dcbersetzer:innen, die eine Knacknuss mitgebracht haben, gehen mit n\u00fctzlichen Anregungen nach Hause, auch wenn die seligmachende Variante oft noch nicht gefunden ist. Fast schlimmer: Sie m\u00fcssen sich f\u00fcr eine von mehreren genialen L\u00f6sungen entscheiden \u2013 und das Feuilleton urteilt dann selbstgerecht, sie seien zu weit oder doch nicht weit genug gegangen, h\u00e4tten sich falsch entschieden, zu viel Mut oder zu wenig Experise bewiesen. Da mag der eine oder die andere sich die Haare raufen und w\u00fcnschen, man h\u00e4tte den Auftrag erst gar nicht bekommen oder ihn mit Bartebys Worten ausgeschlagen.<sup data-fn=\"23dd8005-baab-4894-8e93-2a252cc3724d\" class=\"fn\"><a href=\"#23dd8005-baab-4894-8e93-2a252cc3724d\" id=\"23dd8005-baab-4894-8e93-2a252cc3724d-link\">2<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-black-color has-text-color has-background has-link-color has-large-font-size wp-elements-8a04f29c4d14d26d0ad57966ec1e51e1\" style=\"background-color:#b4dcf5\">Ich m\u00f6chte lieber nicht. <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Herman Melvilles Meistererz\u00e4hlung \u00abBartleby, the Scrivener\u00bb wurde bereits \u00fcber ein dutzend mal ins Deutsche \u00fcbersetzt \u2013 als \u00abBartleby\u00bb, \u00abDer Schreiber Bartleby\u00bb, \u00abBartleby, der Schreibgehilfe\u00bb, \u00abBartleby der Lohnschreiber\u00bb, meistens jedoch unter dem Titel \u00abBartley, der Schreiber\u00bb. <br>Auch der erste Satz \u2013 \u00abI am a rather elderly man\u00bb \u2013 zeigt wieder einmal, wie viele Varianten m\u00f6glich sind. Hier ein paar Kostproben, welchen Ton die bisherigen \u00dcbersetzungen anschlagen:<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted has-black-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-a1d99c5ab90646a2f2a760bb7706bab7\" style=\"background-color:#b4dcf5;font-size:16px\"><strong>Ich bin nicht mehr der J\u00fcngste.<\/strong> <br>Karl-Heinz Ott (Kampa 2025)<br><br><strong>Ich bin nun schon ein \u00e4lterer Mann.<\/strong> <br>Felix Mayer (Anaconda 2010)<br><br><strong>Ich bin schon vorger\u00fcckten Alters.<\/strong> <br>Michael Walter u. Daniel G\u00f6ske (Hanser 2009)<br><br><strong>Ich bin ein schon recht bejahrter Mann.<\/strong> <br>J\u00fcrgen Krug (Insel 2004)<br><br><strong>Ich bin ein schon etwas bejahrter Mann.<\/strong> <br>Elisabeth Schnack (Manesse 2002\/Penguin 2022)<br><br><strong>Ich bin ein Mann schon vorger\u00fcckten Alters.<\/strong> <br>Karlernst Ziem (1966\/C.H. Beck 2011)<br><br><strong>Ich bin bereits im gesetzteren Alter.<\/strong> <br>Richard Mummendey (1967\/1984)<br><br><strong>Ich bin, ich muss es gestehn, nicht mehr der J\u00fcngste.<\/strong> <br>(Karl Lerbs, 1939\/1946)<br><\/pre>\n\n\n\n<p>Als Erstes f\u00e4llt vielleicht auf, dass die Erst\u00fcbersetzung von Karl Lerbs sowie die j\u00fcngste \u00dcbertragung durch Karl-Heinz Ott sich f\u00fcr \u00abnicht mehr der J\u00fcngste\u00bb entscheiden. Das w\u00e4re auch mein Favorit gewesen. Die Formulierung trifft es idiomatisch, obgleich sie etwas frischer als Melvilles \u00abrather elderly\u00bb klingt.&nbsp;Der Ich-Erz\u00e4hler, der eine Anwalts\u00adkanzlei leitet, geht auf die sechzig zu und ist, wie er uns eingangs wissen l\u00e4sst, seit \u00fcber dreissig Jahren im Gesch\u00e4ft. Da hat er wohl schon viel gesehen und ist nicht leicht aus der Ruhe zu bringen. Aber \u2013 und was w\u00e4re das f\u00fcr eine Geschichte, wenn es kein Aber g\u00e4be \u2013 trotz beruflicher Routine und reichlich Lebens\u00aderfahrung ist er nicht vor \u00dcberraschungen gefeit. Ein neuer Kopist, der allersonderbarste Schreiber, der dem Ich-Erz\u00e4hler je begegnet ist, betritt die B\u00fchne der Kanzlei. Mit mit seiner widerborstigen Sanftmut versetzt er die geordnete Welt des Notars in Aufruhr \u2013 und das, ohne auch nur einen Finger zu r\u00fchren. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\"><em>Daniel Ammann, 1.5.2025<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes has-small-font-size\"><li id=\"1036337a-71e9-4dc0-81b8-ee57092a580b\">Es gibt noch zwei private Gr\u00fcnde, warum diese Geschichte mir am Herzen liegt: Zum einen arbeite ich seit langem schon mit der Textverarbeitung <em>Scrivener<\/em>, zum anderen hat die Kanzleiatmosph\u00e4re des Melville-Klassikers und sein kauziger Antiheld f\u00fcr eine meiner eigenen Geschichten Pate gestanden und mich kreativ inspiriert. <a href=\"#1036337a-71e9-4dc0-81b8-ee57092a580b-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"23dd8005-baab-4894-8e93-2a252cc3724d\">\u00abI would prefer not to.\u00bb \u2013 Auch dieser formelhafte Satz wird auf unterschiedliche Weise ins Deutsch gebracht:\u00a0<br>\u00abIch m\u00f6chte lieber nicht.\u00bb (Karl-Heinz Ott, J\u00fcrgen Krug, Karlernst Ziem, Elisabeth Schnack, Karl Lerbs)<br>\u00abEs ist mir eigentlich nicht genehm.\u00bb (Michael Walter)<br>\u00abIch w\u00fcrde vorziehen, es nicht zu tun.\u00bb (Richard Mummendey)<br>\u00abEigentlich m\u00f6chte ich nicht.\u00bb (Marianne Graefe). <a href=\"#23dd8005-baab-4894-8e93-2a252cc3724d-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/melville_Bartleby_web.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Herman Melville<br><em>Bartleby, der Schreiber. Eine Geschichte aus der Wall Street. <br><\/em>Aus dem amerikanischen Englisch und mit einem Essay von Karl-Heinz Ott. <br>Z\u00fcrich: Kampa, 2025. 125 Seiten.<\/p>\n\n\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abBartleby, der Schreiber\u00bb \u2013 Nun liegt der Klassiker in einer frischen Neu\u00fcbersetzung und mit einem Essay von Karl-Heinz Ott vor. \u00abEin trauriges und wahres Buch, das uns jene elementare Nutzlosigkeit vorh\u00e4lt, die eine der allt\u00e4glichen Ironien des Weltgeschehens ist\u00bb, schrieb Jorge Luis Borges im Vorwort zu einer fr\u00fcheren Ausgabe. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":5539,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/melville_Bartleby_web.png","fifu_image_alt":"","footnotes":"[{\"content\":\"Es gibt noch zwei private Gr\u00fcnde, warum diese Geschichte mir am Herzen liegt: Zum einen arbeite ich seit langem schon mit der Textverarbeitung <em>Scrivener<\/em>, zum anderen hat die Kanzleiatmosph\u00e4re des Melville-Klassikers und sein kauziger Antiheld f\u00fcr eine meiner eigenen Geschichten Pate gestanden und mich kreativ inspiriert.\",\"id\":\"1036337a-71e9-4dc0-81b8-ee57092a580b\"},{\"content\":\"\u00abI would prefer not to.\u00bb \u2013 Auch dieser formelhafte Satz wird auf unterschiedliche Weise ins Deutsch gebracht:\u00a0<br>\u00abIch m\u00f6chte lieber nicht.\u00bb (Karl-Heinz Ott, J\u00fcrgen Krug, Karlernst Ziem, Elisabeth Schnack, Karl Lerbs)<br>\u00abEs ist mir eigentlich nicht genehm.\u00bb (Michael Walter)<br>\u00abIch w\u00fcrde vorziehen, es nicht zu tun.\u00bb (Richard Mummendey)<br>\u00abEigentlich m\u00f6chte ich nicht.\u00bb (Marianne Graefe).\",\"id\":\"23dd8005-baab-4894-8e93-2a252cc3724d\"}]"},"categories":[1111,1029,1054,1,27,6,775],"tags":[1152,1159],"class_list":["post-5258","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-quotes","category-der-erste-satz","category-uebersetzen","category-aktuell","category-literaturkritik","category-texte","category-belletristik","tag-herman-melville","tag-bartleby"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5258","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5258"}],"version-history":[{"count":29,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5258\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5319,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/5258\/revisions\/5319"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media\/5539"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=5258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=5258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}