{"id":5490,"date":"2025-07-13T18:06:03","date_gmt":"2025-07-13T18:06:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=5490"},"modified":"2025-12-30T11:46:37","modified_gmt":"2025-12-30T11:46:37","slug":"eichendorff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/eichendorff\/","title":{"rendered":"In einem k\u00fchlen Grunde"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/Zimmer_Eichendorff_web.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor gut vierzig Jahren machte sich Dieter E. Zimmer angesichts des angebrochenen Computerzeitalters bereits Gedanken \u00fcber die Zukunft des literarischen \u00dcbersetzens. \u00abIn der Euphorie des Anfangs\u00bb, schreibt er 1986, \u00abhat man den Computer \u00fcber- , weit mehr aber noch den menschlichen Geist untersch\u00e4tzt\u00bb. In der Taschenbuchausgabe res\u00fcmiert er zwei Jahre sp\u00e4ter mit einer gewissen Genugtuung, eine \u00aballen Qualit\u00e4tsanspr\u00fcchen gerecht werdende \u00dcbersetzung beliebiger Texte\u00bb sei tats\u00e4chlich nicht in Sicht. Entweder fallen die Resultat d\u00fcrftig aus oder der Mensch muss nachhelfen, indem er die Texte vorg\u00e4ngig f\u00fcr den Computer aufbereitet oder \u00abdurch eine gr\u00fcndliche Nachredaktion nach getanem Maschinenwerk\u00bb optimiert (1988, 185). <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass es nach vier Jahrzehnten Forschung noch keine Maschine gebe, \u00abdie man mit egal welchen Texten allein lassen k\u00f6nnte\u00bb, erst recht nicht mit stilistisch anspruchsvollen oder literarichen Texten, illustriert und kommentiert Zimmer am Beispiel der Anfangszeilen aus Joseph von Eichendorffs Gedicht \u00abDas zerbrochene Ringlein\u00bb (1813).<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-black-color has-text-color has-link-color wp-elements-b94dd574e675671ecdad77428e0a2b6a wp-block-paragraph\">In einem ku\u0308hlen Grunde,<br>Da geht ein Mu\u0308hlenrad\u00a0<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst wenn der Computer imstande sei, morphologische und syntaktische Strukturen richtig zu erkennen, fehle ihm das semantische Wissen. Laut Zimmer k\u00e4me dabei etwas heraus wie: <em>In a cool reason since a mill wheel goes<\/em>. Denn wie sollte der Computer auch wissen, \u00abdass <em>Grund<\/em> hier nicht <em>reason<\/em>, sondern <em>valley<\/em> sein m\u00fcsste, <em>geht<\/em> nicht <em>goes<\/em>, sondern <em>turns<\/em>, <em>da<\/em> nicht <em>since<\/em>, sondern <em>there<\/em>?\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Heute kennen wir die Antwort. Die maschinelle \u00dcbersetzung arbeitet nicht mit Analysen und lexikalischen Bedeutungen aus dem W\u00f6rterbuch, sondern mit algorithmisch produzierten Erwartbarkeiten.\u00a0 Ein Teil der von Zimmer bef\u00fcrchteten Defizite\u00a0lassen sich auf diese Weise verhindern. Das ausgew\u00e4hlte Textst\u00fcck ist zwar sehr kurz und bietet wenig Kontext, aber es ist einen Versuch wert, die Probe aufs Exempel zu machen. So habe ich die kurzen Gedichtzeilen aus Zimmers Beispiel in verschiedene frei zug\u00e4ngliche \u00dcbersetzungsmachinen gef\u00fcttert. Supertext, DeepL und Google Translate liefern folgende Vorschl\u00e4ge:\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>In a cool base <\/em><br><em>there goes a mill wheel<\/em>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Als Alternativen f\u00fcr <em>base<\/em> werden von Suptertext <em>ground, background, bottom, reason, soil, environment<\/em> und <em>depth<\/em> angeboten.&nbsp;Die Vorschl\u00e4ge f\u00fcr <em>goes<\/em> sind nicht brauchbar. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>In a cool ground <br>there goes a mill wheel <\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Als Varianten f\u00fcr <em>ground<\/em> werden von DeepL <em>valley, glade, meadow, woods<\/em> oder <em>plain<\/em> aufgef\u00fchrt; f\u00fcr <em>goes<\/em> immerhin <em>spins, rotates, turns, moves, flows<\/em> &#8230;\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das auf Anhieb beste Ergebnis spuckt der Google-\u00dcbersetzer aus: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center wp-block-paragraph\"><em>In a cool valley,<br>There turns a mill wheel<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit einer Portion semantischem Weltwissen und sorgf\u00e4ltiger Nachredaktion kann man damit halbwegs arbeiten. Aber mit eigener \u00dcbersetzungsleistung k\u00e4me man vermutlich schneller auf passable L\u00f6sungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun interessiert nat\u00fcrlich, wie die literarischen Human\u00fcbersetzer:innen die Aufgabe gemeistert haben? Hier drei Beispiele aus dem Netz:\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>William Ruleman<\/strong> (<em>Poems for the Ages<\/em>, <a href=\"https:\/\/www.amazon.com\/Poems-Neglected-Voices-Joseph-Eichendorff\/dp\/0997888164\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">2019<\/a>) ersetzt Eichendorffs Kreuzreime durch Paarreime. Auch das vorangestellt Verb in der zweite Zeile und die Entscheidung f\u00fcr <em>vale<\/em> unterstreicht die poetische Tonlage und weckt romantische Assoziationen (vergleichbar mit Deutschen Begriffen wie <em>Aue<\/em> oder <em>Hain<\/em>):\u00a0<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-style-plain is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-0e5f5d028749f53706fb415286e8118d wp-block-paragraph\" style=\"color:#07229dc7\">Down in a cool vale, still<br>Turns the wheel of a mill<\/p>\n<\/blockquote>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Tia Caswell<\/strong> (<em>Journal of Languages, Texts, and Society<\/em>, Vol. 5 [<a href=\"https:\/\/www.nottingham.ac.uk\/research\/groups\/languagestextssociety\/documents\/lts-journal\/issue-5\/translation-article-romance-and-reverie-anthology-of-german-poetry-by-tia-caswell.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">2021<\/a>], 5) weist in ihrem Kommentar darauf hin, dass es wie bei anderen \u00dcbertragungen auch bei diesem Eichendorff-Gedicht nicht m\u00f6glich war, das Reimschema des Originals beizubehalten: <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-text-color has-link-color wp-elements-7020c32579223f9a2c6de4f346c5c849 wp-block-paragraph\" style=\"color:#07229dc7\">In a cool valley,<br>A mill wheel turns<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"line-height:1.5\"><strong>Charles L. Cingolani<\/strong> (<a href=\"https:\/\/cingolani.com\/1Eichendorff_Das_zerbrochene_Ringlein.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">2024<\/a>) verzichtet ebenfalls auf Reime. Dass hier aus dem beschaulichen Wiesen- oder Talgrund einfach ein St\u00fcck Land, wenn nicht gar ein Grundst\u00fcck wird, st\u00f6rt die l\u00e4ndliche Idylle und will nicht so recht ins romantische Bild passen. Mit dem Human\u00fcbersetzer liesse sich aber bestimmt \u00fcber semantische Feinheiten und Konnotationen diskutieren. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-text-align-center is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-color has-link-color wp-elements-6330f1a6ce35a27d8c43af6dee030342 wp-block-paragraph\" style=\"color:#07229dc7\">On a cool plot of land<br>There&#8217;s a mill wheel turning<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieter E. Zimmers schlimmste Bef\u00fcrchtungen sind zwar nicht eingetreten, aber wie man sieht, haben die \u00dcbersetzungsmaschinen m\u00e4chtig zugelegt und t\u00e4uschen sprachliche Kompetenz vor \u2013 weshalb ich lieber von <em>simulierter<\/em> als von <em>k\u00fcnstlicher<\/em> Intelligenz spreche. Damion Searls hat sich j\u00fcngst in seiner<em> Philosophy of Translation<\/em> (2024) ebenfalls zur KI-Problematik ge\u00e4ussert. Seinem Fazit k\u00f6nnen wir uns hier anschliessen: Ein Text, der durch die KI-\u00dcbersetzung gejagt wurde, muss immer noch \u00fcbersetzt werden. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Daniel Ammann, 15.7.202<\/em>5<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\"><br>Searls, Damion. <em>The Philosophy of Translation<\/em>. New Haven, CT: Yale University Press, 2024.\u00a0<br><br>Zimmer, Dieter E. \u00abWettbewerb der \u00dcbersetzer: Die einstweilige Unentbehrlichkeit des Humantranslators.\u00bb <em>Redens Arten: \u00dcber Trends und Tollheiten im neudeutschen Sprachgebrauch<\/em>. Z\u00fcrich: Haffmans, 1988 (1986). S. 163\u2013187.<\/p>\n\n\n\n\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor gut vierzieg Jahren machte sich Dieter E. 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