{"id":6625,"date":"2026-04-12T14:25:05","date_gmt":"2026-04-12T14:25:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=6625"},"modified":"2026-04-13T08:48:04","modified_gmt":"2026-04-13T08:48:04","slug":"tolstoi-und-nabokov-ueber-familien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/tolstoi-und-nabokov-ueber-familien\/","title":{"rendered":"Tolstoi und Nabokov \u00fcber Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn B\u00fccher exakt gleich anfangen, m\u00fcssen sie nicht gleich weiterfahren. Daran sieht man schon mal, dass sich \u2013 wie mitunter behauptet \u2013 nicht alles zwangsl\u00e4ufig aus dem ersten Satz ergibt. Ich weiss, wovon ich spreche. Bei einem Schreibwettbewerb bestand einmal die Aufgabe darin, die eigene Geschichte mit einem vorgegebenen Anfangssatz aus einem bestehenden Roman zu beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mag sein, dass der Kern einer Geschichte im ersten Satz bereits angelegt ist<sup data-fn=\"57a31b9b-f94d-4f08-ac59-338a75bd2ab7\" class=\"fn\"><a href=\"#57a31b9b-f94d-4f08-ac59-338a75bd2ab7\" id=\"57a31b9b-f94d-4f08-ac59-338a75bd2ab7-link\">1<\/a><\/sup>, aber es braucht dann die Erz\u00e4hlung, um diesen Kern freizulegen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/Tolstoi_Nabokov_Familien_web.png\" alt=\"\" style=\"width:665px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Bei Nabokovs Zwillingsanfang liegen die Dinge etwas anders. Der Autor verneigt sich vor einem grossen Vorbild, aber, wie er in in den Anmerkungen erl\u00e4utert, geht es ihm in erster Linie darum, \u00abFehl\u00fcbersetzungen russischer Klassiker l\u00e4cherlich\u00bb zu machen: \u00abDer Anfangssatz von Tolstojs Roman wird von innen nach aussen gewendet, und der Vatersname von Anna Arkadjewna erh\u00e4lt eine absurde masku\u00adline Endung, w\u00e4hrend ihrem Nachnamen zu Unrecht eine feminine Endung angeh\u00e4ngt wird.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Nabokov prangert mit seinem Falschzitat also Verst\u00fcmmelungen an, \u00abdenen grosse Texte durch anmassende und unwissende \u00dcbersetzer unterworfen sind\u00bb. Damit nicht genug. Nabokov nutzt einen der ber\u00fchmtesten ersten S\u00e4tze der Literaturgeschichte, um sich sodann zu distanzieren und inhaltlich umzuschwenken: \u00abJener Ausspruch hat wenig oder nichts mit der Geschichte zu tun, die hier ausgebreitet werden soll, einer Familienchronik, deren erster Teil eher einem anderen Werk Tolstojs nahesteht, <em>Detstwo i Otrotschestwo<\/em> (<em>Kindheit und Heimat<\/em>, Pontius-Presse, 1858).\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>So habe ich es damals auch getan.<sup data-fn=\"868b57d1-b545-49ff-95ff-d7422304162c\" class=\"fn\"><a href=\"#868b57d1-b545-49ff-95ff-d7422304162c\" id=\"868b57d1-b545-49ff-95ff-d7422304162c-link\">2<\/a><\/sup> Der erste Satz legt uns zwar fest. Aber schon im n\u00e4chsten Satz kann man sich v\u00f6llig davon befreien und einen neuen Weg einschlagen. Schliesslich stehen uns \u2013 trotz Nachahmung \u2013 alle dichterischen Freiheiten zur Verf\u00fcgung.<br>In Workshops und Weiterbildungen zum literarisch Schreiben war ich immer wieder verbl\u00fcfft, was kreative Schreiber:innen aus einem ersten Satz herauszuholen ver\u00f6gen und wie sie schon nach wenigen S\u00e4tzen ihrer eigenen Stimme auf die Spur kommen.<br><br>Ich lade Sie ein, Tolstois Romananfang oder einen beliebigen ersten Satz zu nehmen und auf eigene Faust weiterzuschreiben. Jeder Anfang ist ein narrativer Urknall. Das Erz\u00e4hluniversum nimmt von Satz zu Satz Gestalt an, und schon im n\u00e4chsten Absatz kann neues Leben entstehen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">P.S. <\/h2>\n\n\n\n<p>Und wie geht man nun beim \u00dcbersetzen vor? Zum einen gilt es die Ankl\u00e4nge an Tolstois Er\u00f6ffnungssatz zu erhalten, indem man sich an einer eing\u00e4ngigen deutschen Ausgabe der <em>Anna Karenina<\/em> orientiert. Zum anderen soll die Nabokov\u2019sche Version im Deutschen eine parodistisch verkorkste Tolstoi-\u00dcbersetzung imitieren. Letzteres kommt in der deutschen \u00dcbersetzung durch inhaltliche Vertauschung (<em>\u00e4hnlich<\/em> wird zu <em>un\u00e4hnlich<\/em>) und stilistisch durch einf\u00f6rmige Doppelungen zum Ausdruck: <em>Alle  &#8230;, alle &#8230;<\/em> oder die Wiederholung der banalisierenden Floskel <em>mehr oder weniger<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-black-color has-text-color has-link-color wp-elements-91c03887797cc70d40d20defd31c31fd\">Eingangs habe ich neuere Tolstoi- und Nabokov-\u00dcbersetzungen einander gegen\u00fcber\u00adgestellt. Das gleiche Prinzip l\u00e4sst sich aber auch an \u00e4lteren Versionen zeigen: <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table class=\"has-background\" style=\"background-color:#8dd2fc36\"><tbody><tr><td>&nbsp;Alle glu\u0308cklichen <strong><span style=\"color: #0475B6;\">Familien<\/span><\/strong> gleichen einander, jede <strong><span style=\"color: #D8620F;\">unglu\u0308ckliche<\/span><\/strong> <strong><span style=\"color: #0475B6;\">Familie<\/span><\/strong> ist <strong><span style=\"color: #D8620F;\">unglu\u0308cklich<\/span><\/strong> auf ihre Art. <br><span style=\"text-align: left; font-size: 80%; color: #696969;\">(<em>Anna Karenina<\/em>. Aus dem Russischen von Hermann Asemissen, 1956)<\/span><\/td><td class=\"has-text-align-left\" data-align=\"left\">&nbsp;\u00ab<strong><span style=\"color: #0475B6;\">Alle<\/span><\/strong> gl\u00fccklichen Familien unterscheiden sich <strong><span style=\"color: #D8620F;\">mehr oder weniger<\/span><\/strong>; <strong><span style=\"color: #0475B6;\">alle<\/span><\/strong> ungl\u00fccklichen \u00e4hneln sich <strong><span style=\"color: #D8620F;\">mehr oder weniger<\/span><\/strong>\u00bb &#8230; <br><span style=\"text-align: left; font-size: 80%; color: #696969;\">(<em>Ada oder Das Verlangen<\/em>. Aus dem Amerikanischen von<\/span> <span style=\"text-align: left; font-size: 80%; color: #696969;\">Uwe Friesel u. Marianne Therstappen, 1974)<\/span><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Tolstoi beziehungsweise seine deutschen \u00dcbersetzer:innen arbeiten ebenfalls mit Wiederholungen, gehen aber subtiler vor, indem sie dadurch die gewichtigen Begriffe (<em>Familie<\/em>, <em>ungl\u00fccklich<\/em>) akzentuieren und gleichzeitig auf Kontraste setzen: <em>Alle gl\u00fccklichen<\/em> versus <em>jede ungl\u00fcckliche<\/em>; <em>einander<\/em> <em>\u00e4hnlich<\/em> bzw. <em>gleichen einander<\/em> versus <em>sind auf ihre Weise<\/em> (anders) .<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\"><em>Daniel Ammann, 12.4.2026<\/em><\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes has-small-font-size\"><li id=\"57a31b9b-f94d-4f08-ac59-338a75bd2ab7\">Vgl. Urs Widmer in seiner Grazer Poetikvorlesung <em>Die sechste Puppe im Bauch der f\u00fcnften Puppe im Bauch der vierten<\/em>: \u00abDenn der erste Satz ist, anders als alle, die ihm folgen, das Samenkorn der ganzen Geschichte, die der Schreibende, ihn notierend, eher sp\u00fcrt als kennt. Der erste Satz bestimmt oder enth\u00e4lt die L\u00e4nge des ganzen Buchs, sein Tempo, seine Affektlage\u00bb (1995, 158\u2013159). <a href=\"#57a31b9b-f94d-4f08-ac59-338a75bd2ab7-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"868b57d1-b545-49ff-95ff-d7422304162c\">\u00abUnter der T\u00fcr schimmert Licht durch. G\u00fcl z\u00f6gert und horcht.\u00bb\u00a0<br>Selim \u00d6zdo\u011fan, <em>Wo noch Licht brennt<\/em> (Innsbruck: Haymon Verlag, 2017)<br>\u00abUnter der T\u00fcr schimmert Licht durch. Herr Ibis sitzt hinter seinem Schreibtisch und starrt auf das gelbe Dokument, das wie ein erlegtes Tier zwischen Aktenb\u00fcndeln vor ihm liegt.\u00bb<br>Daniel Ammann, \u00abHerr Ibis.\u00bb (<em>Der weisse Schatten und andere Geschichten<\/em>. St. Gallen: Magoria, 2018.)<br> <a href=\"#868b57d1-b545-49ff-95ff-d7422304162c-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn B\u00fccher exakt gleich anfangen, m\u00fcssen sie nicht gleich weiterfahren. Daran sieht man schon mal, dass sich nicht alles aus dem ersten Satz ergibt.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6636,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/Tolstoi_Nabokov_Familien_web.png","fifu_image_alt":"","footnotes":"[{\"content\":\"Vgl. Urs Widmer in seiner Grazer Poetikvorlesung <em>Die sechste Puppe im Bauch der f\u00fcnften Puppe im Bauch der vierten<\/em>: \u00abDenn der erste Satz ist, anders als alle, die ihm folgen, das Samenkorn der ganzen Geschichte, die der Schreibende, ihn notierend, eher sp\u00fcrt als kennt. Der erste Satz bestimmt oder enth\u00e4lt die L\u00e4nge des ganzen Buchs, sein Tempo, seine Affektlage\u00bb (1995, 158\u2013159).\",\"id\":\"57a31b9b-f94d-4f08-ac59-338a75bd2ab7\"},{\"content\":\"\u00abUnter der T\u00fcr schimmert Licht durch. 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