{"id":6771,"date":"2026-05-04T13:49:05","date_gmt":"2026-05-04T13:49:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=6771"},"modified":"2026-05-04T14:16:47","modified_gmt":"2026-05-04T14:16:47","slug":"blumen-fuer-mrs-dalloway","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/blumen-fuer-mrs-dalloway\/","title":{"rendered":"Blumen f\u00fcr Mrs. Dalloway"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/Panorama_Dalloway.png\" alt=\"\" style=\"width:665px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Vor zehn Jahren habe ich mich f\u00fcr einen Tagungsbeitrag intensiv mit Virginia Woolfs Roman <em>Mrs. Dalloway<\/em> und intertextuellen Bez\u00fcgen befasst. Schon anhand des ber\u00fchmten Romananfangs l\u00e4sst sich einiges zeigen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/Mrs.-Dalloway.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Woolfs Er\u00f6ffnungssatz ist gewissermassen selbst schon ein Zwillingsanfang, denn die Autorin variiert darin den ersten Satz ihrer fr\u00fcheren Erz\u00e4hlung \u00abMrs Dalloway in der Bond Street\u00bb aus der der Sammlung <em>Mrs Dalloways Party<\/em>. Dort ist allerdings noch nicht von Blumen die Rede:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-black-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-dc0a28f3b91d9efb7638133b551630a1\" style=\"background-color:#8dd2fc45\">Mrs Dalloway sagte, sie werde die Handschuhe selbst besorgen. <br>(Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser)<\/p>\n\n\n\n<p>Michael Cunninghams <em>The Hours<\/em> (1998; dt. <em>Die Stunden<\/em>) kn\u00fcpft mehr als siebzig Jahre sp\u00e4ter an <em>Mrs. Dalloway<\/em> an. Sein vielschichtiger Roman wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und mit prominenter Besetzung (Nicole Kidman, Meryl Streep, Julianne Moore) erfolgreich f\u00fcrs Kino adaptiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"The Hours - Trailer Deutsch 1080p HD\" width=\"525\" height=\"295\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/oD2whWFxxB4?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p>Cunningham erz\u00e4hlt parallel drei Geschichten und stellt in jeder Plotline eine Frauenfigur in den Mittelpunkt: eine fiktionalisierte Version von Virginia Woolf, die 1923 ihren neuen Roman beginnt und den denkw\u00fcrdigen ersten Satz findet; eine ungl\u00fccklich Hausfrau und Mutter aus Los Angeles, die 1949 (im Film 1951) Virginia Woolfs <em>Mrs. Dalloway<\/em> liest und sich ihren Flucht- und Selbstmordgedanken stellt; und schliesslich eine Reinkarnation der perfekten Gastgeberin aus Woolfs Roman, die am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts eine Party f\u00fcr ihren besten Freund, den aidskranken Schriftsteller Richard, vorbereitet. Er ist es auch, der ihr den Spitznamen \u00abMrs. Dalloway\u00bb verpasst hat.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/The-Hours_Flowers.png\" alt=\"\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Der ber\u00fchmte Anfangssatz und seine Varianten in \u00abThe Hours\u00bb (USA 2002. Regie: Stephen Daldry. Drehbuch: David Hare.)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn wir die beiden Zwillingsanf\u00e4nge vergleichen, fallen ein paar Dinge auf. Virginia Woolf nennt gleich zu Beginn die Protagonistin, die jemandem (dem Dienstm\u00e4dchen Lucy, wie der folgende Absatz zeigt) in indirekter Rede mitteilt, dass sie sich selbst um die Blumen k\u00fcmmern wird. Offenbar sind Vorbereitungen im Gange und die Hausherrin und Gastgeberin gibt Anweisungen.<br>Anders bei Cunningham. In der schlichten Passivkonstruktion geht es sofort um die Blumen. Romanpersonal ist noch keines in Sicht. Ebenso bleibt die Erz\u00e4hlperspektive offen. Es k\u00f6nnte sich um eine auktoriale Feststellung oder die Gedankenrede einer Figur handeln. Erst der zweite Satz \u2013 \u00abClarissa gibt sich gereizt (obgleich sie solche Aufgaben liebt), l\u00e4sst Sally das Badezimmer putzen, verspricht, in einer halben Stunde zur\u00fcck zu sein, und st\u00fcrmt hinaus.\u00bb \u2013 f\u00fchrt die zwei Frauen ein, von denen wir sp\u00e4ter erfahren, dass es sich um ein lesbisches Paar handelt. Cunningham bleibt zwar mit seiner Er\u00f6ffnung nah an der Vorlage, schl\u00e4gt aber einen anderen, unpers\u00f6nlicheren Ton an.<br>Streng genommen handelt es sich gar nicht um den Anfang des Romans, denn Cunningham schickt seinem mit \u00abMrs. Dalloway\u00bb betitelten Kapitel einen mehrseitigen Prolog voraus, in dem Virginia Woolfs Suizid geschildert wird. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-black-color has-text-color has-background has-link-color\" style=\"background-color:#8dd2fc45\">Sie hastet aus dem Haus, wirft einen fu\u0308r die Witterung zu schweren Mantel u\u0308ber. 1941.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Leser:innen werden wir also fr\u00fch auf Anlehnungen und intertextuelle Bez\u00fcge des Romans eingestimmt (Mrs. Dalloway, Blumen, Clarissa). Einen weiteren Hinweis liefert Cunninghams Romantitel, denn Woolfs Arbeitstitel f\u00fcr <em>Mrs. Dalloway<\/em> lautete ebenfalls \u00abThe Hours\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Zwilling kommt selten allein<\/h2>\n\n\n\n<p>Fast zeitgleich mit Cunninghams Roman erschien eine weitere Hommage an Woolfs modernistisches Meisterwerk: Robin Lippincotts <em>Mr. Dallway: A Novella<\/em>. Die Handlung seiner Geschichte setzt vier Jahre nach Woolfs Roman ein und r\u00fcckt Clarissas Ehemann Richard ins Zentrum, wie bereits der erste Satz deutlich macht: <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-black-color has-text-color has-background has-link-color\" style=\"background-color:#8dd2fc45\">&nbsp;Mr. Dalloway said he would buy the flowers himself.<\/p>\n\n\n\n<p>In seiner Nachdichtung und Fortsetzung greift auch Lippincott zahlreiche Motive der Vorlage auf, spielt variantenreich mit Bez\u00fcgen und vollzieht dar\u00fcber hinaus einen erz\u00e4hlerischen Perspektivenwechsel. Aus Anlass ihres 30. Hochzeitstages organisiert Mr. Dalloway f\u00fcr seine Frau eine Party und als H\u00f6hepunkt und \u00dcberraschung f\u00e4hrt die Gesellschaft mit dem Zug Richtung Norden, um der totalen Sonnenfinsternis beizuwohnen. Unter die G\u00e4ste mischt sich hier auch der 45-j\u00e4hrige Robbie, zu dem Richard Dalloway eine heimliche Beziehung unterh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\"><em>Daniel Ammann, 4.5.2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/woolf_Mrs_Dalloways-Party_web.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Virginia Woolf. <br><em>Mrs Dalloways Party<\/em>. Stories. <br>Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Hans-Christian Oeser. <br>Z\u00fcrich: D\u00f6rlemann, 2025. 96 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/woolf_Mrs-Dalloway-Reclam_web.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Virginia Woolf<br><em>Mrs. Dalloway.<\/em> A Novel. Englische Ausgabe. <br>Mit einem deutschsprachigen Nachwort von Anne Sauer. <br>Ditzingen: Reclam, 2026. 238 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/woolf_Mrs-Dalloway_Manesse_web.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Virginia Woolf <br><em>Mrs. Dalloway<\/em>. <br>Aus dem Englischen \u00fcbersetzt von Melanie Walz. <br>M\u00fcnchen: Manesse, 2022. 400 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/cunningham_Die-Stunden_web.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Michael Cunningham<br><em>Die Stunden<\/em>. <br>Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt. <br>M\u00fcnchen: btb, 2001. 222 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/lippincott_Mr.-Dalloway_web.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Robin Lippincott<br><em>Mr. Dalloway<\/em>. A Novella. <br>Louisville, KY: Sarabande Books, 1999. 220 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mrs. Dalloway und ihre intertextuellen Geschwister. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":6802,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/Mrs.-Dalloway.png","fifu_image_alt":"","footnotes":""},"categories":[1029,1,22,27],"tags":[],"class_list":["post-6771","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-der-erste-satz","category-aktuell","category-film","category-literaturkritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6771","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=6771"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6771\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6808,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/6771\/revisions\/6808"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6802"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=6771"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=6771"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=6771"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}