{"id":6831,"date":"2026-05-15T10:06:13","date_gmt":"2026-05-15T10:06:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=6831"},"modified":"2026-05-15T10:06:14","modified_gmt":"2026-05-15T10:06:14","slug":"abheben-und-davonfliegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/abheben-und-davonfliegen\/","title":{"rendered":"Abheben und davonfliegen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Toni Morrison beginnt ihren 1977 in den USA erschienenen Roman <em>Song of Solomon<\/em> mit einer n\u00fcchternen Ank\u00fcndigung, deren Tragweite nicht auf Anhieb erkennbar ist. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wl22www1069.webland.ch\/pictures\/Morrison_Solomons-Lied.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon die folgenden S\u00e4tze setzen uns genauer ins Bild. Zwei Tage zuvor, heisst es, habe der Versicherungsmakler Robert Smith in einer Notiz an seiner T\u00fcr mitgeteilt, er werde am 18. Februar 1931 \u00ababheben und auf eigenen Fl\u00fcgeln davonfliegen\u00bb. Durch den zeithistorischen Kontext steigt der Nachrichtenwert der Mitteilung ruckartig an. Zudem l\u00e4sst uns die omin\u00f6se Zusatzbotschaft \u2013 \u00abBitte vergebt mir. Ich habe euch alle geliebt\u00bb \u2013 \u00fcber den Ausgang des waghalsigen Unterfangens im Ungewissen. Das erzeugt zus\u00e4tzliche Spannung. Bei dem angek\u00fcndigten Ereignis handelt es sich also um eine kleine Sensation. Allerdings lockt dieses, wie wir sogleich erfahren, \u00abkeine so grosse Menschenmenge an wie Charles Lindbergh vier Jahre vor ihm \u2013 es kamen kaum mehr als vierzig, f\u00fcnfzig Personen\u00bb.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Geschichte f\u00e4ngt mit einer n\u00fcchternen Feststellung an. Aber jeder weitere Satz ver\u00e4ndert unseren Blick auf die vorangehenden Worte und l\u00e4sst uns Leser:innen nicht von der Angel.\u00a0 Diese Wirkung ist durchaus beabsichtigt. Toni Morrison, die 1993 als erste Schwarze Autorin den Literaturnobelpreis erhielt, hat zu ihrem Roman ein Vorwort verfasst, in dem sie uns Einblick in ihre Arbeitsweise gew\u00e4hrt und \u2013 eine seltenes Gl\u00fcck \u2013 etwas \u00fcber die Bedeutung ihres denkw\u00fcrdigen Er\u00f6ffnungssatzes verr\u00e4t:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-background wp-block-paragraph\" style=\"background-color:#b6eae161\">\u00abDieser Aussagesatz ist dazu gedacht, einen journalistischen Stil zu persiflieren. Leicht ver\u00e4ndert k\u00f6nnte er auch als erster Satz eines Artikels in der Tageszeitung einer Kleinstadt durchgehen. Er kommt im Ton eines allt\u00e4glichen Vorfalls von geringer lokaler Relevanz daher, gleichzeitig soll er aber entscheidende Hinweise und wichtige Informationen enthalten.\u00bb <\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Einmal mehr zeigt sich: Auch vermeintlich unspektakul\u00e4re Romananf\u00e4nge haben es in sich, denn nicht selten erschliesst sich deren Kunstfertigkeit erst nach und nach.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Daniel Ammann, 15.5.2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:14px\">Anlass meiner Kurzbetrachtung ist die aktuelle Neu\u00fcbersetzung des Romans von Tanja Handels (Erscheinungsdatum: 15.5.2026). &nbsp;In der ersten deutschen Ausgabe in der \u00dcbertragung von Angela Praesent (Rowohlt 1979) lautete der erste Satz: \u00abDer Vertreter der Genossenschaftlichen Lebensversicherung von North Carolina versprach, p\u00fcnktlich um drei vom Mercy ans andere Ufer des Lake Superior zu fliegen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wl22www1069.webland.ch\/pictures\/morrison_Solomons-Lied_web.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Toni Morrison<br><em>Solomons Lied<\/em>. <br>Aus dem Englischen von Tanja Handels. <br>Mit einem Nachwort von Mithu Sanyal. <br>Hamburg: Rowohlt, 2026.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Toni Morrison beginnt ihren 1977 in den USA erschienenen Roman Song of Solomon mit einer n\u00fcchternen Ank\u00fcndigung, deren Tragweite nicht auf Anhieb erkennbar ist. 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