{"id":6998,"date":"2026-06-24T12:34:28","date_gmt":"2026-06-24T12:34:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=6998"},"modified":"2026-06-26T08:20:45","modified_gmt":"2026-06-26T08:20:45","slug":"mit-einer-frage-beginnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/mit-einer-frage-beginnen\/","title":{"rendered":"Mit einer Frage beginnen?"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/Horowitz_Moriarty.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fragen sind die Triebfeder jeder Erz\u00e4hlung.<sup data-fn=\"ef35c1fe-6a67-496a-9f9b-1d38b8fc3405\" class=\"fn\"><a href=\"#ef35c1fe-6a67-496a-9f9b-1d38b8fc3405\" id=\"ef35c1fe-6a67-496a-9f9b-1d38b8fc3405-link\">1<\/a><\/sup> Aber das bedeutet nicht, dass Geschichten diese Frage gleich zu Beginn auch stellen und den ersten Satz mit einem Fragezeichen enden lassen. Manchmal wird das R\u00e4tsel zu Beginn bereits angek\u00fcndigt, aber nicht explizit als Frage formuliert. Sehr eindr\u00fccklich in Paul Austers <em>Buch der Illusionen<\/em>: \u00abAlle dachten, er sei tot\u00bb (dt. v. Werner Schmitz). Da m\u00f6chte man schon gern wissen, von wem hier die Rede ist und wo dieser mysteri\u00f6se Jemand abgeblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"has-text-align-center has-background wp-block-paragraph\" style=\"background-color:#8dd2fc66;font-size:34px\">Alle dachten, er sei tot.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine andere M\u00f6glichkeit: Der erste Satz ist zwar <em>grammatikalisch<\/em> eine Frage, benennt aber kein Geheimnis oder R\u00e4tsel, auf das wir von der Geschichte eine Antwort erwarten. Die Frage kann sogar in die Irre f\u00fchren oder scherzhaft gemeint sein, wie bei Robert Menasse: \u00abWer hat den Senf erfunden?\u00bb (<em>Die Hauptstadt<\/em>). Oder sie f\u00fchrt mit einem Dialogsatz oder erlebter Rede mitten ins Geschehen, wie das Matthias Brandt in <em>Blackbird<\/em> tut:  &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center has-background wp-block-paragraph\" style=\"background-color:#8dd2fc66;font-size:34px\">Warum ging eigentlich keiner ans Telefon?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bleiben noch jene F\u00e4lle, die zumindest die Neugier wecken und damit ihre Funkton erf\u00fcllen. Inwieweit sie die Handlung bestimmen, wird sich dann im Verlauf der Geschichte herausstellen. \u00abWarum machte ich eigentlich diese Reise nach Afrika?\u00bb, er\u00f6ffnet Saul Bellow (<em>Der Regenk\u00f6nig<\/em>, dt. v. Herbert A. Frenzel), Zora del Buono fragt: \u00abWann hatte sie angefangen, ihre Mutter zu hassen?\u00bb (<em>Die Marschallin<\/em>) und auch <em>Das Geheimnis des Edwin Drood<\/em> von Charles Dickens steigt, wenngleich etwas elliptisch, mit einer Frage ein: \u00abEin altes englisches Kathedralenst\u00e4dtchen?\u00bb (dt. v. Burkhart Kroeber).\u00a0<sup data-fn=\"3d537371-7de4-4dbf-acba-d589e94e48d7\" class=\"fn\"><a href=\"#3d537371-7de4-4dbf-acba-d589e94e48d7\" id=\"3d537371-7de4-4dbf-acba-d589e94e48d7-link\">2<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Fall Moriarty<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alex Horowitz praktiziert in <em>Moriarty<\/em> (dt. unter dem Titel <em>Der Fall Moriarty<\/em>) beides: Die Einstiegsfrage macht den inhaltlichen Auftakt, benennt also das R\u00e4tsel, um das es im Folgenden gehen wird. Gleichzeitig holt sein Ich-Erz\u00e4hler die Leser:innen mit einer rheto\u00adrischen Suggestivfrage ins Boot, bevor er sich vorstellt und in die Handlung einf\u00fchrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Titel des Romans nimmt es vorweg: Das hier ist eine Sherlock-Holmes-Geschichte. Keine gew\u00f6hnliche allerdings, denn das R\u00e4tsel betrifft teilweise den Meisterdetektiv und seinen b\u00f6sen Widersacher. Holmes und Moriarty sind angeblich an den Reichenbachf\u00e4llen zu Tode gekommen. Aber es gibt unz\u00e4hlige Ungereimtheiten, denen ein anderer Detektiv nun auf den Grund geht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Frage im ersten Satz ist also intertextuell aufgeladen. Sie setzt voraus, dass der Kontext den Lesenden vertraut ist. Die Reichen\u00adbach\u00adf\u00e4lle oberhalb von Meiringen gibt es tats\u00e4chlich, aber sie haben sich als literarischer Topos verselbst\u00e4ndigt. Zudem legt die Einstiegsfrage nahe, dass wir auch \u00fcber die Folgen Bescheid wissen. Conan Doyle wollte seinen Sherlock Holmes loswerden, musste ihn sp\u00e4ter aber doch wieder auferstehen lassen. Dazu stehen zwei M\u00f6glichkeiten zu Gebote: Entweder die neuen Fall\u00adgeschichten liegen weiter zur\u00fcck oder der Tod des Helden erweist sich im Nachhinein als Finte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Daniel Ammann 24.6.2026<\/em><\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes has-small-font-size\"><li id=\"ef35c1fe-6a67-496a-9f9b-1d38b8fc3405\">Vgl. meinen Beitrag <a href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/mit-einer-frage-faengt-es-an\/\">\u00abMit einer Frage f\u00e4ngt es an: Erkenntnis durch Schreiben\u00bb<\/a>. Erschienen in:<br><em>Wissenschaftlich erz\u00e4hlen \u2013 literarisch \u00fcberzeugen: Kreativ schreiben in der Hochschule<\/em>. Hrsg. v. Daniel Ammann, Erik Altorfer, Gisela B\u00fcrki u. Alex Rickert.\u00a0Bern: hep Verlag, 2023. S. 20\u201333. <a href=\"#ef35c1fe-6a67-496a-9f9b-1d38b8fc3405-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 1 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"3d537371-7de4-4dbf-acba-d589e94e48d7\">Vgl. meinen Beitrag <a href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/charles-dickens-und-sein-letztes-raetsel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00abCharles Dickens und sein letztes R\u00e4tsel\u00bb<\/a> (28.9.2025).  <a href=\"#3d537371-7de4-4dbf-acba-d589e94e48d7-link\" aria-label=\"Zur Fu\u00dfnotenreferenz 2 navigieren\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-wp-embed is-provider-magoria wp-block-embed-magoria\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<blockquote class=\"wp-embedded-content\" data-secret=\"0VqKeU3ddG\"><a href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/mit-einer-frage-faengt-es-an\/\">Mit einer Frage f\u00e4ngt es an<\/a><\/blockquote><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" sandbox=\"allow-scripts\" security=\"restricted\" style=\"position: absolute; visibility: hidden;\" title=\"\u201eMit einer Frage f\u00e4ngt es an\u201c \u2013 Magoria\" src=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/mit-einer-frage-faengt-es-an\/embed\/#?secret=Mw5RQImncq#?secret=0VqKeU3ddG\" data-secret=\"0VqKeU3ddG\" width=\"525\" height=\"296\" frameborder=\"0\" marginwidth=\"0\" marginheight=\"0\" scrolling=\"no\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fragen sind die Triebfeder jeder Erz\u00e4hlung. Aber das bedeutet nicht, dass Geschichten diese Frage gleich zu Beginn auch stellen und den ersten Satz mit einem Fragezeichen enden lassen. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":7015,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"fifu_image_url":"http:\/\/wl22www1069.webland.ch\/pictures\/Reichenbach-Falls.jpg","fifu_image_alt":"","footnotes":"[{\"content\":\"Vgl. meinen Beitrag <a href=\\\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/mit-einer-frage-faengt-es-an\/\\\">\u00abMit einer Frage f\u00e4ngt es an: Erkenntnis durch Schreiben\u00bb<\/a>. Erschienen in:<br><em>Wissenschaftlich erz\u00e4hlen \u2013 literarisch \u00fcberzeugen: Kreativ schreiben in der Hochschule<\/em>. Hrsg. v. Daniel Ammann, Erik Altorfer, Gisela B\u00fcrki u. Alex Rickert.\u00a0Bern: hep Verlag, 2023. 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