{"id":7181,"date":"2026-08-31T11:31:53","date_gmt":"2026-08-31T11:31:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/?p=7181"},"modified":"2026-09-25T14:03:07","modified_gmt":"2026-09-25T14:03:07","slug":"mit-dem-anfang-beginnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/mit-dem-anfang-beginnen\/","title":{"rendered":"Mit dem Anfang beginnen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal muss man einfach beginnen, um einen Anfang zu machen, den Prozess in Gang setzen. Ob sich diese ersten S\u00e4tze am Ende dann auch als Anfang eignen, ist eine andere Frage. Martin Walser bleibt skeptisch. \u00abIch m\u00f6chte nie be\u00adgr\u00fcnden m\u00fcssen, warum ein Satz als erster Satz taugt\u00bb, schreibt er in <em>Vormittag eines Schriftstellers<\/em>. \u00abIch finde es aber schon einmal g\u00fcnstig, wenn der erste Satz nicht nur ein Satz ist, der an und f\u00fcr sich bestehen kann, sondern wenn er auch noch vom Anfangen han\u00addelt.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier soll es also nicht um <a href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/das-narrative-damoklesschwert\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Tod<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/schicksal-oder-fuegung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verderben<\/a>, verst\u00f6rende <a href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/es-laeutet\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Telefonanrufe<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/leiche-im-keller\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">b\u00f6se \u00dcberraschungen<\/a> gehen, die der Handlung einen gewaltigen Tritt versetzen. Denn man kann durchaus sanft einsteigen, leise beginnen, und, wie Martin Walser anregt, den Anfang selbst zum Thema machen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass in den ersten S\u00e4tzen eines Romans auch inhaltlich etwas beginnt, ist keine Seltenheit. Der Morgen bricht an, eine Figur erwacht. Das muss keineswegs langweilig sein, wie Christopher Isherwood in <em>A Single Man<\/em> (in der \u00dcbersetzung von Thomas Melle) mit Verfremdungseffekten demonstriert:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-black-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-1 wp-block-paragraph\" style=\"background-color:#8dd2fc45\">Das Aufwachen f\u00e4ngt an mit <em>bin<\/em> und <em>jetzt<\/em>. Was wachgeworden ist, liegt eine Weile da, starrt hoch zur Decke und tief in sich hinein, bis es sich erkannt und daraus <em>ich bin<\/em> geschlossen hat, <em>ich bin jetzt. Hier<\/em> folgt als N\u00e4chstes, was, wenn auch auf unangenehme Weise, beruhigt; denn <em>hier<\/em> ist heute Morgen genau dort, wo es erwartet hatte, sich wiederzufinden; man nennt es auch <em>zu Hause<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses morgendlich Zu-sich-Kommen braucht nicht so drastisch zu sein wie bei <a href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dam\/literarische-volte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gregor Samsa<\/a>, der nach dem Erwachen feststellen muss, dass er sich in ein Ungeziefer verwandelt hat. Eine leichte Ver\u00e4nderung reicht schon, ein Entschluss oder ein Ereignis, das einen Umschwung herbeif\u00fchrt, einen Neuanfang ank\u00fcndigt. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Den Anfang zum Thema machen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Selbst wenn man die Geschichte mehr oder weniger im Kopf hat, muss man sich beim Erz\u00e4hlen f\u00fcr einen bestimmten Anfang entscheiden. Auch diese poetologische Frage eignet sich als Einstieg, wie Graham Greene in <em>Das Ende einer Aff\u00e4re<\/em> zeigt. \u00abEine Geschichte hat weder Anfang noch Ende\u00bb, l\u00e4sst er seinen Ich-Erz\u00e4hler Maurice Bendrix sinnieren. \u00abWillk\u00fcrlich w\u00e4hlt man den Moment, von dem aus man ein Erlebnis r\u00fcckschauend betrachtet oder sich vorstellt, wie es weitergeht.\u00bb  Er w\u00e4hlt einen bestimmten Januarabend im Jahr 1946, fragt sich aber im gleichen Atemzug, ob er wirklich aus freiem Willen entscheidet oder ob der Anfang ihn ausgew\u00e4hlt hat. \u00abIst es angemessen, ist es korrekt, den Regeln meines Handwerks entsprechend, einfach da zu beginnen?\u00bb <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In seiner Adaption von 1999 findet Regisseur und Drehbuchautor Neil Jordan f\u00fcr diesen Anfang eine filmsprachlich passende Entsprechung: Die Kamera f\u00e4hrt \u00fcber die Tastatur einer alten Schreibmaschine. Maurice Bendrix (Ralph Fiennes) spannt einen Bogen Papier in die Walze und tippt den ersten Satz seines Berichts \u00fcber den Hass: \u00abThis is a diary of hate.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-vertically-aligned-top is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:100%\">\n<div class=\"wp-block-group\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\">\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/The-End-of-the-Affair_web1.png\" alt=\"\" style=\"aspect-ratio:1.7850377965070814\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/The-End-of-the-Affair_web.png\" alt=\"\" style=\"aspect-ratio:1.7850377965070814\"\/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Subtiler und stilistisch raffinierter ist es, wenn man den Anfang ganz beil\u00e4ufig einschmuggelt. Dostojewskij tut das in <em>Verbrechen und Strafe<\/em>. Der deutsche Text beginnt \u2013 deutlicher als im russischen Original \u2013 direkt mit dem Wort \u00abAnfang\u00bb:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/Dostojewskij_Anfang.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht entgeht uns diese Finesse, haben wir sie jedoch erkannt, m\u00f6chten wir zu gerne herauszufinden, ob der Autor den ersten Satz bewusst so inszeniert hat. Um den Beweis zu finden, bl\u00e4ttern wir rasch an den Schluss des Romans und entdecken dort, dass der letzten Satz des Romans passenderweise mit dem Wort \u00abEnde\u00bb schliesst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-black-color has-text-color has-background has-link-color wp-elements-2 wp-block-paragraph\" style=\"background-color:#8dd2fc45;font-size:20px\">Das k\u00f6nnte das Thema der neuen Geschichte werden \u2013 aber unsere jetzige Geschichte ist zu Ende.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist vermutlich ein formaler Trick, den man (in Anlehnung an eine Formulierung von Vladimir Nabokov) \u00abnur einmal in tausend Jahren\u00bb verwenden kann. Ganz so eng sehe ich das nicht. Aber man soll es auch nicht \u00fcbertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size wp-block-paragraph\"><em>Daniel Ammann, 31.8.2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/dostojewskij_Verbrechen-und-Strafe_web.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Fjodor Dostojewskij<br><em>Verbrechen und Strafe<\/em>. <br>Aus dem Russischen von Swetlana Geier [1994]. <br>Frankfurt\/M.: S. Fischer, 2010. 767 Seiten.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\" style=\"line-height:1\"><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/wl22www1069.webland.ch\/pictures\/greene_Das-Ende-einer-Affaere-web.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Graham Greene<br><em>Das Ende einer Aff\u00e4re<\/em>. <br>Aus dem Englischen von Edith Walter [1998]. <br>M\u00fcnchen: dtv, 2000. 245 Seiten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\" style=\"line-height:1\"><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/isherwood_A-Single-Man_web.png\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">Christopher Isherwood<br><em>A Single Man<\/em>. <br>Aus dem Englischen von Thomas Melle. <br>Hamburg: Hoffmann und Campe, 2016. 160 Seiten.\u00a0<\/p>\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal muss man einfach beginnen, um einen Anfang zu machen, den Prozess in Gang setzen. 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