Tolstoi und Nabokov über Glück und Unglück

Tolstoi und Nabokov über Glück und Unglück

Wenn Bücher exakt gleich anfangen, müssen sie nicht gleich weiterfahren. Daran sieht man schon mal, dass sich – wie mitunter behauptet – nicht alles zwangsläufig aus dem ersten Satz ergibt. Ich weiss, wovon ich spreche. Bei einem Schreibwettbewerb bestand einmal die Aufgabe darin, die eigene Geschichte mit einem vorgegebenen Anfangssatz aus einem bestehenden Roman zu beginnen.

Mag sein, dass der Kern einer Geschichte im ersten Satz bereits angelegt ist1, aber es braucht dann die Erzählung, um diesen Kern freizulegen.

Tolstoi und Nabokov über Glück und Unglück

Bei Nabokovs Zwillingsanfang liegen die Dinge etwas anders. Der Autor verneigt sich vor einem grossen Vorbild, aber, wie er in in den Anmerkungen erläutert, geht es ihm in erster Linie darum, «Fehlübersetzungen russischer Klassiker lächerlich» zu machen: «Der Anfangssatz von Tolstojs Roman wird von innen nach aussen gewendet, und der Vatersname von Anna Arkadjewna erhält eine absurde masku­line Endung, während ihrem Nachnamen zu Unrecht eine feminine Endung angehängt wird.»

Nabokov prangert mit seinem Falschzitat also Verstümmelungen an, «denen grosse Texte durch anmassende und unwissende Übersetzer unterworfen sind». Damit nicht genug. Nabokov nutzt einen der berühmtesten ersten Sätze der Literaturgeschichte, um sich sodann zu distanzieren und inhaltlich umzuschwenken: «Jener Ausspruch hat wenig oder nichts mit der Geschichte zu tun, die hier ausgebreitet werden soll, einer Familienchronik, deren erster Teil eher einem anderen Werk Tolstojs nahesteht, Detstwo i Otrotschestwo (Kindheit und Heimat, Pontius-Presse, 1858).»

So habe ich es damals auch getan.2 Der erste Satz legt uns zwar fest. Aber schon im nächsten Satz kann man sich völlig davon befreien und einen neuen Weg einschlagen. Schliesslich stehen uns – trotz Nachahmung – alle dichterischen Freiheiten zur Verfügung.
In Workshops und Weiterbildungen zum literarisch Schreiben war ich immer wieder verblüfft, was kreative Schreiber:innen aus einem ersten Satz herauszuholen verögen und wie sie schon nach wenigen Sätzen ihrer eigenen Stimme auf die Spur kommen.

Ich lade Sie ein, Tolstois Romananfang oder einen beliebigen ersten Satz zu nehmen und auf eigene Faust weiterzuschreiben. Jeder Anfang ist ein narrativer Urknall. Das Erzähluniversum nimmt von Satz zu Satz Gestalt an, und schon im nächsten Absatz kann neues Leben entstehen.


P.S.

Und wie geht man nun beim Übersetzen vor? Zum einen gilt es die Anklänge an Tolstois Eröffnungssatz zu erhalten, indem man sich an einer eingängigen deutschen Ausgabe der Anna Karenina orientiert. Zum anderen soll die Nabokov’sche Version im Deutschen eine parodistisch verkorkste Tolstoi-Übersetzung imitieren. Letzteres kommt in der deutschen Übersetzung durch inhaltliche Vertauschung (ähnlich wird zu unähnlich) und stilistisch durch einförmige Doppelungen zum Ausdruck: Alle …, alle … oder die Wiederholung der banalisierenden Floskel mehr oder weniger.

 Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art.
(Anna Karenina. Aus dem Russischen von Hermann Asemissen, 1956)
 «Alle glücklichen Familien unterscheiden sich mehr oder weniger; alle unglücklichen ähneln sich mehr oder weniger» …
(Ada oder Das Verlangen. Aus dem Amerikanischen von Uwe Friesel u. Marianne Therstappen, 1974)

Tolstoi beziehungsweise seine deutschen Übersetzer:innen arbeiten ebenfalls mit Wiederholungen, gehen aber subtiler vor, indem sie dadurch die gewichtigen Begriffe (Familie, unglücklich) akzentuieren und gleichzeitig auf Kontraste setzen: Alle glücklichen versus jede unglückliche; einander ähnlich bzw. gleichen einander versus sind auf ihre Weise (anders) .

Daniel Ammann, 12.4.2026

  1. Vgl. Urs Widmer in seiner Grazer Poetikvorlesung Die sechste Puppe im Bauch der fünften Puppe im Bauch der vierten: «Denn der erste Satz ist, anders als alle, die ihm folgen, das Samenkorn der ganzen Geschichte, die der Schreibende, ihn notierend, eher spürt als kennt. Der erste Satz bestimmt oder enthält die Länge des ganzen Buchs, sein Tempo, seine Affektlage» (1995, 158–159). ↩︎
  2. «Unter der Tür schimmert Licht durch. Gül zögert und horcht.» 
    Selim Özdoğan, Wo noch Licht brennt (Innsbruck: Haymon Verlag, 2017)
    «Unter der Tür schimmert Licht durch. Herr Ibis sitzt hinter seinem Schreibtisch und starrt auf das gelbe Dokument, das wie ein erlegtes Tier zwischen Aktenbündeln vor ihm liegt.»
    Daniel Ammann, «Herr Ibis.» (Der weisse Schatten und andere Geschichten. St. Gallen: Magoria, 2018.)
    ↩︎

Literatur

Tolstoi, Lew. Anna Karenina. Roman in acht Teilen. Übersetzt und kommentiert von Rosemarie Tietze. München: Hanser, 2009.

Tolstoi, Lew. Anna Karenina. Aus dem Russischen von Hermann Asemissen [1956]. Berlin: Aufbau, 2010.

Nabokov, Vladimir. Ada oder Das Verlangen: Eine Familienchronik. Aus dem Englischen von Uwe Friesel und Dieter E. Zimmer. Gesammelte Werke Bd. 11. Überarbeitete Neuausgabe September 2010.

Nabokov, Vladimir. Ada oder Das Verlangen: Aus den Annalen einer Familie. Deutsch von Uwe Friesel und Marianne Therstappen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1974.

Zadie Smiths E-Mail an E. M. Forster

Zadie Smiths E-Mail an E. M. Forster


Nach dem Beitrag zum E-Mail- und Briefroman von Holly Sloan und Meg Wolitzer knüpfe ich in Episode 6 meiner Zwillingsanfänge thematisch an:
E. M. Forster lässt Helen einen Brief an ihre Schwester schreiben. Zadie Smith steigt fast hundert Jahre später mit Jeromes E-Mail an seinen Vater ein. Im Original springt die textliche Anlehnung sofort ins Auge. Bei den Übersetzungen will das nicht so ganz klappen.

Zadie Smiths E-Mail an E. M. Forster

Sollte es von Howard’s End nach 40 Jahren eine Neuübersetzung geben, würde ich deshalb empfehlen, sich an Zadie Smith zu orientieren:


«Ebenso gut könnte man mit Helens Briefen an ihre Schwester beginnen.»

Schön und schlank. Und so schliessen sich die intertextuellen Kreise wieder.

Daniel Ammann, 25.7.2025

Jane Austen und ihre schreibenden Fans

Jane Austen und ihre schreibenden Fans

Für mich ist 2025 ein grosses Jane-Austen-Jahr, denn am 16. Dezember steht der 250. Geburtstag dieser einzigartigen Autorin an. Deshalb werden hier in den kommenden Monaten immer mal wieder Beiträge zu Jane Austen erscheinen. Den Auftakt mache ich mit Episode 4 in der Rubrik meiner ‹Zwillingsanfänge›.

Jane Austen und ihre schreibenden Fans

Der erste Satz aus Stolz und Vorurteil ist weltberühmt. In ihrer Hommage spielt Janice Hadlow in Miss Bennet (Orig. The Other Bennet Sister, 2020) selbstverständlich darauf an. Ihr Roman erzählt die Geschichte von Mary, der mittleren der fünf Bennet-Töchter, die als letzte noch unverheiratet ist.  Ihre Chancen sind nicht die besten, wie uns Janice Hadlow im nächsten Satz verrät: «Arm und hübsch zu sein ist schon schlimm genug; aber bettelarm und unansehnlich zweifellos ein hartes Schicksal.»


Jane-Austen-Mashups: Von Zombies und Vampiren

Bleiben wir noch einen Augenblick bei den Bennet-Schwestern aus Jane Austens Stolz und Vorurteil. Ich knüpfe mit einem weiteren Zwillingsanfang an. Bei der Vorbereitung für meinen Schreibkurs zum Thema Imitation habe ich mich nicht nur mit Fortsetzungen, Variationen und Adaptionen, sondern auch mit Mashups beschäftigt.
Bei dieser populärkulturellen Spielart werden Werke des literarischen Kanons hemmungslos mit genreuntypischen Elementen, Versatzstücken und intertextuellen Anspielungen verquirlt.

Seth Grahame-Smiths Stolz und Vorurteil und Zombies gilt als prototypisches Beispiel und wurde mit Lily James (Elizabeth Bennet) und Sam Riley (Mr. Darcy) bildgewaltig für die Leinwand adaptiert. Die in asiatischen Kampfsportarten und im Umgang mit Feuerwaffen geschulten Bennet-Schwestern wissen sich gegen untote Angreifer:innen bestens zur Wehr zu setzen. Derweil sorgt sich die Mutter, ob solches Gebaren nicht auch die Freier in die Flucht schlägt. 

Michael Thomas Ford geht noch einen Schritt weiter und verwebt die Biografie der berühmten Schriftstellerin mit einem anderen Horrorgenre. In Jane beisst zurück (aus dem Englischen von Oliver Plaschka; Heyne, 2010) hat die Autorin ihren Tod 1817 lediglich vorgetäuscht. Unerkannt lebt sie als Vampirin in den USA und betreibt in einem Universitätsstädtchen einen kleinen Buchladen. 


Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass Jane Austen noch lebt …

Daniel Ammann, 29.5.2025

McEwan zieht Dickens vor Gericht

McEwan zieht Dickens vor Gericht
McEwan zieht Dickens vor Gericht

In Episode 3 meiner Rubrik «Zwillingsanfänge» kommt noch einmal Ian McEwan zum Zug.
Seine Protagonistin Fiona Maye – in der Filmadaption nach McEwans Drehbuch von Emma Thompson verkörpert – ist eine angesehene Richterin am High Court in London. In einem dringenden Fall soll sie über das Schicksal eines 17-Jährigen entscheiden, der an Leukämie leidet, dessen Familie jedoch aus religiösen Gründen eine Bluttransfusion ablehnt.

McEwans Romananfang lehnt sich an den Beginn des grossen Dickens-Romans «Bleak House» an. Auch hier geht es um Gerichtsbarkeit. Undurchdringlich dicht wie der Londoner Nebel zu Beginn des Romans ist der sich jahrelang hinziehende Erbschaftsprozess im Fall Jarndyce gegen Jarndyce.


Daniel Ammann, 5.4.2025

Literarische Volte

Literarische Volte

Einer der berühmtesten Textanfänge stammt aus der 1912 entstandenen Erzählung «Die Verwandlung» von Franz Kafka. Diesem ersten Satz kann man sich nicht entziehen. Er sprengt die Grenzen der realen Welt und stürzt uns in einen Wirklichkeit gewordenen Albtraum. Als im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs 20071 nach dem schönsten ersten Satz gesucht wurde, schaffte es Kafkas Eröffnungssatz in der Kategorie Erwachsenenliteratur auf den 2. Platz. Saša Stanišić hält ihn gar für so brillant, dass die Geschichte keiner weiteren Spezialeffekte bedarf.

Das einzig spannende Ereignis ist doch, wenn der Typ als Käfer aufwacht. Zack. Das dauert genau einen Satz, den ersten. Der ist aber so gut, dass es danach keine Spannung mehr braucht.

Saša Stanišić in Zehn Gebote des Schreibens ( 1132)

Der britische Autor Ian McEwan erweist Kafka in seiner Novelle Die Kakerlake3 (Diogenes 2019) die Ehre. Er dreht den Spiess jedoch um und lässt das titelgebende Ungeziefer im Körper des britischen Premierministers erwachen. Es beginnt also gleich mit einer intertextuellen Volte.

Literarische Volte

Aber darf man einfach so abkupfern, parodieren und travestieren? Selbstverständlich würde T. S. Eliot antworten. Bereits vor hundert Jahren hat der namhafte Lyriker und Kritiker der Dichtung die Lizenz zur Aneignung ausgestellt: «Unreife Dichter imitieren; reife Dichter stehlen.» Während die schlechten Dichter:innen ihre Vorbilder verunstalten, argumentiert Eliot, machen die guten daraus etwas Besseres oder schaffen zumindest etwas anderes. – Literatur hat die Kraft zur Verwandlung.

  1. Der schönste erste Satz. Eine Auswahl der charmantesten und eindrucksvollsten Beiträge zum internationalen Wettbewerb «Der schönste erste Satz». Hrsg. von der Initiative Deutsche Sprache und der Stiftung Lesen. Ismaning: Hueber Verlag, 2007. ↩︎
  2. Zehn Gebote des Schreibens. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2011. – Siehe dazu auch meine Rezension «Regeln für die Ausnahme» in der NZZ vom 18.4.2012. ↩︎
  3. McEwan, Ian. Die Kakerlake. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Mit einem bisher unveröffentlichten Vorwort von Ian McEwan. Zürich: Diogenes, 2019. ↩︎

Benedict Wells meets Charles Simmons

Benedict Wells meets Charles Simmons

Spätestens seit Umberto Eco wissen wir, dass Bücher miteinander sprechen, auch wenn sie zur Übermittlung menschlicher Leserinnen und Leser bedürfen. Wie sagt William von Baskerville in Der Name der Rose so schön? «Mir scheint, als ob ich einige dieser Worte schon irgendwo gelesen hätte, sie erinnern mich an ähnliche, die ich früher gehört habe.»

Benedict Wells meets Charles Simmons

In seinem Buch Die Geschichten in uns (Diogenes 2024) verrät uns Bendedict Wells in einem Unterkapitel mit der Überschrift «Steal your darlings» in einer Fussnote, dass es sich beim ersten Satz seines Romans Hard Land (Diogenes 2021) um «eine Variation des ersten Satzes aus der Novelle Salzwasser (Orig. Salt Water, 1998) von Charles Simmons handelt. Ohne Vorbilder und kreative Imitation könnten Autorinnen und Autoren wohl kaum einen unverwechselbaren Stil entwickeln oder ihre eigene Stimme finden. Nur durch Nachahmung kann sich Literatur zu neuen Höhen aufschwingen.

David Lodge hat es schon richtig gesagt: Man kann keinen Roman schreiben, wenn man nicht mindestens einen – besser noch ganz viele – gelesen hat:

How does one become a writer? One thing is certain: nobody ever wrote a book without having read at least one – and more probably hundreds – of approximately the same kind. Most writers [...] begin by imitating and emulating the literature that gives them the biggest kicks. [...] And it is from reading that you acquire basic knowledge of the structural and rhetorical devices that belong to a particular genre or form of writing. To a large extent this learning process is intuitive and unconscious, like learning the mother tongue.

David Lodge, The Practice of Writing (1996, 171)

Nicht nur die KI, auch wir «trainieren» uns an Texten (gleichwohl auf ganz andere Weise). Und die Leser:innen und Kritiker:innen (oder die Gerichte) müssen dann entscheiden, ob die entstehenden Texte bloss mehr vom Gleichen sind oder doch etwas Neues in die Welt bringen. Nicht nur die Wissenschaftler:innen, auch Künstlerinnen und Künstler stehen auf den Schultern von Riesen.

Daniel Ammann, 7.–10.12.2024

Magoria by Daniel Ammann