{"id":2637,"date":"2020-08-28T14:30:34","date_gmt":"2020-08-28T14:30:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.magoria.ch\/dfa\/?p=2637"},"modified":"2026-01-17T13:59:20","modified_gmt":"2026-01-17T13:59:20","slug":"es-war-einmal-ein-anfang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.magoria.ch\/dfa\/es-war-einmal-ein-anfang\/","title":{"rendered":"Es war einmal ein Anfang"},"content":{"rendered":"\n<p>Von einem guten Anfang h\u00e4ngt so manches ab. Das gilt erst recht f\u00fcr den Roman. Der erste Satz kann bereits dar\u00fcber entscheiden, ob weitergelesen wird. F\u00fcr den ersten Eindruck gibt es bekanntlich keine zweite Chance. Aber vielleicht wird die Bedeutung des Einstiegs auch masslos \u00fcbersch\u00e4tzt. Schliesslich beginnen unz\u00e4hlige Geschichten ganz unspektakul\u00e4r und schlagen uns dann doch in ihren Bann.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem abwechslungsreichen Spaziergang durch die Literatur\u00adgeschichte der ersten S\u00e4tze breitet der Literatur\u00adwissen\u00adschaftler Peter-Andr\u00e9 Alt in 250 kommentierten Textbeispielen ein breites Spektrum an Erz\u00e4hlanf\u00e4ngen vor uns aus. Die handverlesene Auswahl hat durchaus repr\u00e4sentativen Charakter, denn die Beispiele \u2013 vom 8. Jh. v. Chr. bis ins Jahr 2015 \u2013 demonstrieren und dokumentieren die unterschiedlichsten Praktiken und Strategien des Anfangens. Ausser dem m\u00e4rchenhaften \u00abEs war einmal\u00bb ist da so ziemlich alles vertreten: vom antiken Musenanruf des Dichters (\u00abSage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes \u2026\u00bb) \u00fcber atmosph\u00e4rische Landschafts\u00adbeschreibungen (\u00abGrobknochig wie ein aufgebahrtes Skelett liegen die H\u00f6henz\u00fcge des Karsts zwischen der fetten friulanischen Ebene und den beginnenden Weiten des Balkan.\u00bb) bis zum turbulenten Einstieg mit Cliffhanger (\u00ab\u2039Um wiedergeboren zu werden\u203a, sang Gibril Farishta, w\u00e4hrend er vom Himmel st\u00fcrzte, \u2039musst du erst sterben.\u203a\u00bb). Mal werden Leserinnen und Leser br\u00fcsk vor den Kopf gestossen oder vor R\u00e4tsel gestellt (\u00abEin Leben beginnt gew\u00f6hnlich mit der Geburt \u2013 meins nicht.\u00bb), mal verspricht man ihnen eine wahre Geschichte (\u00abAlles das hat sich mehr oder weniger zugetragen.\u00bb) oder stellt eine grosse Offenbarung in Aussicht (\u00abIhr Menschenbr\u00fcder, lasst mich euch erz\u00e4hlen, wie es gewesen ist.\u00bb).<\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich d\u00fcrfen in dieser Sammlung auch viele der ber\u00fchmten und oft zitierten Beispiele aus der Weltliteratur nicht fehlen:<\/p>\n\n\n\n<ul style=\"background-color:#8dd2fc29\" class=\"wp-block-list has-background\">\n<li>\u00abIn der ganzen Welt gilt es als ausgemachte Wahrheit, dass ein beg\u00fcterter Junggeselle unbedingt nach einer Frau Ausschau halten muss.\u00bb<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abAlle gl\u00fccklichen Familien gleichen einander, jede ungl\u00fcckliche Familie ist ungl\u00fccklich auf ihre Art.\u00bb<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abNennt mich Ismael.\u00bb<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abLange Zeit bin ich fr\u00fch schlafen gegangen.\u00bb<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abIch bin nicht Stiller.\u00bb<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abLolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden.\u00bb<\/li>\n\n\n\n<li>\u00abZugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt.\u00bb<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Ein Anfang verspricht manchmal alles und h\u00e4lt zuweilen nichts. Dennoch h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig der Mythos der fulminanten Er\u00f6ffnung. Dabei liegt dem literarischen Anfang eine T\u00e4uschung zugrunde. Das Erz\u00e4hlen setzt willk\u00fcrlich ein. Anders als das Leben haben erz\u00e4hlte Geschichten keinen naturgegebenen Beginn. Erst die narrative Gestaltung eines Story-Geschehens bereitet aus dem Rohmaterial eine Geschichte: mit Figuren, Handlungen, Erz\u00e4hlperspektive und einer einzigartigen Dramaturgie.<\/p>\n\n\n\n<p>Was verraten uns die Romananf\u00e4nge \u00fcber die Texte und die Literaturgeschichte? Zum einen sicher, dass der Auftakt schon immer ein guter Wegbereiter und ein probates Lockmittel war, um Leserinnen und Leser \u00fcber die Schwelle ins Reich der Fiktion zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im einleitenden ersten Kapitel \u00abVon der Schwierigkeit, mit dem Erz\u00e4hlen zu beginnen\u00bb spricht der Autor gleich die wichtigsten Themen an. Der Beginn sei ein Verf\u00fchrungsversuch, heisst es etwa, und damit der wichtigste Satz des ganzen Textes. Die folgenden vierzehn Kapitel erkunden sodann \u00abGrundmuster des ersten Satzes, die sich durch die Vermittlung von Informationen, durch Modelle der Ank\u00fcndigung, des pl\u00f6tzlichen Einstiegs, des Spannungsaufbaus, der Stimmungserzeugung, des Sprechakts, der ironischen Distanzierung und der Selbstreflexion definieren\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>Alts Programm f\u00fchrt anschaulich vor Augen, dass der Auftakt je nach Habitus, Stil und Tonlage ganz Unterschiedliches ausl\u00f6st, mal Erwartungen weckt und zum Weiterlesen motiviert, ein andermal bereits im kitschig missgl\u00fcckten Anfang verr\u00e4t, dass von diesem Text nicht viel zu erwarten sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\"><em>Daniel Ammann, 27.8.2020<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Peter-Andr\u00e9 Alt<br><em>\u00abJemand musste Josef K. verleumdet haben &#8230;\u00bb: Erste S\u00e4tze der Weltliteratur und was sie uns verraten.<\/em><br>M\u00fcnchen: C.H. Beck, 2020. 262 Seiten.<br><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"129\" height=\"200\" class=\"alignnone size-full\" src=\"http:\/\/www.magoria.ch\/pictures\/alt_Erste%20Saetze_web.jpg\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\"><br><em>Akzente<\/em>&nbsp;3 (27.8.2020)<br><a title=\"\" data-rel=\"lightbox-image-bGlnaHRib3gtaW1hZ2UtMQ==\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" data-rl_title=\"\" data-rl_caption=\"\" href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dfa\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/pdf_button.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"14\" height=\"14\" data-large_image_width=\"1600\" data-large_image_height=\"1600\" class=\"alignnone size-full wp-image-421\" src=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dfa\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/pdf_button.png\" alt=\"\"><\/a>&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.magoria.ch\/texte\/Akzente_medientipps-online-2020-8-Erste-Saetze.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Download<\/a><span style=\"font-size: 12pt;\"><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Siehe auch <strong><a href=\"https:\/\/www.magoria.ch\/dfa\/alles-auf-anfang\/\">\u00abAlles auf Anfang \u2013 eine kleine Poetik der ersten S\u00e4tze\u00bb<\/a><\/strong><\/p>\n\n\n\n\n<div style=\"margin-top: 0px; margin-bottom: 0px;\" class=\"sharethis-inline-share-buttons\" ><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr den ersten Eindruck gibt es bekanntlich keine zweite Chance. 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