Wilde Jagd nach einem verlorenen Manuskript

Wilde Jagd nach einem verlorenen Manuskript

Literarische Funde machen immer wieder Schlagzeilen, und sei es nur in der Fiktion. Einmal taucht Hemingways gestohlener Koffer1 mit unbekannten Kurzgeschichten auf, ein andermal geht es um das verschollene zweite Buch von Aristoteles’ Poetik.2

Auch Markus Orths trumpft in seinem heute erscheinenden Roman Die Enthusiasten mit einer sensationellen Entdeckung auf. Ein mysteriöser Unbekannter bietet drei Laurence-Sterne-Expert:innen das zehnte Buch des Tristram Shandy an. Ist es echt? Und können die drei die erforderliche Summe in so kurzer Zeit auftreiben?

The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (1759–1767)

Für den Ich-Erzähler Vince, einen glühenden Verfechter der Theorie, dass es dieses verschollene zehnte Buch tatsächlich gibt, beginnt ein irrwitziges Abenteuer, das ihn nicht nur zu den Schmerzpunkten seiner Familiengeschichte führt, sondern weit über seine Grenzen katapultiert. Markus Orths‘ Roman ist ein erzählerischer Höllenritt in der Tradition des «Tristram Shandy» – voller Überraschungen, Abschweifungen, Sprachwitz und literarischen Anspielungen.

Mit dem Anfang hat es diesmal eine ganz besondere Bewandtnis. Warum die ersten Sätze auf Seite 365 erneut auftauchen, sei aber nicht verraten.

Daniel Ammann, 14.2.2026

  1. Thomas Hermann, «Auf der Suche nach der verlorenen Fiktion: Vier Romane über einen verschwundenen Koffer.» Neue Zürcher Zeitung, 8.7.1993. S. 21. ↩︎
  2. Umberto Eco, Der Name der Rose. Aus dem Italienischen v. Burkhart Kroeber. München: Hanser, 1983. / Jubiläumsausgabe mit Originalzeichnungen von Umberto Eco. Mit einem Nachwort von Philipp Blom. München: Hanser, 2022. ↩︎

Markus Orths
Die Enthusiasten.
Berlin: Galiani, 2026. 368 Seiten.




Lücken und Tücken des Lebens

Lücken und Tücken des Lebens

Julian Barnes hat sein letztes Buch geschrieben. Sagt er. Und schreibt er in ebendiesem Buch. Das Alter ist einer der Gründe, die Angst, sich zu wiederholen, ein anderer. Aber da schwingt auch etwas Tatkräftiges mit, eine vitale Entschlossenheit. Fortan muss er nicht mehr fürchten, mitten in der Arbeit an einem Roman unterbrochen zu werden. «So spricht man dem Tod seine Handlungsmacht ab. Wenn auch, zugegeben, in sehr bescheidenem Masse.»

Der erste Satz dieses letzten Buches leistet das, wozu erste Sätze, jedenfalls viele von ihnen, bestimmt sind. Sie locken an, stimulieren unsere Neugier, versprechen vielleicht sogar eine Sensation. Wir wollen wissen, was da abgeht, oder doch wenigstens, ob der Text am Ende hält, was er mit seinem ersten Satz verspricht. 

Hier werden aus Möglichkeiten Tatsachen. Den Anfang macht die wissenschaftliche Entdeckung eines kuriosen Phänomens. Eine Sinneserfahrung kann einen kaskadenartigen Schwall vergessener Erinnerungen auslösen. Erinnerungen, die alle diese eine Sinneserfahrung betreffen. Es könnte beim autobiografischen Schreiben hilfreich sein, mutmasst der Erzähler, um die Mutmassung gleich wieder wegzuwischen. Nein. Man will diese unwillkürlichen Erinnerungsketten gar nicht. Wenn Erinnerung unsere Identiät ausmacht, hat es vielleicht gute Gründe, woran wir uns erinnern, was wir vergessen und was wir für zuverlässige Erinnerungen halten. 

«Frage: Würden Sie wirklich alles über sich wissen wollen?»

Julian Barnes hat ein wunderfitzig abgründiges Buch über das Erinnern und die Lücken und Tücken des Lebens geschrieben. Es ist wieder ein hybrides Buch, das Fiktion, Essay, Biografie und Reflexion assoziativ verwebt. Es ist auch eine Geschichte, die – wie er sagt – Anfang und Ende, aber keine Mitte hat. Und doch ist sie da, diese Mitte. 

Daniel Ammann, 3.2.2026


Lücken und Tücken des Lebens

Julian Barnes
Abschied(e).
Aus dem Englischen von Gertraude Krueger.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2026. 238 Seiten.




Jenseits von Afrika

Jenseits von Afrika

Tania Blixen (auch Karen Blixen oder Isak Dinesen) beginnt ihr Erinnerungsbuch mit einer schlichten Feststellung: «I had a farm in Africa, at the foot of the Ngong Hills.» Das könnte der Auftakt zu einem Erfahrungsbericht sein. Es folgt jedoch keine literarische Reportage. Vielmehr erzählt der stark autobiografische Roman Out of Africa von einer verlorenen Welt. Karen Blixen war 1914 mit ihrem Mann nach Nairobi gereist, um in Britisch-Ostafrika eine Kaffeeplantage zu betreiben. Nach dem Scheitern dieses Vorhabens und dem finanziellen Ruin kehrt sie 1931 zurück nach Dänemark. Vor dem Hintergrund dieses Verlustes klingt der erste Satz eher nach Wehmut oder Nostalgie. Er kündigt einen «abgeklärten Rückblick aus zeitlicher und räumlicher Entfernung auf eine vergangene und schon im Untergang befindliche Welt an», wie Jürg Glauser im Nachwort zu einer älteren Übersetzung schreibt.

Die mittellose und gesundheitlich angeschlagene Baronin Blixen lebt wieder im Haus der Familie. Sie beginnt mit dem Schreiben und beabsichtigt, mit ihrem Erzählband Seven Gothic Tales bei einem grossen Verlag in England unterzukommen und bald ihr eigenes Geld zu verdienen.

The Dreamer: Becoming Karen Blixen. Dänemark 2022. Mini-Serie, 6 Folgen. Regie: Jeanette Nordahl. 
Verfügbar in der arte-Mediathek bis 30.11.2026.

Die Mini-Serie The Dreamer: Becoming Karen Blixen (2022) zeichnet ihren Weg aus der Misere und zum internationalen Erfolg in sechs Episoden nach. Der Untertitel ruft andere Biopics in Erinnerung, die sich, wie die englischen Titel nahelegen, ebenfalls dem Werdegang und Aufstieg berühmter Autorinnen widmen: Becoming Colette (1991), Becoming Jane (2007), Becoming Astrid (2018).

Zur typischen Heldinnenreise gehört auch in The Dreamer, dass der leidvolle Weg zum Ruhm von Hindernisse und herben Rückschlägen geprägt ist. Die Schauspielerin Connie Nielsen beeindruckt in der Rolle der eigensinnigen und kompromisslosen Kämpferin. Überzeugt von der Qualität ihrer Arbeit, setzt Karen Blixen alles daran, ihren Willen durchzusetzen. Sie lässt Beziehungen spielen und stösst ihr Umfeld durch eigennütziges Vorgehen immer wieder vor den Kopf. Das Schreiben und der geplante Erfolg haben stets Vorrang. Hier lernen wir also eine härtere und weniger sympathische Autorin kennen als in Sydney Pollacks opulentem Out of Africa (1985) mit Meryl Streep in der Hauptrolle.

Out of Africa. (Jenseits von Afrika.) USA 1985. Regie: Sydney Pollack.

Am Ende schlägt man sich in The Dreamer dennoch auf die Seite der Autorin, bewundert ihr Genie, ihre Unbestechlichkeit und Zielstrebigkeit. Immerhin hat sie mit ihren Erzählungen Literaturgeschichte geschrieben. Das weckt die Lust, den 1938 unter dem Pseudonym Isak Dinesen erschienen Roman Out of Africa zu lesen und neu zu entdecken. Dafür sind Biopics über Schrift­steller:innen schliesslich auch da – ob die Ausnahme­talente nun Austen, Colette oder Blixen heissen.

Daniel Ammann, 17.1.2026

«Blixens Afrikaroman ist längst zu einem Klassiker des 20. Jahrhunderts geworden, sein viel zitierter Beginn Ausweis für ihre faktenorientierte und unprätentiöse Erzählweise. Er ist ein Buch des Abschieds, ein Buch, aus dem man sterben lernen kann – und lieben.» – Denis Scheck


Tania Blixen
Jenseits von Afrika: Memoiren.
Aus dem Dänischen von Gisela Perlet.
Mit Nachwort von Ulrike Draesner.
München: Penguin, 2021. 688 Seiten.




Phonetischer Boxkampf

Phonetischer Boxkampf

Kennen Sie den «Sparing Partner»? – Ja, Sie haben richtig gelesen und sprechen das [ˈspɛːrɪŋ] aus. Das ist jemand, der oder die schonend (engl. sparingly) mit einem umgeht, sparsam mit Kritik – uns mit Samt-, nicht Boxhandschuhen anfasst.
Also nicht zu verwechseln mit dem Sparring­partner – sprich [‚ʃparɪŋ] –, auf den ich beim Boxtraining (= Sparring) übungshalber eindresche, um zu prüfen, ob meine Schläge sitzen.

Phonetischer Boxkampf

Keine Angst, Sparring­partner:innen nehmen dabei keinen Schaden, sie fangen die Hiebe mit Hand­pratze und Schlag­brett ab.

Ein kleines Phonem macht eben einen gewaltigen Unterschied. Ich höre schon Ihr Klagen: «Spare me the details». Aber Aussprache gehört auch zum guten Ton, oder? Also bleib ich sperrig und sparrig. So eine Sprach­glosse ist schliess­lich kein linguistischer Schongang. Da wird mit Kritik nicht gespart. Da schlägt man den Nägeln die Köpfe ein.

Bereit für die nächste Runde?

Daniel Ammann, 12.1.2026

Der Pluri-Plural

Der Pluri-Plural

Zum Jahresausklang und für die guten Vorsätze wieder mal eine kleine Sprachglosse.
Kennen Sie den Pluri-Plural? Falls nicht, kommen Ihnen die folgenden Beispiele sicher bekannt vor.

Wahrscheinlich hat sich jemand gedacht, wenn das Adjektiv schon einen Komparativ und einen Superlativ kennt, sollte sich auch ein Substantiv doppelt steigern und mehren lassen. Sogar in der Tagesschau war letzthin von «Graffitis» die Rede. Das muss dann wohl der Pluri-Plural zur einfachen Mehrzahl sein – denn ein Graffito oder zwei Graffiti kommen selten allein.

Im Alltag wimmelt es von solchen Super-Mehrzahlen: Visum – Visa – Visas. Antibiotikum – Antibiotika – Antibiotikas (Letztere müssen besonders gut wirken). Auch von einem Spaghetto wird man kaum satt. Mit Pastas (oder Pasten?) kenn ich mich aus. Da reicht ein einziges Praktikum in der Gastronomie nicht weit. Erst nach drei Praktikas schafft man es, mehrere Teller Spaghettis auf einem Arm zu servieren.

Natürlich nehm ich Sie ein bisschen auf den Arm, Sie Ärmste:r. Aber keine Sorge. Einige Pluri-Plurale haben bereits Eingang in die Umgangssprache gefunden.
Im Zweifelsfall kann man ja nachschlagen. Lexikas gibt es ja en masse. Im Duden steht zum Beispiel, die Form Graffiti könne sowohl für den Singular als auch den Plural verwendet werden, aber auch im geschriebenen Standard finde sich manchmal «Graffitis».

Daniel Ammann, 29.12.2025

Jenny Valentine: Zwei Seiten eines Augenblicks

Jenny Valentine: Zwei Seiten eines Augenblicks

Es ist Freundschaft auf den ersten Blick. Auf einem Sommerausflug mit ihrer Familie verirrt sich die elfjährige Elk in einem Heckenlabyrinth und wird von der furchtlosen Mab gerettet. Im Herbst finden sich die beiden unverhofft in der gleichen Klasse wieder und sind fortan unzertrenntlich. Das ist das Davor, an das sich Elk fünf Jahre später erinnert. Ihre demenzkranke Oma, zu der sie ein besonders inniges Verhältnis hatte und die sie mit dem Firmament und Quantenphysik bekannt machte, ist inzwischen gestorben. Auf Drängen der Eltern beginnt Elk eine Gesprächstherapie. Halt findet sie bei Mab und deren Bruder, zu dem sie sich mehr und mehr hingezogen fühlt.

Dann reisst etwas ihre Welt endgültig entzwei. Auf dem Heimweg nach einer Party kommt es zu einem tödlichen Unfall mit Fahrerflucht. Davor und Danach liegen nur einen Wimpernschlag auseinander, aber der verhängnisvolle Augenblick weitet sich zur unüberwindlichen Kluft. Bruchstückhaft kehren die Erinnerungen zurück. Elk erzählt, mit ihrer Freundin als geisterhafte Erscheinung an ihrer Seite.

Jenny Valentine macht es ihren Figuren und uns Leser:innen nicht einfach. Aber bis zum unvorhersehbaren Ende gelingt es ihr auf wundersame Weise, der Schwere von Verlust und Trauer etwas entgegenzusetzen. So handelt die Geschichte nicht nur von der Unerbittlichkeit des Todes, sondern mehr noch davon, wie intensive Begegnungen und gemeinsame Erfahrungen unser Leben prägen und bereichern. Die Autorin und ihr Übersetzer Klaus Fritz finden hierfür den passenden Ton und schaffen mit einer pulsierenden Sprache, eindrucksvollen Bildern und feinem Humor eine Brücke zwischen Glück und Kummer.

Daniel Ammann, 27.11.2025


Buch & Maus 3 (2025): S. 40.
sikjm.ch/rezensionen

Jenny Valentine
Zwei Seiten eines Augenblicks.
Aus dem Englischen von Klaus Fritz.
München: dtv, 2025. 185 Seiten. Lesealter ab 14.

Jenny Valentine: Zwei Seiten eines Augenblicks
Magoria by Daniel Ammann