Abheben und davonfliegen

Toni Morrison beginnt ihren 1977 in den USA erschienenen Roman Song of Solomon mit einer nüchternen Ankündigung, deren Tragweite nicht auf Anhieb erkennbar ist.

Schon die folgenden Sätze setzen uns genauer ins Bild. Zwei Tage zuvor, heisst es, habe der Versicherungsmakler Robert Smith in einer Notiz an seiner Tür mitgeteilt, er werde am 18. Februar 1931 «abheben und auf eigenen Flügeln davonfliegen». Durch den zeithistorischen Kontext steigt der Nachrichtenwert der Mitteilung ruckartig an. Zudem lässt uns die ominöse Zusatzbotschaft – «Bitte vergebt mir. Ich habe euch alle geliebt» – über den Ausgang des waghalsigen Unterfangens im Ungewissen. Das erzeugt zusätzliche Spannung. Bei dem angekündigten Ereignis handelt es sich also um eine kleine Sensation. Allerdings lockt dieses, wie wir sogleich erfahren, «keine so grosse Menschenmenge an wie Charles Lindbergh vier Jahre vor ihm – es kamen kaum mehr als vierzig, fünfzig Personen». 

Die Geschichte fängt mit einer nüchternen Feststellung an. Aber jeder weitere Satz verändert unseren Blick auf die vorangehenden Worte und lässt uns Leser:innen nicht von der Angel.  Diese Wirkung ist durchaus beabsichtigt. Toni Morrison, die 1993 als erste Schwarze Autorin den Literaturnobelpreis erhielt, hat zu ihrem Roman ein Vorwort verfasst, in dem sie uns Einblick in ihre Arbeitsweise gewährt und – eine seltenes Glück – etwas über die Bedeutung ihres denkwürdigen Eröffnungssatzes verrät:

«Dieser Aussagesatz ist dazu gedacht, einen journalistischen Stil zu persiflieren. Leicht verändert könnte er auch als erster Satz eines Artikels in der Tageszeitung einer Kleinstadt durchgehen. Er kommt im Ton eines alltäglichen Vorfalls von geringer lokaler Relevanz daher, gleichzeitig soll er aber entscheidende Hinweise und wichtige Informationen enthalten.»

Einmal mehr zeigt sich: Auch vermeintlich unspektakuläre Romananfänge haben es in sich, denn nicht selten erschliesst sich deren Kunstfertigkeit erst nach und nach. 

Daniel Ammann, 15.5.2026


Anlass meiner Kurzbetrachtung ist die aktuelle Neuübersetzung des Romans von Tanja Handels (Erscheinungsdatum: 15.5.2026).  In der ersten deutschen Ausgabe in der Übertragung von Angela Praesent (Rowohlt 1979) lautete der erste Satz: «Der Vertreter der Genossenschaftlichen Lebensversicherung von North Carolina versprach, pünktlich um drei vom Mercy ans andere Ufer des Lake Superior zu fliegen.»

Toni Morrison
Solomons Lied.
Aus dem Englischen von Tanja Handels.
Mit einem Nachwort von Mithu Sanyal.
Hamburg: Rowohlt, 2026.

 

Blumen für Mrs. Dalloway

Blumen für Mrs. Dalloway

Vor zehn Jahren habe ich mich für einen Tagungsbeitrag intensiv mit Virginia Woolfs Roman Mrs. Dalloway und intertextuellen Bezügen befasst. Schon anhand des berühmten Romananfangs lässt sich einiges zeigen.

Blumen für Mrs. Dalloway

Woolfs Eröffnungssatz ist gewissermassen selbst schon ein Zwillingsanfang, denn die Autorin variiert darin den ersten Satz ihrer früheren Erzählung «Mrs Dalloway in der Bond Street» aus der der Sammlung Mrs Dalloways Party. Dort ist allerdings noch nicht von Blumen die Rede:

Michael Cunninghams The Hours (1998; dt. Die Stunden) knüpft mehr als siebzig Jahre später an Mrs. Dalloway an. Sein vielschichtiger Roman wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und mit prominenter Besetzung (Nicole Kidman, Meryl Streep, Julianne Moore) erfolgreich fürs Kino adaptiert.

Cunningham erzählt parallel drei Geschichten und stellt in jeder Plotline eine Frauenfigur in den Mittelpunkt: eine fiktionalisierte Version von Virginia Woolf, die 1923 ihren neuen Roman beginnt und den denkwürdigen ersten Satz findet; eine unglücklich Hausfrau und Mutter aus Los Angeles, die 1949 (im Film 1951) Virginia Woolfs Mrs. Dalloway liest und sich ihren Flucht- und Selbstmordgedanken stellt; und schliesslich eine Reinkarnation der perfekten Gastgeberin aus Woolfs Roman, die am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts eine Party für ihren besten Freund, den aidskranken Schriftsteller Richard, vorbereitet. Er ist es auch, der ihr den Spitznamen «Mrs. Dalloway» verpasst hat.

Der berühmte Anfangssatz und seine Varianten in «The Hours» (USA 2002. Regie: Stephen Daldry. Drehbuch: David Hare.)

Wenn wir die beiden Zwillingsanfänge vergleichen, fallen ein paar Dinge auf. Virginia Woolf nennt gleich zu Beginn die Protagonistin, die jemandem (dem Dienstmädchen Lucy, wie der folgende Absatz zeigt) in indirekter Rede mitteilt, dass sie sich selbst um die Blumen kümmern wird. Offenbar sind Vorbereitungen im Gange und die Hausherrin und Gastgeberin gibt Anweisungen.
Anders bei Cunningham. In der schlichten Passivkonstruktion geht es sofort um die Blumen. Romanpersonal ist noch keines in Sicht. Ebenso bleibt die Erzählperspektive offen. Es könnte sich um eine auktoriale Feststellung oder die Gedankenrede einer Figur handeln. Erst der zweite Satz – «Clarissa gibt sich gereizt (obgleich sie solche Aufgaben liebt), lässt Sally das Badezimmer putzen, verspricht, in einer halben Stunde zurück zu sein, und stürmt hinaus.» – führt die zwei Frauen ein, von denen wir später erfahren, dass es sich um ein lesbisches Paar handelt. Cunningham bleibt zwar mit seiner Eröffnung nah an der Vorlage, schlägt aber einen anderen, unpersönlicheren Ton an.
Streng genommen handelt es sich gar nicht um den Anfang des Romans, denn Cunningham schickt seinem mit «Mrs. Dalloway» betitelten Kapitel einen mehrseitigen Prolog voraus, in dem Virginia Woolfs Suizid geschildert wird.

Als Leser:innen werden wir also früh auf Anlehnungen und intertextuelle Bezüge des Romans eingestimmt (Mrs. Dalloway, Blumen, Clarissa). Einen weiteren Hinweis liefert Cunninghams Romantitel, denn Woolfs Arbeitstitel für Mrs. Dalloway lautete ebenfalls «The Hours».

Ein Zwilling kommt selten allein

Fast zeitgleich mit Cunninghams Roman erschien eine weitere Hommage an Woolfs modernistisches Meisterwerk: Robin Lippincotts Mr. Dallway: A Novella. Die Handlung seiner Geschichte setzt vier Jahre nach Woolfs Roman ein und rückt Clarissas Ehemann Richard ins Zentrum, wie bereits der erste Satz deutlich macht:

In seiner Nachdichtung und Fortsetzung greift auch Lippincott zahlreiche Motive der Vorlage auf, spielt variantenreich mit Bezügen und vollzieht darüber hinaus einen erzählerischen Perspektivenwechsel. Aus Anlass ihres 30. Hochzeitstages organisiert Mr. Dalloway für seine Frau eine Party und als Höhepunkt und Überraschung fährt die Gesellschaft mit dem Zug Richtung Norden, um der totalen Sonnenfinsternis beizuwohnen. Unter die Gäste mischt sich hier auch der 45-jährige Robbie, zu dem Richard Dalloway eine heimliche Beziehung unterhält.

Daniel Ammann, 4.5.2026


Virginia Woolf.
Mrs Dalloways Party. Stories.
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Hans-Christian Oeser.
Zürich: Dörlemann, 2025. 96 Seiten.

Virginia Woolf
Mrs. Dalloway. A Novel. Englische Ausgabe.
Mit einem deutschsprachigen Nachwort von Anne Sauer.
Ditzingen: Reclam, 2026. 238 Seiten.

Virginia Woolf
Mrs. Dalloway.
Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz.
München: Manesse, 2022. 400 Seiten.

Michael Cunningham
Die Stunden.
Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt.
München: btb, 2001. 222 Seiten.

Robin Lippincott
Mr. Dalloway. A Novella.
Louisville, KY: Sarabande Books, 1999. 220 Seiten.

 

Schreiben auf Kurs

Schreiben auf Kurs

Schreiben auf Kurs ist ein handlungsorientierter Ratgeber zum Verfassen von Bachelor- und Masterarbeiten. Die Autoren richten den Fokus auf das Schreibprodukt und bieten eine modulare Anleitung für den gesamten Arbeitsprozess. Für jeden der zentralen Teile einer wissenschaftlichen Arbeit (Abstract, Fragestellung, Einleitung, Theorie, Methoden, Ergebniskapitel und Diskussion) werden Aufbau, Inhalte und sprachliche Gestaltung erläutert und durch Mustertexte veranschaulicht.
Das Buch enthält zudem allgemeine Lese- und Schreibstrategien sowie praktische Arbeitstechniken zur Unterstützung der Studierenden beim Planen und Umsetzen ihrer Arbeit. Dazu gehören auch Skizzen und Hilfsdokumente, die als Vorarbeiten den Prozess unterstützen und illustrieren (z.B. thematische Auslegeordnung, Synopsen, Projektskizze oder Zeitplan).

Alex Rickert, David Romero und Daniel Ammann
Schreiben auf Kurs: Mustertexte und Strategien für Bachelor- und Masterarbeiten.
Bern: hep, 2026. 83 Seiten. Open Access.
ISBN Print: 978-3-0355-2945-6;
ISBN PDF: 978-3-0355-3104-6

Kostenloser Download unter hep-verlag.ch/schreiben-auf-kurs bzw. doi.org/10.36933/9783035529456.

Tolstoi und Nabokov über Glück und Unglück

Tolstoi und Nabokov über Glück und Unglück

Wenn Bücher exakt gleich anfangen, müssen sie nicht gleich weiterfahren. Daran sieht man schon mal, dass sich – wie mitunter behauptet – nicht alles zwangsläufig aus dem ersten Satz ergibt. Ich weiss, wovon ich spreche. Bei einem Schreibwettbewerb bestand einmal die Aufgabe darin, die eigene Geschichte mit einem vorgegebenen Anfangssatz aus einem bestehenden Roman zu beginnen.

Mag sein, dass der Kern einer Geschichte im ersten Satz bereits angelegt ist1, aber es braucht dann die Erzählung, um diesen Kern freizulegen.

Tolstoi und Nabokov über Glück und Unglück

Bei Nabokovs Zwillingsanfang liegen die Dinge etwas anders. Der Autor verneigt sich vor einem grossen Vorbild, aber, wie er in in den Anmerkungen erläutert, geht es ihm in erster Linie darum, «Fehlübersetzungen russischer Klassiker lächerlich» zu machen: «Der Anfangssatz von Tolstojs Roman wird von innen nach aussen gewendet, und der Vatersname von Anna Arkadjewna erhält eine absurde masku­line Endung, während ihrem Nachnamen zu Unrecht eine feminine Endung angehängt wird.»

Nabokov prangert mit seinem Falschzitat also Verstümmelungen an, «denen grosse Texte durch anmassende und unwissende Übersetzer unterworfen sind». Damit nicht genug. Nabokov nutzt einen der berühmtesten ersten Sätze der Literaturgeschichte, um sich sodann zu distanzieren und inhaltlich umzuschwenken: «Jener Ausspruch hat wenig oder nichts mit der Geschichte zu tun, die hier ausgebreitet werden soll, einer Familienchronik, deren erster Teil eher einem anderen Werk Tolstojs nahesteht, Detstwo i Otrotschestwo (Kindheit und Heimat, Pontius-Presse, 1858).»

So habe ich es damals auch getan.2 Der erste Satz legt uns zwar fest. Aber schon im nächsten Satz kann man sich völlig davon befreien und einen neuen Weg einschlagen. Schliesslich stehen uns – trotz Nachahmung – alle dichterischen Freiheiten zur Verfügung.
In Workshops und Weiterbildungen zum literarisch Schreiben war ich immer wieder verblüfft, was kreative Schreiber:innen aus einem ersten Satz herauszuholen verögen und wie sie schon nach wenigen Sätzen ihrer eigenen Stimme auf die Spur kommen.

Ich lade Sie ein, Tolstois Romananfang oder einen beliebigen ersten Satz zu nehmen und auf eigene Faust weiterzuschreiben. Jeder Anfang ist ein narrativer Urknall. Das Erzähluniversum nimmt von Satz zu Satz Gestalt an, und schon im nächsten Absatz kann neues Leben entstehen.


P.S.

Und wie geht man nun beim Übersetzen vor? Zum einen gilt es die Anklänge an Tolstois Eröffnungssatz zu erhalten, indem man sich an einer eingängigen deutschen Ausgabe der Anna Karenina orientiert. Zum anderen soll die Nabokov’sche Version im Deutschen eine parodistisch verkorkste Tolstoi-Übersetzung imitieren. Letzteres kommt in der deutschen Übersetzung durch inhaltliche Vertauschung (ähnlich wird zu unähnlich) und stilistisch durch einförmige Doppelungen zum Ausdruck: Alle …, alle … oder die Wiederholung der banalisierenden Floskel mehr oder weniger.

 Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art.
(Anna Karenina. Aus dem Russischen von Hermann Asemissen, 1956)
 «Alle glücklichen Familien unterscheiden sich mehr oder weniger; alle unglücklichen ähneln sich mehr oder weniger» …
(Ada oder Das Verlangen. Aus dem Amerikanischen von Uwe Friesel u. Marianne Therstappen, 1974)

Tolstoi beziehungsweise seine deutschen Übersetzer:innen arbeiten ebenfalls mit Wiederholungen, gehen aber subtiler vor, indem sie dadurch die gewichtigen Begriffe (Familie, unglücklich) akzentuieren und gleichzeitig auf Kontraste setzen: Alle glücklichen versus jede unglückliche; einander ähnlich bzw. gleichen einander versus sind auf ihre Weise (anders) .

Daniel Ammann, 12.4.2026

  1. Vgl. Urs Widmer in seiner Grazer Poetikvorlesung Die sechste Puppe im Bauch der fünften Puppe im Bauch der vierten: «Denn der erste Satz ist, anders als alle, die ihm folgen, das Samenkorn der ganzen Geschichte, die der Schreibende, ihn notierend, eher spürt als kennt. Der erste Satz bestimmt oder enthält die Länge des ganzen Buchs, sein Tempo, seine Affektlage» (1995, 158–159). ↩︎
  2. «Unter der Tür schimmert Licht durch. Gül zögert und horcht.» 
    Selim Özdoğan, Wo noch Licht brennt (Innsbruck: Haymon Verlag, 2017)
    «Unter der Tür schimmert Licht durch. Herr Ibis sitzt hinter seinem Schreibtisch und starrt auf das gelbe Dokument, das wie ein erlegtes Tier zwischen Aktenbündeln vor ihm liegt.»
    Daniel Ammann, «Herr Ibis.» (Der weisse Schatten und andere Geschichten. St. Gallen: Magoria, 2018.)
    ↩︎

Literatur

Tolstoi, Lew. Anna Karenina. Roman in acht Teilen. Übersetzt und kommentiert von Rosemarie Tietze. München: Hanser, 2009.

Tolstoi, Lew. Anna Karenina. Aus dem Russischen von Hermann Asemissen [1956]. Berlin: Aufbau, 2010.

Nabokov, Vladimir. Ada oder Das Verlangen: Eine Familienchronik. Aus dem Englischen von Uwe Friesel und Dieter E. Zimmer. Gesammelte Werke Bd. 11. Überarbeitete Neuausgabe September 2010.

Nabokov, Vladimir. Ada oder Das Verlangen: Aus den Annalen einer Familie. Deutsch von Uwe Friesel und Marianne Therstappen. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1974.

Kreativer Irrtum

Kreativer Irrtum

Es ist einfach und auch etwas billig, KI-Tools anhand offensichtlicher Fehler ins Lächerliche zu ziehen. Darum geht es mir in diesem Beitrag nicht. Es ist nur eine Spielerei mit einem Schuss Realsatire. Wenn ich ChatGPT, Gemini, Copilot oder Poe befrage, weiss ich ja, dass ich es nicht mit einer sachkundigen und verantwortungs­bewussten Person zu tun habe. Noch ist es ein Glücksspiel, aber vielleicht lernt die KI ja schneller als der Homo sapiens. Schliesslich hat die Menschheit dreihundert­tausend Jahre gebraucht, um Schreibmaschine, Internet und kontaktloses Bezahlung zu erfinden. Aber wie man friedlich zusammenlebt und den Planeten sauber hält, hat sie offensichtlich noch nicht begriffen. Dies vorweg. 

Ich sammle bekanntlich erste Sätze, die ich im Rahmen meiner #PoetikDesAnfangs auch nach Funktion, Themen oder Motiven sortiere. Eine der Kategorien betrifft Ereignisse oder Zufälle, die gleich zu Beginn die Handlung anstossen und unsere Neugier wecken. Das kann zum Beispiel in Form eines Telefonanruf geschehen. Da ich dazu bereits einige Beispiele1 beisammen hatte, wollte ich einfach mal schauen, ob die belesene KI mit ihrem exorbitanten Fundus extrahierter Texte mir noch weitere Beispiele liefern kann.

Mein Prompt war denkbar einfach. Ich suchte nach ersten Sätzen aus Romanen, in denen das Telefon läutet. Das könnte man zwar falsch verstehen, fall man den Relativsatz «in denen das Telefon läutet» auf «Romane» statt auf «erste Sätze» bezieht. Die Antworten zeigten jedoch, dass ich nicht nachjustieren musste.  

«Hier sind einige Beispiele für Romananfänge, in denen ein Telefongespräch entweder direkt stattfindet oder das Telefonieren eine zentrale Rolle spielt.»

«Hier sind einige moderne deutschsprachige Romane, in denen ein Telefongespräch im ersten Satz oder sehr früh eine zentrale Rolle spielt.»

«Hier sind einige berühmte erste Sätze aus Romanen, in denen das Telefon klingelt oder eine telefonische Handlung direkt ins Geschehen einführt.»

Verblüfft haben mich dann allerdings die in Aussicht gestellten Beispiele. Aufgeführt werden unter anderem Romananfänge von Raymond Chandler, William Gaddis, Jeffery Deaver, Peter Handke, Martin Suter, Wolf Haas, Ingrid Noll, Stephen King, Ian McEwan, John LeCarré, Michael Ende, Franz Kafka …

Super, aber leider Fehlanzeige. Die wörtlich zitierten ersten Sätze kommen in den jeweiligen Romanen meist gar nicht vor, weder am Anfang noch später im Text. Manchmal wird sogar im ganze Roman kein einziges Mal telefoniert. 

Bei Patricia Highsmiths Der talentierte Mr. Ripley wird behauptet, der erste Satz laute: «Tom Ripley war gerade dabei, sich aus dem Staub zu machen, als der Mann ihn ansprach.» Keine Rede von Telefonanruf – und nicht einmal der erste Satz, denn der Roman beginnt (in der Übersetzung von Melanie Walz) mit den Worten: «Tom blickte zurück; er sah den Mann aus dem Green Cage treten und eilig ausschreiten. Tom ging schneller. Der Mann folgte ihm, so viel stand fest.» In Kapitel 17 läutet schliesslich doch noch das Telefon: «Tom nahm den Hörer ab und sagte mürrisch: ‹Pronto.›» 

Im KI-Kommentar zu Arundhati Roys Roman Der Gott der kleinen Dinge heisst es zwar vielversprechend: «Der erste Satz beschreibt, wie das Telefon in einem entscheidenden Moment läutet und die Handlung in Gang setzt.» Der hätte also hervorragend in meine Sammlung gepasst. Die ersten Sätze (in der Übersetzung von Anette Grube) lauten allerdings: «Der Mai in Ayemenem ist ein heisser, brütender Monat. Die Tage sind lang und feucht. Der Fluss schrumpft, und schwarze Krähen laben sich an leuchtenden Mangos in reglosen, staub-grünen Bäumen.» Auf Seite 137 läuten die Kirchenglocken und Seite 145 werden «Türklingeln und Schlittenglocken» erwähnt, aber auf einen Telefonanruf wartet man umsonst. 

Falsch verbunden?

Fazit: Abgesehen von einem Unterhaltungsroman, der mehrheitlich aus Telefondialogen besteht (also kein Anruf, der die Handlung in eine bestimmte Richtung lenkt), findet sich unter 17 KI-Vorschlägen nur ein einziger brauchbarer Treffer. Haruki Murakamis Mister Aufziehvogel beginnt (in der Übersetzung von Giovanni Bandini und Ditte Bandini) wie folgt:

Kreativer Irrtum

Wenigstens hat sich die Mühe gelohnt. 

Daniel Ammann, 1.3.2026


  1. Siehe den Beitrag «Es läutet …» ↩︎

 

Wilde Jagd nach einem verlorenen Manuskript

Wilde Jagd nach einem verlorenen Manuskript

Literarische Funde machen immer wieder Schlagzeilen, und sei es nur in der Fiktion. Einmal taucht Hemingways gestohlener Koffer1 mit unbekannten Kurzgeschichten auf, ein andermal geht es um das verschollene zweite Buch von Aristoteles’ Poetik.2

Auch Markus Orths trumpft in seinem heute erscheinenden Roman Die Enthusiasten mit einer sensationellen Entdeckung auf. Ein mysteriöser Unbekannter bietet drei Laurence-Sterne-Expert:innen das zehnte Buch des Tristram Shandy an. Ist es echt? Und können die drei die erforderliche Summe in so kurzer Zeit auftreiben?

The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman (1759–1767)

Für den Ich-Erzähler Vince, einen glühenden Verfechter der Theorie, dass es dieses verschollene zehnte Buch tatsächlich gibt, beginnt ein irrwitziges Abenteuer, das ihn nicht nur zu den Schmerzpunkten seiner Familiengeschichte führt, sondern weit über seine Grenzen katapultiert. Markus Orths’ Roman ist ein erzählerischer Höllenritt in der Tradition des Tristram Shandy – voller Überraschungen, Abschweifungen, Sprachwitz und literarischen Anspielungen.

Mit dem Anfang hat es diesmal eine ganz besondere Bewandtnis. Warum die ersten Sätze auf Seite 365 erneut auftauchen, sei aber nicht verraten.

Daniel Ammann, 14.2.2026

  1. Thomas Hermann, «Auf der Suche nach der verlorenen Fiktion: Vier Romane über einen verschwundenen Koffer.» Neue Zürcher Zeitung, 8.7.1993. S. 21. ↩︎
  2. Umberto Eco, Der Name der Rose. Aus dem Italienischen v. Burkhart Kroeber. München: Hanser, 1983. / Jubiläumsausgabe mit Originalzeichnungen von Umberto Eco. Mit einem Nachwort von Philipp Blom. München: Hanser, 2022. ↩︎

Markus Orths
Die Enthusiasten.
Berlin: Galiani, 2026. 368 Seiten.




Magoria by Daniel Ammann