Was ist Wahrheit?

Wahrheit ist ein arg strapazierter Begriff. Das ist nichts Neues, denn die Menschheitsgeschichte führt uns seit Tausenden von Jahren vor Augen, wie Wahrheiten verzerrt, verleugnet und immer wieder von den Mächtigen für sich beansprucht wurden, um eigene Interessen durchzusetzen. Wie der Podcaster in der Netflix-Serie Bodkin vermutet, tritt Wahrheit gleich den sichtbaren Spektralfarben eines Prismas vermutlich nur bruchstückhaft zutage und entzieht sich als Ganzes letztlich unserer Erkenntnis. 

Wenn ein Buch mit der Frage «Was ist Wahrheit?» beginnt, dürfe also klar sein, dass gegen Ende keine abschliessende Antwort zu erwarten ist. Werner Herzog, Regisseur und Buchautor, schöpft in seinem Essay aus eigener Erfahrung. Er lässt in Exkursen Autobiografisches und Anekdotischen einfliessen und umrundet seinen Gegenstand in elliptischen Bewegungen.
Im Blick durchs Kaleidoskop fügen sich die bunten Wirklichkeitsscherben stets neu zu vermeintlichen Gewissheiten zusammen. Das Streben nach Wahrheit bleibt für Herzog «eine immerwährende Bemühung, sich ihr anzunähern». Die Suche nach Erkenntnis und neuen Perspektiven lohnt sich dennoch, selbst wenn wir die schwelende Wahrheit hinter den leblosen Fakten nie ganz zu fassen kriegen.

Daniel Ammann, 12.10.2024


Werner Herzog
Die Zukunft der Wahrheit.
München: Hanser, 2024. 112 Seiten.

Tierisches Kuriositätenkabinett

Bestiaire Helvétique von Marcel Barelli entfaltet einen eigenwilligen Katalog in der Schweiz lebender, zum Teil bedrohter oder bereits ausgestorbener Tierarten. Das erste Buch des in Genf lebenden Zeichners und Trickfilmers versteht sich als vehementes Plädoyer für die Erhaltung von Lebensräumen und Biodiversität. So endet der grafische Bilderbogen denn auch pointiert mit der Abbildung eines menschlichen Schädels und erinnert daran, dass der Überflieger der Evolution für das Verschwinden zahlreicher Arten und Ökosysteme mitverantwortlich ist. 

Gleichzeitig überrascht es, mit welcher Leichtigkeit, gestalterischen Spielfreude und hintergründigem Witz der Autor sein Bestiarium präsentiert und das Spektrum an Stilmitteln vom Cartoon bis zu kunstgeschichtlichen Bezügen ausschöpft. Die mal emblematischen, mal enigmatischen Schwarz-Weiss-Zeichnungen werden auf jeder Seite durch informative oder anekdotische Kurztexte ergänzt. 

Das karikaturistische Kuriositätenkabinett im quadratischen Grossformat regt zu Erkundungen und Entdeckungen und immer wieder zum Schmunzeln und zum Nachdenken an. Etwa wenn die praktisch verschwundenen Exemplare des Rothuhns silhouettenhaft aufgereiht werden und in der Mitte eine weisse Fläche in Form der Schweizer Karte ausgespart bleibt, die Darstellung einer Blindschleiche mit den Worten «Ceci n’est pas un serpent» kommentiert wird oder ein Browserfenster verkündet: «404 Error. Fish not found.»

Der ausgefallene und originelle Sachbuch-Wälzer über 413 frei lebende Wirbeltiere hat es 2021 auf die Shortlist des Schweizer Kinder- und Jugenbuchpreises  geschafft. 

Daniel Ammann, 27.5.2021


Marcel Barelli
Bestiarium Helveticum.
Bern: hep Verlag, 2021. 432 Seiten.

Jenseits des Selbst

Worüber unterhalten sich ein Hirnforscher und ein buddhistischer Mönch? Natürlich über Bewusstsein, Mitgefühl, Wahrnehmung und das Wesen der Wirklichkeit. Der Neuro­wissenschaftler Wolf Singer erweist sich als neugierig und offen für nicht­materialis­tische Zugänge. Sein Gesprächspartner Matthieu Ricard war Molekularbiologe in Paris, lebt aber seit 40 Jahren im Himalaya und hat Bücher über Glück, Nächsten­liebe und Weisheit verfasst. Ihr trans­disziplinärer Austausch bietet eine bewusstseins­erweiternde Mischung aus Philosophie und Natur­wissenschaft – und schlägt eine Brücke zwischen Kontemplation und Kognition. Der menschliche Geist hat heute Konjunktur. Meditation und Achtsamkeits­praxis sind im Alltag und selbst in der Schule angekommen. Der Dialog zweier inspirierter Köpfe stösst neue Pforten auf und erhellt alte Fragen über Liebe, Verantwortung, Wissen und den freien Willen.

Daniel Ammann, 23.5.2017

«Denken über den Geist.»
Akzente 2 (2017): S. 39.
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Wolf Singer und Matthieu Ricard 
Jenseits des Selbst. Dialoge zwischen einem Hirnforscher und einem buddhistischen Mönch. 
Aus dem Englischen von Friederike Moldenhauer, Susanne Warmuth und Wolf Singer.
Berlin: Suhrkamp, 2017. 351 Seiten. .

Lesen Sie wohl!

Da dies die letzten Medientipps für Akzente sind, gibt es zum Abschied Hinweise auf Bücher mit weiteren Lektüretipps. Die kann man lesen, um herauszufinden, was sich zu lesen lohnt. Die neue ZEIT-Bibliothek der Weltliteratur (Suhrkamp, 2024) legt gleich vor und empfiehlt «100 Bücher, 100 Lebensgefährten». Die Tipps sind nach thematischen Fragen gruppiert, z. B. «Wer begleitet mich durch die Nacht?», «Wer tröstet mich, wenn ich traurig bin?» oder – ein Dauerbrenner – «Wer bin ich?». Viele der Besprechungen stammen übrigens von namhaften Schriftsteller:innen, die man dann ebenfalls auf die Leseliste setzen kann. Für die nächsten Jahre ist also gut vorgesorgt.
Hilfreich bei der Lektürewahl sind mitunter sogar schonungslose Verrisse. In seiner Bestsellerbibel (Piper, 2024) präsentiert der Literaturkritiker Denis Scheck deshalb «Schätze und Schund aus 20 Jahren». Da dürfen «Die Zehn Gebote des Lesens» nicht fehlen, und in 21 pointierten Essays erfährt man, warum die meistverkauften Bücher nicht die besten sind und wozu Literatur überhaupt taugt, ob Bücher Leben retten oder uns zu besseren Menschen machen.
Autorinnen und Autoren produzieren aber nicht nur reichhaltigen Lesestoff. Wie der von Mara Delius und Marc Reichwein heraus­gege­bene Band 111 Action­szenen der Weltliteratur (Aufbau, 2024) auf unterhaltsame Weise demonstriert, liefern auch ihre Lebens­geschichten dramatische Episoden und heitere Anekdoten, die es zu erzählen lohnt.

Daniel Ammann, 26.2.2025

«Lesen Sie wohl!»
Akzente 1 (2025): S. 35.
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Literaturangaben

Zeitverlag Gerd Bucerius, Hrsg.
Die neue ZEIT-Bibliothek der Weltliteratur.
«100 Bücher, 100 Lebensgefährten»
Berlin: Suhrkamp, 2024. 462 Seiten.

Denis Scheck
Schecks Bestsellerbibel.
Schätze und Schund aus 20 Jahren.
München: Piper, 2024. 432 Seiten.

Mara Delius und Marc Reichwein, Hrsg.
111 Actionszenen der Weltliteratur.
Mit 11 Illustrationen von Paul Fretter.
Berlin: Aufbau Verlag, 2024. 384 Seiten.

Immerwährende Freundschaft

Immerwährende Freundschaft

Das Wort Freundschaft schreibt sich mit F, aber viele ihrer Attribute beginnen – wie das mittelhochdeutsche «vriuntschaft» – mit dem Buchstaben V: Vergangenheit, Vertrauen, Verlässlichkeit und Verständigung. Stabile Freundschaften, so Jutta Georg in ihrer Philosophie der Freundschaft (Brill Fink, 2023), setzen gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen voraus und werden durch geteilte Werte, Vorlieben und Überzeugungen getragen. Gegenseitiges Wohlwollen, Achtung und Wertschätzung dem andern gegenüber unterscheidet die Freundschaft vom profanen Zweckbündnis.

Wenn langjährige Freundschaften vergehen oder an Konflikten zu zerbrechen drohen, stehen diese Grundvoraussetzungen auf dem Spiel. In ihrem Roman Ich komme nicht zurück (DuMont, 2024) erzählt Rasha Khayat, wie Hanna, Cem und Zeyna in ihrer Kindheit zu unzertrennlichen Freunden und Teil einer Wahlfamilie werden, bis Eifersucht, Schuld und rassistische Anfeindungen ihre Freundschaft immer wieder auf eine harte Bewährungsrobe stellen.

Dass Freundschaften ein Leben weit über den Verlust hinaus prägen, beschreibt Emanuele Trevi wehmütig in seiner autobiografischen Erzählung Zwei Leben (Freies Geistesleben, 2024; aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt und Janine Malz). Trevi kämpft gegen das Vergessen an und setzt seinen Freunden Pia Pera und Rocco Carbone ein eindrückliches literarisches Denkmal.

Daniel Ammann, 27.11.2024

«Immerwährende Freundschaft.»
Akzente 4 (2024): S. 35.
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Literaturangaben

Jutta Georg
Philosophie der Freundschaft.
Paderborn: Brill | Fink, 2023. 181 Seiten.


Rasha Khayat
Ich komme nicht zurück.
Köln: DuMont, 2024. 176 Seiten.


Emanuele Trevi
Zwei Leben.
Erzählung.
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt und Janine Malz.
Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 2024. 160 Seiten.

Weitere Beiträge zum Thema Freundschaft

https://www.magoria.ch/dam/der-pakt-der-freundschaft

Digitale Schieflage

Barrierefreie Demokratie oder Informationsapokalypse? In ihren scharfsinnigen Essays zur Digitalmoderne räumt Eva Menasse mit der Vorstellung auf, Medien seien bloss Werkzeuge und somit für die von Menschen angerichteten Verheerungen nicht verantwortlich. Soziale Medien und manipulative Programme hätten in ihrer Wirkung indes mehr mit bewusstseinsverändernden Drogen als mit harmlosen Werkzeugen gemein.
Dass wir mit einfachen Zuschreibungen nicht weit kommen und vielleicht nicht viel dazugelernt haben, zeigt die Autorin unter anderem in ihrer Analyse der deutschen Antisemitismus­-Debatte. Digitale Massenkommunikation scheint alles zu erfassen und hat innerhalb weniger Jahre menschliches Leben und Verhalten von Grund auf verändert. Dennoch: Die analoge Welt gibt es noch, wie sie mehrfach betont: «Dort stinken die Mülltonnen und müssen die Nabelschnüre Neugeborener händisch von Erwachsenen durchschnitten werden.»

Daniel Ammann, 23.8.2024

Eva Menasse
Alles und nichts sagen: Vom Zustand der Debatte in der Digitalmoderne.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2023. 192 Seiten.


«Digitale Schieflage.»
 Akzente 3 (2024): S. 34.
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Magoria by Daniel Ammann