Jenseits von Afrika

Jenseits von Afrika

Tania Blixen (auch Karen Blixen oder Isak Dinesen) beginnt ihr Erinnerungsbuch mit einer schlichten Feststellung: «I had a farm in Africa, at the foot of the Ngong Hills.» Das könnte der Auftakt zu einem Erfahrungsbericht sein. Es folgt jedoch keine literarische Reportage. Vielmehr erzählt der stark autobiografische Roman Out of Africa von einer verlorenen Welt. Karen Blixen war 1914 mit ihrem Mann nach Nairobi gereist, um in Britisch-Ostafrika eine Kaffeeplantage zu betreiben. Nach dem Scheitern dieses Vorhabens und dem finanziellen Ruin kehrt sie 1931 zurück nach Dänemark. Vor dem Hintergrund dieses Verlustes klingt der erste Satz eher nach Wehmut oder Nostalgie. Er kündigt einen «abgeklärten Rückblick aus zeitlicher und räumlicher Entfernung auf eine vergangene und schon im Untergang befindliche Welt an», wie Jürg Glauser im Nachwort zu einer älteren Übersetzung schreibt.

Die mittellose und gesundheitlich angeschlagene Baronin Blixen lebt wieder im Haus der Familie. Sie beginnt mit dem Schreiben und beabsichtigt, mit ihrem Erzählband Seven Gothic Tales bei einem grossen Verlag in England unterzukommen und bald ihr eigenes Geld zu verdienen.

The Dreamer: Becoming Karen Blixen. Dänemark 2022. Mini-Serie, 6 Folgen. Regie: Jeanette Nordahl. 
Verfügbar in der arte-Mediathek bis 30.11.2026.

Die Mini-Serie The Dreamer: Becoming Karen Blixen (2022) zeichnet ihren Weg aus der Misere und zum internationalen Erfolg in sechs Episoden nach. Der Untertitel ruft andere Biopics in Erinnerung, die sich, wie die englischen Titel nahelegen, ebenfalls dem Werdegang und Aufstieg berühmter Autorinnen widmen: Becoming Colette (1991), Becoming Jane (2007), Becoming Astrid (2018).

Zur typischen Heldinnenreise gehört auch in The Dreamer, dass der leidvolle Weg zum Ruhm von Hindernisse und herben Rückschlägen geprägt ist. Die Schauspielerin Connie Nielsen beeindruckt in der Rolle der eigensinnigen und kompromisslosen Kämpferin. Überzeugt von der Qualität ihrer Arbeit, setzt Karen Blixen alles daran, ihren Willen durchzusetzen. Sie lässt Beziehungen spielen und stösst ihr Umfeld durch eigennütziges Vorgehen immer wieder vor den Kopf. Das Schreiben und der geplante Erfolg haben stets Vorrang. Hier lernen wir also eine härtere und weniger sympathische Autorin kennen als in Sydney Pollacks opulentem Out of Africa (1985) mit Meryl Streep in der Hauptrolle.

Out of Africa. (Jenseits von Afrika.) USA 1985. Regie: Sydney Pollack.

Am Ende schlägt man sich in The Dreamer dennoch auf die Seite der Autorin, bewundert ihr Genie, ihre Unbestechlichkeit und Zielstrebigkeit. Immerhin hat sie mit ihren Erzählungen Literaturgeschichte geschrieben. Das weckt die Lust, den 1938 unter dem Pseudonym Isak Dinesen erschienen Roman Out of Africa zu lesen und neu zu entdecken. Dafür sind Biopics über Schrift­steller:innen schliesslich auch da – ob die Ausnahme­talente nun Austen, Colette oder Blixen heissen.

Daniel Ammann, 17.1.2026

«Blixens Afrikaroman ist längst zu einem Klassiker des 20. Jahrhunderts geworden, sein viel zitierter Beginn Ausweis für ihre faktenorientierte und unprätentiöse Erzählweise. Er ist ein Buch des Abschieds, ein Buch, aus dem man sterben lernen kann – und lieben.» – Denis Scheck


Tania Blixen
Jenseits von Afrika: Memoiren.
Aus dem Dänischen von Gisela Perlet.
Mit Nachwort von Ulrike Draesner.
München: Penguin, 2021. 688 Seiten.




Jane Austens Briefe

Jane Austens Briefe

Nachdem wir in der herausragenden Miniserie Miss Austen (BBC 2025) tatenlos zusehen mussten, wie Cassandra einen Grossteil der Korrespondenz ihrer berühmten Schwester dem Feuer übergab, können wir uns jetzt den erhaltenen Briefen zuwenden. Bei Manesse erscheinen Jane Austens Briefe zum ersten Mal komplett auf deutsch – in einer schön ausgestatteten kommentierten Edition, aus dem Englischen übersetzt von Andrea Ott. Ein unermesslicher Schatz für alle, die die Autorin lieben, ihren feinen Witz, ihre Schlagfertigkeit, ihren Sinn für Dramaturgie und Zuspitzung.

«Hätte Cassandra tatsächlich die Absicht verfolgt, uns ihre Schwester als friedfertige Jungfer zu überliefern, so wäre sie grandios gescheitert», kommentiert Horst Lauinger in seiner editorischen Notiz.
Tatsächlich, schon im ersten Brief vom 9. Januar 1796 schreibt Jane, sie scheue sich fast zu schildern, wie sie und ihr  irischer Freund sich benommen hätten:

«Stell Dir einfach das denkbar verworfenste, schockierendste Verhalten beim Tanzen und Zusammensitzen vor.» (Übers. Andrea Ott)

Eine Auswahl ihrer schönsten Briefe, übersetzt von Ursula und Christian Grawe, liegt auch unter dem Titel Herzlich, Deine Jane bei Reclam vor (2022). Da bietet es sich an, nicht nur die Covers, sondern (wie ich das gern tue) auch die verschiedenen Übersetzungen zu vergleichen. Bei den Grawes lautet die oben zitierte Briefstelle übrigens wie folgt:

«Mal Dir das verworfenste und skandalöseste Benehmen beim Tanzen und Zusammensitzen aus.» (Übers. Ursula und Christian Grawe)

Daniel Ammann, 3.10.2025/24.12.2025


Jane Austen
Liebste Freundin! Sämtliche Briefe.
Übersetzt von Andrea Ott und mit einem Nachwort von Adriana Altaras.
Kommentierte Gesamtausgabe mit Personenglossar und exklusiver «Leseliste» Jane Austens.
München: Manesse, 2025. 512 Seiten.

Jane Austen
Herzlich, Deine Jane: Ihre schönsten Briefe.
Aus dem Englischen übersetzt von Ursula und Christian Grawe.
Nachwort und Anmerkungen von Christian Grawe.
Ditzingen: Reclam, 2022. 240 Seiten. 

Jenny Valentine: Zwei Seiten eines Augenblicks

Jenny Valentine: Zwei Seiten eines Augenblicks

Es ist Freundschaft auf den ersten Blick. Auf einem Sommerausflug mit ihrer Familie verirrt sich die elfjährige Elk in einem Heckenlabyrinth und wird von der furchtlosen Mab gerettet. Im Herbst finden sich die beiden unverhofft in der gleichen Klasse wieder und sind fortan unzertrenntlich. Das ist das Davor, an das sich Elk fünf Jahre später erinnert. Ihre demenzkranke Oma, zu der sie ein besonders inniges Verhältnis hatte und die sie mit dem Firmament und Quantenphysik bekannt machte, ist inzwischen gestorben. Auf Drängen der Eltern beginnt Elk eine Gesprächstherapie. Halt findet sie bei Mab und deren Bruder, zu dem sie sich mehr und mehr hingezogen fühlt.

Dann reisst etwas ihre Welt endgültig entzwei. Auf dem Heimweg nach einer Party kommt es zu einem tödlichen Unfall mit Fahrerflucht. Davor und Danach liegen nur einen Wimpernschlag auseinander, aber der verhängnisvolle Augenblick weitet sich zur unüberwindlichen Kluft. Bruchstückhaft kehren die Erinnerungen zurück. Elk erzählt, mit ihrer Freundin als geisterhafte Erscheinung an ihrer Seite.

Jenny Valentine macht es ihren Figuren und uns Leser:innen nicht einfach. Aber bis zum unvorhersehbaren Ende gelingt es ihr auf wundersame Weise, der Schwere von Verlust und Trauer etwas entgegenzusetzen. So handelt die Geschichte nicht nur von der Unerbittlichkeit des Todes, sondern mehr noch davon, wie intensive Begegnungen und gemeinsame Erfahrungen unser Leben prägen und bereichern. Die Autorin und ihr Übersetzer Klaus Fritz finden hierfür den passenden Ton und schaffen mit einer pulsierenden Sprache, eindrucksvollen Bildern und feinem Humor eine Brücke zwischen Glück und Kummer.

Daniel Ammann, 27.11.2025


Buch & Maus 3 (2025): S. 40.
sikjm.ch/rezensionen

Jenny Valentine
Zwei Seiten eines Augenblicks.
Aus dem Englischen von Klaus Fritz.
München: dtv, 2025. 185 Seiten. Lesealter ab 14.

Jenny Valentine: Zwei Seiten eines Augenblicks

Frankenstein – «Ich bin das Kind eines Leichenhauses»

Frankenstein – «Ich bin das Kind eines Leichenhauses»

Im Sommer 1816 denkt sich die knapp 19-Jährige Mary Godwin eine Geschichte aus, die noch heute die Gemüter bewegt und uns Schauer über den Rücken jagt. Genau das war ihre Absicht. «Frankenstein» erscheint 1818 anonym in drei Bänden. Im Vorwort zur überarbeiteten Auflage von 1831 erinnert sie sich (inzwischen als Mary Shelley), dass sie mit ihrer Erzählung «die mysteriösen Ängste unserer Natur ansprechen und schauerliches Grauen erwecken» wollte: thrilling horror. Die Leser:innen sollen es nicht mehr wagen, sich umzusehen. Die Geschichte lässt ihnen das Blut in den Adern gefrieren und bringt ihr Herz zum Rasen. «Wenn ich diese Wirkungen nicht erzielen könnte», schreibt sie, «dann wäre meine Gespenstergeschichte ihres Namens nicht würdig.»

Prelude, Farthermost North, 1857

Guillermo del Toro hat «Frankenstein» neu inszeniert und lässt die Geschichte – wie vor ihm Kenneth Branagh (1994) und Shelleys Romanvorlage – mit der Rahmenhandlung beginnen. Ein Schiff mit Kurs auf den Nordpol steckt im Packeis fest. Wie aus dem Nichts taucht in der arktischen Eiswüste ein Unbekannter auf, der von einem Monster verfolgt wird. Der Fremde ist Dr. Victor Frankenstein und er erzählt dem Kapitän seine unglaubliche Geschichte.1

Frankenstein (Netflix 2025)

Nach dieser Einleitung erfahren wir in Rückblenden Victors Vorgeschichte von der Kindheit bis zur Katastrophe. Sie deckt sich mehr oder weniger dem Plot, der uns als Mythos und durch populärkulturelle Adaptionen im Horror- und Science-Fiction-Genre weitgehend vertraut ist – von den Schwarzweissfilmen mit Boris Karloff aus den 1930er-Jahren, der freien Neuverfilmung des Stoffs in Victor Frankenstein (2015), erzählt aus der Sicht des Assistenten, bis zur gruseligen TV-Serie The Frankenstein Chronicles (2015–2017) oder literarischen Nachdichtungen wie Peter Ackroyds The Casebook of Victor Frankenstein (2009) oder Alasdair Grays genialer Variation Poor Things (1992; Film 2023).

Part I, Victor’s Tale

Ein ebenso genialer wie besessener Wissenschaftler erschafft aus Leichenteilen eine namenlose Kreatur und erweckt sie durch galvanischen Strom zum Leben. «Sie betritt diese Welt als Erwachsener, zusammengesetzt aus einer Vielzahl von Menschen und deren Organen, zusammengeklaubt im anatomischen Theater der Universität und dem Keller der Leichenhalle, ausgewählt aufgrund ihrer athletischen Proportionen und ihrer klassischen Schönheit.»2

Frankenstein (Netflix 2025)

Aber Frankenstein ist vom Ergebnis tief enttäuscht. Angewidert wendet er sich von seiner monströsen Schöpfung ab. Er glaubt nicht, dass dieser Dämon aus dem Labor zu Gedanken und Gefühlen fähig sei oder gar über ein Bewusstsein verfüge. Zwischen Schöpfer und Geschöpf tut sich ein Graben auf und bald werden sie zu erbitterten Feinden.

Grässliches Monster! Du Satan, du! Die Folterqualen der Hölle sind eine zu milde Busse für deine Verbrechen! Elender Teufel! Du machst mir deine Erschaffung zum Vorwurf; also komm her, damit ich den Funken ersticke, den ich so leichtsinnig schenkte.

Part II, The Creature’s Tale

Die Kreatur sehnt sich nach Zuneigung und Anerkennung, aber da ihr dies versagt bleibt, kennt sie fortan nur Vergeltung, Tod und Zerstörung. Um der Ausweglosigkeit ihres Daseins eine Ende zu setzen, wendet sich die Kreatur ein letztes Mal an den Wissenschaftler: «Auch wenn ich bloss Stückwerk bin, Schöpfer, ich denke, ich fühle. Ich hab diese eine Bitte: Mach eine wie mich!» Aber Frankenstein lässt sich auf diesen Pakt nicht ein: «Tod bringt nur Tod und wieder Tod», antwortet er. «Fort mit dir! Nie wieder erschaffe ich etwas wie dich, so etwas Böses und Deformiertes.»

Um den langen Leidensweg der Kreatur zu verstehen, ihre Suche nach Freundschaft und Selbsterkenntnis nachzuempfinden, braucht es einen Perspektivenwechsel. Die Erzählung der Kreatur bildet das humanistische Herzstück der tragischen Geschichte. Auch Guillermo del Toros Film steuert unerbittlich darauf zu und führt uns im letzten Teil Victor Frankensteins moralisches Versagen noch einmal vor Augen. In Mary Shelleys sogfältig komponierten Roman liegt sie ziemlich genau in der Mitte. 

Daniel Ammann, 16.11.2025

  1. Mary Shelleys Roman beginnt weniger dramatisch. Der Kapitän Robert Walton schreibt vier Briefe an seine Schwester … und kommt im letzten auf eine seltsame Begegnung zu sprechen. Erst auf Seite 40 (in der deutschen Übersetzung von Alexander Pechmann) heisst es dann Bühne frei für den Ich-Erzähler. Victor Frankenstein beginnt – wie es sich seit Robinson Crusoe für ein Abenteuer gehört – mit dem Anfang, sprich seiner Herkunft: «Ich wurde in Genf geboren, meine Familie war eine der vornehmsten dieser Republik.» ↩︎
  2. Manguel, Alberto. Fabulous Monsters: Dracula, Alice, Superman, and Other Literary Friends. With illustrations by the Author. New Haven u. London: Yale University Press, 2019.
    Deutsch unter dem Titel: Fabelhafte Wesen: Dracula, Alice, Superman und andere literarische Freunde. Aus dem Englischen von Achim Stanislawski. Zürich: Diogenes, 2022. Siehe auch meine Besprechung in tell: Magazin für Literatur und Zeitgenossenschaft, 27. März 2023: tell-review.de/eine-literarische-familienaufstellung/. ↩︎

Jane Austens Schreibmaschine

Jane Austens Schreibmaschine

Es gibt sie nicht wirklich. Aber in meinem imaginären Museum darf sie keinesfalls fehlen. Hin und wieder werfe ich gern einen Blick in Paralleluniversen. Literatur und Film lassen mich in virtuelle Räume eintreten, die mir in der Alltagsrealität verschlossen bleiben.1 Ich mag diese alternativen Welten, die sich unheimlich und fremd anfühlen, aber der unseren dennoch gleichen. Hätte sich die Chronik der technischen Erfindungen anders gestaltet, müssten wir die Menscheits- und Mediengeschichte neu schreiben.

Jane Austens Schreibmaschine

Die Grenzen von Wahrheit und Wirklichkeit, wie wir sie kennen, lassen sich auch mit KI überschreiten. Da reicht schon ein kreativ-suggestiver Prompt. Auf meine Frage, zu welchem Preis Jane Austens Schreibmaschine auf Auktionen gehandelt wird, hiess es, der Preis könne stark variieren und je nach Zustand mehrere tausend bis zehntausend Dollar oder Euro erreichen. Das kann ich mir nicht leisten, aber ich würde gern mal einen Blick auf das kostbare Exponat werfen. Offenbar ist das möglich, meint der ChatBot: «Jane Austens Schreibmaschine befindet sich im Jane Austen’s House Museum in Chawton, Hampshire, England. Dieses Museum ist das Zuhause, in dem sie einen Grossteil ihres Lebens verbrachte und ihre Werke schrieb. Es beherbergt verschiedene persönliche Gegenstände, darunter auch ihre Schreibmaschine.»

Schön wär’s. Als Nächstes würde ich dann das Frankfurter Goethe-Haus besuchen, um mir die Plattensammlung des Genies anzuschauen und dann der Frage nachzugehen, wie sich die Playlist in seinem Werk niederschlägt.

Apropos Schreibmaschine: Zu den frühesten Besitzern eines Remington-Modells zählte der Schriftsteller Mark Twain. Er nahm für sich sogar in Anspruch, der Erste zu sein, der die Schreibmaschine nicht nur zum Tippen von Briefen, sondern für literarische Zwecke verwendete. The Adventures of Tom Sawyer will er seinem Verleger als erstes maschinengetipptes Buchmanuskript abgeliefert haben. Aber sein Gedächtnis täuschte ihn. Die Forschung ist sich inzwischen sicher, dass es sich in Wahrheit um Life on the Mississippi handelte.

Daniel Ammann, 2.11.2025


  1. Siehe dazu auch meinen Medientipp zu alternativer Geschichtsschreibung unter magoria.ch/dam/alternative-geschichte. ↩︎

Um die Ecke erzählen

Um die Ecke erzählen

Der erste Satz lässt es erahnen: Hier wird keine konventionelle Geschichte, sondern vielmehr um zwei und mehr Ecken herum erzählt. Dorothee Elmiger gibt zu, dass dies Ausdruck ihrer grundsätzlichen Skepsis gegenüber dem Erzählen sei. Man kann sich der Ver­führungs­kunst des Erzählens durchaus mit zwielichtigen Konjunktiv ent­gegen­stemmen. Im gleichen Zug jedoch verabreicht uns die Autorin auf subtile Weise einen Text, der eine fiktive Schriftstellerin in einem Hörsaal auftreten und vor Publikum sprechen lässt. Was diese erzählt, erfahren wir in indirekter Rede, aber ihre physische Gegenwart wird im Indikativ (in der Grammatik auch Wirklichkeitsform genannt) leibhaftig herauf­beschworen. 116 mal ‹sagt› sie, 14 mal ‹blättert› sie, 6 mal ‹schaut› sie, 5 mal ‹trinkt› sie, 4 mal ‹hebt› sie den Blick, 3 mal ‹nimmt› sie die Lesebrille, 2 mal ‹bedankt› sie sich. Sie greift zum bereit­gestellten Wasserglas, räuspert sich, lächelt, verlagert ihr Gewicht, streicht sich mit den Fingern über die Nasenwurzel. 

Um die Ecke erzählen
Dorothee Elmiger in der Lokremise St. Gallen am 1. Okt. 2025

Deshalb gehe ich der Erzählskepsis der Autorin nicht vollends auf den Leim. Selbst­verständlich verwehrt oder verstellt sie uns durch die erzählende Schrift­stellerin am Rednerpult den direkten Blick auf die Geschehnisse. Aber ebenso steht diese Figur für konkrete Augen­zeugen­schaft. Sie berichtet. Sie war dabei. Eine andere Quelle gibt es nicht – abgesehen vom tatsächlichen Verschwinden zweier Holländerinnen im Dschungel ausserhalb des Textes. 

Dieses doppelbödige Erzählen mit kaleidoskopartigen Perspektiven­wechseln und das narrative Spiel mit Rahmung, Rückschau und Rekonstruktion eines versuchten Reenactments erinnern mich an Joseph Conrad, dessen Herz der Finsternis diesen Roman wohl in mehrfacher Hinsicht mit beeinflusst hat. 

Daniel Ammann, 4.10.2025


Magoria by Daniel Ammann