Auster: Das rote Notizbuch

Die Wirklichkeit ist mitunter fantastischer als die Fiktion. Wer wüsste das besser als Paul Auster, der Meister des Zufalls. Nicht selten stellen in seinen Romanen schicksalhafte Wendungen die Weichen und zwingen seine Leserinnen und Leser, ihre Ungläubigkeit ausser Kraft zu setzen. «Am Ende ist jedes Leben nicht mehr als die Summe von Zufällen», sinniert ein Ich-Erzähler in der New-York-Trilogie, «eine Chronologie von unerwarteten Überschneidungen, glücklichen Zufällen, wahllosen Ereignissen, die nichts als ihre eigene Planlosigkeit enthüllen.» 

In Austers Universum stehen die Tatsachen den Erfindungen allerdings in nichts nach, wie er in seinem Roten Notizbuch anhand anekdotischer Erlebnisberichte dokumentiert. Seit 1992 ist das dünne Bändchen immer wieder um Episoden erweitert und neu aufgelegt worden. Die vorliegende Ausgabe vereint zum ersten Mal sämtliche wahren Geschichten, die der Autor über die Jahre zusammengetragen hat und für deren Echtheit er sich mehrfach verbürgt. «Das ist wirklich geschehen», beschliesst er die Erzählung über einen mysteriösen Telefonanruf, der ihn zu seinem ersten Roman inspiriert hatte – und dem Jahre später ein noch geheimnisvollerer Anruf folgen sollte. «Wie alles andere, was ich in diesem roten Notizbuch aufgezeichnet habe, ist es eine wahre Geschichte.» Wie eine Figur seiner New-Yorker-Trilogie scheint auch Paul Auster davon überzeugt, dass nichts wirklich ist ausser dem Zufall. 

Daniel Ammann,  25.5.2018

«Wahre Zufälle.»
Akzente 2 (25.5.2018).
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Paul Auster
Das rote Notizbuch: Wahre Geschichten.
Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2018. 112 Seiten. 

  

Austen für alle

Austen für alle

Auch 200 Jahre nach ihrem Tod tauchen Menschen gerne in Jane Austens Geschichten ein. Ihre Romane werden erfolgreich für die Leinwand adaptiert, zuweilen parodistisch transponiert wie in der Komödie à la Bollywood Bride & Prejudice (Gurinder Chadha 2004) oder schamlos mit fremden Genre-Elementen aufgemischt wie im Horrorstreifen Stolz und Vorurteil & Zombies (Burr Steers 2015). Nicht zu vergessen die romantischen Biopics Be­coming Jane (Julian Jarrold 2007) und Miss Austen Regrets (Jeremy Lovering 2008), in denen die Autorin Liebesgeschichten wie aus einem ihrer Romane durchlebt. Aber selbst Jane Austens Leserinnen und Leser können zu Protagonisten werden. Der Film The Jane Austen Book Club (Robin ­Swicord 2007) nach der Vorlage von Karen Joy Fowler erzählt von sechs Personen, die sich monatlich treffen, um die Romane der gros­sen Autorin zu diskutieren und etwas für ihr eigenes Leben zu lernen.

In Dan Zeffs TV-Mehrteiler Lost in Austen (KSM 2017) nimmt Immersion noch dramatischere Züge an. Eine passionierte ­Austen­-Verehrerin aus dem 21. Jahrhundert gerät durch ein geheimes Hintertürchen direkt ins Haus der Bennets aus Stolz und Vorurteil und hat bald alle Hände voll zu tun, damit sich Mr. Darcy nicht in sie verliebt und den Plot ihres Lieblingsromans durcheinanderbringt.

Für die eingefleischten Fans zählen vor allem die Originale. Damit deutschsprachige Leserinnen und Leser auch in den Genuss kommen, legt der Manesse Verlag zum Austen-Jubiläum Vernunft und Gefühl in einer gelungen frischen Übertragung von Andrea Ott vor. Jane Austen bleibt also aktuell.

Daniel Ammann, 27.11.2017

«Austen für alle.»
Akzente 4 (2017): S. 35.
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Jane Austen
Vernunft und Gefühl.
Aus dem Englischen von Andrea Ott.
Nachwort von Denis Scheck.
Zürich: Manesse, 2017. 416 Seiten.
Buchcover

The Jane Austen Book Club.
USA 2007.  
Regie: Robin Swicord.
München: Sony Pictures Home Entertainment, 2007. DVD.

Lost in Austen
Grossbritannien 2008.
Regie: Dan Zeff.
Wiesbaden: KSM, 2017. DVD.

Magoria by Daniel Ammann