Historischer Bilderbogen

Die Allgegenwart medialer Bilder und ihre permanente Verfügbarkeit lässt zuweilen vergessen, dass die bildtechnische Revolution schon 180 Jahre andauert und noch keineswegs abgeschlossen ist. Auf die Erfindung der Fotografie mit ihrem einzigartigen Bildrealismus (und ersten Fakes) folgt die visuelle Simulation neuer Wirklichkeiten im Kino. Die Möglichkeiten der elektronischen Signalüber­tragung führen im 20. Jahrhundert zur Entwicklung und Verbreitung des Massenmediums Fernsehen. Einen vorläufig letzten Visualisierungsschub bringt die computertechnische Digitalisierung, mit deren kulturgeschichtlichen Auswirkungen wir derzeit noch kämpfen. Der Bildhistoriker Gerhard Paul erzählt die Bildgeschichte, die auch immer eine Mediengeschichte ist, entlang der grossen Kapitel deutscher Geschichte und durchleuchtet in seinem umfassenden und reich illustrierten Werk die vielschichtigen Bildpraktiken in Berichterstattung, Kunst, Werbung, Politik, Film und Wissenschaft. 

Daniel Ammann, 25.8.2017

Akzente 3 (2017): S. 35.
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Gerhard Paul
Das visuelle Zeitalter: Punkt und Pixel.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2016. 760 Seiten.

Sternstunde Medienbildung

Seit die Medienrevolution losgelegt hat und mit wachsendem Tempo Wellen technischer Innovationen, neuer Formate und wechselnder Angebote über die Welt ergiesst, ist unser Reaktions- und Reflexionsvermögen ständig gefordert. Es bleibt kaum Zeit, einen Schritt zurückzutreten, um die jüngsten Umwälzungen aus nüchterner Distanz zu betrachten. Dieser kulturellen Kurzatmigkeit schlägt Christian Doelker ein raffiniertes Schnippchen. Er lädt zu einer ungezwungenen Plauderrunde mit hochkarätigen Teilnehmern und verstrickt uns im Nu in zentrale Fragen und Debatten unserer Geistes- und Kulturgeschichte. 

In einer fiktiv-virtuellen Radiosendung unter der Leitung des spanischen Kulturphilosophen José Ortega y Gasset unterhalten sich (und das Publikum) Persönlichkeiten wie der Philosoph Platon, der Pädagoge Comenius, der Naturforscher Charles Darwin, die Impressionistin Berthe Morisot und Filmikone Marilyn Monroe. So originell das Konzept, so originär sind deren Redebeiträge. Denn so viel ist klar: Ohne Zugriff auf unser verfügbares Weltgedächtnis ist der medialen Gegenwart kaum beizukommen. Der transhistorische Blick überwindet das Transitorische und macht ein sinnstiftendes Nachdenken erst möglich. Während Platon den Bildschirm fast bewahrpädagogisch als Monitor der Unterwelt tituliert, begrüsst ein Johann Amos Comenius die digitalen Archive, in denen sein Kompendium der sichtbaren Welt eine willkommene Fortsetzung erfährt. Ohne angemessene Bildung ist allerdings auch der mediale Bilderbogen nicht viel nütze. Dem wiederum hält Berthe Morisot entgegen, dass sich das Geheimnis eines Kunstwerks durch theoretische Annäherungen noch lange nicht ausschöpfen lässt. Marilyn Monroe warnt derweil davor, dass Medienbilder unsere Vorstellungen wesentlich mitprägen, aber durch ihren Vorbildcharakter auch Klischees und Illusionen kultivieren. Mit Darwin darf man am Ende zu Recht fragen, wohin sich der Mensch in dieser mediendurchsetzten Umwelt wohl entwickeln wird. 

In vier kompakten Sendeblöcken (bzw. Kapiteln) entfaltet Christian Doelker eine kompakte Medienkosmologie – von grundlegenden Betrachtungen zur Mediengesellschaft über mediale Codierungen und Strategien der Informationsverarbeitung bis hin zu meditativen Reflexionen unseres Nutzungsverhaltens. Die Positionen der virtuellen Gesprächs­teilnehmer lassen sich dabei nicht nur in der Geschichte festmachen, sondern bilden in ihrer Stimmenvielfalt den aktuellen Mediendiskurs ab. Dennoch kommen die pointierten Thesen und Einwürfe so leichtfüssig daher, dass sie – wie es sich für eine Radiosendung gehört – gar keiner Fussnoten bedürfen. Stattdessen führt ein Anhang entlang essenzieller Kurzbeiträge in die theoretischen Ansätze des Zürcher Medienpädagogen ein. 

Als Medienkulturwissenschaftler avant la lettre gelingt es Christian Doelker, exemplarische Argumentationsstränge aus Philosophie, Kunstgeschichte, Philologie, Bildtheorie und den Kommunikationswissenschaften zu bündeln und daraus mit Scharfsinn und Ironie einen lesbaren Medientext zu flechten. 

Daniel Ammann, 23.5.2017 

«Sternstunde Medienbildung.»
Akzente 2 (23.5.2017).
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Christian Doelker.
Der Medien-Code: Marilyn Monroe, Berthe Morisot, Charles Darwin, Comenius und Platon im Gespräch über die digitale Gesellschaft.
Bern: hep verlag, 2016. 126 Seiten.

Bloggen übers Schreiben

«Wenn ein Mensch schreiben will», so die schottische Schriftstellerin A. L. Kennedy, «lässt er sich nur davon abhalten, wenn man ihn bis zu einem gewissen Grad umbringt.» Die Autorin zahlreicher Romane und Kurzgeschichten-Sammlungen weiss, wovon sie spricht. Sie liebt ihre Arbeit über alles, aber trotz beachtlichem Erfolg ist das Leben einer Berufsschriftstellerin kein Honiglecken. Davon berichtet die vielseitige Autorin und Alleinunterhalterin in den 68 Blogbeiträgen, die sie von 2009 bis 2013 für den englischen Guardian verfasst hat. Eine Auswahl dieser ebenso geistreichen wie amüsanten Texte ist nun unter dem Titel Schreiben auch auf Deutsch erhältlich. Ergänzt wird der Band durch zwei Essays zu handwerklichen Fragen des Schreibens und eine schriftliche Fassung ihres Bühnen-Soloprogramms «Words». 

Mit ihren «Blogs und Essays» (so der Untertitel des Werkstattbuchs) gewährt uns die Autorin einen intimen Blick in ihren unsteten Alltag und wartet mit handfesten Tipps zum Schreibhandwerk auf. Von Schreibausbrüchen bis zu Vermeidungsstrategien ist ihr nichts fremd. Dazu gehört auch immer wieder das Scheitern. Jedes langfristige Schreibprojekt bedeutet schliesslich «einen riesigen und möglicherweise aberwitzigen Aufwand an Zeit und Engagement, etwas, das Ihnen jederzeit unter den Händen zerbröseln kann». Deshalb geht es in Kennedys Ausführungen nicht nur ums Schreiben, wie sie betont, sondern um ihr ganzes Leben. So ist es für die Autorin und Performerin eine Überlebensfrage, eine eigene Stimme zu finden. Wenn es nach ihr ginge, müsste Stimmarbeit sogar Teil des allgemeinen Lehrplans sein: «Was wäre, wenn wir beim Schreiben und beim Sprechen kraftvolle, lebendige Freiheit fänden, die sich ungehemmt ausdrücken liesse?»

A. L. Kennedys Betrachtungen und Selbstbeobachtungen sind auch für Leserinnen und Leser aufschlussreich, die selbst nicht schreiben (wollen), aber an kreativen Prozessen und Aspekten des Literaturbetriebs interessiert sind.  

Daniel Ammann, 25.8.2017

«Bloggen übers Schreiben – Aus dem Leben einer Autorin.»
Akzente 3 (25.8.2017): Online-Ausgabe.
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A. L. Kennedy 
Schreiben: Blogs & Essays.
Aus dem Englischen von Ingo Herzke. 
München: Carl Hanser, 2016. 207 Seiten.

Film-Links

Kinokultur in der Schule
Zur Förderung der Kinokultur in der Schule werden hier Unterrichtsmaterialien zu aktuellen Schweizer Kinofilmen erarbeitet, die Lehrpersonen, Schülerinnen und Schüler motivieren sollen, die Filme im Kino anzuschauen und sich vertieft mit inhaltlichen und formalen Aspekten von Spiel- und Dokumentarfilmen aus der Schweiz auseinanderzusetzen.
Die Unterrichtsmaterialien sind kostenlos.
 www.kinokultur.ch

cineducation.ch – Verein zur Förderung der Filmbildung
Filmvermittlung und Filmbildung bei Kindern und Jugendlichen
Der Verband cineducation.ch vereinigt Institutionen, die im Bereich der Filmbildung und Filmvermittlung tätig sind und die kreative Nutzung sowie der analytischer Umgang mit dem Medium Film bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen fördern.
 www.cineducation.ch

Filmlesungen, Bücher, Materialien von Thomas Binotto
Wer Film liest, hat mehr vom Sehen.
 www.filmleser.ch

schule & kultur
Ziel von schule&kultur ist es, Kindern und Jugendlichen wertvolle Filme schmackhaft und sie zu kritischeren Filmkonsumenten zu machen. Die Schüler/innen sollen die Filmsprache lernen, damit sie die Wirkungsweise der Filme besser durchschauen und sich im Mediendschungel besser orientieren können. schule&kultur führt die Schülerinnen und Schüler zu Werken aus dem aktuellen Kinoprogramm und zu thematisch gebündelten Meisterwerken und lädt Fachleute dazu ein. Zu den meisten angebotenen Filmen sind Unterrichtsmaterialien erhältlich. Zum Angebot gehören auch medienpädagogische Veranstaltungen (Filmlesungen, Roadmovie) und Projektwochen.
 http://www.schuleundkultur.ch/index.php?id=1830

 kinderundjugendmedien.de
 Rezensionen zu Kinderfilmen, Jugendfilmen und Family-Entertainment-Filmen von Autoren und Redakteuren. Die rezensierten Filme umfassen sowohl Filmklassiker als auch aktuelle Werke. 

Kinofenster – Das Onlineportal für Filmbildung
Filmbesprechungen, Hintergrundinformationen, filmpädagogische Begleitmaterialien, News, Termine, Veranstaltungen, Adressen und Links für die schulische und ausserschulische Filmarbeit
www.kinofenster.de/

Filmhefte (Bundeszentrale für politische Bildung)
«Die Filmhefte sind filmpädagogisches, themenorientiertes Begleitmaterial zu ausgewählten nationalen und internationalen Kinofilmen. Auf 16 bis 24 Seiten werden Inhalt, Figuren, Thema und Ästhetik des Films analysiert. Darüber hinaus gibt es ein detailliertes Sequenzprotokoll, Fragen, Materialien und Literaturhinweise. Alle aktuellen und auch bereits vergriffene Hefte sind im PDF-Format zum Herunterladen verfügbar.»
www.bpb.de/publikationen/SNA3WX,0,0,Filmhefte.html

Filmhefte (Institut für Kino und Filmkultur)
«Das Institut für Kino und Filmkultur (IKF) erstellt Film-Hefte als Begleitmaterial für PädagogInnen zur Vor- und Nachbereitung im Unterricht sowie zur Anregung von Gesprächen und Diskussionen. Die IKF-Film-Hefte enthalten eine Inhaltsangabe, entfalten die Problemstellung, geben Erläuterungen zur Filmsprache, bieten Diskussionsanregungen und Fragen und geben Hinweise für den Einsatz im Unterricht.»
www.film-kultur.de/hefte
Filmkanon (Bundeszentrale für politische Bildung)
Vision Kino (Netzwerk für Film- und Medienkompetenz)
«Ziel und Aufgabe von VISION KINO ist es, als Teil der kulturellen Jugendbildung und im Rahmen einer übergreifenden Medienkompetenz insbesondere die Filmkompetenz von Kindern und Jugendlichen zu stärken und sie gleichzeitig für den Kulturort und originären Rezeptionsort des Films, das Kino, zu sensibilisieren.»
«Mit der Familie ins Kino» –  Leitfaden für Eltern 
«Schule im Kino» –  Praxisleitfaden für Lehrkräfte 
 www.visionkino.de
Roadmovie
«Roadmovie ist ein nicht-kommerzielles mobiles Kinoprojekt zur Förderung der Schweizer Filmkultur. Es macht Kino, wo es keines gibt und ermöglicht Begegnungen zwischen Filmschaffenden und dem Publikum.»
 www.roadmovie.ch
Film Education Journal

Buchtrailer

Buchtrailer

Leseförderung und Filmbildung mit digitalen Medien

Was der Klappentext für das Buch, ist der Trailer für den Film: Er soll Appetit machen auf das ganze Produkt. In Zeiten der Medienkonvergenz wird Literatur auch mit filmischen Mitteln vermarktet: über Buchtrailer.

Daniel Ammann, Beat Küng und Stephan Brülhart.
«Buchtrailer oder: Marketing fürs Lesen.»
Buch & Maus 2 (2013): S. 19–21.
Download (korrigierte Version mit Farbabbildungen)
Ganzes Heft 2/2013

Buchtrailer

 

Magoria by Daniel Ammann