John Perry: Einfach liegen lassen

Voller Esprit und Selbst­ironie nimmt sich der amerikanische Philosoph John Perry einer Schwäche an, die den meisten nur zu gut vertraut ist. Statt der Aufgabe, die wir uns vorgenommen haben, wenden wir uns lustvoll etwas anderem zu. Wir verplempern kostbare Zeit im Internet, starten ein neues Projekt oder widmen uns hingebungsvoll einer Mail­-Anfrage, deren Beantwortung weder eilt noch in dieser Ausführlichkeit gerechtfertigt ist. Wie Perry in seinem erfrischenden Plädoyer zeigt, hat das keineswegs mit Faulheit, Willensschwäche oder mangelnder Disziplin zu tun. Viele der strukturierten Aufschieber, wie er sie nennt, sind sogar ausgesprochen tüchtig und produktiv. Sie arbeiten einfach lieber an Dingen, die nicht zu oberst auf der Prioritäten­liste stehen – zumindest so lange, bis etwas Unwichtigeres dazwischenkommt oder der Abgabedruck einer anstehenden Arbeit unerträglich wird. Das hat auch Vorteile, denn was wir liegen lassen, erledigt sich zuweilen von selbst. 

Daniel Ammann, 22.5.2015

«Aufschieben mit Plan.»
Akzente 2 (2015): S. 38.


John Perry.
Einfach liegen lassen: Das Buch vom effektiven Arbeiten durch gezieltes Nichtstun.
Aus dem Englischen v. Maria Andreas.
München: Goldmann, 2015. 125 Seiten.
cover


Perfect Sense

Perfect Sense

Unsere Sinne sind ein Tor zur Welt. Wenn sie ausfallen, entschwindet ein Stück Wirklichkeit. Wie sich der Verlust einzelner Wahrnehmungen auswirkt, führt Regisseur David Mackenzie in seinem poetisch‑apokalyptischen Film Perfect Sense (Senator 2012) drastisch vor Augen. In Glasgow und rund um den Globus tauchen immer mehr Menschen auf, die ihren Geruchssinn verloren haben. Die Epidemiologin Susan (Eva Green) steht vor einem Rätsel. Michael (Ewan McGregor) bekommt die Auswirkungen ebenfalls zu spüren. Im Restaurant, in dem er als Koch arbeitet, bleiben die Gäste aus. Das ist erst der Anfang. Begleitet von heftigen Gefühlsausbrüchen verabschiedet sich als Nächstes der Geschmackssinn und den Menschen vergeht Hören und Sehen. Die Welt droht in Panik, Chaos und Dunkelheit zu versinken. 

Die Geschichte erinnert an José Saramagos Roman Die Stadt der Blinden und dessen beklemmende Verfilmung durch Fernando Meirelles (Arthaus 2010). Während ein Mann auf das Umschalten der Ampel wartet, verliert er von einem Moment auf den anderen das Augenlicht und kurz darauf folgen jene, die mit ihm Kontakt haten. Die Regierung sperrt die Erkrankten in ein leeres Irrenhaus, wo Mitgefühl rasch in Gewalt und Anarchie umschlägt. 

Unter allen Wahrnehmungen spielt das Licht eine eminente Rolle. Das sichtbare Spektrum bildet jedoch nur einen kleinen Ausschnitt aller elektromagnetischen Wellen. Der Beitrag «Grenzen des Lichts» auf SRF mySchool spürt diesem Phänomen nach, zeigt, was Insekten und Vögel sehen, und schafft erhellende Bezügen zu Physik, Chemie und Bildnerischem Gestalten.

Daniel Ammann, 23.2.2015


«Von Sinnen.»
Akzente
1 (2015): S. 35.
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Perfect Sense.
GB 2011. Regie: David Mackenzie.
Berlin: Senator Home Entertainment, 2012. DVD.
Buchcover

José Saramago
Die Stadt der Blinden. Übers. Ray G. Mertin.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2008.
398 Seiten.

Blindness (Die Stadt der Blinden).
USA 2008. Regie: Fernando Meirelles.
Berlin: Arthaus, 2010, DVD.

Grenzen des Lichts.
Schweizer Radio und Fernsehen.
Redaktion SRF mySchool.
Zürich: Schweizer Radio und Fernsehen, 2014 (ORF Enterprise 2012).

Magoria by Daniel Ammann