Matt Haig Die Mitternachtsbibliothek.
Aus dem Englischen von Sabine Hübner.
München: Droemer, 2021. 320 Seiten.
Paul Auster 4 3 2 1.
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2017. 1264 Seiten.
«Ein Brett, das die Welt bedeutet.» Neue Zürcher Zeitung 24.7.2021, S. 32–33. nzz.ch/feuilleton
Das Leben ist ein Spiel. So wird gern behauptet. Aber nach welchen Regeln wird hier gespielt? Mischt der Zufall die Karten oder haben wir unser Geschick wie im Schach selbst in der Hand? Das klassische Königsspiel mit seiner Kriegssymbolik taucht als Motiv in zahllosen Geschichten auf und bietet sich immer wieder als sinnfällige Metapher für die Welt an.
«Menschliche Marionette.» «Es war einmal …» – So beginnt für gewöhnlich das Märchen. Auch Carlo Collodis Pinocchio (Anaconda, 2011) setzt mit dieser Formel ein. Aber der Erzähler hält inne und belehrt sein junges Publikum, dass dieses Märchen nicht mit einem König, sondern einem Stück Holz anfängt. Seit seiner Entstehung als Fortsetzungsgeschichte im Jahr 1881 hat das Lehrstück von der grimmigen Holzpuppe nichts von seiner schaurigen Faszination eingebüsst und lebt als Parabel von der Menschwerdung in vielen Erzählungen fort.
Nach zahllosen Medienadaptionen und Umarbeitungen des Stoffes kehrt Regisseur Matteo Garrone mit seinem Pinocchio (2019) zu Collodis Original zurück und präsentiert die ergreifende Geschichte in poetischen Bildern, ohne die Brutalitäten auszusparen. Roberto Benigni, der 2002 in seiner Komödie noch selber den frechen Hampelmann mimte, schlüpft hier in die Rolle des armen Holzschnitzers Geppetto und überzeugt als zärtlicher und nachsichtiger Vater. Aber Wahrheit, Treue und Dankbarkeit sind dem unfolgsamen Pinocchio fremd. Immer wieder lässt er sich von Launen und schlechten Gesellen vom Weg abbringen, bis er geläutert und zum richtigen Jungen wird.
Hier endet die Geschichte, aber in seinem märchenhaften Kinderroman Der junge mit dem Herz aus Holz (Fischer, 2014) greift der irische Schriftsteller John Boyne die Fäden noch einmal auf. Als der achtjährige Noah von zu Hause wegläuft, weil seine Mutter im Sterben liegt, landet er in einem magischen Spielzeugladen voller Marionetten, dessen kauziger Besitzer sich am Ende als der alte Pinocchio entpuppt.
John Boyne Der Junge mit dem Herz aus Holz. Ein Märchen.
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel. Mit Bildern von Olier Jeffers.
Frankfurt/M.: Fischer Taschenbuch, 2014. 237 Seiten. Ab 10 Jahren.
Woher nehmen Schriftsteller:innen eigentlich ihre Einfälle? Die Antwort erstaunt – und ist zugleich fast banal: Das Neue geht aus dem Alten hervor, indem wir Vertrautes variieren, umkrempeln oder auf ungewohnte Weise mit anderem kombinieren.
«Die beste Idee kommt in der Badewanne.» Neue Zürcher Zeitung 6.2.2021, S. 37. nzz.ch/feuilleton/