Ein Faible für den Tod

Ein Faible für den Tod

«Ein Faible für den Tod.»
Akzente 4 (2019): S. 35.

Jason Reynolds
Love oder Meine schönsten Beerdigungen.
Aus dem Englischen von Klaus Fritz.
München: dtv, 2017. 288 Seiten. Ab 14 Jahren.
Neuausgabe 2020 unter dem Titel «Die Sache mit dem Glücklichsein».
 

About a Girl.
Deutschland 2014. Regie: Mark Monheim.

Neil Gaiman
Das Graveyard-Buch.
Aus dem Englischen von Reinhard Tiffert.
Würzburg: Arena, 2009. 312 Seiten. Ab 11 Jahren.

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Der Geist in der Maschine

Der Geist in der Maschine

Maschinen führen ein Eigenleben. Manchmal hilft gut zureden oder ein Neustart. Aber was tun, wenn der menschliche Roboter Gefühle und Bewusstsein entwickelt und seinen eigenen Willen durchsetzt?
Vor solchen Fragen steht Charlie in Ian McEwans Maschinen wie ich (Diogenes 2019). Es sind die frühen Achtzigerjahre. In der kontrafaktischen Realität, die der Autor erfindet, weichen die Ereignisse allerdings von der historischen Vergangenheit ab. England steckt politisch in der Krise, dafür ist die Technologie ihrer Zeit weit voraus. Vom mütterlichen Erbe hat sich Charlie einen Androiden gekauft und muss nun mit ansehen, wie dieser sich in die gleiche Frau verliebt, ihr Gedichte schreibt und kurzerhand den Reset-Knopf deaktiviert, um sein Recht auf Selbstbestimmung zu behaupten.

Ein ähnliches Szenario entwirft der Spielfilm Zoe (Drake Doremus 2018). Cole (Ewan McGregor) entwickelt beziehungsfähige Androiden, seine Mitarbeiterin Zoe (Léa Seydoux) stellt jungen Paaren Prognosen für deren gemeinsame Zukunft. Schwierig wird es, als sich die beiden zaghaft auf eine Beziehung einlassen und der neu erschaffene Ash dazwischenfunkt. Was ist echt? Zu wie viel Leben und Leid ist ein synthetischer Körper fähig?
Die Grenzen des Machbaren lotet auch der überspannte Science-Fiction-Thriller Replicas aus (Jeffrey Nachmanoff 2018). Ein Forscher (Keanu Reeves) versucht das Bewusstsein von Verstorbenen auf Roboter zu übertragen und setzt sich über ethische Grundsätze hinweg, als seine Familie bei einem Unfall ums Leben kommt.
– Daniel Ammann

«Der Geist in der Maschine.»
Akzente 3 (2019): S. 35.
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Ian McEwan
Maschinen wie ich.
Aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Zürich: Diogenes, 2019. 416 Seiten.

Zoe. (Freunde fürs Leben.)
USA 2018. Regie: Drake Doremus.

Replicas.
USA 2018. Regie: Jeffrey Nachmanoff.
Ascot Elite Entertainment, 2019. DVD.

Der Pakt der Freundschaft

«Wie viel Verschiedenheit verträgt die Freundschaft?» Das fragte schon Aristoteles. Er meinte, dass wahre Freundschaft nur unter Gleichgesinnten und tugendhaften Menschen möglich sei. Ob dieses Verständnis im digitalen Zeitalter noch aktuell ist, untersucht der aus Griechenland stammende und in den USA lehrende Philosophie­professor Alexander Nehamas. In seinem Buch Über Freundschaft (dtv 2017) nähert er sich dem Thema in einer Mischung aus Reflexion und persönlicher Erfahrung. Er diskutiert klassische wie zeit­genössische Vorstellungen und illustriert das Wesen moderner Freundschaft an Beispiele aus Literatur, Kunst, Theater und Film. 

Dass Freundschaft nach langer Trennung und trotz unterschiedlicher Lebensweisen Bestand haben kann, erzählt der spanische Regisseur Cesc Gay in seinem tragikomischen Spielfilm Truman. Der Informatiker Julián reist aus Kanada an, um dem todkranken Schauspieler Tomás in Madrid für ein paar Tage Gesellschaft zu leisten und mit dem Freund ein neues Plätzchen für dessen Hund zu finden. 

Von einer ganz und gar ungewöhnlichen Freundschaft handelt Michael Köhlmeiers intimer Roman Zwei Herren am Strand (dtv 2016). Winston Churchill und Charles Chaplin stehen sich weder politisch noch persönlich nahe, werden aber beide seit jungen Jahren von düsteren Selbstmordgedanken heimgesucht. Auf einem langen Spaziergang am Strand schliessen sie deshalb spontan einen Pakt fürs Leben. Sie versprechen sich, «dass, wann immer einer Hilfe benötigt, der andere, wo immer auf der Welt er ist, alles liegen und stehen lässt und kommt!» 

Daniel Ammann, 27.5.2019

«Der Pakt der Freundschaft.»
Akzente 2 (2019): S. 35.
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Alexander Nehamas
Über Freundschaft.
Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl.
München: dtv, 2017. 283 Seiten.


Truman. (Freunde fürs Leben.)
Spanien/Argentinien 2015. Regie: Cesc Gay.
Ascot Elite Home Entertainment 2016. DVD


Michael Köhlmeier
Zwei Herren am Strand.
München: dtv, 2016. 254 Seiten.

Robinson Crusoe

Robinson Crusoe

Über menschliche Spuren im Mondsand wären die Astronauten der Apollo 11 vor fünfzig Jahren nicht minder erstaunt gewesen als der schiffbrüchige Robinson Crusoe. Fünfzehn lange Jahre lebt er schon allein auf der Insel, als er – in der Mitte des Buches – am Strand auf den Abdruck eines nackten Fusses stösst.

Auch wer die Ur-Robinsonade nie gelesen hat, ist mit unzähligen Details und Motiven dieser Geschichte vertraut und erkennt sie in anderen Erzählungen wieder, etwa dem Schweizerischen Robinson von Johann David Wyss, William Goldings Herr der Fliegen, Lutz Seilers Kruso, Filmen wie Cast Away (Robert Zemeckis 2000), The Martian (Ridley Scott 2015) oder der amerikanischen Fernsehserie Lost (ABC 2004–2010).

Die abenteuerliche Geschichte des Kaufmanns aus York vermag nach 300 Jahren noch genauso zu faszinieren wie die erste Mondlandung. Beide Jubiläumsereignisse haben unseren Blick auf die Erde und deren eigenwillige Bewohner einschneidend geprägt. Ein Wiederlesen von Daniel Defoes erstem Roman lohnt sich allemal. Mit anderen Klassikern der Literaturgeschichte teilt Robinson Crusoe das Schicksal, dass viele Leserinnen und Leser die Geschichte nur aus stark gekürzten Übersetzungen, als freie Nacherzählung für Kinder, literarisches Remake oder verwegene Filmadaption kennen.

Die erlesene und sorgfältig edierte Ausgabe des Mare Verlags bietet nun Gelegenheit, dieses einzigartige Werk der Weltliteratur in der erfrischend modernen Übersetzung von Rudolf Mast neu und in voller Länge zu entdecken. Mit seinem Robinson Crusoe von 1719 begründet Daniel Defoe nicht nur den englischen Roman, sondern spielt bereits gekonnt mit den Mitteln der Fiktion und dem, was man heute den autobiografischen Pakt nennt. «Der Herausgeber hält den Bericht für die Beschreibung von Tatsachen», lesen wir im Vorwort. «Erfundenes vermag er darin nicht zu erkennen.» Vordergründig präsentiert «Das Leben und die aussergewöhnlich erstaunlichen Abenteuer des Seefahrers Robinson Crusoe aus York» eine wahre Geschichte und gibt den fiktiven Ich-Erzähler als empirischen Autor eines dokumentarischen Textes aus, «Written by Himself», wie die frühen Ausgaben verkündeten. Dass man die Erzählung für einen authentischen Erlebnisbericht hielt, hat zweifellos zum grossen Erfolg des Romans beigetragen. Tatsächlich liess sich Daniel Defoe (1660–1731) durch die Erfahrungen des schottischen Seemanns Alexander Selkirk inspirieren, den es fünf Jahre lang auf eine verlassene Insel verschlagen hatte. Robinsons Martyrium dauert wesentlich länger. 28 Jahre muss er auf der Insel vor der Küste Amerikas unweit der Mündung des Orinoco ausharren, und erst drei Jahre vor seiner Rettung findet er im befreiten Freitag einen treuen Diener und Gefährten.

Robinsons Inselaufenthalt ist als Mythos ins kollektive Bewusstsein eingegangen. Ungleich abenteuerlicher nehmen sich allerdings die Anfangs- und Schlusskapitel aus. Sie berichten von unbändigen Stürmen, Schiffshavarien, Auseinandersetzungen mit Piraten, Robinsons Jahren als Sklave in Afrika, seiner waghalsigen Flucht aus der Gefangenschaft und, im Schlussteil des Buches, von der winterlichen Überquerung der Pyrenäen, als die Reisenden gegen dreihundert ausgehungerte Wölfe ums Überleben kämpfen.

Dagegen wirkt Robinsons ungestörtes Inselleben nahezu beschaulich und friedfertig. Anfangs verflucht der Gestrandete zwar sein Schicksal, muss aber bald erkennen, wie viel Glück im Unglück ihm beschieden ist. Er hat als Einziger überlebt, während der Rest der Besatzung den Tod fand. Zudem kann er aus dem Wrack vieles bergen, das ihm den Aufenthalt auf der Insel erträglicher macht. Immer wieder zieht Robinson reumütig Bilanz, zeichnet seine Stimmungsschwankungen auf und protokolliert Erfolge und Rückschläge. Abgesehen vom Spannungsplot lässt sich der Text so auch als treffliche Parabel auf unsere Zivilisationsgeschichte, kolonialen Ethnozentrismus oder philosophisch-theologische Reflexion über das Wesen des Menschen und die Macht der Vorsehung lesen. Hat uns der Fortschritt klüger und nachsichtiger gemacht, oder sind wir so unreif für die Insel wie der arme Robinson?

Daniel Ammann, 27.5.2019

«Unreif für die Insel.»
Akzente 2 (27.5.2019).
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Daniel Defoe
Robinson Crusoe.
Aus dem Englischen von Rudolf Mast.
Mit einem Nachwort von Günther Wessel.
Hamburg: mareverlag, 2019. 415 Seiten. 

Faszination des Grauens

Faszination des Grauens

An den sagenhaften Prometheus der griechischen Mythologie mögen sich wenige erinnern, aber Victor Frankenstein ist den meisten ein Begriff. Boris Karloff in der Rolle seines Monsters gilt als Ikone der Popkultur. Die Geschichte des modernen Prometheus (so der Untertitel des Romans Frankenstein) ist bereits 200 Jahre alt und hat ihren Ursprung in der Schweiz. Mary Shelley (damals noch Mary Wollstonecraft Godwin) war mit ihrem Geliebten, dem Dichter Percy Bysshe Shelley, bei Lord Byron am Genfersee zu Besuch. Man las sich Schauergeschichten vor und dachte darüber nach, selbst welche zu schreiben. Aber lediglich Mary sollte ihre Idee in die Tat umsetzen. Anderthalb Jahre später erscheint Frankenstein, in einer ersten Auflage noch ohne den Namen der 20-jährigen Verfasserin. Die neue Übersetzung dieser Urfassung durch Alexander Pechmann (Manesse 2018) zeigt, dass der Stoff nichts von seiner Wirkkraft eingebüsst hat.

Kenneth Branagh hat Frankenstein 1994 werknah mit Robert De Niro als namenlose Kreatur fürs Kino adaptiert. Hier rücken Kernthemen wie moralische Verantwortung, innere Zerrissenheit und Nächsten­liebe wieder in den Vordergrund. Allerdings greift auch Branagh im zweiten Teil auf Effekte des Gruselkinos zurück und erweitert die Story um ein weibliches Monster.

In ihrem Biopic Mary Shelley (2017) zeichnet Regisseurin Haifaa Al-Mansour Stationen im Leben der jungen Autorin nach und verknüpft die Entstehungsgeschichte ihres epochalen Romans auf eindrückliche Weise mit Marys persönlichen Erfahrungen und schweren Schicksals­schlägen.

Daniel Ammann, 27.11.2018


«Faszination des Grauens.»
Akzente 4 (2018): S. 35.
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Mary Shelley
Frankenstein oder der moderne Prometheus.
Die Urfassung von 1818.
Aus dem Englischen übersetzt und in neuer Überarbeitung herausgegeben von Alexander Pechmann. Nachwort von Georg Klein. München: Manesse, 2017. 464 Seiten.

Frankenstein. (Mary Shelley’s Frankenstein.)
USA 1994. Regie: Kenneth Branagh.

Mary Shelley.
Grossbritannien/Luxemburg/USA 2017.
Regie: Haifaa Al-Mansour.

Magoria by Daniel Ammann