Der Pakt der Freundschaft

«Wie viel Verschiedenheit verträgt die Freundschaft?» Das fragte schon Aristoteles. Er meinte, dass wahre Freundschaft nur unter Gleichgesinnten und tugendhaften Menschen möglich sei. Ob dieses Verständnis im digitalen Zeitalter noch aktuell ist, untersucht der aus Griechenland stammende und in den USA lehrende Philosophie­professor Alexander Nehamas. In seinem Buch Über Freundschaft (dtv 2017) nähert er sich dem Thema in einer Mischung aus Reflexion und persönlicher Erfahrung. Er diskutiert klassische wie zeit­genössische Vorstellungen und illustriert das Wesen moderner Freundschaft an Beispiele aus Literatur, Kunst, Theater und Film. 

Dass Freundschaft nach langer Trennung und trotz unterschiedlicher Lebensweisen Bestand haben kann, erzählt der spanische Regisseur Cesc Gay in seinem tragikomischen Spielfilm Truman. Der Informatiker Julián reist aus Kanada an, um dem todkranken Schauspieler Tomás in Madrid für ein paar Tage Gesellschaft zu leisten und mit dem Freund ein neues Plätzchen für dessen Hund zu finden. 

Von einer ganz und gar ungewöhnlichen Freundschaft handelt Michael Köhlmeiers intimer Roman Zwei Herren am Strand (dtv 2016). Winston Churchill und Charles Chaplin stehen sich weder politisch noch persönlich nahe, werden aber beide seit jungen Jahren von düsteren Selbstmordgedanken heimgesucht. Auf einem langen Spaziergang am Strand schliessen sie deshalb spontan einen Pakt fürs Leben. Sie versprechen sich, «dass, wann immer einer Hilfe benötigt, der andere, wo immer auf der Welt er ist, alles liegen und stehen lässt und kommt!» 

Daniel Ammann, 27.5.2019

«Der Pakt der Freundschaft.»
Akzente 2 (2019): S. 35.
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Alexander Nehamas
Über Freundschaft.
Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl.
München: dtv, 2017. 283 Seiten.


Truman. (Freunde fürs Leben.)
Spanien/Argentinien 2015. Regie: Cesc Gay.
Ascot Elite Home Entertainment 2016. DVD


Michael Köhlmeier
Zwei Herren am Strand.
München: dtv, 2016. 254 Seiten.

Wörter mit Geschichte

Mit den täuschenden Wörtern in Heike Olschanskys handlichem Taschenbuch verhält es sich wie mit den falschen Freunden, vor denen man uns im Fremdsprachenunterricht gewarnt hat. Ein Handy ist zwar handy (also «praktisch»), aber die beiden Homophone haben im Deutschen und im Englischen nicht die gleiche Bedeutung. Auch die mannigfachen Einträge im kleinformatigen Lexikon der Volksetymologien legen verwandtschaftliche Beziehungen zu bekannten Wörtern nahe, zeigen auf den zweiten Blick aber, dass wir einem Irrtum erliegen. Gelegentlich führt die mutmassliche Familienähnlichkeit sogar dazu, dass ein Wort sich verbiegt und der mundgerechte Wortwechsel dann erst recht zu falschen Vorstellungen verleitet.

Ein sprechendes Beispiel ist der Maulwurf. Pflügt sich dieses Wesen etwa mit baggerschaufelartigem Kiefer durch den Untergrund? Davon kann keine Rede sein. Der ursprüngliche «Haufenwerfer» (mūwerf) wurde im Lauf der Geschichte schon früh zum «Erdwerfer» (multwurf) umgedeutet und verwandelte sich schliesslich dank Ähnlichkeit mit dem mittelhochdeutschen mūle (für «Maul») zu dem, was er heute ist. Eine volksetymologische Täuschung, wie Olschansky festhält, denn das kuriose Tier arbeitet sich nicht mit der rüsselartigen Schnauze durch den Untergrund, sondern gräbt sich mit seinen schaufelartigen Vorderpfoten einen Weg durch die Erde (die als Mull noch im Wort Torfmull anklingt).

Der Grund für solche Wandlungen liegt häufig in isolierten Wortbausteinen, deren Herkunft verblasst, sobald die letzten Verwandten aus dem Wortschatz verschwinden. So hat das mittelhochdeutsche rām (für «Ziel») keine lexikalischen Nachkommen mehr, lebt aber noch im Wort anberaumen weiter (das folglich nichts mit Raum zu tun hat). Auch Abc-Schützen schiessen nicht mit Bogen und Bleistift aufs Alphabet. Hier wurde bloss der Anfänger (lat. tīro) mit dem französischen tirer in Verbindung gebracht und hat zur irreführenden Übersetzung inspiriert. Dass Volksetymologien eine weitläufige und multikulturelle Erscheinung sind, illustriert die Autorin schliesslich in einem Kapitel über Orts- und Familiennamen sowie einem anregenden «Blick über den deutschsprachigen Tellerrand».

Die Herkunft unserer Wörter mag knifflig sein, aber die Freude über sprachliche Fata Morganen darf man sich nicht verkneifen.

Daniel Ammann, 28.2.2019


Heike Olschansky
Täuschende Wörter: Kleines Lexikon der Volksetymologien.
Stuttgart: Reclam, 2017. 253 Seiten.

Magoria by Daniel Ammann