Hermann Reinfrank (1952–2023)

«Farblose grüne Ideen schlafen wütig»
Hermann Reinfrank — Künstlerporträt [1994]

Von Mark Staff Brandl und Daniel Ammann

«Nicht immer hat ein Abdruck die gleiche Form wie der Körper, der ihn gemacht hat, und nicht immer entsteht er durch das Gewicht eines Körpers. Manchmal reproduziert er nur den Eindruck, den ein Körper in unserem Geist hinterlassen hat, dann ist er der Abdruck einer Idee. Die Idee ist ein Zeichen der Dinge, und das Bild ist ein Zeichen der Idee, also das Zeichen eines Zeichens. Aber aus dem Bild rekonstruiere ich, wenn nicht den Körper, so doch die Idee, die andere von ihm hatten.»
Umberto Eco, Der Name der Rose

Freunde von uns haben kürzlich eine Episode erlebt, die sich immer wieder ergibt, wenn kleine Kinder ein Geschenk bekommen. Als sie ihrem einjährigen Sohn Nicolas ein Spielzeugauto übergaben, beachtete er das Spielzeug kaum und wandte seine ganze Aufmerksamkeit sofort dem für ihn aufregenden Styropor und der knisternden Plastikverpackung zu. Diese Art von Verpackung ist tatsächlich oft von besonderer Faszination — auch wenn diese Überreste nur die umhüllende Absenz dessen bilden, was wir für wertvoll halten. Zu dieser grundlegenden Erkenntnis gelangt auch der St. Galler Künstler Hermann Reinfrank, aber er begreift, steigert und vertieft diese Einsicht über den Abfall nachhaltig durch Einfallsreichtum, Assoziation und schiere Obsession.

Reinfrank, 1952 in St. Gallen geboren, spricht in Zusammenhang mit seiner künstlerischen Aktivität von «Müllhalden» — und das trifft zu, obgleich es sich in seinem Fall eher um das Sammeln und Anhäufen von historischem Zivilisationskehricht handelt als eine blosse Lagerstätte, wie der Begriff ebenfalls nahelegt. Voller Sorgfalt und mit grossem Eifer hortet er auserwählte Bestandteile aus dem Abfallberg seines Lebens, wandelt sie später um oder fügt sie neu zusammen und schafft so eine lebensbereichernde Kunst. Gleich auf mehreren Ebenen stellt er die Verbindung zum Müll her: erstens, indem er polsternde Schutzverpackungen aus Styropor kombiniert und diese Konstruktionen dann zum Beispiel in Gips giesst; zweitens, indem er seinen persönlichen Unrat direkt zu Werken und Installationen zusammenfügt, und drittens, indem er, gleich einem Zwang folgend, alles sammelt, ja beinahe katalogisiert, was an Altmaterial überhaupt anfällt — vor allem wenn es die Farbe Grün hat. Bei all diesen Annäherungen setzt Reinfrank auf die Zeit und lässt diese für sich arbeiten, so dass auch Zufall und Alltagserfahrung eingebracht werden. Als kritischer und aufmerksamer Beobachter all dessen, was wir auf unserem Lebensweg an Spuren zurücklassen, komponiert er «heisse» Kunst, im Gegensatz etwa zum «kühlen» Schaffen anderer Sammler-Künstler wie Arman, Robert Rauschenberg oder Andy Warhol. Überhaupt zu einem Vergleich genötigt, würden wir ihn eher in die Nähe eines Kurt Schwitters rücken als der eben genannten, vor allem dem Schwitters des Merzbau.

Die Spuren und Markierungen, welche Menschen auf der Erde hinterlassen, können — unter einem semiotischen Blickwinkel betrachtet — drei Ebenen von möglichen Bezügen aufweisen und entsprechende Schlussfolgerungen zulassen. Eine Gegebenheit, wie beispielsweise ein Fussabdruck, kann einfach als simples Ereignis genommen werden, als neutrales Zeichen, das lediglich dadurch zustandekommt, dass jemand auf den feuchten Erdboden getreten ist. Der gleiche Fussabdruck kann aber — als Index oder An-Zeichen — auch informativen Wert bekommen, wenn die Spur plötzlich als Hinweis (und Nachweis) dafür dient, dass überhaupt jemand hier war. So würde ein Detektiv den Fussabdruck unter dem Fenster eines geplünderten Hauses ganz selbstverständlich in dieser Weise, nämlich als Indiz, lesen. Die dritte Ebene schliesslich können wir als kommunikativ bezeichnen: Das Zeichen wird vom Betrachter als beabsichtigte Botschaft eines echten oder fiktiven Senders gelesen und entsprechend interpretiert, selbst wenn diese Mitteilungsabsicht in Wahrheit gar nicht existiert. Die gleichen Spuren werden nun als Aufforderung verstanden, ihnen zu folgen, mit dem Vorhaben, uns an einen bestimmten Ort zu leiten. So verhält es sich beispielsweise mit den aufgemalten Fussabdrücken in unübersichtlich angelegten öffentlichen Gebäuden oder Museen.

Der kulturell vorgegebene Rahmen, in dem wir leben, hält uns nun dazu an, Abfall, vor allem Verpackung, als ein Nebenprodukt anzusehen, eben als simples Ereignis. Die Botschaft lautet allenfalls «Pack mich aus» und (ver‑)führt uns zu den Leckerbissen im Inneren, ungeachtet des verursachten Abfalls. Reinfrank praktiziert die bedeutungsvolle Umkehrung der Kehrichtwahrnehmung. Absichtlich und mit Nachdruck liest und (miss‑)versteht er das scheinbare Nebenprodukt als kommunikatives oder doch zumindest als hoch informatives Zeichen. Was sagt uns dieses Objekt? Worin besteht seine Wesenheit, sein ontologisches Sein? — Es ist ebenso sehr ein Artefakt — ein Kunsterzeugnis also — wie derdiedasjenige, welche es hinterlassen haben.

In diesen Komplementärgestalten, den negativen Lebenshülsen, will Reinfrank Hohlformen erkennen, Matrizen, in die wir Erfahrung giessen können. Diese Ein-Drücke und Ab-Bilder liegen dann als Fund-Elemente unter Umständen jahrelang in seinem Atelier brach, warten auf eine Reaktion, auf ihre Transformation. Reinfrank glaubt nämlich, dass ein Verpackungsdesign dann am besten ist, wenn das ursprünglich Verpackte daran nicht mehr erkennbar ist. Dies ist eine Archäologie phänomenologischer Lebenserfahrung — gelebtes Leben oder, um einen Begriff zu verwenden, der im Gespräch mit ihm immer wieder auftaucht: Überleben. Seine Kunstwerke werden zu Relikten von Zufallsbegegnungen in diesem täglichen Kampf. Eine Gipsskulptur, die wir hoch auf einem Balken seines Studios stehen sahen (leider noch ohne Titel) hat ihren Ursprung in der Verbindung zweier ganz unterschiedlicher Styroporstücke. Theoretisch gesehen eine einfache Kombination, aber eindrücklich in ihrer nachhaltigen Wirkung. Es nimmt die Gestalt eines geometrischen Jaguargesichts an, eine Mayastele, die uns an jene in Tikal erinnert, taucht plötzlich im Abfallberg der Schweiz wieder aus dem Verborgenen auf. In ähnlicher Weise stellen auch andere Stücke Verbindungen zu solch altertümlichen Vorstellungsbildern und sogar zur modernen Kunst her und bewahren dennoch den Witz, der ihrer Entdeckung innewohnt: die Aztekenpyramide aus einer Abzugshaube, die Maquette zu einer abstrakten Plastik aus einer angeschwollenen Tetrapackung. Diese Müllhalden sind von vornherein mit Leben erfüllt. Ein Stapel von Objekten, an denen Reinfrank zur Zeit arbeitet, besteht aus den durchsichtigen Plastikbehältern für Fertigsalate, die der Künstler auch alle selber verzehrt hat. Schritt für Schritt füllt er seine Kunststücke mit mehr und mehr Leben an, anstatt sie auszuhöhlen, um sinnbildlich unsere Situation aufzuzeigen, wie es etwa die Pop-Art tun würde. «Kreativität ist eine Lebensform», sagt Reinfrank.

Unser metonymisches Bild von Fussabdrücken, das wir weiter oben verwendet haben, hat in einer von Reinfranks stärksten Arbeiten konkrete Gestalt angenommen, einer Installation mit Haushaltschwämmen, die von Wand zu Wand einen flächendeckenden Bodenbelag bilden. Dieses Werk mit dem Titel «Projekt Plasma» entstand 1991 für eine Ausstellung in der St. Galler Kunsthalle. Die gelb-grünen Putzschwämme wurden dabei nahtlos aneinander gereiht, jeweils mit der rauh-grünen Schrubbseite nach oben. Wenn nun Ausstellungsbesucher über die Schwämme gingen, wurden diese natürlich verrückt. (Kinder waren offenbar ganz versessen darauf, die Schwämme wieder richtig einzufügen und so den Boden zu «reparieren».) Aus diesen Störungen ergaben sich Wellenmuster, welche die Wege der Betrachter und Betrachterinnen durch den Raum nachzeichneten. Die Installation stellte in mehrfacher Hinsicht ein beträchtliches Unterfangen dar: Die 6’200 Schwämme beliefen sich auf insgesamt Fr. 2’500. Trotz grosser Bemühungen um einen Mengenrabatt beim Hersteller und im Geschäft, musste Reinfrank die Schwämme tatsächlich stückweise über den Detailhandel beziehen, da für einmal der persönliche Abfall nicht reichte. Wahrscheinlich war man nicht dazu fähig, sich dieses Projekt überhaupt als Kunst vorzustellen.

Schieres Überleben und mit seiner Kunst genug Geld zu verdienen, um damit weitermachen zu können, sind bei Reinfrank ein wiederkehrendes Thema. So gibt es mindestens zwei Nebenbeschäftigungen, die in positiver wie negativer Weise einen direkten Einfluss auf sein künstlerisches Schaffen ausgeübt haben und die für seine Fähigkeit stehen, die kleineren Überlebenskämpfe in dieses zu integrieren. Schon seit zwölf Jahren ist er als Busreiniger beschäftigt. Arbeitszeiten eines Vampirs und der allgegenwärtige Abfall haben dabei wesentlich zu seiner persönlich-künstlerischen Lebenseinstellung beigetragen, einer Betrachtungsweise, die gewissermassen auf der anderen Seite unserer eigenen liegt. Er dreht Verhältnis zwischen Hülle (leer) und Inhalt (voll) sogar bei den Tageszeiten um, denen er seine Aufmerksamkeit schenkt. Früher arbeitete Reinfrank zehn Jahre lang als Textildruckentwerfer, und vieles in seinem grundsätzlichen Kunstverständnis lässt sich in diese Zeit zurückverfolgen. Die Tätigkeit verlangt in gewisser Weise Kreativität, aber hält diese bewusst durch die kollektive Paranoia vor den ständig wechselnden Modetrends in Schach, obwohl sich auch diese Mode parasitisch von der Kunst ernährt. «Die nächste Saison steht unter dem Motto Miró», bringt Reinfrank das typische Geplänkel der Modedesigner und -verkäufer auf den Punkt. Er schuf Dessins für Stoffe, die neben Lob auch Kritiken wie «Das ist ein Bild» ernteten. Auf der andern Seite malte er gleichzeitig Bilder, die dann wiederum als «schöne Dessins» eingestuft wurden. Schon damals also verstiess er gegen einen kategorischen Imperativ des Lebens, und mit seinem heutigen Schaffen führt er diesen Schritt allmählich zur Vollendung. Dabei muss man aber auch zur Kenntnis nehmen, dass er diese Trennlinie nicht bloss im Feuer übertreibender Verallgemeinerung überquert, wie das heutzutage oft der Fall ist. Nirgends in seiner Arbeit lässt sich etwa eine Aussage wie «Kunst und Werbung sind das gleiche» oder eine ähnliche Platitüde ableiten. Er praktiziert ja gerade das Gegenteil und führt durch eine ethisch konsequente Trennung Kunst und Leben erst zusammen. Vielleicht hat er auch deshalb jenen «Beruf» (was für ein gewichtiger schweizerischer Ausdruck) aufgegeben, um nur noch als Busreiniger zu arbeiten und so Raum für seine eigentlich künstlerische Tätigkeit zu schaffen. Vor diesem Hintergrund arbeitet er immer noch, wird oft zuerst wütend, wie er sagt, und in der Folge kreativ.

Die konzentrierte Beschäftigung mit der Farbe Grün geht ebenfalls auf seine Zeit als Textildruckentwerfer zurück. Er habe sie 1972 aufgrund ihres «Un-Sinns» ausgewählt, erklärt Reinfrank. Damals war er im Vorkurs der Kunstgewerbeschule, wo es verschiedene Aufgabestellungen zum Thema Farbe gab. Uns scheinen die Assoziationen dieser Farbe mit einer Wellenlänge von 500 Nanometer zwar viel weitreichender, weshalb Reinfrank sie vielleicht absichtlich nicht genauer ausführt. Eines seiner bekannteren Werke ist eine kleine Anthologie, eine (An‑)Sammlung von Sätzen, die das Wort «grün» enthalten und aus einem breiten Spektrum von Texten stammen. Sätze mit grün (Mai 1985) das erste Exemplar aus dem Vexer Verlag, einem Kind des St. Galler Künstlers Josef Felix Müller, dessen Programm sich durch kostbare Ausgaben und Buchwerke experimenteller Künstler einen Namen gemacht hat. Seither hat Reinfrank willkürlich — oder auch nicht — immer wieder Grün als Bezugsfarbe für seine Arbeit gewählt. Wenn nicht etwas anderes, so zeichnet sicher die obsessiv-zwanghafte Verwendung dieses Farbprinzips seine einzigartige Stellung in der Ostschweizer Kunstszene aus. Ganz bewusst treibt er eine ausgefallen individuelle Entscheidung über die Jahre fast auf die Spitze.

Ebenfalls eine Reaktion auf die Kunstgewerbezeit scheint Reinfranks Feststellung zu sein, dass Kunst «keine Dekoration» ist — und nicht sein darf. Er tritt zwar leidenschaftlich dafür ein, dass (seine) Kunst einem Zeck dienen soll, jedoch einem ganz anderen als dem der Verzierung. Betrachter müssen ins Bild kommen können, sei es physisch oder gedanklich. — «Was mal Leinwand war, sind Hirne.» Die Oberfläche unserer alltäglichen Wünsche bemalt er mit Abfallpigment aus dem, was wir ausblenden. Es ist durchaus denkbar, dass Reinfranks relative Abgeschiedenheit von der aktiven Kunstszene — abgesehen von seiner Mitwirkung in der St. Galler Kunsthalle und der Teilnahme an Veranstaltungen wie der Ausstellung Kunstschaffen in der OLMA — auf seine friedliche Ablehnung jeweiliger Modeströmungen zurückzuführen ist. Das Verlangen, «seine Datenbank zu füllen», verfolgt ihn mehr als die Erfolgsmasch(in)e. «Nicht was in der Kunstszene läuft, sondern alles ist wichtig, um Kunst zu machen — nicht die Kunst», sagt Reinfrank. Ihn interessiert die Schnittstelle zwischen Relikt, Gesellschaft und dem Unsichtbaren.

Zu einem gewissen Grad sollte er sich wahrscheinlich vermehrt mit den Abläufen des Ausstellungsbetriebs auseinandersetzen oder nach Alternativen suchen, denn viele der potentiell faszinierenden Installationen scheinen nur auf den Rahmen einer passenden künstlerischen Veranstaltung zu warten, damit auch andere die Entdeckungen des Künstlers sehen und daran teilhaben können. Das pralle Chaos seines Ateliers bräuchte nur den zündenden Funken einer Gelegenheit, um nach aussen zu gelangen und dort Interesse zu wecken. Ein schön gefertigter Karteikasten aus Holz, den er aus dem Abfall gerettet hat, wartet hoffnungsvoll auf eine Ausstellung — zum Beispiel gefüllt mit Ideen und Grün. Weggeworfene Papierrollen, ursprünglich für Billettautomaten gedacht, liegen auf einem Stapel. Das Hintergrundbild der stilisierten (und spiegelverkehrten) Landschafts-Silhouette des Klosterviertels in St. Gallen gibt Reinfrank die Idee zu einer Installation, wo Besucher Regionallandschaftskunst per Laufmeter kaufen könnten. Neben diesen Arbeiten auf Abruf macht sich Reinfrank nun bereits um die Beschaffung des Rohmaterials für seine Kunst Sorgen. Scherzhaft, aber doch mit einer gewissen Betroffenheit, stellt der Sammelwütige fest, dass angesichts des (scheinbar) recyclierbaren Styropors nicht mehr genug Müll als Grundmaterial für seine Formen bleiben wird.

Obgleich einiges in dieser Diskussion um Müll schockierend wirken mag — oder zumindest als Versuch zu schockieren, so trifft dies in Wahrheit für Reinfranks Kunst ganz und gar nicht zu. Hingegen stimmt es, dass er bei einzelnen Werken schon mit ungewöhnlichen Begriffen im Zusammenhang mit Abfall gearbeitet hat. Beim letzten (in der gleichen Ausstellung zu sehen wie die grüne Schwamm-Teppich-Installation) handelte es sich um eine digitalisierte Form des Wortes «Scheisse». Reinfrank verwendete hierbei den ASCII-Standard (American Standard Code for Information Interchange), einen binären Zahlencode zur Darstellung von Zeichen im Computer. Der Buchstabe «S» beispielsweise lässt sich durch eine Serie von geöffneten («aus») und geschlossenen («ein») Schaltkreisen in der Form «ØØ11ØØ11» ausdrücken, wobei Ø «aus» und 1 «ein» bedeutet. Dieses Prinzip wandte Reinfrank, ebenso wie es ein Computer tun würde, auf das ganze Wort an und stellte dieses visuell mit Hilfe von Kaugummis dar, welche in zwei unterschiedlichen Grüntönen geliefert werden. «So schön kann Scheisse sein», meint er dazu. Obwohl es in der Beschreibung zwar provokativ tönt, handelt es sich in der visuellen Umsetzung um eine schöne Arbeit. Der Künstler konzentriert sich hier auf das Uneingestandene und führt seine Arbeitsthese quasi mit den Mitteln des prächtig neuen Computerzeitalters aus. Gemäss Reinfrank lässt dies in gewisser Weise auch an unsere ganze Lebensspanne denken, und etwas trocken, aber vielleicht völlig zutreffend kommentiert er: «Wir sind hier, um Kohlenstoff zu produzieren». In dieser Sichtweise wird das menschliche Leben relativiert und erweist sich gewissermassen als Kompost — ein durchaus wirksames Gegenmittel angesichts zu starker Romantisierung. 

Schwingt hier auch Melancholie mit? — Sicherlich, zumindest teilweise. Als wir Reinfrank so in seinem Atelier sitzen sahen, umgeben von einer Unmenge von Objekten, wurden wir doch ein bisschen an den Engel in Albrecht Dürers Radierung Melencolia II erinnert, der zwischen Symbolen und Gegenständen von Handwerk und philosophischem Denken sitzt, die das Leben eines Künstlers begleiten, eine Allegorie für die Verbindung von Zelebration und Requiem, welche so ein Leben darstellt. In diesem Künstler finden wir Dürers Engel in der Begegnung mit Dada, immer noch nach Leben dürstend. «Kein fester Boden», lautet eine von Reinfranks Antworten. «Man muss weitermachen». In der künstlerischen Tätigkeit geht es also einmal mehr «um Wahrheit». Jede und jeder bleibt auf sich selbst gestellt.

Als Reinfrank vor einiger Zeit ins neue Atelier umzog, musste er die übliche Entsorgungsgebühr für all das bezahlen, was er nicht transportieren wollte. Worin er eher quer zu uns liegt, ist wohl die Auswahl dessen, was er verbrennen liess und was ihm wertvoll genug erschien, um es zu ordnen und mitzunehmen. Seine Möbel hat er entsorgt und die Müllhalde behalten. Reinfrank wirft das weg, was andere sorgsam aufbewahren, und hortet, was andere wegschmeissen. Dies führt uns wieder zurück zur verborgenen Aussagekraft unseres Mülls. Indem er sich auf das konzentriert, was uns entgeht oder gar bewusst ignoriert wird, zeigt er uns einen Aspekt unseres Lebens auf, der die Erfahrung als Ganzes bereichern und abrunden kann. Wer will denn festlegen können, warum das eine Spielzeug und das andere nichts sein soll? Vielleicht brauchen wir beide, um überhaupt zu spielen.

 

Mark Staff Brandl & Daniel Ammann
«‹Farblose grüne Ideen schlafen wütig›: Hermann Reinfrank – Künstlerporträt.»
fön 11 (Nov./Dez. 1994): [S. 9–10].
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Siehe auch: 
Stillhart, Sibylle. «Die Müllhalde lebt! Notizen beim Besuch des Ateliers von Hermann Reinfrank, Abfallkünstler.» Saiten (Okt. 1995): doi.org/10.5169/seals-885897.

Sprachen ohne Worte

Sprachen ohne Worte

In Gullivers Reisen1 wird an einer Akademie eine Debatte darüber geführt, wie man die Sprache verbessern könnte. Ein Professor schlägt vor, «die Rede zu verkürzen, indem man alle vielsilbigen Wörter so zurechtstutzt, dass nur noch eine Silbe übrig bleibt». Ferner könne man alle Verben und Partizipien künftig weglassen, «weil alle vorstellbaren Dinge der Wirklichkeit ja ohnehin nur Substantiva seien». Der Satiriker Jonathan Swift hat sich also vor dreihundert Jahren schon Gedanken über «Einfache Sprache» gemacht.

Dinge statt Worte

Ein anderes Projekt ging noch einen Schritt weiter und bezweckte gleich sämtliche Wörter abzuschaffen: Da es sich bei Wörtern lediglich um «Namen für die Dinge» handle, könne man stattdessen ja einfach die Dinge mit sich tragen, die man benötigt, «um Sachen auszudrücken, über die man sich jeweils unterhalten wolle.»

 Nun können wir vielleicht ohne Wörter, aber bestimmt nicht ohne Begriffe auskommen. Beispiele für Kommunikation jenseits der artikulierten oder geschriebenen Wortsprache stellt Andrea Weller-Essers in einem kleinen Band aus dem Duden Verlag vor.

Tatsächlich geht es auch ohne Worte – nicht nur im Bilderbuch, sondern überall dort, wo die Verbalsprache in geschriebener oder gesprochener Form versagt oder nicht zum Zug kommt. Unter Wasser verständigt man sich mit Tauchzeichen, Polizei und Bodenlotsen am Flughafen regeln den Verkehr mit Handzeichen und auch im Konzertsaal, auf dem Fussball- oder Eishockeyfeld wird das Geschehen mit Gesten dirigiert. Sprachen im eigentlichen Sinn sind das jedoch nicht – im Unterschied etwa zur Gebärdensprache der Gehörlosen oder der ideografischen Bliss-Schrift, mit denen sich dank Begriffen und Grammatik praktisch alles ausdrücken lässt. Das reich illustrierte Duden-Büchlein stellt neben Musik- und Tanznotationen auch verschiedene Schriftsysteme und exotische Signalsprachen vor. Damit vermittelt es einen breiten Einblick in die faszinierende Welt der Kommunikation. Selbst ohne Worte sind wir mit unserem Latein also noch lange nicht am Ende.

Daniel Ammann, 26.2.2020/2026

«Wortlos kommunizieren?» 
Akzente 1 (2020): S. 35.
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  1. Jonathan Swift. Gullivers Reisen. Aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke. Nachwort von Dieter Mehl. Zürich: Manesse, 2017. ↩︎

Andrea Weller-Essers
Sprachen ohne Worte: Kommunikation auf anderen Wegen.
Berlin: Dudenverlag, 2019. 80 Seiten.
Sprachen ohne Worte

Historischer Bilderbogen

Die Allgegenwart medialer Bilder und ihre permanente Verfügbarkeit lässt zuweilen vergessen, dass die bildtechnische Revolution schon 180 Jahre andauert und noch keineswegs abgeschlossen ist. Auf die Erfindung der Fotografie mit ihrem einzigartigen Bildrealismus (und ersten Fakes) folgt die visuelle Simulation neuer Wirklichkeiten im Kino. Die Möglichkeiten der elektronischen Signalüber­tragung führen im 20. Jahrhundert zur Entwicklung und Verbreitung des Massenmediums Fernsehen. Einen vorläufig letzten Visualisierungsschub bringt die computertechnische Digitalisierung, mit deren kulturgeschichtlichen Auswirkungen wir derzeit noch kämpfen. Der Bildhistoriker Gerhard Paul erzählt die Bildgeschichte, die auch immer eine Mediengeschichte ist, entlang der grossen Kapitel deutscher Geschichte und durchleuchtet in seinem umfassenden und reich illustrierten Werk die vielschichtigen Bildpraktiken in Berichterstattung, Kunst, Werbung, Politik, Film und Wissenschaft. 

Daniel Ammann, 25.8.2017

Akzente 3 (2017): S. 35.
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Gerhard Paul
Das visuelle Zeitalter: Punkt und Pixel.
Göttingen: Wallstein Verlag, 2016. 760 Seiten.

Sternstunde Medienbildung

Seit die Medienrevolution losgelegt hat und mit wachsendem Tempo Wellen technischer Innovationen, neuer Formate und wechselnder Angebote über die Welt ergiesst, ist unser Reaktions- und Reflexionsvermögen ständig gefordert. Es bleibt kaum Zeit, einen Schritt zurückzutreten, um die jüngsten Umwälzungen aus nüchterner Distanz zu betrachten. Dieser kulturellen Kurzatmigkeit schlägt Christian Doelker ein raffiniertes Schnippchen. Er lädt zu einer ungezwungenen Plauderrunde mit hochkarätigen Teilnehmern und verstrickt uns im Nu in zentrale Fragen und Debatten unserer Geistes- und Kulturgeschichte. 

In einer fiktiv-virtuellen Radiosendung unter der Leitung des spanischen Kulturphilosophen José Ortega y Gasset unterhalten sich (und das Publikum) Persönlichkeiten wie der Philosoph Platon, der Pädagoge Comenius, der Naturforscher Charles Darwin, die Impressionistin Berthe Morisot und Filmikone Marilyn Monroe. So originell das Konzept, so originär sind deren Redebeiträge. Denn so viel ist klar: Ohne Zugriff auf unser verfügbares Weltgedächtnis ist der medialen Gegenwart kaum beizukommen. Der transhistorische Blick überwindet das Transitorische und macht ein sinnstiftendes Nachdenken erst möglich. Während Platon den Bildschirm fast bewahrpädagogisch als Monitor der Unterwelt tituliert, begrüsst ein Johann Amos Comenius die digitalen Archive, in denen sein Kompendium der sichtbaren Welt eine willkommene Fortsetzung erfährt. Ohne angemessene Bildung ist allerdings auch der mediale Bilderbogen nicht viel nütze. Dem wiederum hält Berthe Morisot entgegen, dass sich das Geheimnis eines Kunstwerks durch theoretische Annäherungen noch lange nicht ausschöpfen lässt. Marilyn Monroe warnt derweil davor, dass Medienbilder unsere Vorstellungen wesentlich mitprägen, aber durch ihren Vorbildcharakter auch Klischees und Illusionen kultivieren. Mit Darwin darf man am Ende zu Recht fragen, wohin sich der Mensch in dieser mediendurchsetzten Umwelt wohl entwickeln wird. 

In vier kompakten Sendeblöcken (bzw. Kapiteln) entfaltet Christian Doelker eine kompakte Medienkosmologie – von grundlegenden Betrachtungen zur Mediengesellschaft über mediale Codierungen und Strategien der Informationsverarbeitung bis hin zu meditativen Reflexionen unseres Nutzungsverhaltens. Die Positionen der virtuellen Gesprächs­teilnehmer lassen sich dabei nicht nur in der Geschichte festmachen, sondern bilden in ihrer Stimmenvielfalt den aktuellen Mediendiskurs ab. Dennoch kommen die pointierten Thesen und Einwürfe so leichtfüssig daher, dass sie – wie es sich für eine Radiosendung gehört – gar keiner Fussnoten bedürfen. Stattdessen führt ein Anhang entlang essenzieller Kurzbeiträge in die theoretischen Ansätze des Zürcher Medienpädagogen ein. 

Als Medienkulturwissenschaftler avant la lettre gelingt es Christian Doelker, exemplarische Argumentationsstränge aus Philosophie, Kunstgeschichte, Philologie, Bildtheorie und den Kommunikationswissenschaften zu bündeln und daraus mit Scharfsinn und Ironie einen lesbaren Medientext zu flechten. 

Daniel Ammann, 23.5.2017 

«Sternstunde Medienbildung.»
Akzente 2 (23.5.2017).
Download 


Christian Doelker.
Der Medien-Code: Marilyn Monroe, Berthe Morisot, Charles Darwin, Comenius und Platon im Gespräch über die digitale Gesellschaft.
Bern: hep verlag, 2016. 126 Seiten.

Roland Barthes: Die helle Kammer

«Die Aura der Fotografie.»
Roland Barthes′ «Bemerkung zur Photographie» in neuem Licht.
literaturkritik.de 20.9.2010.
Download 10 (2010): S. 249–251.

Roland Barthes.
Die helle Kammer: Bemerkung zur Photographie.
Aus dem Französischen von Dietrich Leube.
Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag, 2009.
138 Seiten.

«Die helle Kammer» erscheint erstmals 1980, in Roland Barthes’ Todesjahr. Der subjektive Essay zur Fotografie gilt heute als Standardwerk. Gleichzeitig ist dieses Vermächtnis des grossen Semiologen auch ein Zeugnis und Relikt aus einer vordigitalen Zeit.

Magoria by Daniel Ammann