Wackelkontakt und Metalepse

Wackelkontakt und Metalepse

Der erste Satz, so wird gelegentlich behauptet – und manchmal trifft es wohl zu –, trägt bereits die ganze Geschichte, zumindest ihre DNA, in sich. Gleich einem Samenkorn, aus dem ein ganzer Baum wächst, den man vielleicht zu Papier verarbeitet, um das Buch herzustellen, das im ersten Satz wieder das Samenkorn enthält.

So viel darf man in Wackelkontakt dem ersten Satz zugestehen: Ein paar wichtige Dinge kommen schon vor, auch wenn man dies selbstredend erst erkennt, wenn man das Übrige gelesen hat. Das gilt in diesem Fall auch für die raffinierte Metalepse1.

Der erste Satz nimmt, wie so oft, vieles vorweg und verrät doch nichts. Das macht seinen Reiz aus und lässt mich so gern dahin zurückkehren, wo alles, wenigstens in einem Buch, beginnt. Hier haben wir: (1) Franz Escher, mit seinem allusiven Namen, (2) das Warten, das man mit einem Buch oder eben mit einem (3) Puzzle zubringen kann – bis einem das Schicksal ereilt oder in der Erwartung, dass sich irgendwann etwas (4) Erwartetes oder Unerwartetes ereignet. Die zusammengesetzten Puzzleteile greifen ineinander, vervollständigen ein Bild, das aber weiterhin aus einzelnen Stücken besteht und dessen Rahmen darüber hinwegtäuscht, dass es nur einen Ausschnitt zeigt. Als würden wir durch ein Fenster blicken.

Er verstand nicht, was hier abging. Was lief hier eigentlich? Das Bild setzte sich nicht zusammen. Er hatte einen Mangel an Infor­ma­tionen. Er hatte ein Zuviel an Infor­ma­tionen. Eine unend­liche Leere öffnete sich unter seinen Füssen.

Machen wir es doch wie die Puzzlespieler und beginnen oben links mit dem Rahmen, dem ersten Satz.

Daniel Ammann 24.1.2025

  1. Auch bei der Metalepse handelt es sich um eine Art Wackelkontakt, einen narrativen Kurzschluss, bei dem unvermittelt die Ebene gewechselt wird. Wenn die einzelnen Erzählstränge ineinander greifen, sich Binnen- und Rahmenerzählung wider alle Logik gegenseitig enthalten und uns durch den Blick ins Bodenlose in einen Taumel stürzen, haben wir es mit einem Spezialfall der Metalepse zu tun, der sogenannten mise en abyme. ↩︎

Zum Thema «narrative Metalepse» siehe auch:

Ein Tag im Leben der Erde

Ein Tag im Leben der Erde

Unseren Heimatplaneten einmal von aussen betrachten – das wurde erst durch die Raumfahrt möglich. Am eindrüklichsten sind zwei Aufnahmen aus dem All, die sich als ikonische Bilder ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben und unsere Sicht auf die Erde bis heute prägen.

Die Astronauten der Apollo­-8-Mission umkreisen den Mond und werfen als erste Menschen einen Blick auf die Rückseite unseres Trabanten. Am 24. Dezember 1968 schiesst Astronaut Bill Anders (1933–2024) das legendäre Farbfoto der ‹aufgehenden› Erde. Über der kargen Kraterlandschaft des Mondes schwebt unser Planet als zarte Blase im endlos schwarzen All. Der Name «Earthrise» ist allerdings irreführend, denn von der uns zugewandten Seite des Mondes ist die Erde immer sichtbar.

Apollo 17 Full Earth photo
View of the Earth as seen by the the crew of the Apollo 17 spacecraft en route to the Moon at a distance of about 29,400 kilometres (Quelle: NASA).

Vier Jahre später entsteht während der Apollo-17-Mission das ebenso berühmte «Blue Marble»-Foto, das die Erde als Ganzes zeigt. Ein Vorläufer dieses Bildes hat auch Eingang gefunden in Samantha Harveys mit dem diesjährigen Booker Prize ausgezeichneten Roman Umlaufbahnen (Orig. Orbital):

Auf dem Foto, das Collins gemacht hat, sieht man die Mondfähre mit Armstrong und Aldrin darin, direkt hinter ihnen der Mond, und etwa vierhunderttausend Kilometer weiter dahinter die Erde, eine blaue Halbkugel, in völliger Finsternis schwebend, mit der Menschheit darauf.

Dieses überwältigende Schauspiel bietet sich den Astronaut:innen an Bord des fiktionalen Raumschiffs tagaus, tagein. Durch das Fenster sehen sie den blauen Planeten «im grellen Licht […] wieder einmal wie eine Glasmurmel im schwärzesten All». Nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen.

Auf ihrer Mission hat die Crew – zwei Astronauten, zwei Astronautinnen, zwei Kosmonauten – den Globus stets im Blick, beobachtet, wie er gleich einer polierten Kugel unter ihnen vorbeirollt und Kontinente, Meere, leuchtende Grossstädte, Berge, Gletscher und Wüsten lautlos vorüberziehen. Selbst der Taifun, der sich über den Westpazifik Richtung Südostasien schiebt und grosse Verheerungen anrichten wird, erscheint vierhundert Kilometer über dem Erdboden als harmlos schönes Muster.

Samantha Harvey erzählt in ihrem denkwürdigen Roman einen einzigen Tag, obgleich es im Orbit keine Tage im eigentlichen Sinn gibt, so wie in der überirdischen Schwerelosigkeit auch oben und unten ihre Bedeutung verlieren. Sechzehnmal umkreisen die Astronaut:innen aus Amerika, Japan, Grossbritannien, Italien und Russland an diesem Tag ihre terrestrische Heimat, deren physikalische und emotionale Anziehungskraft sie in der Umlaufbahn und bei Verstand hält. Ständig ändert sich die Perspektive und dennoch bleibt sich alles gleich. «Ungefähr neun Monate werden sie alle hier sein, neun Monate schwerelosen Treibens, neun Monate geschwollener Kopf, neun Monate Sardinenbüchse, neun Monate auf die Erde hinabglotzen.»

Mit den Figuren wechseln auch wir die Perspektiven, tauchen in ihre Träume und Erinnerungen ein, nehmen an ihren täglichen Verrichtungen und Aufgaben teil, richten mit ihnen den Blick auf die Erde – und erkennen ihre atemberaubende Schönheit und Zerbrechlichkeit.

Die Übersetzerin und Autorin Julia Wolf schafft es, Samantha Harveys unspektakulär poetische Sprache auf sorgfältige Weise ins Deutsche zu übertragen. Damit erweist sich auch die Übersetzung des Romans als bookerpreiswürdig.

Daniel Ammann, 27.11.2024 


Samantha Harvey.
Umlaufbahnen.
Aus dem Englischen von Julia Wolf.
München: dtv, 2024. 223 Seiten.

Ein Tag im Leben der Erde

Der Weg zum Erfolg

Der Weg zum Erfolg

Wenn wir uns auf einen Operationstisch legen oder in ein Flugzeug steigen, vertrauen wir uns lieber einer Chirurgin oder einem Piloten mit viel Erfahrung an. Übung macht schliesslich den Meister und die Meisterin. Darauf verlassen wir uns.  Wie die Expertiseforschung allerdings zeigt, lässt sich Meisterschaft nicht einfach in Übungsstunden und Berufsjahren messen. Und auch das Talent wird überbewertet.

Wörter auf Reisen

Manchmal fehlen uns buchstäblich die Worte. Da müssen keine überwältigenden Gefühle im Spiel sein. Es kann schlicht vorkommen, dass sich im umfangreichen Lexikon unserer Sprache kein geeigneter Ausdruck findet.

In ihrem liebevoll gestalteten Buch Lost in Translation (DuMont 2017) porträtiert Ella Frances Sanders 51 Wortperlen aus der ganzen Welt, für die es in anderen Sprachen keine passende Entsprechung gibt. Sollte das illustrierte Bändchen wider Erwarten in einem Stapel ungelesener Bücher landen, so haben die Japaner dafür wenigstens ein Wort: Tsundoku.

Mit Total verrückte Wörter (360 Grad Verlag 2018) legen Nicola Edwards und ihre Illustratorin Luisa Uribe ebenfalls eine bunte Sammlung unübersetzbarer Wörter aus aller Welt vor. Kinder ab 8 Jahren lernen hier nicht nur 29 exotische Begriffe kennen, sondern erfahren in informativen Kurztexten einiges über die verschiedenen Herkunftsländer, deren Sprachen und Gebräuche. Jemanden, der schnell friert, nennt man im Spanischen «friolero». Oder haben doch die Schweizer den «G’frörlig» erfunden?

Ein Blick in Versunkene Wort-Schätze (Dudenverlag 2016) zeigt, dass wir mitnichten in die Ferne schweifen müssen, um einheimische Wortlücken zu füllen. Die Fundgrube überjähriger Vokabeln dokumentiert schnurrige Idiome, Redeblumen und jede Menge Wörter, die zusehends in Vergessenheit geraten und uns womöglich bald fehlen werden. Manch ein Ausdruck, der weiland à la mode war, könnte uns hinfort wieder zupasskommen oder gleichwohl für mehr lexikalische Vielfalt sorgen.

Daniel Ammann, 28.2.2019

Erschienen in: Akzente 1 (2019): S. 35.
 Als PDF zum Download


Ella Frances Sanders
Lost in Translation: Unübersetzbare Wörter aus der ganzen Welt. 
Aus dem Englischen von Marion Herbert. Köln: DuMont, 2017. 112 Seiten.

Nicola Edwards
Total verrückte Wörter: Eine Sammlung unübersetzbarer Wörter aus aller Welt. Illustrationen von Luisa Uribe. Aus dem Englischen von Beatrix Rohrbacher. Schriesheim: 360 Grad Verlag, 2018. 64 Seiten. Ab 8 Jahren.

Versunkene Wort-Schätze: Wörter, die uns fehlen werden.
Berlin: Dudenverlag, 2016. 133 Seiten.


Juxtaposition: Under the Typewriter

Reviewing Rebel in the Rye, Danny Strong’s biopic about J.D. Salinger and the genesis of his exceptional novel The Catcher in the Rye, film critic Carrie Rickey states that «few movie genres are more challenging to the filmmaker than the literary biopic» (Truthdig, 8. Sept. 2017). On the whole, she finds the movie «singularly un-cinematic» and points out that «struggling for a new angle on the writer at his instrument, Strong puts the camera under Salinger’s typewriter, framing the writer’s face through the keys.»

Not quite true. We’ve seen something similar before … namely in Wim Wender’s semifictional biopic Hammett (based on Joe Gores’ novel by the same title).

Daniel Ammann, 20.3.2018

Sprechende Handpuppen

Sprechende Handpuppen

    

Ein verschrobener Lehrer mit Flair für Sprachgeschichte und nordische Mythen besucht für sein Leben gern Beerdigungen. Da er die Verstorbenen nicht persönlich kennt, denkt er sich einfach Geschichten aus und gibt sich bei den Traueressen als vertrauten Freund der Fremden aus. Doch das ist nicht die einzige Marotte des einsamen Ich-Erzählers in Jostein Gaarders neuem Roman Ein treuer Freund (Hanser 2017). Auch Jacops langjähriger Weggefährte und Vertrauter ist nicht von dieser Welt. Bei Pelle handelt es sich um eine sorgfältig gestaltete Handpuppe, die sich die Stimme ihres Besitzers ausleiht und diesen mit ihrer frechen Art ab und zu in Verlegenheit bringt.


Screenshot aus The Beaver (Mel Gibson und Jodie Foster).

Der depressive Spielzeughersteller Walter Black (Mel Gibson) in Jodie Fosters Spielfilm The Beaver (USA 2011) findet nach einem Zusammenbruch ebenfalls Trost bei einer Handpuppe. Die Biber-Figur mit Cockney-Akzent übernimmt für den verstummten Walter aber nicht nur das Sprechen, sondern stellt sein ganzes Leben auf den Kopf. So weiss sich Walter am Ende nur noch durch eine drastische Aktion von seinem tyrannischen Fantasiefreund zu befreien.


Screenshot aus What About Bob? (Richard Dreyfuss und Kathryn Erbe).

Dass wir in Gegenwart von Marionetten, Kasperlefiguren und Bauchrednerpuppen Hemmungen und Widerstände ablegen, macht sich auch Dr. Leo Marvin (Richard Dreyfuss) in What About Bob? zunutze (USA 1991). Die Leitfigur mit den Gesichtszügen des Psychiaters kommt zum Einsatz, als dieser seine grosse Tochter zu therapieren versucht. Sie bietet ihm mit ihrer eigenen Puppe Paroli, bevor sie die Doppelgängerin wütend von sich weist und davonstürmt.

Daniel Ammann

Erschienen in: Akzente 3 (2017): S. 35 und online.

Siehe auch «Panoptikum der Phantasiegefährten» in der NZZ vom 26./27.9.2015: S. 51–51.

Magoria by Daniel Ammann