Embarras de richesse

WonderBoys_Grady

The more I think and write about Michael Chabon’s wonderful novel Wonder Boys and the movie by the same title, the more I feel infected and, for that matter, inflicted by his protagonist’s embarras de richesse – flooded with grandiose ideas, trenchant quotes and highfalutin intentions. «The only part of my world that carried on, inalterable and permanent, was Wonder Boys. I had the depressing thought, certainly not for the first time, that my novel might well survive me unfinished», says I-Narrator Grady Tripp.
But unlike him I am determined to gain the upper hand. After all, it is Michael Chabon himself who (supposedly) said: «You need three things to become a successful novelist: talent, luck and discipline. Discipline is the one element of those three things that you can control, and so that is the one that you have to focus on controlling, and you just have to hope and trust in the other two.» And, luckily, I am not working on a novel – this time.

 

Siehe auch den Beitrag «Verwirrung durch Überfülle».

Gebrochene Gebote #3 – Finger weg von Klischees!

Was soll man über Klischees sagen, das nicht schon tausendfach gesagt wurde? Am besten wir machen einen weiten Bogen um sie, meiden sie wie die Pest und lassen ein für allemal die Hände davon, bevor wir uns noch die Finger verbrennen. Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Guter Rat ist also teuer. Doch last but not least hat eben alles immer zwei Seiten, nicht nur die berühmte Medaille.

Klischees können zwar ins Auge gehen, aber zum Glück haben wir ein lachendes und ein weinendes. Deshalb Schwamm drüber. Drücken wir ein Auge zu. Es ist ja noch nicht aller Tage Abend, und man muss auch mal fünf gerade sein lassen. Wie heisst es so schön? Eine Hand wäscht die andere, man darf sich nur nicht einseifen lassen.

Das Antezitat

Texte spielen nicht nur auf Vergangenes an, sie greifen gelegentlich auch vor. Die Kunst ahmt die Wirklichkeit (und andere Kunst) nach, aber – wie schon Oscar Wilde festgestellt hat – das Leben ahmt mitunter die Kunst nach. Das gilt nicht nur für visionär-prophetische Texte oder Science-Fiction. Sprachliche Vorwegnahme und Vorgriffe auf die Zukunft sind an der Tagesordnung. Wir lesen über die Liebe, bevor wir uns verlieben, kennen fremde Länder aus Fotografien und Filmen, bevor wir selbst dort waren.

Geschichten zeigen uns Muster, die wir dann in der Wirklichkeit entdecken, und sie beschreiben Erfahrungen, die uns noch bevorstehen. Jenseits sich selbst erfüllender Prophezeiungen gibt es aber noch etwas, was ich unter dem Begriff «Antezitat» fassen möchte. Eine Textstelle oder eine Szene in einem Film präsentiert uns etwas, das erst später Wirklichkeit wird, das wir rückblickend jedoch als Anspielung oder Zitat deuten.

Antezitat

Im Roman The Hours (1998; dt. Die Stunden) von Michael Cunningham blickt Clarissa, eine der Hauptfiguren, aus dem Fenster eines Blumenladens und glaubt draussen eine berühmte Schauspielerin entdeckt zu haben: Meryl Streep oder Vanessa Redgrave. In der Filmadaption des Romans wird Clarissa von Meryl Streep gespielt. Die beschriebene Szene fehlt im Film ebenso wie ein Teil des vorangehenden Dialogs. Clarissa erzählt der Ladenbesitzerin, dass sie für einen Freund eine Party organisiert, weil dieser mit einem bedeutenden Literaturpreis geehrt wird. Die Blumenverkäuferin fragt, ob es der Pulitzer-Preis sei. Ein weiteres Antezitat, denn Michael Cunningham hat für eben diesen Roman 1999 den Pulitzer erhalten.

Manchmal geht es auch daneben. Dan Brown vergleicht seinen Zeichenforscher Robert Langdon in The Da Vinci Code mit Harrison Ford, aber in der Verfilmung des Romans hat Tom Hanks die Rolle bekommen.

Die Wirklichkeit ahmt die Kunst nach. Aber sie lässt sich nicht darauf behaften.

Apostrophe – Katastrophe

Apostrophe – Katastrophe

’s ist ’ne Krux mit dem Apostroph. Dabei wär’s ganz einfach. Das Auslassungszeichen steht im Deutschen für etwas Weggelassenes, meistens für das «e» des Pronomens «es». Wenn hingegen ein Artikel mit einer Präposition verschmilzt, braucht es den Apostroph definitiv nicht. Also heisst es: aufs, ins, fürs, ums, hinterm, übern, beim … usw. Auch die gängigen Imperativformen (Lass es!) oder Pluralformen von Abkürzungen (PHs, DVDs, CEOs) kommen ohne den Apostroph aus.

Dieter E. Zimmer hat sich schon 1995 in der Zeit beklagt, dass der Apostroph nicht nur beim Genitiv falsch gesetzt wird, sondern neuerdings sogar zwischen Wortstamm und Plural-s drängt. Wen wundert’s also, dass auf Speise- und Getränkekarten «Tee’s» oder – noch schlimmer – «Spaghetti’s» angeboten werden? Zehn Jahre später hat auch Bastian Sick dem Deppen-Apostroph den Kampf angesagt. Aber was hilft’s? Als ich vor kurzem eine neue App der Post installiert habe, gab’s schon vor dem Login zwei falsche Apostrophe gratis mit dazu. Schlechte Noten fürs Kundenzentrum.

apostroph_Postapp

Aber es ist noch nicht lange her, da war in den FAQs auf der NZZ-Website zu lesen:

NZZ_Deppenapostroph

Traurig, aber wahr. Nicht einmal ein wissenschaftlicher Verlag ist gegen die falsche Verwendung gefeit:

Apostrophe – Katastrophe

Hier hat man’s sogar geschafft, typografisch komplett danebenzugreifen. Der Apostroph sollte nämlich wie eine kleine Neun geformt sein. Wenn überhaupt, dann hat er mehr Ähnlichkeit mit dem französischen Accent aigu, aber auch das hat einen Haken. Auf meiner alten Underwood-Schreibmaschine taugt die entsprechende Taste sogar als Eselsbrücke:

Taste_Apostroph_9

Deshalb: Wer ganz auf den Apostroph verzichtet, macht eindeutig weniger Fehler. (Laut Duden gehts sogar beim «es».)

23.5.2016

 

Sick, Bastian. 2005. «Deutschland, deine Apostroph’s.» In Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod: Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache, 29–34. Köln: Kiepenheuer und Witsch.

 

Magoria by Daniel Ammann