Kreativer Irrtum

Kreativer Irrtum

Es ist einfach und auch etwas billig, KI-Tools anhand offensichtlicher Fehler ins Lächerliche zu ziehen. Darum geht es mir in diesem Beitrag nicht. Es ist nur eine Spielerei mit einem Schuss Realsatire. Wenn ich ChatGPT, Gemini, Copilot oder Poe befrage, weiss ich ja, dass ich es nicht mit einer sachkundigen und verantwortungs­bewussten Person zu tun habe. Noch ist es ein Glücksspiel, aber vielleicht lernt die KI ja schneller als der Homo sapiens. Schliesslich hat die Menschheit dreihundert­tausend Jahre gebraucht, um Schreibmaschine, Internet und kontaktloses Bezahlung zu erfinden. Aber wie man friedlich zusammenlebt und den Planeten sauber hät, hat sie offensichtlich noch nicht begriffen. Dies vorweg. 

Ich sammle bekanntlich erste Sätze, die ich im Rahmen meiner #PoetikDesAnfangs auch nach Funktion, Themen oder Motiven sortiere. Eine der Kategorien betrifft Ereignisse oder Zufälle, die gleich zu Beginn die Handlung anstossen und unsere Neugier wecken. Das kann zum Beispiel in Form eines Telefonanruf geschehen. Da ich dazu bereits einige Beispiele1 beisammen hatte, wollte ich einfach mal schauen, ob die belesene KI mit ihrem exorbitanten Fundus extrahierter Texte mir noch weitere Beispiele liefern kann.

Mein Prompt war denkbar einfach. Ich suchte nach ersten Sätzen aus Romanen, in denen das Telefon läutet. Das könnte man zwar falsch verstehen, fall man den Relativsatz «in denen das Telefon läutet» auf «Romane» statt auf «erste Sätze» bezieht. Die Antworten zeigten jedoch, dass ich nicht nachjustieren musste.  

«Hier sind einige Beispiele für Romananfänge, in denen ein Telefongespräch entweder direkt stattfindet oder das Telefonieren eine zentrale Rolle spielt.»

«Hier sind einige moderne deutschsprachige Romane, in denen ein Telefongespräch im ersten Satz oder sehr früh eine zentrale Rolle spielt.»

«Hier sind einige berühmte erste Sätze aus Romanen, in denen das Telefon klingelt oder eine telefonische Handlung direkt ins Geschehen einführt.»

Verblüfft haben mich dann allerdings die in Aussicht gestellten Beispiele. Aufgeführt werden unter anderem Romananfänge von Raymond Chandler, William Gaddis, Jeffery Deaver, Peter Handke, Martin Suter, Wolf Haas, Ingrid Noll, Stephen King, Ian McEwan, John LeCarré, Michael Ende, Franz Kafka …

Super, aber leider Fehlanzeige. Die wörtlich zitierten ersten Sätze kommen in den jeweiligen Romanen meist gar nicht vor, weder am Anfang noch später im Text. Manchmal wird sogar im ganze Roman kein einziges Mal telefoniert. 

Bei Patricia Highsmiths Der talentierte Mr. Ripley wird behauptet, der erste Satz laute: «Tom Ripley war gerade dabei, sich aus dem Staub zu machen, als der Mann ihn ansprach.» Keine Rede von Telefonanruf – und nicht einmal der erste Satz, denn der Roman beginnt (in der Übersetzung von Melanie Walz) mit den Worten: «Tom blickte zurück; er sah den Mann aus dem Green Cage treten und eilig ausschreiten. Tom ging schneller. Der Mann folgte ihm, so viel stand fest.» In Kapitel 17 läutet schliesslich doch noch das Telefon: «Tom nahm den Hörer ab und sagte mürrisch: ‹Pronto.›» 

Im KI-Kommentar zu Arundhati Roys Roman Der Gott der kleinen Dinge heisst es zwar vielversprechend: «Der erste Satz beschreibt, wie das Telefon in einem entscheidenden Moment läutet und die Handlung in Gang setzt.» Der hätte also hervorragend in meine Sammlung gepasst. Die ersten Sätze (in der Übersetzung von Anette Grube) lauten allerdings: «Der Mai in Ayemenem ist ein heisser, brütender Monat. Die Tage sind lang und feucht. Der Fluss schrumpft, und schwarze Krähen laben sich an leuchtenden Mangos in reglosen, staub-grünen Bäumen.» Auf Seite 137 läuten die Kirchenglocken und Seite 145 werden «Türklingeln und Schlittenglocken» erwähnt, aber auf einen Telefonanruf wartet man umsonst. 

Falsch verbunden?

Fazit: Abgesehen von einem Unterhaltungsroman, der mehrheitlich aus Telefondialogen besteht (also kein Anruf, der die Handlung in eine bestimmte Richtung lenkt), findet sich unter 17 KI-Vorschlägen nur ein einziger brauchbarer Treffer. Haruki Murakamis Mister Aufziehvogel beginnt (in der Übersetzung von Giovanni Bandini und Ditte Bandini) wie folgt:

Kreativer Irrtum

Wenigstens hat sich die Mühe gelohnt. 

Daniel Ammann, 1.3.2026


  1. Siehe den Beitrag «Es läutet …» ↩︎

 

Von Menschen und Maschinen

Von Menschen und Maschinen

«Können Maschinen denken?», fragt Alan Turing 1950 in einem denkwürdigen Aufsatz, der nun als Neuübersetzung in einer zweisprachigen Ausgabe erscheint (Reclam 2021). Die Frage beschäftigt uns heute mehr denn je. Sogar an den von Turing diskutierten Einwänden gegen Künstliche Intelligenz hat sich seit 70 Jahren kaum etwas geändert. Da wir uns «Denken» ohne Bewusstsein und Emotionen nur schwer vorstellen können, entwirft Turing ein Imitationsspiel und regt zu einem Frage-und-Antwort-Experiment an, das inzwischen als «Turing-Test» geläufig ist. 

Wenn eine Maschine sinnvolle Wortfolgen oder sogar Kunst hervorbringt, ist das noch kein Beweis dafür, dass sich dahinter ein denkendes Wesen oder gar eine poetische Seele verbirgt. Aber könnte dabei so etwas wie Literatur entstehen? Um dieser Frage nachzugehen, hat sich Schrift­steller Daniel Kehlmann auf den Versuch eingelassen, gemeinsam mit einer Maschine eine Geschichte zu schreiben. Von seinen Erfahrungen berichtet er in seiner Stuttgarter Zukunfts­rede unter dem Titel Mein Algorithmus und ich (Klett-Cotta 2021). 

Man kann den Spiess auch umdrehen, wie es der britische Autor und Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro in seinem Roman Klara und die Sonne tut (Blessing 2021). Seine Ich-Erzählerin ist ein humanoider Roboter und dafür programmiert, als Künstliche Freundin einem Kind Gesellschaft zu leisten und für dessen Wohlbefinden und Sicherheit zu sorgen. Wo ziehen wir bei diesem fiktionalen Imitationsspiel die Grenzen, um zwischen So-tun-als-ob und echter Zuneigung zu unterscheiden?

Daniel Ammann, 26.8.2021

«Von Menschen und Maschinen.»
Akzente 3 (2021): S. 39.
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Alan M. Turing
Computing Machinery and Intelligence / Können Maschinen denken?
Englisch/Deutsch. Übers. und hrsg. v. Achim Stephan u. Sven Walter.
Ditzingen: Reclam, 2021. 202 Seiten.

Daniel Kehlmann
Mein Algorithmus und ich.
Stuttgarter Zukunftsrede.
Stuttgart: Klett-Cotta, 2021. 63 Seiten.

Kazuo Ishiguro
Klara und die Sonne.
Aus dem Englischen v. Barbara Schaden.
München: Karl Blessing Verlag, 2021. 352 Seiten.


Siehe auch den Beitrag zum Biopic über Alan Turing: The Imitation Game

Der Geist in der Maschine

Der Geist in der Maschine

Maschinen führen ein Eigenleben. Manchmal hilft gut zureden oder ein Neustart. Aber was tun, wenn der menschliche Roboter Gefühle und Bewusstsein entwickelt und seinen eigenen Willen durchsetzt?
Vor solchen Fragen steht Charlie in Ian McEwans Maschinen wie ich (Diogenes 2019). Es sind die frühen Achtzigerjahre. In der kontrafaktischen Realität, die der Autor erfindet, weichen die Ereignisse allerdings von der historischen Vergangenheit ab. England steckt politisch in der Krise, dafür ist die Technologie ihrer Zeit weit voraus. Vom mütterlichen Erbe hat sich Charlie einen Androiden gekauft und muss nun mit ansehen, wie dieser sich in die gleiche Frau verliebt, ihr Gedichte schreibt und kurzerhand den Reset-Knopf deaktiviert, um sein Recht auf Selbstbestimmung zu behaupten.

Ein ähnliches Szenario entwirft der Spielfilm Zoe (Drake Doremus 2018). Cole (Ewan McGregor) entwickelt beziehungsfähige Androiden, seine Mitarbeiterin Zoe (Léa Seydoux) stellt jungen Paaren Prognosen für deren gemeinsame Zukunft. Schwierig wird es, als sich die beiden zaghaft auf eine Beziehung einlassen und der neu erschaffene Ash dazwischenfunkt. Was ist echt? Zu wie viel Leben und Leid ist ein synthetischer Körper fähig?
Die Grenzen des Machbaren lotet auch der überspannte Science-Fiction-Thriller Replicas aus (Jeffrey Nachmanoff 2018). Ein Forscher (Keanu Reeves) versucht das Bewusstsein von Verstorbenen auf Roboter zu übertragen und setzt sich über ethische Grundsätze hinweg, als seine Familie bei einem Unfall ums Leben kommt.
– Daniel Ammann

«Der Geist in der Maschine.»
Akzente 3 (2019): S. 35.
blog.phzh.ch/akzente/2019/08/14/der-geist-in-der-maschine/
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Ian McEwan
Maschinen wie ich.
Aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Zürich: Diogenes, 2019. 416 Seiten.

Zoe. (Freunde fürs Leben.)
USA 2018. Regie: Drake Doremus.

Replicas.
USA 2018. Regie: Jeffrey Nachmanoff.
Ascot Elite Entertainment, 2019. DVD.

Algorithmen und Menschen

Algorithmen und Menschen

Die Londoner Mathematikerin Hannah Fry hat für Algorithmen viel übrig. Die schrittweisen Verfahren nehmen uns lästige Routineaufgaben wie Sortieren und Klassifizieren ab. Sie unterstützen uns bei komplexen Entscheidungen, indem sie Daten elegant kombinieren und Unwichtiges herausfiltern. Der Onlineshop schlägt uns Bücher und Musiktitel vor, die tatsächlich passen, und bei der digitalen Partnervermittlung werden die inkompatiblen Kandidaten erst gar nicht gelistet. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wie die abenteuerlichen Fallgeschichten aus Medizin, Justiz und Verbrechensbekämpfung oder die Beispiele selbstfahrender Autos und automatischer Bilderkennung zeigen, läuft immer noch einiges schief. Problematisch wird es, wenn verwendete Informationen und bestimmende Faktoren nicht transparent sind und wir dem Verfahren blind vertrauen. Daher Frys Fazit: «Noch nie waren Menschen so wichtig wie im Zeitalter der Algorithmen.»

Daniel Ammann, 27.5.2019

«Algorithmen und Menschen.» 
Akzente 2 (2019): S. 35.
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Hannah Fry
Hello World: Was Algorithmen können und wie sie unser Leben verändern.
Aus dem Englischen von Sigrid Schmid.
München: C. H. Beck, 2019. 272 Seiten.


Magoria by Daniel Ammann