Ayla und Kiri sind ein eingeschworenes Gespann. Wie die Bäume, die bei ihrer Geburt in der Nachbarschaft gepflanzt wurden und die sich über ein unterirdisches Wurzelwerk verständigen, verstehen sich die Freundinnen ohne Worte. Doch Kiri (die im Original kein eindeutiges Geschlecht hat) ist weggegangen. Ayla zieht sich in ihre Birke zurück und beobachtet das Geschehen auf der Strasse. Alles, was sie an Kiri erinnert, ist noch da. Wenn es ihr zu viel wird, wiederholt sie in ihrem Kopf die Worte «Nicht denken nicht denken nicht denken» oder singt ihr «Lalala». Das sei schwer, erklärt sie. «Aber das musst du machen, wenn du nicht daran denken willst, dass dein bester Freund oder deine beste Freundin so weit weg ist.» Nur der wiederkehrende Albtraum von einem Gewittersturm lässt sich dadurch nicht bannen. Ayla glaubt fest daran, dass Kiri an ihrem elften Geburtstag zurückkommen wird. Die Wunderkerzen liegen, zusammen mit Erinnerungsstücken, bereit.
Manchmal braucht es magisches Denken und etwas Fantasie. Als Ayla eines Morgens in der Astgabel ihrer Birke ein altes Telefon entdeckt, nimmt die Geschichte eine zauberhafte Wendung. Menschen kommen vorbei, um mit ihren Verstorbenen zu sprechen – der kleine Junge, dessen Gecko gestorben ist, ein Pizzabote, der seinen Vater vermisst, ein Mann mit einem Baby. Irgendwann ist auch Ayla bereit, ihr langes Schweigen zu brechen.
Alison McGhees Geschichte ist voller Wärme und Poesie. Mit ihrer behutsamen Übersetzung ist es Birgitt Kollmann hervorragend gelungen, diese Stimmung einzufangen und für deutsche Leser:innen eine magische Atmosphäre zu schaffen.
Daniel Ammann, 8.7.2025
Buch & Maus 2 (2025): S. 32.
sikjm.ch/rezensionen

Alison McGhee
Das Telefon in der Birke.
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann.
München: dtv, 2025. 207 Seiten. Lesealter ab 10 Jahren.

