Zwei Jugendliche geben sich im Chat als freizügiges Girl aus und setzen damit leichtfertig das Leben eines Mitschülers aufs Spiel. Ein Ehepaar spricht seit dem Tod seines Babys kaum noch miteinder. Sie sucht in einem Selbsthilfeforum Trost, er lenkt sich online mit Pokerspielen ab. Eine engagierte TV-Reporterin versucht einem Cam-Boy zu helfen, scheint ihn aber ebenso für ihre Zwecke zu missbrauchen wie der Betreiber der Porno-Website. In seinem Spielfilm Disconnect (Impuls Media 2014) verwebt Regisseur Henry-Alex Rubin persönliche Schicksale und Parallelgeschichten zu einem Sittenbild der digitalisierten Gesellschaft – und er zeigt, dass «Soziale Medien» unser Zusammenleben nicht einfacher machen.
In seinem beunruhigenden und zuweilen plakativen Thesenroman Der Circle (Kiepenheuer & Witsch 2014) entwirft Dave Eggers ein Szenario, wie wir es uns schon gut vorstellen können. Als eine junge Frau auf dem riesigen und mit kulturellen Aktivitäten brodelnden Campus des «Circle» zu arbeiten beginnt, kommt es ihr vor, als würde die Welt gerade neu erfunden. Google, Facebook und Twitter waren gestern. Der expandierende Social-Media-Konzern führt alles zusammen und schafft Anonymität und Geheimnisse ab. «Alles Private ist Diebstahl», lautet ein Motto der neuen Weltordnung. Transparenz verkommt zur Tyrannei und Freiheit wird der Firmenideologie geopfert.
Daniel Ammann, 26.11.2024
«Asoziale Netzwerke?»
Akzente 4 (2012): S. 35.
Download
Disconnect.
USA 2014; Regie: Henry-Alex Rubin.
Cham: Impuls Media Group, 2014. DVD.
Dave Eggers
Der Circle.
Aus dem Englischen v. Ulrike Wasel u. Klaus Timmermann.
Köln: Kiepenheuer und Witsch, 2014. 560 Seiten.
The Circle.
USA/Vereinigte Arabische Emirate 2017. Regie: James Ponsoldt.

