Immerwährende Freundschaft

Immerwährende Freundschaft

Das Wort Freundschaft schreibt sich mit F, aber viele ihrer Attribute beginnen – wie das mittelhochdeutsche «vriuntschaft» – mit dem Buchstaben V: Vergangenheit, Vertrauen, Verlässlichkeit und Verständigung. Stabile Freundschaften, so Jutta Georg in ihrer Philosophie der Freundschaft (Brill Fink, 2023), setzen gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen voraus und werden durch geteilte Werte, Vorlieben und Überzeugungen getragen. Gegenseitiges Wohlwollen, Achtung und Wertschätzung dem andern gegenüber unterscheidet die Freundschaft vom profanen Zweckbündnis.

Wenn langjährige Freundschaften vergehen oder an Konflikten zu zerbrechen drohen, stehen diese Grundvoraussetzungen auf dem Spiel. In ihrem Roman Ich komme nicht zurück (DuMont, 2024) erzählt Rasha Khayat, wie Hanna, Cem und Zeyna in ihrer Kindheit zu unzertrennlichen Freunden und Teil einer Wahlfamilie werden, bis Eifersucht, Schuld und rassistische Anfeindungen ihre Freundschaft immer wieder auf eine harte Bewährungsrobe stellen.

Dass Freundschaften ein Leben weit über den Verlust hinaus prägen, beschreibt Emanuele Trevi wehmütig in seiner autobiografischen Erzählung Zwei Leben (Freies Geistesleben, 2024; aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt und Janine Malz). Trevi kämpft gegen das Vergessen an und setzt seinen Freunden Pia Pera und Rocco Carbone ein eindrückliches literarisches Denkmal.

Daniel Ammann, 27.11.2024

«Immerwährende Freundschaft.»
Akzente 4 (2024): S. 35.

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Literaturangaben

Jutta Georg
Philosophie der Freundschaft.
Paderborn: Brill | Fink, 2023. 181 Seiten.


Rasha Khayat
Ich komme nicht zurück.
Köln: DuMont, 2024. 176 Seiten.


Emanuele Trevi
Zwei Leben.
Erzählung.
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt und Janine Malz.
Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 2024. 160 Seiten.

Weitere Beiträge zum Thema Freundschaft

Der Pakt der Freundschaft

«Wie viel Verschiedenheit verträgt die Freundschaft?» Das fragte schon Aristoteles. Er meinte, dass wahre Freundschaft nur unter Gleichgesinnten und tugendhaften Menschen möglich sei. Ob dieses Verständnis im digitalen Zeitalter noch aktuell ist, untersucht der aus Griechenland stammende und in den USA lehrende Philosophie­professor Alexander Nehamas. In seinem Buch Über Freundschaft (dtv 2017) nähert er sich dem Thema in einer Mischung aus Reflexion und persönlicher Erfahrung. Er diskutiert klassische wie zeit­genössische Vorstellungen und illustriert das Wesen moderner Freundschaft an Beispiele aus Literatur, Kunst, Theater und Film. 

Dass Freundschaft nach langer Trennung und trotz unterschiedlicher Lebensweisen Bestand haben kann, erzählt der spanische Regisseur Cesc Gay in seinem tragikomischen Spielfilm Truman. Der Informatiker Julián reist aus Kanada an, um dem todkranken Schauspieler Tomás in Madrid für ein paar Tage Gesellschaft zu leisten und mit dem Freund ein neues Plätzchen für dessen Hund zu finden. 

Von einer ganz und gar ungewöhnlichen Freundschaft handelt Michael Köhlmeiers intimer Roman Zwei Herren am Strand (dtv 2016). Winston Churchill und Charles Chaplin stehen sich weder politisch noch persönlich nahe, werden aber beide seit jungen Jahren von düsteren Selbstmordgedanken heimgesucht. Auf einem langen Spaziergang am Strand schliessen sie deshalb spontan einen Pakt fürs Leben. Sie versprechen sich, «dass, wann immer einer Hilfe benötigt, der andere, wo immer auf der Welt er ist, alles liegen und stehen lässt und kommt!» 

Daniel Ammann, 27.5.2019

«Der Pakt der Freundschaft.»
Akzente 2 (2019): S. 35.
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Alexander Nehamas
Über Freundschaft.
Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl.
München: dtv, 2017. 283 Seiten.


Truman. (Freunde fürs Leben.)
Spanien/Argentinien 2015. Regie: Cesc Gay.
Ascot Elite Home Entertainment 2016. DVD


Michael Köhlmeier
Zwei Herren am Strand.
München: dtv, 2016. 254 Seiten.

Vom Wesen der Freundschaft

«Vom Wesen der Freundschaft.»
Kirchenbote der Evangelisch-Reformierten Kirche des Kantons St. Gallen 6-7 (Juni 2015): S. 4.

Wie viele Freunde braucht der glückliche Mensch? So fragt nicht etwa ein Zeitgenosse, der sich über die unzähligen Freundschaften wundert, die täglich auf Facebook geschlossen werden. Nein, so fragt Aristoteles im 4. Jahrhundert v. Chr.
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 Kirchenbote Juni 2015: Freundschaft

 © Foto: Andreas Schwendener

Aidan Chambers: Worte sind nicht meine Sprache

Rezension.
Buch & Maus 3 (2013): S. 35.
SIKJM Rezensionsdatenbank
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Karl müsste sich verbiegen, um seine Freundin Fiorella zufriedenzustellen. Die siebzehnjährige Leseratte glaubt, dass man einen Menschen am besten kennen lernt, wenn man liest, was er schreibt. Sie möchte von Karl wissen, was er unter Liebe versteht.

Aidan Chambers.
Worte sind nicht meine Sprache.
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel.
München: Knesebeck, 2013.
300 Seiten.

Magoria by Daniel Ammann