Verqueren Wörtern auf der Spur

Verqueren Wörtern auf der Spur

Wörter sitzen nicht still. Vagabunden sind sie, Flattergeister und Gestaltwandler. Sie machen Karriere, verschwinden wieder von der Bildfläche oder legen sich neue Bedeutungen zu. «Seit wann hat ‹geil› nichts mehr mit Sex zu tun?», fragte Mattias Heine vor ein paar Jahren. Auch in seinem neuen Buch Eingewanderte Wörter (DuMont, 2020) widmet er sich dem Sprachwandel und geht den lexikalen Rumtreibern auf den Grund – dem baskischen «bizarr», dem rätoromanischen «Gletcher» oder dem hawai­ischen «Kanake».  

In Hä? Die schönsten unübersetzbaren Wörter der Welt: Von Anorak bis Zombie (Goldmann, 2019) schauen Christian Koch und Axel Krohn ebenfalls über die Sprachgrenzen. In unverblümten Glossen erzählen sie von idiomatischen Kuriositäten, unübersetzbaren Wörtern und Redewendungen. So erfährt man, wie die Einhörner ins Kinderzimmer kamen und warum der Marienkäfer in Russland eine Kuh ist.

Dass sich Wörter nicht nicht so leicht einfangen lassen, zeigt Farhad Safinias Filmbiografie The Professor and the Madman (2019). Nach mehreren gescheiterten Anläufen, ein Wörterbuch für die gesamte englische Sprache zu erstellen, beauftragt die Universität Oxford 1879 den Schotten James Murray (Mel Gibson) mit dieser Herkulesaufgabe. Auf dem Korrespondenzweg beteiligen sich Menschen im ganzen Land und liefern Textstellen und Belege aus den letzten Jahrhunderten. Einer der eifrigsten Helfer ist Dr. William Minor (Sean Penn). Allerdings weiss Murray nicht, dass der ehemalige Militärarzt nicht der Leiter, sondern Insasse einer geschlossenen Anstalt für Geistesgestörte ist.

Daniel Ammann, 25.11.2020

 «Verqueren Wörtern auf der Spur.»
Akzente 4 (2020): S. 35.
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Matthias Heine
Eingewanderte Wörter: Von Anorak bis Zombie.
Köln: DuMont, 2020. 144 Seiten.

Christian Koch und Axel Krohn
Hä? Die schönsten unübersetzbaren Wörter der Welt … und andere Sprachkuriositäten.
München: Wilhelm Goldmann, 2019. 248 Seiten.

The Professor and the Madman.
Irland 2019. Regie: P. B. Shemran. Buch: P.B. Shemran und Todd Komarnicki. Vorlage: Simon Winchester. Darsteller: Mel Gibson, Sean Penn.

Sprechende Handpuppen

Sprechende Handpuppen

Ein verschrobener Lehrer mit Flair für Sprachgeschichte und nordische Mythen besucht für sein Leben gern Beerdigungen. Da er die Verstorbenen nicht persönlich kennt, denkt er sich einfach Geschichten aus und gibt sich bei den Traueressen als vertrauten Freund der Fremden aus. Doch das ist nicht die einzige Marotte des einsamen Ich-Erzählers in Jostein Gaarders neuem Roman Ein treuer Freund (Hanser 2017). Auch Jacops langjähriger Weggefährte und Vertrauter ist nicht von dieser Welt. Bei Pelle handelt es sich um eine sorgfältig gestaltete Handpuppe, die sich die Stimme ihres Besitzers ausleiht und diesen mit ihrer frechen Art ab und zu in Verlegenheit bringt.


Screenshot aus The Beaver (Mel Gibson und Jodie Foster).

Der depressive Spielzeughersteller Walter Black (Mel Gibson) in Jodie Fosters Spielfilm The Beaver (USA 2011) findet nach einem Zusammenbruch ebenfalls Trost bei einer Handpuppe. Die Biber-Figur mit Cockney-Akzent übernimmt für den verstummten Walter aber nicht nur das Sprechen, sondern stellt sein ganzes Leben auf den Kopf. So weiss sich Walter am Ende nur noch durch eine drastische Aktion von seinem tyrannischen Fantasiefreund zu befreien.


Screenshot aus What About Bob? (Richard Dreyfuss und Kathryn Erbe).

Dass wir in Gegenwart von Marionetten, Kasperlefiguren und Bauchrednerpuppen Hemmungen und Widerstände ablegen, macht sich auch Dr. Leo Marvin (Richard Dreyfuss) in What About Bob? zunutze (USA 1991). Die Leitfigur mit den Gesichtszügen des Psychiaters kommt zum Einsatz, als dieser seine grosse Tochter zu therapieren versucht. Sie bietet ihm mit ihrer eigenen Puppe Paroli, bevor sie die Doppelgängerin wütend von sich weist und davonstürmt.

Daniel Ammann, 25.8.2017


Akzente 3 (2017): S. 35.
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Jostein Gaarder
Ein treuer Freund.
Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs.
München: Carl Hanser, 2017. 272 Seiten.

The Beaver.
USA 2011.  
Regie: Jodie Foster.

What About Bob? 
USA 1991.
Regie: Frank Oz.

Magoria by Daniel Ammann