Algorithmen und Menschen

Algorithmen und Menschen

Die Londoner Mathematikerin Hannah Fry hat für Algorithmen viel übrig. Die schrittweisen Verfahren nehmen uns lästige Routineaufgaben wie Sortieren und Klassifizieren ab. Sie unterstützen uns bei komplexen Entscheidungen, indem sie Daten elegant kombinieren und Unwichtiges herausfiltern. Der Onlineshop schlägt uns Bücher und Musiktitel vor, die tatsächlich passen, und bei der digitalen Partnervermittlung werden die inkompatiblen Kandidaten erst gar nicht gelistet. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wie die abenteuerlichen Fallgeschichten aus Medizin, Justiz und Verbrechensbekämpfung oder die Beispiele selbstfahrender Autos und automatischer Bilderkennung zeigen, läuft immer noch einiges schief. Problematisch wird es, wenn verwendete Informationen und bestimmende Faktoren nicht transparent sind und wir dem Verfahren blind vertrauen. Daher Frys Fazit: «Noch nie waren Menschen so wichtig wie im Zeitalter der Algorithmen.»

Daniel Ammann, 27.5.2019

«Algorithmen und Menschen.» 
Akzente 2 (2019): S. 35.
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Hannah Fry
Hello World: Was Algorithmen können und wie sie unser Leben verändern.
Aus dem Englischen von Sigrid Schmid.
München: C. H. Beck, 2019. 272 Seiten.


Matthew Quick: Schildkrötenwege

Es gibt Bücher, die einen umhauen. Da träumt man schon mal davon, dem Autor des Romans persönlich zu begegnen. Für die 18-jährige Ich-Erzählerin geht dieser Wunsch in Erfüllung – allerdings mit unabsehbaren Folgen. Dabei fängt alles ganz harmlos an. Von ihrem Lieblingslehrer bekommt Nanette ein zerfleddertes Taschenbuch geschenkt. «Der Kaugummikiller», erklärt er, sei längst vergriffen, aber dieser Roman habe seinerzeit sein Leben verändert, und er könne sich gut vorstellen, dass es für Nanette die richtige Lektüre sei.
Für die angepasste Schülerin und erfolgreiche Fussballspielerin wird die Geschichte über einen jugendlichen Aussteiger tatsächlich zu einer Art persönlichem Manifest. Dass die Handlung an einem entscheidenden Punkt abbricht und das Schicksal der Hauptfigur am Ende im Ungewissen bleibt, lässt Nanette allerdings keine Ruhe. Auch der schrullige Autor Nigel Booker, den sie bald kennenlernt und mit dem sie viel Zeit verbringt, bleibt ihr Antworten schuldig. Stattdessen ermuntert er sie, ihren eigenen Weg zu gehen. «Du kannst den Kreislauf durchbrechen. Du kannst diejenige sein, die du sein willst.» Ihrem neuen Idol verdankt Nanette auch die Bekanntschaft mit Alex. Die junge Liebe wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, denn Alex schreibt nicht nur rebellische Gedichte, sondern greift wie die Hauptfigur im Kaugummikiller selbst zu Gewalt, um Schwächeren zu ihrem Recht zu verhelfen.
Matthew Quick zeigt in seinem Roman, wie wichtig es ist, sein Leben in die Hand zu nehmen und für die eigenen Werte einzustehen. Aber er tut dies nicht ohne Vorbehalt. Als die jungen Fans den alten Autor am meisten brauchen, zieht sich dieser zurück und lehnt jede Verantwortung ab.

Daniel Ammann, 16.11.2018


Buch & Maus 3 (2018): S. 36. 
sikjm.ch/rezensionen

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Matthew Quick
Schildkrötenwege oder Wie ich beschloss, alles anders zu machen.
Aus dem amerikanischen Englisch von Knut Krüger.
München: dtv, 2018. 298 Seiten.

Siehe auch:

Wonderstruck

Wonderstruck

Wir leben in einer visuell geprägten Welt. Ein Alltag ohne Stimmen, Geräusche und Musik ist für die meisten trotzdem kaum vorstellbar. Dennoch leben rund 70 Millionen Menschen weltweit in der Stille. Sie sind gehörlos oder verfügen über ein zu geringes Resthörvermögen, um sich auditiv orientieren oder ungehindert mit Hörenden kommunizieren zu können.

«Auch Gebärden können laut sein.»
Neue Zürcher Zeitung 17.5.2018, S. 36.
 nzz.ch/feuilleton/

Wonderstruck.
USA 2017. Regie: Todd Haynes.
Drehbuch und Vorlage: Brian Selznick.

Lesen auf eigene Gefahr

Widerwillig begibt sich die Schulklasse in die miefige Stadtbibliothek. Eine unscheinbare Autorin beginnt hinter einem Vorhang fettiger Haare zu lesen. Keiner hört richtig zu, ausser der vierzehnjährigen Kim, die sich in der Geschichte sofort wiedererkennt. Das sind doch ihre Worte, ihre Gedanken! Diese Schriftstellerin hat ihr Leben geklaut.

Was als Parodie und Kritik hilfloser Bildungsbeflissenheit beginnt, macht Alina Bronsky schon nach wenigen Seiten zu einem verstörenden Leseabenteuer. Für die Ich-Erzählerin Kim sind die Parallelen zu ihrem richtigen Leben eine Kampfansage. Sie muss der Sache auf den Grund gehen. Weil in dem Buch jedoch Dinge stehen, die erst passieren werden, traut sie sich gar nicht, bis zum Ende zu lesen. Kims beste Freundin Petrowna, eine körperlich wie geistig überragende Erscheinung, bleibt zwar skeptisch («Hast du überhaupt schon einmal ein Buch angefasst?»), entwickelt aber bald einen Plan, wie sich Kim aus den Fängen der Fiktion befreien kann. Um das Leben einer Romanfigur (und eines Mitschülers) zu retten, ist den beiden Teenagern jedes Mittel recht.

Nach den dystopischen Fantasyromanen Spiegelkind und Spiegelriss (der letzte Teil der Trilogie steht noch aus) ist dies Alina Bronskys erstes «realistisches» Jugendbuch. Mit seinem frech-witzigen Erzählton und eigenwilligen Charakteren knüpft es direkt an Scherbenpark (2008) und Nenn mich einfach Superheld (2013) an. Beide Romane waren zwar in einem Programm für Erwachsene erschienen, erreichten mit ihren 17-jährigen Protagonisten aber auch ein jugendliches Publikum. Scherbenpark war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert und wurde erfolgreich fürs Kino adaptiert.

Für das etwas jüngere Zielpublikum zeichnet Alina Bronsky in ihrem neuen Roman ein weniger hartes Bild der Wirklichkeit. Dennoch haben ihre jugendlichen Heldinnen neben der Selbstfindung auch diesmal mit Scheidungseltern, sozialen Spannungen und kultureller Integration zu kämpfen. Und wiederum weisen Bildung und Freundschaft den Weg in eine bessere Welt.

Daniel Ammann

Erschienen in:
NZZ am Sonntag 10.12.2017, Literaturbeilage  «Bücher am Sonntag», S. 13.

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Alina Bronsky.
Und du kommst auch drin vor.
München: dtv, 2017. 190 Seiten. Ab 12 Jahren
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Wahre Zufälle

Die Wirklichkeit ist mitunter fantastischer als die Fiktion. Wer wüsste das besser als Paul Auster, der Meister des Zufalls. Nicht selten stellen in seinen Romanen schicksalhafte Wendungen die Weichen und zwingen seine Leserinnen und Leser, ihre Ungläubigkeit ausser Kraft zu setzen. «Am Ende ist jedes Leben nicht mehr als die Summe von Zufällen», sinniert ein Ich-Erzähler in der New-York-Trilogie, «eine Chronologie von unerwarteten Überschneidungen, glücklichen Zufällen, wahllosen Ereignissen, die nichts als ihre eigene Planlosigkeit enthüllen.» 

In Austers Universum stehen die Tatsachen den Erfindungen allerdings in nichts nach, wie er in seinem Roten Notizbuch anhand anekdotischer Erlebnisberichte dokumentiert. Seit 1992 ist das dünne Bändchen immer wieder um Episoden erweitert und neu aufgelegt worden. Die vorliegende Ausgabe vereint zum ersten Mal sämtliche wahren Geschichten, die der Autor über die Jahre zusammengetragen hat und für deren Echtheit er sich mehrfach verbürgt. «Das ist wirklich geschehen», beschliesst er die Erzählung über einen mysteriösen Telefonanruf, der ihn zu seinem ersten Roman inspiriert hatte – und dem Jahre später ein noch geheimnisvollerer Anruf folgen sollte. «Wie alles andere, was ich in diesem roten Notizbuch aufgezeichnet habe, ist es eine wahre Geschichte.» Wie eine Figur seiner New-Yorker-Trilogie scheint auch Paul Auster davon überzeugt, dass nichts wirklich ist ausser dem Zufall. 

Daniel Ammann,  25.5.2018


Paul Auster
Das rote Notizbuch: Wahre Geschichten.
Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2018. 112 Seiten. 

  

Magoria by Daniel Ammann