Wenn wir auf ein bisher unentdeckt gebliebenes Tal oder, besser noch, einen Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems stiessen, dessen Bewohner sich nicht mit Lauten, sondern ausschliesslich durch visuelle Zeichen verständigen, unsere Aufmerksamkeit würde sich voller Neugier auf diese Welt und ihre geheimnisvolle Sprache richten. – Aber nicht nur Raum und Zeit, auch Begriffe wie Kultur oder Behinderung unterliegen dem Relativitätsgesetz.
Was wir Hörenden von den Gehörlosen und ihrer Lebensweise wissen, ist in der Regel dürftig, oft von falschen Vorstellungen geprägt und ganz selten aus erster Hand. Ein paar eindrückliche Filme gibt es schon, aber man kann sie an einer Hand abzählen. Wenn Hörende die Hand im Spiel haben, ist meist von «Problemfällen» die Rede, selten von einer ausgeprägten Kultur oder der Schönheit visuell-gestischer Kommunikation.
Der Schweizer Dokumentarfilm Tanz der Hände, den Phil Dänzer (schwerhörig) mit den beiden Gehörlosen Peter Hemmi und Enrico de Marco (Kamera) realisiert hat, spricht da eine andere Sprache. Der Film versteht sich als Liebeserklärung an die Gebärdensprache, welche in der Kultur der Gehörlosen eine zentrale und lebenswichtige Rolle spielt. Er wirft Streiflichter auf eindrückliche Schauplätze im In- und Ausland, wo mit Gebärdensprache gelebt und gearbeitet wird, und gewährt uns Einblick in die Erforschung der Gehörlosengeschichte und der Gebärdensprache, in bilinguale Erziehung und künstlerische Aktivitäten wie Tanz, Theater und Gebärdenpoesie. Unterstrichen und begleitet werden die Beispiele durch die unaufdringliche Musik von Pierre Favre.
Die behende (nach neuer Rechtschreibung: «behände») Sprache der Gehörlosen erweist sich dabei als eigenständige und differenzierte Sprache, deren Ausdrucksform optimal auf die visuelle Wahrnehmung abgestimmt ist und die in ihrer Leistungsfähigkeit der Lautsprache in nichts nachsteht.
Daniel Ammann, 14.4.1998
Ab 2. Mai zeigt das Kinok den Film Tanz der Hände jeweils donnerstags um 20.30 Uhr und samstags um 19.00 Uhr.
Als Ergänzung und zur Vertiefung des Films laden der Gehörlosenclub St. Gallen und die Beratungsstelle für Gehörlose am Dienstag, 26. Mai, um 20.00 Uhr zu einer Begegnung in der Offenen Kirche St. Leonhard ein. Gehörlose Menschen werden dabei von ihrer Kultur, ihrem Alltag, den Kommunikationsmöglichkeiten und der Gebärdensprache erzählen.
Saiten: St. Galler Kulturmagazin (Mai 1998): S. 57.
Download (e-periodica.ch)
Tanz der Hände. Dokumentarfilm von Phil Dänzer.


