Die Kunst des lautlosen Sprechens

Die Kunst des lautlosen Sprechens

Wenn es um die Belange der Gehörlosen geht, haben Hörende nicht nur zwei linke Hände, sondern oft auch das Sagen. Im Film Tanz der Hände ist das anders.

Hörende sehen in erster Linie, was fehlt, bleiben jedoch blind für den Zauber der Gebärdensprache und die eigenständige Kultur der Gehörlosengemeinschaft.

Alltag und Künste

Mit ihrem dokumentarischen Essay «Tanz der Hände» versuchen uns Phil Dänzer (schwerhörig), Peter Hemmi (gehörlos) und der Kameramann Enrico de Marco (gehörlos) diesbezüglich ein wenig die Augen zu öffnen. Dass taube Menschen in Filmen von Hörenden meist nur als «Problemfälle» dargestellt werden, wollen die Filmautoren korrigieren nun einmal etwas Positives aus der Welt der Gehörlosen zeigen. So versteht sich der Film als Liebeserklärung an die Gebärdensprache und lässt fast ausschliesslich Gehörlose selber «zu Wort» kommen. 

Tanz der Hände gewährt lebendige Einblicke in die Erforschung der Gehörlosen­geschichte und der Gebärden­sprache. Und er weist am Beispiel einer Westschweizer Schule auf die Vorzüge eines zweisprachigen Erziehungskonzepts hin. In der Genfer Gehörlosen­schule Montbrillant werden taube Kinder seit 1980 sowohl in Laut- als auch in Gebärden­sprache gefördert und je nach Fach mit hörenden Kindern zusammen unterrichtet. – Solche Annäherungen haben allerdings nichts Lehrfilmhaftes, sondern tragen immer eine persönliche Note. Der Blick richtet sich auf Menschen und stellt ihre Lebens­situation, ihr berufliches Engagement in den Vordergrund. 

Beeindruckend sind vor allem auch die Besuche an Schauplätzen kultureller und künstlerischer Aktivitäten – die Arbeit eines gehörlosen Museumsführers im Technorama von Paris, Proben einer Tanzgruppe des International Visual Theater oder Ausschnitte einer Aufführung der antiken Tragödie Antigone in Gebärdensprache. An einem Fest in Fribourg werden gebärdete Witze und amüsante Kurzgeschichten zum Besten gegeben. Und wie ein roter Faden ziehen sich die stimmungsvollen Präsentationen von Gebärdengedichten durch den Film. Unterstrichen und Begleitet werden sie durch die dezente Musik von Pierre Favre. 

Für Hörende untertitelt

Nach über hundert Jahren des Gebärdenverbots an europäischen Gehörlosenschulen beginnt sich die visuell-gestische Sprache der Gehörlosen neu zu entfalten. – Zeit auch für die Hörenden, einen neuen Blick zu wagen. Dank deutscher Untertitel ist der Film auch für Hörende und Schwerhörige verständlich.

Daniel Ammann, 1.5.1998 


«Die Kunst des lautlosen Sprechens.»
Der Dokumentarfilm Tanz der Hände von Phil Dänzer.
St. Galler Tagblatt  1.5.1998: S. 14.


Tanz der Hände.

Dokumentarfilm von Phil Dänzer.

Die Kunst des lautlosen Sprechens

 phildaenzer.ch/tanzderhaende

Lass das Auge Klänge fangen

Lass das Auge Klänge fangen

Wenn wir auf ein bisher unentdeckt gebliebenes Tal oder, besser noch, einen Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems stiessen, dessen Bewohner sich nicht mit Lauten, sondern ausschliesslich durch visuelle Zeichen verständigen, unsere Aufmerksamkeit würde sich voller Neugier auf diese Welt und ihre geheimnisvolle Sprache richten. – Aber nicht nur Raum und Zeit, auch Begriffe wie Kultur oder Behinderung unterliegen dem Relativitätsgesetz. 

Was wir Hörenden von den Gehörlosen und ihrer Lebensweise wissen, ist in der Regel dürftig, oft von falschen Vorstellungen geprägt und ganz selten aus erster Hand. Ein paar eindrückliche Filme gibt es schon, aber man kann sie an einer Hand abzählen. Wenn Hörende die Hand im Spiel haben, ist meist von «Problemfällen» die Rede, selten von einer ausgeprägten Kultur oder der Schönheit visuell-gestischer Kommunikation. 

Der Schweizer Dokumentarfilm Tanz der Hände, den Phil Dänzer (schwerhörig) mit den beiden Gehörlosen Peter Hemmi und Enrico de Marco (Kamera) realisiert hat, spricht da eine andere Sprache. Der Film versteht sich als Liebes­erklärung an die Gebärden­sprache, welche in der Kultur der Gehör­losen eine zentrale und lebens­wichtige Rolle spielt. Er wirft Streif­lichter auf eindrück­liche Schauplätze im In- und Ausland, wo mit Gebärden­sprache gelebt und gearbeitet wird, und gewährt uns Einblick in die Erforschung der Gehörlosen­geschichte und der Gebärden­sprache, in bilinguale Erziehung und künstlerische Aktivitäten wie Tanz, Theater und Gebärden­poesie. Unterstrichen und begleitet werden die Beispiele durch die unaufdringliche Musik von Pierre Favre.

Die behende (nach neuer Rechtschreibung: «behände») Sprache der Gehörlosen erweist sich dabei als eigenständige und differenzierte Sprache, deren Ausdrucksform optimal auf die visuelle Wahrnehmung abgestimmt ist und die in ihrer Leistungsfähigkeit der Lautsprache in nichts nachsteht.

Daniel Ammann, 14.4.1998

Ab 2. Mai zeigt das Kinok den Film Tanz der Hände jeweils donnerstags um 20.30 Uhr und samstags um 19.00 Uhr. 

Als Ergänzung und zur Vertiefung des Films laden der Gehörlosenclub St. Gallen und die Beratungsstelle für Gehörlose am Dienstag, 26. Mai, um 20.00 Uhr zu einer Begegnung in der Offenen Kirche St. Leonhard ein. Gehörlose Menschen werden dabei von ihrer Kultur, ihrem Alltag, den Kommunikationsmöglichkeiten und der Gebärdensprache erzählen. 

Saiten: St. Galler Kulturmagazin (Mai 1998): S. 57.
Download (e-periodica.ch)


Tanz der Hände. Dokumentarfilm von Phil Dänzer.

Die Kunst des lautlosen Sprechens

phildaenzer.ch/tanzderhaende

Magoria by Daniel Ammann