Blumen für Mrs. Dalloway

Blumen für Mrs. Dalloway

Vor zehn Jahren habe ich mich für einen Tagungsbeitrag intensiv mit Virginia Woolfs Roman Mrs. Dalloway und intertextuellen Bezügen befasst. Schon anhand des berühmten Romananfangs lässt sich einiges zeigen.

Woolfs Eröffnungssatz ist gewissermassen selbst schon ein Zwillingsanfang, denn die Autorin variiert darin den ersten Satz ihrer früheren Erzählung «Mrs Dalloway in der Bond Street» aus der der Sammlung Mrs Dalloways Party. Dort ist allerdings noch nicht von Blumen die Rede:

Michael Cunninghams The Hours (1998; dt. Die Stunden) knüpft mehr als siebzig Jahre später an Mrs. Dalloway an. Sein vielschichtiger Roman wurde mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und mit prominenter Besetzung (Nicole Kidman, Meryl Streep, Julianne Moore) erfolgreich fürs Kino adaptiert.

Cunningham erzählt parallel drei Geschichten und stellt in jeder Plotline eine Frauenfigur in den Mittelpunkt: eine fiktionalisierte Version von Virginia Woolf, die 1923 ihren neuen Roman beginnt und den denkwürdigen ersten Satz findet; eine unglücklich Hausfrau und Mutter aus Los Angeles, die 1949 (im Film 1951) Virginia Woolfs Mrs. Dalloway liest und sich ihren Flucht- und Selbstmordgedanken stellt; und schliesslich eine Reinkarnation der perfekten Gastgeberin aus Woolfs Roman, die am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts eine Party für ihren besten Freund, den aidskranken Schriftsteller Richard, vorbereitet. Er ist es auch, der ihr den Spitznamen «Mrs. Dalloway» verpasst hat.

Der berühmte Anfangssatz und seine Varianten in «The Hours» (USA 2002. Regie: Stephen Daldry. Drehbuch: David Hare.)

Wenn wir die beiden Zwillingsanfänge vergleichen, fallen ein paar Dinge auf. Virginia Woolf nennt gleich zu Beginn die Protagonistin, die jemandem (dem Dienstmädchen Lucy, wie der folgende Absatz zeigt) in indirekter Rede mitteilt, dass sie sich selbst um die Blumen kümmern wird. Offenbar sind Vorbereitungen im Gange und die Hausherrin und Gastgeberin gibt Anweisungen.
Anders bei Cunningham. In der schlichten Passivkonstruktion geht es sofort um die Blumen. Romanpersonal ist noch keines in Sicht. Ebenso bleibt die Erzählperspektive offen. Es könnte sich um eine auktoriale Feststellung oder die Gedankenrede einer Figur handeln. Erst der zweite Satz – «Clarissa gibt sich gereizt (obgleich sie solche Aufgaben liebt), lässt Sally das Badezimmer putzen, verspricht, in einer halben Stunde zurück zu sein, und stürmt hinaus.» – führt die zwei Frauen ein, von denen wir später erfahren, dass es sich um ein lesbisches Paar handelt. Cunningham bleibt zwar mit seiner Eröffnung nah an der Vorlage, schlägt aber einen anderen, unpersönlicheren Ton an.
Streng genommen handelt es sich gar nicht um den Anfang des Romans, denn Cunningham schickt seinem mit «Mrs. Dalloway» betitelten Kapitel einen mehrseitigen Prolog voraus, in dem Virginia Woolfs Suizid geschildert wird.

Als Leser:innen werden wir also früh auf Anlehnungen und intertextuelle Bezüge des Romans eingestimmt (Mrs. Dalloway, Blumen, Clarissa). Einen weiteren Hinweis liefert Cunninghams Romantitel, denn Woolfs Arbeitstitel für Mrs. Dalloway lautete ebenfalls «The Hours».

Ein Zwilling kommt selten allein

Fast zeitgleich mit Cunninghams Roman erschien eine weitere Hommage an Woolfs modernistisches Meisterwerk: Robin Lippincotts Mr. Dallway: A Novella. Die Handlung seiner Geschichte setzt vier Jahre nach Woolfs Roman ein und rückt Clarissas Ehemann Richard ins Zentrum, wie bereits der erste Satz deutlich macht:

In seiner Nachdichtung und Fortsetzung greift auch Lippincott zahlreiche Motive der Vorlage auf, spielt variantenreich mit Bezügen und vollzieht darüber hinaus einen erzählerischen Perspektivenwechsel. Aus Anlass ihres 30. Hochzeitstages organisiert Mr. Dalloway für seine Frau eine Party und als Höhepunkt und Überraschung fährt die Gesellschaft mit dem Zug Richtung Norden, um der totalen Sonnenfinsternis beizuwohnen. Unter die Gäste mischt sich hier auch der 45-jährige Robbie, zu dem Richard Dalloway eine heimliche Beziehung unterhält.

Daniel Ammann, 4.5.2026


Virginia Woolf.
Mrs Dalloways Party. Stories.
Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Hans-Christian Oeser.
Zürich: Dörlemann, 2025. 96 Seiten.

Virginia Woolf
Mrs. Dalloway. A Novel. Englische Ausgabe.
Mit einem deutschsprachigen Nachwort von Anne Sauer.
Ditzingen: Reclam, 2026. 238 Seiten.

Virginia Woolf
Mrs. Dalloway.
Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz.
München: Manesse, 2022. 400 Seiten.

Michael Cunningham
Die Stunden.
Aus dem Amerikanischen von Georg Schmidt.
München: btb, 2001. 222 Seiten.

Robin Lippincott
Mr. Dalloway. A Novella.
Louisville, KY: Sarabande Books, 1999. 220 Seiten.

 

Wunderjahr 1922

Wunderjahr 1922

1922 gilt als Annus mirabilis der Literatur. Der Ulysses von James Joyce und T. S. Eliots The Waste Land werden in einem Atemzug genannt. Innovativ, experimentell und in ihrer Vielstimmigkeit modern muten diese Titel heute noch an. So auch Mrs. Dalloway. Virginia Woolfs Roman erscheint zwar drei Jahre später, aber seine Entstehung fällt ebenfalls ins Jahr 1922. Dank der frischen Übersetzung von Melanie Walz darf dieses Meisterwerk nun wieder neu entdeckt werden (Manesse, 2022).

In seinem erzählenden Sachbuch 1922 (Luchterhand, 2022) nimmt Norbert Hummelt neben Joyce, Eliot und Woolf auch den damals im Wallis lebenden Dichter Rainer Maria Rilke in den Blick. In einem kalendarischen Kaleidoskop fügt Hummelt biografische Momentaufnahmen zu Mosaiken zusammen und lässt uns hautnah ins Wunderjahr der Worte eintauchen.

Wer hätte geahnt, dass sich 100 Jahre später noch ein Schweizer dazugesellt – kurz nachdem man die Zweihunderternote mit seinem Konterfei aus dem Verkehr gezogen hat. Sturz in die Sonne (Limmat, 2023) des Waadtländer Autors C. F. Ramuz erscheint jetzt erstmals auf Deutsch. Dass Ramuz damit den Klimaroman vorwegnehme, stimmt nur bedingt. Die apokalyptische Geschichte handelt eher von der in atavistische Aggression umschlagenden Apathie der Menschen im Angesicht des Todes. Durch einen Unfall im Gravitationssystem gerät die Erde aus ihrer Umlaufbahn und nimmt Kurs auf die Sonne.

Daniel Ammann, 24.8.2023

«Wunderjahr.»
Akzente 3 (2023): S. 35.
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Literaturangaben

Virginia Woolf
Mrs. Dalloway.
Aus dem Englischen übersetzt von Melanie Walz.
München: Manesse, 2022. 400 Seiten.

Norbert Hummelt
1922.
München: Luchterhand, 2022. 416 Seiten.

C. F. Ramuz
Sturz in die Sonne.
Übersetzt von Steven Wyss.
Zürich: Limmat, 2023. 192 Seiten.

Biopics: Leben wie im Film

Biopics: Leben wie im Film

Biopics schreiben Literaturgeschichte auf und zugleich um. Sie loten die Kluft zwischen Vorstellung und Wirklichkeit aus, zwischen dichterischer Selbststilisierung und ernüchternder Realität

«Biografische Spielfilme bewegen sich auf einem Grat, denn Erfindung und Rekonstruktion greifen sichtlich ineinander. Erzählt wird nach wahren Begebenheiten – und hie und da mit bestechender Detailverliebtheit.»


«Leben wie im Film.»
Filmbulletin 8 (Dez. 2018): S. 42–43.
 dx.doi.org/10.5169/seals-863052 (E-Periodica ETH Zürich)
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Magoria by Daniel Ammann