Warum sind Fragen spannender als Antworten?

Das wäre gleich mal so eine Frage. Ich versuche trotzdem eine Antwort. Fragen sind kurz, Antworten lang, manchmal vage, behelfsmässig oder an viele Bedingungen geknüpft, als dass wir uns damit zufrieden geben könnten. Vielleicht reizt die Suche nach Antworten mehr als das Ergebnis. Bei mir ist es wohl so und ich hege den Verdacht, dass dies insbesondere beim Roman der Fall ist. Da wird die Frage zwar nicht immer explizit gestellt, aber die Antworten können sich locker auf ein paar hundert Seiten belaufen. Nicht selten haben wir am Ende mehr Fragen dazugewonnen.
Zur Illustration ein paar Beispiele aus meiner Sammlung. Nun können Sie sich überlegen, ob Sie die Antwort kennen – oder Bücher, die sich mit der jeweiligen Frage herumschlagen. Für gute Fragen gilt selbstverständlich, dass es viele und immer wieder neue Antworten braucht. Die jährlichen Neuerscheinungen legen jedenfalls nahe, dass uns die Fragen nicht so bald ausgehen.
- Was passiert, wenn die Natur zurückbeisst?
- Was wäre, wenn niemand das Internet erfunden hätte?
- Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?
- Was wäre gewesen, wenn Shakespeare eine Schwester gehabt hätte, genauso begabt wie er?
- Für wen sind wir hier, für uns oder für andere? Es mag überheblich und abgedroschen klingen, aber läuft nicht alles auf diese Frage hinaus?
Einige Romane fangen tatsächlich mit Fragen an, allgmeinen oder ganz persönlichen. Dann folgt eine Geschichte – und für uns Leser:innen damit die Frage, ob wir eine Antwort bekommen oder die Lektüre sich auch sonst lohnt
- Wir wissen, das Leben ist endlich. Warum sollten wir glauben, der Tod währe ewig?
- Warum machte ich eigentlich diese Reise nach Afrika?
- Ja, er ist am Schlusspunkt angekommen, hat die Strafe abgesessen, aber heisst das, dass er weiter nichts zu sagen hat?
- Warum ging eigentlich keiner ans Telefon?
- Um was geht es?
- Hat jemand im vorigen Jahr am fünfzehnten Oktober Radio gehört? Hat jemand gehört, dass man nach einem verschwundenen Jungen forschte?
- Was kann man sagen über ein Mädchen von fünfundzwanzig Jahren, das gestorben ist?
Die Frage kann sich sogar auf Schreiben des Textes selbst und das Wesen des Erzählens beziehen:
- Wo fängt diese Geschichte an? Heute? Fängt sie wirklich hier an?
- Wer hat den Senf erfunden? Das ist kein guter Anfang für einen Roman.
Fragen über Fragen. Oder haben Sie etwas anderes erwartet? Wollen Sie es als Frage formulieren?

