Dialoge müssen sitzen

Der Titel des handlichen und ansprechend gestalteten Taschenbuchs lässt aufhorchen. «Schau mir in die Augen, Kleines» – sagt das nicht Humphrey Bogart zu Ingrid Bergmann in «Casablanca»? In seinem Ratgeber zur Dialoggestaltung entlarvt Oliver Schütte den Satz zwar als Falschzitat, als Mythos, der nie in einem Film aufgetaucht sei. (Nach anderen Quellen entstammt der Ausspruch der ersten, ideologisch verstümmelten Synchronversion des Films.) In der deutschen Fassung von 1975 jedenfalls sagt Bogeys deutsche Stimme (Joachim Kemmer): «Ich seh dir in die Augen, Kleines». Wie dem auch sei: Laut Schütte hat der berühmte Ausspruch genau jene Qualitäten, die einen guten Dialogsatz auszeichnen: «Er ist kurz und prägnant. Und er verweist noch auf etwas anderes als das, was an der Oberfläche sichtbar ist.»
Auch wenn sich Schüttes Lektionen in erster Linie an Drehbuchautorinnen und -autoren richten, profitieren all jene, die sich für das Erzählkino oder Literatur begeistern, deren künstlerische und narrative Qualitäten aufspüren, analysieren und beurteilen wollen. Hierfür sind auch Fragenkataloge, praktische Übungen, Literaturempfehlungen und ein Glossar mit zentralen Begriffen im Anhang von Nutzen. Manches, was der Autor über die Kunst der Dialoggestaltung sagt und anhand einschlägiger Beispiele aus Drehbüchern demonstriert, lässt sich nämlich auf andere Textsorten und Kommunikationssituationen übertragen. Was ist wichtig und wie kann diese Information im Dienste des erzählerischen Bogens verpackt und vermittelt werden? Passen Stil und Diktion zu Sprecher und Inhalt?
Die kurzweilige Lektüre bietet nicht nur einen Einblick ins Handwerk des Drehbuchschreibens, sondern spricht zentrale Aspekte filmerzählerischer Dynamik an und lehrt uns so, besser hinzuhören und gutes Storytelling zu goutieren.

Daniel Ammann, 23.8.2016

Erschienen in Akzente 3 (2026)
 Download


Oliver Schütte.
«Schau mir in die Augen, Kleines»: Die Kunst der Dialoggestaltung.
Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 2016. 278 Seiten.

The Importance of Circumstantial Detail

The Importance of Circumstantial Detail
The Importance of Circumstantial Detail

In his talk with Karl Ove Knausgaard at a Guardian Live Book event earlier this year, interviewer John Mullan elaborates on «the importance of circumstantial detail» in literature – not just in Knausgaard’s autobiographical series of novels, but ever since the inception of the British novel in the 18th century. To conjure up and create presence Knausgaard resorts to details. James Wood, in How Fiction Works, comes to similar conclusions when he analyses Flaubert’s realistic method – or rather: his artificial realism. «Life is amorphously full of detail», he argues, «whereas literature teaches us to notice.» In other words: «Literature makes us better noticers of life; […] which in turn makes us better readers of detail in literature; which in turn makes us better readers of life.»

The key to remembering, for Knausgaard, is to describe the physical world, and by writing about and focusing on the past he finds access to a world that seemed forgotten or lost. This seems to work for his readers as well, or they wouldn’t find his novels addictive. However, the question is: Are there too many – irrelevant or dysfunctional – details? Wood might answer yes, as for him «the artifice lies in the selection of detail.» Or is Knausgaard’s just another (extremist or excessive) form of conventional realism? Can such an abundance of detail achieve what Hemingway – at the other end of the spectrum – tried to bring off by «searching for the unnoticed things that made emotions», purposefully leaving out «the underwater part of the iceberg», as he aptly put it in his Paris Review interview 60 years ago?

Die Entdeckung der Langsamkeit

Wenn es um die Mühsal des Schreibens geht, jammern selbst erfahrene Autoren auf hohem Niveau. Wie beschwerlich muss es erst sein, wenn man um jeden einzelnen Buchstaben ringt. Jean­-Dominique Bauby erleidet mit 43 einen Hirnschlag und bleibt vollständig gelähmt. Wahrnehmung und Denken sind intakt, aber eingesperrt in seinem Körper kann er nicht mit der Aussenwelt kommunizieren. Ein Auge muss zugenäht werden, mit dem anderen kann er noch blinzeln. Mit Hilfe einer Alphabettabelle gelingt es Bauby, ein ganzes Buch zu diktieren. In Schmetterling und Taucherglocke beschreibt er seinen Zustand und blickt auf sein bisheriges Leben zurück. Regisseur Julian Schnabel hat Baubys Geschichte 2007 verfilmt und zeigt in starken Bildern, wie der Autor seine Ohnmacht überwindet und allen Widerständen zum Trotz und mit Humor erzählt.

Auch Stephen Hawking hat trotz seiner degenerativen Nervenerkrankung zahlreiche Bücher verfasst, wie im Biopic The Theory of Everything zu sehen ist. Als der junge Physiker im Rollstuhl sitzt und nicht mehr sprechen kann, ermöglicht ihm ein Computer, per Knopfdruck etwa vier Wörter pro Minute zu produzieren.

Weit grösser waren die Hindernisse für die Helen Keller (1880–1968), die seit ihrem zweiten Lebensjahr blind und gehörlos war. Nur dank ihrer engagierten Erzieherin und Hauslehrerin Annie Sullivan schaffte sie den Weg aus der Isolation und erlangte mit ihren Büchern Weltruhm. In seiner preisgekrönten Graphic Novel Sprechende Hände zeichnet Joseph Lambert Helens bewegende Geschichte nach und gibt Einblick in die einzigartige Beziehung zwischen Lehrerin und Schülerin.

Daniel Ammann, 23.2.2016

Erschienen in: Akzente 1 (2016): S. 35. (PDF)


Bauby, Jean-Dominique. Schmetterling und Taucherglocke. Deutsch v. Uli Aumüller. München: dtv, 2009 (1998). 134 Seiten.

Le scaphandre et le papillon. (Schmetterling und Taucherglocke.) Frankreich/USA 2007. Regie: Julian Schnabel.

The Theory of Everything. (Die Entdeckung der Unendlichkeit: die aussergewöhnliche Geschichte von Jane und Stephen Hawking.) GB 2014. Regie: James Marsh. Zürich: Universal Pictures Switzerland, 2015. DVD.

Lambert, Joseph. Sprechende Hände: Die Geschichte von Helen Keller. Aus dem Amerikanischen von Johanna Wais. Köln: Egmont Graphic Novel, 2015. 96 Seiten.

lambert_Sprechende_Haende_web

Millions and milliards …

You’ll never guess, I’ll bet you millions, milliards—
It all sprung from a harmless game at billiards.
Lord Byron, Don Juan (Canto XIV)

In seinem Buch über den Marshmallow-Test (München: Siedler, 2015) schreibt Walter Mischel: «Im menschlichen Körper enthält jede der rund eine Billion Zellen in ihrem Kern eine vollständige, identische DNA-Sequenz.»

milliarde

Immer wenn in einem Nachrichtenbeitrag oder in einem Sachbuch von Billionen die Rede ist, werde ich unsicher. Belaufen sich die Kosten tatsächlich auf eine Billion Dollar oder haben wieder einmal die falschen Freunde bei der Übersetzung mitgemischt? A billion dollars sind nämlich 109, also tausend Millionen Dollar. Auf Deutsch also eine Milliarde. So wird die englische trillion dann zur deutschen Billion (1012), während die deutsche Trillion eine Million Billionen (1018) umfasst. Und dazwischen haben wir (mit tausend Billionen) dann noch die Billiarde.

Das wäre alles nicht so schlimm und könnte durch Prüfung der Quellen und sorgfältige Übersetzung aufgefangen werden. Aber unter billion hält das Oxford English Dictionary auch Folgendes fest: «orig. and still commonly in Great Britain: A million millions.» Und zu trillion heisst es: «In U.S., and increasingly in Britain: A thousand millions.»

Um ganz sicher zu gehen, werfen wir also besser einen Blick in die Originalausgabe von Walter Mischels The Marshmallow Test: «In the human body, each of approximately a trillion cells holds within its nucleus a complete and identical sequence of DNA.» Glück gehabt. Dem Übersetzer sei Dank!

Daniel Ammann, 31.5.2015

Der letzte Satz: «Mann im Dunkel» von Paul Auster

«Yes, Dad, she says, studying her daughter with a worried
look in her eyes, the weird world rolls on.»
«Ja, Dad, sagt sie und betrachtet ihre Tochter aus  sorgenvollen
Augen, die wunderliche Welt dreht sich weiter.»
Paul Auster, Man in the Dark / Mann im Dunkel

Paul Auster: Mann im DunkelNach einem Autounfall bleibt der 72-jährige Ich-Erzähler August Brill an den Rollstuhl gefesselt. Nachts liegt er wach und verdrängt schmerzhafte Erinnerungen, indem er sich eine Geschichte ausdenkt. «Nichts Besonderes», meint er, «aber solange ich mich damit beschäftige, muss ich schon nicht an die Dinge denken, die ich lieber vergessen möchte.» Man schreibt das Jahr 2007. Die Anschläge vom 11. September haben niemals stattgefunden, und statt im Irak wütet ein erbitterter Krieg im eigenen Land.

Paul Auster lässt seinen hintergründigen Roman über menschliches Schicksal, Parallelwelten und die unbändige Kraft des Erzählens mit einem Satz von Rose Hawthorne enden. Sie war das jüngste von Nathaniel Hawthornes drei Kindern und Brills Tochter Miriam schreibt eine Biografie über sie. «Rose Hawthorne war keine besonders gute Dichterin, oder?», fragt Brill. «Nein», antwortet Miriam. «Ehrlich gesagt, war sie furchtbar schlecht.» Aber ein Satz aus ihrem Gedichtband Along the Shore hat es beiden angetan: «The weird world rolls on.»

Bei Rose Hawthorne lautet die Stelle: «As the weird earth rolls on». Ist es Zufall oder Absicht, dass Auster diese eine Zeile mit einem Stabreim aufwertet? In der deutschen Übersetzung von Werner Schmitz wird daraus sogar eine dreifache Alliteration: Die wunderliche Welt dreht sich weiter. Sieben Mal kommt der Satz in Mann im Dunkel vor und hallt am Ende als Schlussakkord nach – «lakonisch, im Grunde abgedroschen und trotzdem zutiefst weise», meinte Jürgen Brôcan in seiner NZZ-Rezension (2.12.2008, 43). Die genaue Quelle wird im Roman nicht erwähnt, aber passenderweise stammt die Zeile aus einem Gedicht mit dem Titel «Closing Chords».


Auster, Paul. Man in the Dark. London: Faber and Faber, 2009. 180 Seiten.
Auster, Paul. Mann im Dunkel. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2008. 220 Seiten.

Erinnerung an ein Kunststück

Nebelspalter Februar 1985

Fast hätte ich mein publizistisches Jubiläum vergessen. Vor dreissig Jahren (wenn man von einem Leserbrief absieht) hatte ich meine erste kleine Veröffentlichung.
Angefangen hat alles mit einem Kunststück. Ich hatte dem Nebelspalter ein mittelmässiges Samichlausgedicht zugeschickt … und dann aus einer Laune heraus noch einen satirischen Prosatext mit dem Titel «Ein Kunststück» beigefügt. – Mit den holprigen Versen wusste der Redaktor nichts anzufangen, solcherlei erhalte er ständig, schrieb er zurück. Aber den anderen Text würde er gerne bringen. Im Februar 1985 war es dann so weit. Wie andere Autoren vor mir schlich ich um den Bahnhofskiosk, um zu schauen, ob die neue Ausgabe schon aufliege.

Seither ist einiges an kürzeren und längeren Erzählungen, Kritiken, Artikeln und wissenschaftlichen Beiträgen von mir abgedruckt worden. Das freut mich noch immer jedes Mal – auch weil die Arbeit (oft sehr viel Arbeit) dann wirklich abgeschlossen ist. So schön wie damals ist es natürlich nicht mehr. Aber vielleicht verklärt man das wie den ersten Kuss, den ersten Blick aufs Meer und vieles mehr.

Daniel Ammann, 5.4.2015


«Ein Kunststück.»
Nebelspalter
2 (8. Jan. 1985): S. 34.

 http://dx.doi.org/10.5169/seals-597403 (E-Periodica ETH Zürich)

 Nachtrag 30.12.2025: Das Honorar war 1985 zwar nicht üppig, aber weil der Text im gleichen Jahr – leicht abgeändert und mit ironiefreiem Titel – als «Ein überraschendes Kunstwerk» auch in Das Beste aus Reader’s Digest (Schweiz), als «Un chef-d’œuvre surprenant» in Sélection du Reader’s Digest und als «Kunst auf den Punkt gebracht» in Das Beste aus Reader’s Digest (Deutschland) erschien, bleibt es bis heute wohl mein lukrativstes Prosastück.

Magoria by Daniel Ammann