Eine Frage des Stils

Eine Frage des Stils

«Eine Frage des Stils.»
Akzente 4 (2021): S. 38.
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Was ist guter Stil? Und was hat das mit grosser Literatur zu tun? Schon Plato und Aristoteles waren uneins, ob es sich bei rhetorischen Mitteln nur um Routinen und Kunstgriffe oder bereits um wahre Kunst handelt. In seiner definitorischen Annäherung vermag auch Michael Maar Inhalt und Form nicht einfach zu trennen.

Aber er zeigt eingangs, wie der Balanceakt gelingt, welche Rolle Wortwahl, Syntax, Klang und Metaphern, Regeln und Regelbrüche spielen. Im umfangreichen Mittelteil geht es dann in die grosse Bibliothek, zu kenntnisreichen Einzelbetrachtungen und scharfsinnigen Fallanalysen. Nach einem Kürzestausflug in die Lyrik schliesst die Tour d’Horizon mit der vergnüglichen Erkundung eines ebenso alltäglichen wie heiklen Phänomens. Anhand alter wie neuer Klassiker und zeitgenössischer Texte zeigt Maar, wie Literatur mit der Darstellung des Erotisch-Pikanten umgeht. Denn hier hängt alles vom guten Stil ab.

Daniel Ammann, 26.11.2021


Michael Maar
Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis grosser Literatur.
Hamburg: Rowohlt Verlag, 2020. 655 Seiten.

Verzweigte Lebenspfade

Verzweigte Lebenspfade

Mit fünfunddreissig beschliesst Nora Seed zu sterben. Die Hauptfigur in Matthew Haigs zauberhaftem Roman Die Mitternachtsbibliothek (Droemer 2021) gelangt jedoch nicht ins Jenseits, sondern findet sich in einer Welt zwischen Leben und Tod wieder. Punkt Mitternacht bleibt die Zeit stehen und Nora betritt eine Bibliothek mit end­losen Regalen. Jedes Buch bietet ihr die Chance, Entscheidungen zu revidieren und verpasste Versionen ihres Lebens auszuprobieren – als Olympiaschwimmerin, Musikerin, Philosophin, Mutter oder Gletscherforscherin. Aber welches davon ist das beste Leben?

Paul Austers Mammut­roman 4 3 2 1 (Rowohlt 2017) spielt ebenfalls mit verzweigten Varianten einer Lebensbiografie. Allerdings weiss sein Held Archie Ferguson nichts von seinen Doppelgängern. Nach dem Startkapitel 1.0 faltet sich die Handlung in vier parallele Erzähl­stränge auf. Neben bewussten Entscheidungen und einschneidenden Schicksalsschlägen sind es manchmal unscheinbare Ereignisse oder zufällige Fügungen, die Archies Leben in ganz andere Bahnen lenken. 

Durch einen globalen Kurzschluss verschlägt es auch den erfolglosen Musiker Jack Malik (Himesh Patel) in Danny Boyles Spielfilm Yesterday (2019) in ein Parallel­universum. Als er aus dem Koma erwacht, scheint vorderhand zwar alles beim Alten. Doch bald muss Jack feststellen, dass in dieser Welt die Beatles völlig unbekannt sind. Also macht er sich daran, ihre unvergess­lichen Songs nieder­zuschreiben und gelangt unversehens doch noch zu grossem, aber zweifelhaftem Ruhm.

Daniel Ammann, 26.11.2021

«Windungen und Wendungen.»
Akzente 4 (2021): S. 39.
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Matt Haig
Die Mitternachtsbibliothek.
Aus dem Englischen von Sabine Hübner.
München: Droemer, 2021. 320 Seiten.

Paul Auster
4 3 2 1.
Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2017. 1264 Seiten.

Yesterday.
Grossbritannien 2019.
Regie: Danny Boyle. DVD: Universal Pictures Video, 2019.

Leseförderung auf allen Kanälen: Ghostwriter

Leseförderung auf allen Kanälen: Ghostwriter

«Leseförderung auf allen Kanälen.»
Buch & Maus 3 (2021): S. 24.
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Hannah Levinson, Camilla Arfwedson, Zoe Doyle, Isaac Arellanes, Justin Sanchez and Amadi Chapata in «Ghostwriter» (Apple TV+)

Ghostwriter (Vier Freunde und die Geisterhand).
2 Staffeln à 13 Episoden. USA 2019–2021.
apple.com/de/tv-pr/originals/ghostwriter
apple.co/2PhpJF8

Lemmi und die Schmöker.
Regie: Peter Podehl, D 1973–1979/1983 DVD-Gesamtedition: Alle 40 Folgen plus 5 Specials.
Walluf: Fernsehjuwelen, 2021.

Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis 2021 – Shortlist

Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis 2021 – Shortlist

«In Sachen Vielfalt herrscht Einigkeit.»
Buch & Maus 1 (2021): S. 24–25.
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Heft 2/2021 «Farbenfroh»

Die Shortlist zum Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis 2021:


Marcel Barelli, Bestiaire helvétique.
Lausanne: EPFL Press 2020. 432 Seiten.
Bern: hep Verlag, 2021. 432 Seiten.

Siehe auch:
«Tierisches Kuriositätenkabinett.» Akzente 2 (27.5.2021)


Martin Panchaud, Die Farbe der Dinge.
Aus dem Französischen von Christoph Schuler.
Zürich: Edition Moderne, 2020. 228 Seiten.

Siehe auch:
«Visuelle Verfolgungsjagd.» Akzente 2 (2021): S. 38.
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Fabian Menor, Élise.
Genf: La Joie de lire 2020. 96 Seiten.


Eva Roth, Lila Perk.
Wien: Jungbrunnen 2020. 160 Seiten.


Micha Friemel (Text) und Jacky Gleich (Illustration), Lulu in der Mitte.
München: Hanser 2020. 32 Seiten.

Von Menschen und Maschinen

Von Menschen und Maschinen

«Können Maschinen denken?», fragt Alan Turing 1950 in einem denkwürdigen Aufsatz, der nun als Neuübersetzung in einer zweisprachigen Ausgabe erscheint (Reclam 2021). Die Frage beschäftigt uns heute mehr denn je. Sogar an den von Turing diskutierten Einwänden gegen Künstliche Intelligenz hat sich seit 70 Jahren kaum etwas geändert. Da wir uns «Denken» ohne Bewusstsein und Emotionen nur schwer vorstellen können, entwirft Turing ein Imitationsspiel und regt zu einem Frage-und-Antwort-Experiment an, das inzwischen als «Turing-Test» geläufig ist. 

Wenn eine Maschine sinnvolle Wortfolgen oder sogar Kunst hervorbringt, ist das noch kein Beweis dafür, dass sich dahinter ein denkendes Wesen oder gar eine poetische Seele verbirgt. Aber könnte dabei so etwas wie Literatur entstehen? Um dieser Frage nachzugehen, hat sich Schrift­steller Daniel Kehlmann auf den Versuch eingelassen, gemeinsam mit einer Maschine eine Geschichte zu schreiben. Von seinen Erfahrungen berichtet er in seiner Stuttgarter Zukunfts­rede unter dem Titel Mein Algorithmus und ich (Klett-Cotta 2021). 

Man kann den Spiess auch umdrehen, wie es der britische Autor und Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro in seinem Roman Klara und die Sonne tut (Blessing 2021). Seine Ich-Erzählerin ist ein humanoider Roboter und dafür programmiert, als Künstliche Freundin einem Kind Gesellschaft zu leisten und für dessen Wohlbefinden und Sicherheit zu sorgen. Wo ziehen wir bei diesem fiktionalen Imitationsspiel die Grenzen, um zwischen So-tun-als-ob und echter Zuneigung zu unterscheiden?

Daniel Ammann, 26.8.2021

«Von Menschen und Maschinen.»
Akzente 3 (2021): S. 39.
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Alan M. Turing
Computing Machinery and Intelligence / Können Maschinen denken?
Englisch/Deutsch. Übers. und hrsg. v. Achim Stephan u. Sven Walter.
Ditzingen: Reclam, 2021. 202 Seiten.

Daniel Kehlmann
Mein Algorithmus und ich.
Stuttgarter Zukunftsrede.
Stuttgart: Klett-Cotta, 2021. 63 Seiten.

Kazuo Ishiguro
Klara und die Sonne.
Aus dem Englischen v. Barbara Schaden.
München: Karl Blessing Verlag, 2021. 352 Seiten.


Siehe auch den Beitrag zum Biopic über Alan Turing: The Imitation Game

Magoria by Daniel Ammann