Algorithmen und Menschen

Algorithmen und Menschen

Die Londoner Mathematikerin Hannah Fry hat für Algorithmen viel übrig. Die schrittweisen Verfahren nehmen uns lästige Routineaufgaben wie Sortieren und Klassifizieren ab. Sie unterstützen uns bei komplexen Entscheidungen, indem sie Daten elegant kombinieren und Unwichtiges herausfiltern. Der Onlineshop schlägt uns Bücher und Musiktitel vor, die tatsächlich passen, und bei der digitalen Partnervermittlung werden die inkompatiblen Kandidaten erst gar nicht gelistet. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wie die abenteuerlichen Fallgeschichten aus Medizin, Justiz und Verbrechensbekämpfung oder die Beispiele selbstfahrender Autos und automatischer Bilderkennung zeigen, läuft immer noch einiges schief. Problematisch wird es, wenn verwendete Informationen und bestimmende Faktoren nicht transparent sind und wir dem Verfahren blind vertrauen. Daher Frys Fazit: «Noch nie waren Menschen so wichtig wie im Zeitalter der Algorithmen.»

Daniel Ammann, 27.5.2019

«Algorithmen und Menschen.» 
Akzente 2 (2019): S. 35.
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Hannah Fry
Hello World: Was Algorithmen können und wie sie unser Leben verändern.
Aus dem Englischen von Sigrid Schmid.
München: C. H. Beck, 2019. 272 Seiten.


Der Pakt der Freundschaft

«Wie viel Verschiedenheit verträgt die Freundschaft?» Das fragte schon Aristoteles. Er meinte, dass wahre Freundschaft nur unter Gleichgesinnten und tugendhaften Menschen möglich sei. Ob dieses Verständnis im digitalen Zeitalter noch aktuell ist, untersucht der aus Griechenland stammende und in den USA lehrende Philosophie­professor Alexander Nehamas. In seinem Buch Über Freundschaft (dtv 2017) nähert er sich dem Thema in einer Mischung aus Reflexion und persönlicher Erfahrung. Er diskutiert klassische wie zeit­genössische Vorstellungen und illustriert das Wesen moderner Freundschaft an Beispiele aus Literatur, Kunst, Theater und Film. 

Dass Freundschaft nach langer Trennung und trotz unterschiedlicher Lebensweisen Bestand haben kann, erzählt der spanische Regisseur Cesc Gay in seinem tragikomischen Spielfilm Truman. Der Informatiker Julián reist aus Kanada an, um dem todkranken Schauspieler Tomás in Madrid für ein paar Tage Gesellschaft zu leisten und mit dem Freund ein neues Plätzchen für dessen Hund zu finden. 

Von einer ganz und gar ungewöhnlichen Freundschaft handelt Michael Köhlmeiers intimer Roman Zwei Herren am Strand (dtv 2016). Winston Churchill und Charles Chaplin stehen sich weder politisch noch persönlich nahe, werden aber beide seit jungen Jahren von düsteren Selbstmordgedanken heimgesucht. Auf einem langen Spaziergang am Strand schliessen sie deshalb spontan einen Pakt fürs Leben. Sie versprechen sich, «dass, wann immer einer Hilfe benötigt, der andere, wo immer auf der Welt er ist, alles liegen und stehen lässt und kommt!» 

Daniel Ammann, 27.5.2019

«Der Pakt der Freundschaft.»
Akzente 2 (2019): S. 35.
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Alexander Nehamas
Über Freundschaft.
Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl.
München: dtv, 2017. 283 Seiten.


Truman. (Freunde fürs Leben.)
Spanien/Argentinien 2015. Regie: Cesc Gay.
Ascot Elite Home Entertainment 2016. DVD


Michael Köhlmeier
Zwei Herren am Strand.
München: dtv, 2016. 254 Seiten.

Robinson Crusoe

Robinson Crusoe

Über menschliche Spuren im Mondsand wären die Astronauten der Apollo 11 vor fünfzig Jahren nicht minder erstaunt gewesen als der schiffbrüchige Robinson Crusoe. Fünfzehn lange Jahre lebt er schon allein auf der Insel, als er – in der Mitte des Buches – am Strand auf den Abdruck eines nackten Fusses stösst.

Auch wer die Ur-Robinsonade nie gelesen hat, ist mit unzähligen Details und Motiven dieser Geschichte vertraut und erkennt sie in anderen Erzählungen wieder, etwa dem Schweizerischen Robinson von Johann David Wyss, William Goldings Herr der Fliegen, Lutz Seilers Kruso, Filmen wie Cast Away (Robert Zemeckis 2000), The Martian (Ridley Scott 2015) oder der amerikanischen Fernsehserie Lost (ABC 2004–2010).

Die abenteuerliche Geschichte des Kaufmanns aus York vermag nach 300 Jahren noch genauso zu faszinieren wie die erste Mondlandung. Beide Jubiläumsereignisse haben unseren Blick auf die Erde und deren eigenwillige Bewohner einschneidend geprägt. Ein Wiederlesen von Daniel Defoes erstem Roman lohnt sich allemal. Mit anderen Klassikern der Literaturgeschichte teilt Robinson Crusoe das Schicksal, dass viele Leserinnen und Leser die Geschichte nur aus stark gekürzten Übersetzungen, als freie Nacherzählung für Kinder, literarisches Remake oder verwegene Filmadaption kennen.

Die erlesene und sorgfältig edierte Ausgabe des Mare Verlags bietet nun Gelegenheit, dieses einzigartige Werk der Weltliteratur in der erfrischend modernen Übersetzung von Rudolf Mast neu und in voller Länge zu entdecken. Mit seinem Robinson Crusoe von 1719 begründet Daniel Defoe nicht nur den englischen Roman, sondern spielt bereits gekonnt mit den Mitteln der Fiktion und dem, was man heute den autobiografischen Pakt nennt. «Der Herausgeber hält den Bericht für die Beschreibung von Tatsachen», lesen wir im Vorwort. «Erfundenes vermag er darin nicht zu erkennen.» Vordergründig präsentiert «Das Leben und die aussergewöhnlich erstaunlichen Abenteuer des Seefahrers Robinson Crusoe aus York» eine wahre Geschichte und gibt den fiktiven Ich-Erzähler als empirischen Autor eines dokumentarischen Textes aus, «Written by Himself», wie die frühen Ausgaben verkündeten. Dass man die Erzählung für einen authentischen Erlebnisbericht hielt, hat zweifellos zum grossen Erfolg des Romans beigetragen. Tatsächlich liess sich Daniel Defoe (1660–1731) durch die Erfahrungen des schottischen Seemanns Alexander Selkirk inspirieren, den es fünf Jahre lang auf eine verlassene Insel verschlagen hatte. Robinsons Martyrium dauert wesentlich länger. 28 Jahre muss er auf der Insel vor der Küste Amerikas unweit der Mündung des Orinoco ausharren, und erst drei Jahre vor seiner Rettung findet er im befreiten Freitag einen treuen Diener und Gefährten.

Robinsons Inselaufenthalt ist als Mythos ins kollektive Bewusstsein eingegangen. Ungleich abenteuerlicher nehmen sich allerdings die Anfangs- und Schlusskapitel aus. Sie berichten von unbändigen Stürmen, Schiffshavarien, Auseinandersetzungen mit Piraten, Robinsons Jahren als Sklave in Afrika, seiner waghalsigen Flucht aus der Gefangenschaft und, im Schlussteil des Buches, von der winterlichen Überquerung der Pyrenäen, als die Reisenden gegen dreihundert ausgehungerte Wölfe ums Überleben kämpfen.

Dagegen wirkt Robinsons ungestörtes Inselleben nahezu beschaulich und friedfertig. Anfangs verflucht der Gestrandete zwar sein Schicksal, muss aber bald erkennen, wie viel Glück im Unglück ihm beschieden ist. Er hat als Einziger überlebt, während der Rest der Besatzung den Tod fand. Zudem kann er aus dem Wrack vieles bergen, das ihm den Aufenthalt auf der Insel erträglicher macht. Immer wieder zieht Robinson reumütig Bilanz, zeichnet seine Stimmungsschwankungen auf und protokolliert Erfolge und Rückschläge. Abgesehen vom Spannungsplot lässt sich der Text so auch als treffliche Parabel auf unsere Zivilisationsgeschichte, kolonialen Ethnozentrismus oder philosophisch-theologische Reflexion über das Wesen des Menschen und die Macht der Vorsehung lesen. Hat uns der Fortschritt klüger und nachsichtiger gemacht, oder sind wir so unreif für die Insel wie der arme Robinson?

Daniel Ammann, 27.5.2019

«Unreif für die Insel.»
Akzente 2 (27.5.2019).
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Daniel Defoe
Robinson Crusoe.
Aus dem Englischen von Rudolf Mast.
Mit einem Nachwort von Günther Wessel.
Hamburg: mareverlag, 2019. 415 Seiten. 

Magoria by Daniel Ammann