Charles Dickens und sein letztes Rätsel

Charles Dickens und sein letztes Rätsel

Charles Dickens beginnt seinen unvollendeten Roman Das Geheimnis des Edwin Drood gleich mit mehreren Fragen. Die ersten vier Sätze springen uns mit verstörenden Trugbildern und Rätseln an und bereiten uns durch Irritation schon auf Besuche in der Opiumhöhle vor. Seltsam mutet es auch an, dass die vermeintlichen Aussagesätze (1 und 3) mit einem Fragezeichen und die offensichtlichen Fragesätze (2 und 4) mit einem Ausrufezeichen enden. Weshalb hat man diese subtile Verstörung in der deutschen Ausgabe grammatikalisch eingeebnet und vier Mal ein Fragezeichen gesetzt? Auch die gelungene BBC-Adaption fängt übrigens wie ein Fiebertraum an, mit einer Fata Morgana in der flimmernden Wüste.

Mit seinem letzten Roman hat uns Dickens einen literarhistorischen Cliffhanger hinterlassen. Er fährt sein ganzes Können auf, legt Fährten, aber eine Auflösung bleibt er uns schuldig. Wir wissen noch nicht einmal, ob der ‹Unnachahmliche› das Ende überhaupt schon im Kopf hatte, als der Tod seinem Schreiben ein Ende setzte.

Das ungelöste Rätsel demonstriert wieder mal, dass eine Geschichte bis zum Schluss noch alle möglichen Wendungen nehmen kann. Denn die Logik der Handlung erschliesst sich erst im Nachhinein. Als Leser:innen halten wir den Schlüssel zu einer plausiblen Lösung zwar in der Hand, aber wir wissen nicht, welche Tür er letztlich öffnet.

Daniel Ammann, 28.9.2025


Lingua madre

Lingua madre

Erste gesprochene Worte und erste gedruckte Sätze – das passt gut zusammen. 
In Maddalena Fingerles Debütroman Muttersprache schlägt sich der Ich-Erzähler mit Sprachen herum. Er sei von Wörtern besessen, heisst es im Klappentext. «Wörter haben für ihn Geruch, Farbe oder Klang.» 

Lingua madre

Vielleicht erklärt diese Leidenschaft und das Gefangensein in Mehrsprachigkeiten und kultureller Vielfalt den logischen Widerspruch dieses Anfangs, der die Geburt und den Beginn des Sprechens in eins setzt und zeitlich zusammenfallen lässt. 

Ist er als Hinweis darauf zu lesen, dass wir durch den Spracherwerb noch einmal geboren werden und sich unsere persönliche und kulturelle Identität damit erst richtig auf den Weg macht?

 Daniel Ammann, 1.9.2025


Maddalena Fingerle
Muttersprache.
Aus dem Italienischen von Maria E. Brunner..
Wien: Folio Verlag, 2022. 191 Seiten.

 

 

Mein Name ist White

Mein Name ist White

Viele Romane beginnen damit, dass sich jemand mit Namen vorstellt, aber die eigene Identität rundweg zu leugnen, ist ein Paukenschlag. Stiller oder nicht Stiller, das ist hier die Frage.

«Der Beginn eines Textes ist nie unschuldig oder spontan, er gehorcht mindestens dem Kalkül des Effekts und häufig dem Wissen über das, was folgt», so der Germanist Peter-André Alt in seinem Buch über erste Sätze der Weltliteratur. Wer den ersten Satz mehr oder weniger dem Zufall überlässt, vergibt sich also eine Chance. Das muss auch dem Schriftsteller Max Frisch klar gewesen sein. Der berühmte erste Satz, wie wir erfahren, wurde erst nachträglich in die Druckfahnen eingefügt. 

Wie sehr so ein Satz verfängt, bekam Max Frisch immer wieder zu spüren. Der Autor, wie Julian Schütt in Max Frisch: Biographie einer Instanz (Suhrkamp 2025) schreibt, «hat oft erklären müssen, er sei nicht Stiller oder Faber». Oder wie Anatol Stiller alias Jim White im Roman sagt: «wie soll einer denn beweisen können, wer er in Wirklichkeit ist?»

PS Mitte Oktober kommt Stefan Haupts Filmadaption Stiller in die Schweizer Kinos. Englischer Verleihtitel: I’m Not Stiller – und nein, in der Hauptrolle ist nicht Ben Stiller zu sehen, sondern Albrecht Abraham Schuch.

Daniel Ammann, 8.8.2025

Max Frisch
Stiller.
[1954]
Berlin: Suhrkamp, 2023. 448 Seiten. 

Der Tag, an dem der Milchmann starb

Der Tag, an dem der Milchmann starb

Ein bisschen riskant ist es schon, wenn wir im ersten Satz schon um das Leben der Ich-Erzählerin bangen müssen. Noch ehe wir sie kennenlernen. Dann kippt die Bedrohung am Ende allerdings gleich wieder weg, weil es einer anderen Figur an den Kragen geht. Ob das eine mit dem anderen zu tut hat, kann nur die Lektüre beantworten. 

Und wer hätte erwartet, dass wir auf Seite 450 nach einer düsteren Geschichte auf einen so wunderbar hellen Schlusssatz zusteuern? – «Und als ich auf dem Gehweg in Richtung des Parks mit den Stauteichen aufkam, atmete ich das Licht wieder aus, und kurz, ganz kurz, musste ich beinahe fast lachen.» Die letzten vier Worte mit diesem zauberhaft zwinkernden Doppler in der Mitte klingen nach. 

Daniel Ammann, 22.7.2025

Der Tag, an dem der Milchmann starb

Anna Burns
Milchmann.
Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll.
Stuttgart: Tropen-Verlag, 2020. 452 Seiten.

Ich schreibe dir trotzdem

Ich schreibe dir trotzdem

Erste Sätze haben es in sich. Und sie verraten uns eine ganze Menge. Der Kinderroman der Autorinnen Sloan und Wolitzer zum Beispiel eröffnet mit einer E-Mail und lässt schon durchblicken, dass sich Bett und Avery noch nicht kennen. Aber dabei wird es wohl nicht bleiben, denn es folgen noch viele weitere E-Mails.

Der abrupte und verblüffende Einstieg in eine Geschichte hat auch Eingang in unser Lehrmittel Apropos Medien 5/6 gefunden – und zwar in der Rubrik Flaschenpost (Kap. 6, S. 45). Hat nicht jede E-Mail und jeder Romananfang etwas von einer geheimnisvollen Flaschenpost? Kommunikation beginnt mit dem ersten Satz, manchmal noch ehe man weiss, mit wem man es zu tun hat, woher die Botschaft kommt und worauf man sich einlässt. 

Daniel Ammann, 15.7.2025

Holly Sloan und Meg Wolitzer
An Nachteule von Sternhai
.

Aus dem Englischen v. Sophie Zeitz.
München: dtv, 2021. 288 Seiten. Ab 11 Jahren.

Jane Austen’s Lost Letters

Jane Austen’s Lost Letters

Mit den beiden früheren Biopics Becoming Jane (Julian Jarrold, 2007, mit Anne Hathaway) und «Miss Austen Regrets» (Jeremy Lovering, 2008, mit Olivia Williams) habe ich mich vor einiger Zeit schon intensiv beschäftigt und untersucht, wie die grosse Autorin in diesen Filmen schreibt und welche ihrer Texte dabei entstehen. Die neue BBC-Miniserie (Aisling Walsh, 2025, mit Patsy Ferran) setzt 13 Jahre nach Jane Austens Tod ein und bringt sie uns in Rückblenden näher.

Als Jane Austen: Anne Hathaway, Olivia Williams, Patsy Ferran

Im Zentrum der Geschichte stehen nicht Jane Austens Romane, sondern einschneidende Lebensereignisse und wie diese sich in unzähligen Briefen und in den Erinnerungen ihrer Schwester Cassandra spiegeln.

Der BBC-Vierteiler basiert auf dem gleichnamigen Roman von Gill Hornby und spürt den Motiven nach, weshalb Cassandra die meisten Briefe ihrer berühmten Schwester vernichtet hat. Das nehmen ihr viele Biografen. «Wahrscheinlich», wie auch die Autorinnen Janine Barchas und Isabel Greenburg in der Einleitung zu Jane Austen: Ihr Leben als Graphic Novel festhalten, «hatte sie ihre Gründe. Und das Material, das sie hinterlassen hat, bietet immer noch genug Stoff, uns das Leben unserer Lieblingsautorin auszumalen.»

Daniel Ammann, 14.6.2025/17.10.2025

Gill Hornby
Miss Austen.
London: Arrow Books, 2020. 392 Seiten.

Gill Hornby
Miss Austen: Die Geheimnisse zweier Schwestern.
Aus dem Englischen von Stefanie Brägelmann u. Annika Klapper
Illustriert von Marjolein Bastin.
Münster: Coppenrath, 2025. 272 Seiten.

BBC 2025. Mini-Serie, 4 Episoden.
Regie: Aisling Walsh. Buch: Andrea Gibb.
Based on the novel by Gill Hornby.

Janine Barchas u. Isabel Greenberg
Jane Austen: Ihr Leben als Graphic Novel.
Aus dem Englischen von Eva Bonné.
München: Penguin, 2025. 144 Seiten.


Mehr über Jane Austen:

Magoria by Daniel Ammann