Alles auf A. Oder: T wie Tautogramm

Das Tautogramm ist ein Text, in dem alle Wörter mit dem gleichen Buchstaben beginnen. Alle. Ausnahmslos. Also aufgepasst!

Zum ersten Mal bewusst auf ein Tautogramm gestossen bin ich in David Lodges Ausführungen in The Art of Fiction (Penguin 1992), das ich für den Haffmans Verlag übersetzen durfte. In Kapitel 22 weist Lodge unter anderem auf den 1974 erschienenen experimentellen Roman Alphabetical Africa von Walter Abish hin. Dieser beginnt so:

Ages ago, Alex, Allen and Alva arrived at Antibes, and Alva allowing all, allowing anyone, against Alex’s admonition, against Allen’s angry assertion: another African amusement . . . anyhow, as all argued, an awesome African army assembled and arduously advanced against an African anthill, assiduously annihilating ant after ant, and afterward, Alex astonishingly accuses Albert as also accepting Africa’s antipodal ant annexation. Albert argumentatively answers at another apartment. Answers: ants are Ameisen. Ants are Ameisen?

Nur das erste und das letzte Kapitel sind wirklich Tautogramme. Im zweiten Kapitel kommt nämlich bereits der Buchstabe B ins Spiel, im dritten das C, und so weiter, bis das Alphabet komplett ist. Dann wird kapitelweise zurückbuchstabiert, bis wir am Schluss wieder bei A landen.

Zum Glück zitiert Lodge zur Illustration nur einen kurzen Absatz, aber das ist für den unerfahrenen Übersetzer Ammann Herausforderung genug: «Abermals Afrika: Als Albert ankommt, angeregt argumentiert, afrikanische Ausstellungskunst abhandelt, an afrikanischer Angst, aber auch, ach, ausgerechnet Ashanti-Architektur angreift …» (Lodge, Die Kunst des Erzählens, S. 133).

Die Sache hat mich nie ganz losgelassen, und irgendwann wollte ich mich selbst an einer tautogrammatischen Geschichte versuchen. Das Ergebnis findet sich unter dem Titel «Adeles Aufstieg» in meinem kleinen Erzählband Der weisse Schatten (Magoria 2018, S. 39–42). Die Geschichte zählt 438 Wörter und beginnt so:

Adele Abderhalden, Adoptivtochter alteingesessener Apo­the­ker aus Affoltern am Albis, arbeitet Anfang Achtzigerjahre aushilfsweise als Aupairmädchen aristokratischer Aargauer. Angenehme Aufgaben. Außerdem allerhand Annehm­lich­keiten: aparte Attikawohnung, ausgedehntes Anwesen, Auto auf Abruf, allabend­licher Ausgang. Andererseits auf­reibend. Arbeitgeber ausgesprochen angetan, aber arrogant. Aufgrund alter­tüm­licher Auffassungen Adeles adrettes Aus­sehen als Auffor­derung ausgelegt, also andauernde Anmache, Anzüg­lichkeiten aller Art, auch anstößige Anspie­lungen auf Adeles aufreizenden Arsch. Adele appelliert an Anstand. Aufdring­liche Avancen ausdrücklich abgewiesen.

Dass sich so ein sperriger Text sogar prima vista gut vorlesen lässt, hat Schauspieler Reto Stalder am ersten Schweizer Vorlesetag vom 23. Mai 2018 bewiesen.

magoria.ch/audio/Reto-Stalder-liest-Adeles-Aufstieg.wav

Wenn man der Handlung folgt und nicht ständig auf die Anfangsbuchstaben achtet, funktioniert der Text tatsächlich als Geschichte. Als ausgefuchstes Anschauungsbeispiel aberwitziger Alliterationen verstösst das zwar gegen das erste Schreibgebot – aber schliesslich sind solche Gebote dazu da, lustvoll gebrochen zu werden.


PS
Bereits 1983 hat sich Hanna Muschg in der Zeitschrift Manuskripte am ersten Kapitel aus Abishs Roman versucht (Heft 79, S. 4). 2002 erscheint der Roman Alphabetisches Afrika bei Urs Engeler als zweisprachige Ausgabe mit der Übersetzung von Jürg Laederach.

In seinem Beitrag mit dem Titel «Die Übersetzung als fortgeführtes Sprachexperiment» hat sich Robert Leucht unter anderem mit diesen Übersetzungen befasst (ZiG – Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 7/2016/H1. Hrsg. v. Dieter Heimböckel, Georg Mein, Gesine Lenore Schiewer u. Hein Sieburg. Bielefeld: transkript, 2016. S. 11–31.)

Gendersprache

«Spielt es eine Rolle, ob ein Wort Rock oder Hose trägt?»

Typografische Verrenkungen machen die Welt nicht gerechter. Bei Lehrer*innen und Freund_innen werden die flexionslosen Männer sogar unterschlagen. Selbst Doppelnennungen sind nicht neutral, denn semantische Oppositionen unterstrei­chen den Gegensatz und schliessen alles aus, was dazwischenliegt. Als Sprach­mo­narch·in würde ich verfügen, dass wir uns wenigstens die Pluralformen teilen. Ob­gleich sie weiblich sind, wie ihre Pronomen zeigen. Zudem ist es diskriminierend, wenn weibliche Endungen nur an männliche angekoppelt werden. Das ist mehr Geschlecht als gerecht. Wer möchte denn Anhängsel sein?
Aber spielt es eine Rolle, ob ein Wort Rock oder Hose trägt? Nehmen wir uns an Hoheiten (f), Gästen (m) und Mitgliedern (n) ein Beispiel und benennen dann beide (und mehr) Geschlechter, wenn sich im Kopf auch Bilder einstellen. Beim Lehrerzimmer geht es ums Zimmer, beim Schülerbuch ums Buch. Oder sagen wir Bäuerinnen- und Bauernhof und lassen die Tiere selbstredend weg? Bei aller Silbenakrobatik zählen in Texten schliesslich Kürze und Klang. Konzentrieren wir uns nebst Sexus und Genus auf Gehalt, Gesinnung und Genuss.
Apropos Gleichbehandlung: Die Frau des Königs wird Königin tituliert. Der Gatte der Queen ist nur ein Prinz. Klingt nach ausgleichender Gerechtigkeit, aber der Grund ist ernüchternd: Ein König ist ranghöher als eine Königin. Wie es bei den Royals mit Lohngleichheit und Vaterschaftsurlaub aussieht, weiss ich hingegen nicht.

Daniel Ammann
Erschienen in: ph inside 1 (März 2018): S. 19.
Zum Download.

Verwirrung durch Überfülle

In Träumen, dem fünften Band seines autobiografischen Grossprojekts, berichtet der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgård von seiner Zeit in Bergen und wie er dort nach dem Besuch der Akademie für Schreibkunst immer wieder im Schreiben scheitert, dann anfängt Literaturwissenschaft zu studieren, wieder aufgibt und doch unbeirrt von einer Karriere als Schriftsteller weiterträumt. Das Verfassen von Essays, Literaturkritiken und Seminararbeiten scheint ihm dabei einfacher von der Hand zu gehen:

Beim Verfassen von Hausarbeiten lief alles darauf hinaus, möglichst zu verbergen, was man nicht wusste. Dazu diente eine bestimmte Sprache, eine bestimmte Technik, und ich beherrschte sie. Zwischen den Dingen gab es Abgründe, die diese Sprache verdecken konnte, wenn man erst einmal gelernt hatte, wie es funktionierte.

Aber diese Selbstsicherheit hält nicht an. Als ihm bei einer späteren Hausarbeit nur noch wenige Wochen bis zum Abgabetermin bleiben, hat er erst wenige Seiten verfasst.

Schlimmer war jedoch, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich vorgehen sollte. Der Stoff wuchs und expandierte, aber es fehlte der Zusammenhang, die einzelnen Fäden erstreckten sich in alle Richtungen, und die Gewissheit, dass ich nicht nur den Überblick über sie behalten, sondern sie auch zu einer klaren Linie bündeln musste, versetzte mich in Panik.

Der Schreibforscher Hanspeter Ortner spricht in diesem Zusammenhang von embarras de richesse, also einer «Verwirrung durch Überfülle» (Ortner, Schreiben und Denken). Die kognitive Überlast blockiert den Schreibprozess ebenso wie die sprichwörtliche Angst vor dem leeren Blatt. Aber ihr ist vermutlich leichter beizukommen. Denn wer nichts zu sagen hat und unter einem Mangel an Material leidet, muss sich erst auf die Suche machen: lesen, recherchieren, Hypothesen entwickeln, Ideen generieren. Wer hingegen über zu viel Material verfügt, muss lediglich auswählen und eingrenzen. – Wenn das so einfach wäre!

Daniel Ammann, 8.2.2028


Karl OveKnausgård
Träumen.
Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. München: Luchterhand, 2015. 796 Seiten.

Tiny Tales

Tiny Tales sind Kürzestgeschichten. Manchmal bestehen sie nur aus fünf oder sechs Worten, wie die Hemingway zugeschriebene Mikrogeschichte: «For sale, baby shoes, never worn» (vgl. auch den Film Papa: Hemingway in Cuba von Regieur Bob Yari. USA 2015). Andere Beispiele firmieren unter dem Begriff Twitteratur, wie die gleichnamige Sammlung von Alexander Aciman und Emmett Rensing. Berühmte Werke der Weltliteratur werden jeweils in einer Serie von Tweets parodistisch nacherzählt (Sanssouci bei Hanser 2011). Anna Karenina setzt so an: «Meine Schwägerin verlangt die Scheidung. Ich muss nach Moskau, den Unsinn stoppen. Vielleicht steigen nebenbei ein paar gute Partys.» Und was könnte das wohl sein?: «Meine Schwester ist unerträglich! Und ihr Mann erst, so ein Waschlappen. Ich muss hier weg, raus ins Marschland.» Etwas einfacher ist es hiermit: «Nennt mich Ismael. Ihr könntet mich auch anders nennen, aber da ich nun mal so heisse, wäre es doch sinnvoll, wenn ihr mich Ismael nennt.»

Auf Twitter und in Buchform hat sich auch der Werber Florian Meimberg der beliebten Kurzform angenommen. Unter dem Titel Auf die Länge kommt es an (Fischer 2011) präsentiert er seine skurrile Tiny Tales und fasst sie Kapitelweise unter Begriffen wie Chaos, Angst, Überraschung oder Tod . Unter dem Stichwort Glück wird Folgendes berichtet: «Er starrte auf das kürzere Streichholz. Verloren. Schnee wehte durch das Flugzeugwrack, als der zweite Überlebende das Messer ansetzte.»

Für den New Yorker hat die Schriftstellerin Jennifer Egan vom 4. und 11. Juni 2012 sogar einen ganzen Roman getwittert: Black Box. Die deutsche Ausgabe ist in der Übersetzung von Brigitte Walitzek bei Schöffling (2013) erschienen.

Oft sind die Kürzestgeschichten wie explosive erste Sätze, die schon den ganzen Roman enthalten. Oder in meinem Fall ein Märchen, das mit den Konventionen des Märchens bricht. Eine postmoderne Tiny Fairy Tale.

Auf ein Wort: einheimsen

Man weiss nicht, wie das kommt: Manche Wörter mag man halt lieber als andere. Während eine Kollegin die Floskel «allenfalls» nicht ausstehen kann, gehört es bei mir zu den häufig verwendeten Vokabeln. Ein anderer Kollege ärgert sich regelmässig, dass die Leute zunehmend «gern» statt «bitte» sagen.

Wenn ich Wörter an den Pranger stellen könnte (um es scharf richtend zu formulieren), so wäre das umgangssprachliche «einheimsen» bestimmt ein valabler Kandidat. Leben und leben lassen gilt auch für die Sprache, aber es stört mich eben doch, wenn es in den Nachrichten ständig heisst, jemand habe den Oscar oder irgendeine andere Trophäe «eingeheimst». Die dumme Phrase hat für mich einen abwertenden Beigeschmack. Sollte ich allenfalls mal einen bedeutenden Preis gewinnen, so hoffe ich sehr, dass ich ihn verdientermassen erhalte – also weder ergattert, eingesackt noch eingeheimst habe. Es sei denn, der Preisrichter ist eine Lottofee.

P.S. Es geht auch richtig falsch: Nach den rechtsextremen Ausschreitungen in den USA hat sich der amerikanische Präsident nur vage distanziert. Das habe ihm (so Franz Fischlin in der Tagesschau vom 13.8.2017) «zum Teil massive Kritik eingeheimst».

Magoria by Daniel Ammann