Tiny Tales

Tiny Tales

Tiny Tales sind Kürzestgeschichten. Manchmal bestehen sie nur aus fünf oder sechs Worten, wie die Hemingway zugeschriebene Mikrogeschichte: «For sale, baby shoes, never worn».1 Andere Beispiele firmieren unter dem Begriff Twitteratur, wie die gleichnamige Sammlung von Alexander Aciman und Emmett Rensing. Berühmte Werke der Weltliteratur werden jeweils in einer Serie von Tweets parodistisch nacherzählt (Sanssouci bei Hanser 2011). Anna Karenina setzt so an: «Meine Schwägerin verlangt die Scheidung. Ich muss nach Moskau, den Unsinn stoppen. Vielleicht steigen nebenbei ein paar gute Partys.» Und was könnte das wohl sein?: «Meine Schwester ist unerträglich! Und ihr Mann erst, so ein Waschlappen. Ich muss hier weg, raus ins Marschland.» Etwas einfacher ist es hiermit: «Nennt mich Ismael. Ihr könntet mich auch anders nennen, aber da ich nun mal so heisse, wäre es doch sinnvoll, wenn ihr mich Ismael nennt.»

Auf Twitter und in Buchform hat sich auch der Werber Florian Meimberg der beliebten Kurzform angenommen. Unter dem Titel Auf die Länge kommt es an (Fischer, 2011) präsentiert er seine skurrilen Tiny Tales und fasst sie Kapitelweise unter Begriffen wie Chaos, Angst, Überraschung oder Tod . Unter dem Stichwort Glück wird Folgendes berichtet: «Er starrte auf das kürzere Streichholz. Verloren. Schnee wehte durch das Flugzeugwrack, als der zweite Überlebende das Messer ansetzte.»

Für den New Yorker hat die Schriftstellerin Jennifer Egan vom 4. und 11. Juni 2012 sogar einen ganzen Roman getwittert: Black Box. Die deutsche Ausgabe erschien 2013 in der Übersetzung von Brigitte Walitzek bei Schöffling (2013) erschienen.

Oft sind die Kürzestgeschichten wie explosive erste Sätze, die schon den ganzen Roman enthalten. Oder in meinem Fall ein Märchen, das mit den Konventionen des Märchens bricht. Eine postmoderne Tiny Fairy Tale.

Tiny Tales

Auch im folgenden Beispiel ging es mir darum, im zweiten Teil ein Überraschungsmoment einzubauen:

Daniel Ammann, 26.1.2028, aktualisiert 10.7.2026


  1. Vgl. auch das Biopic Papa: Hemingway in Cuba von Regieur Bob Yari. USA 2015. ↩︎

Auf ein Wort: einheimsen

Auf ein Wort: einheimsen

Man weiss nicht, wie das kommt: Manche Wörter mag man halt lieber als andere. Während eine Kollegin die Floskel «allenfalls» nicht ausstehen kann, gehört sie bei mir zu den häufig verwendeten Vokabeln. Ein anderer Kollege ärgert sich regelmässig, dass die Leute zunehmend «gern» statt «bitte» sagen.

Auf ein Wort: einheimsen

Wenn ich Wörter an den Pranger stellen könnte (um es scharf richtend zu formulieren), so wäre das umgangssprachliche «einheimsen» bestimmt ein valabler Kandidat. Leben und leben lassen gilt auch für die Sprache, aber es stört mich eben doch, wenn es in den Nachrichten ständig heisst, jemand habe den Oscar oder irgendeine andere Trophäe «eingeheimst». Die dumme Phrase hat für mich einen abwertenden Beigeschmack. Sollte ich allenfalls mal einen bedeutenden Preis gewinnen, so hoffe ich sehr, dass ich ihn verdientermassen erhalte – also weder ergattert, eingesackt noch eingeheimst habe. Es sei denn, der Preisrichter ist eine Lottofee. Dann sage ich danke, und sie: «Gern.»

P.S. Es geht auch richtig falsch: Nach den rechtsextremen Ausschreitungen in den USA hat sich der amerikanische Präsident nur vage distanziert. Das habe ihm (so Franz Fischlin in der Tagesschau vom 13.8.2017) «zum Teil massive Kritik eingeheimst».

Was ist falsch am falschen Hund?

Übersetzungen sind ein Glück – aber immer auch Glückssache. Es ist eine Freude, dass es sie gibt, und ebenso, dass immer wieder neue entstehen. Die vielen Neuübersetzungen bringen allerdings ein Problem mit sich, wenn die aktuelle Übertragung um jeden Preis vom bisherigen abweichen will. Man denke an den Kleinen Prinzen und den Satz: «Man begreift gar nichts, wenn das Herz nicht dabei ist.» Hans Magnus Enzensberger (dtv 2015) hat es sicher gut gemeint, aber an der Formulierung «Man sieht nur mit dem Herzen gut» ist nichts auszusetzen, erst recht, wenn man berücksichtigt, dass es sich schon um ein geflügeltes Wort handelt.

Ich will nicht auf Details herumreiten, aber zwei Beispiele bringen, die mir letzthin aufgefallen (und leicht missfallen) sind.

Anlässlich meiner Jane-Austen-Streifzüge bin ich in der neusten Übersetzung von Andrea Ott (Vernunft und Gefühl. Manesse 2017) über die Formulierung «falscher Fuffziger» gestolpert. Sir John Middleton macht seinem Ärger über den niederträchtigen Willoughby Luft und nennt ihn scoundrel und deceitful dog. Der scoundrel wird in der Regel mit «Schurke» oder «Schuft» wiedergegeben, aus dem deceitful dog wird im Deutschen ein «falscher» oder «hinterlistiger Hund». Andrea Ott macht daraus einen «falschen Fuffziger». Die metaphorische Wendung mit berlinerischem Einschlag bezeichnet zwar ebenfalls einen unaufrichtigen Menschen, nur will das Bild nicht so recht in die englische Szenerie und den Mund des Landadels passen.

Auch wenn eine Neuübersetzung von Hemingways A Moveable Feast (Paris, ein Fest fürs Leben. Rowohlt 2011) zu begrüssen ist und Werner Schmitz (wie uns Thomas Hermann in der NZZ vom 2. Juli 2011 versichert) gute Arbeit geleistet hat, will mir eine Passage in der Übertragung von Annemarie Horschitz-Horst doch besser gefallen. Anlass für einen Vergleich war ein Besuch in Schruns, wo die besagte Textstelle im Biergarten des Hotels Taube auf eine grosse Metallplatte vor dem Schanktisch eingraviert ist.

[…] WIR LIEBTEN VORARLBERG, UND WIR LIEBTEN SCHRUNS […]
ALS ES DEM FRÜHLING ZUGING, GAB ES DIE GROSSE GLETSCHERABFAHRT, GLATT UND GERADE, ENDLOS GERADE, WENN UNSERE BEINE ES DURCHHALTEN KONNTEN; DIE KNÖCHEL ANEINANDERGEDRÜCKT, LIEFEN WIR GANZ TIEFGEDUCKT, ÜBERLIESSEN UNS DER GESCHWINDIGKEIT UND GLITTEN ENDLOS, ENDLOS IM STILLEN ZISCHEN DES KÖRNIGEN PULVERSCHNEES. ES WAR SCHÖNER ALS JEDES FLIEGEN ODER SONST IRGEND ETWAS. […]

Darunter steht als Quelle: Ernest Hemingway, Paris – ein Fest fürs Leben, deutsche Fassung 1965.

In der Übertragung durch Werner Schmitz würde der Text wie folgt lauten:

«Vorarlberg und Schruns gefielen uns sehr. […]
Schließlich die große Abfahrt den Gletscher hinunter, glatt und geradeaus, ewig geradeaus, wenn die Beine das aushielten, die Knöchel eng aneinander, tief gebückt in die Geschwindigkeit gelehnt, fielen und fielen wir im stillen Zischen des frischen Pulverschnees. Das war besser als Fliegen und alles andere […]»

Und zum Vergleich noch im Originalton:

«We loved the Vorarlberg and we loved Schruns. […]
Finally towards spring there was the great glacier run, smooth and straight, forever straight if our legs could hold it, our ankles locked, we running so low, leaning into the speed, dropping forever and forever in the silent hiss of the crisp powder. It was better than any flying or anything else […].»

Daniel Ammann, 11.8.2017 

Magoria by Daniel Ammann