Sprachen ohne Worte

Sprachen ohne Worte

In Gullivers Reisen1 wird an einer Akademie eine Debatte darüber geführt, wie man die Sprache verbessern könnte. Ein Professor schlägt vor, «die Rede zu verkürzen, indem man alle vielsilbigen Wörter so zurechtstutzt, dass nur noch eine Silbe übrig bleibt». Ferner könne man alle Verben und Partizipien künftig weglassen, «weil alle vorstellbaren Dinge der Wirklichkeit ja ohnehin nur Substantiva seien». Der Satiriker Jonathan Swift hat sich also vor dreihundert Jahren schon Gedanken über «Einfache Sprache» gemacht.

Dinge statt Worte

Ein anderes Projekt ging noch einen Schritt weiter und bezweckte gleich sämtliche Wörter abzuschaffen: Da es sich bei Wörtern lediglich um «Namen für die Dinge» handle, könne man stattdessen ja einfach die Dinge mit sich tragen, die man benötigt, «um Sachen auszudrücken, über die man sich jeweils unterhalten wolle.»

 Nun können wir vielleicht ohne Wörter, aber bestimmt nicht ohne Begriffe auskommen. Beispiele für Kommunikation jenseits der artikulierten oder geschriebenen Wortsprache stellt Andrea Weller-Essers in einem kleinen Band aus dem Duden Verlag vor.

Tatsächlich geht es auch ohne Worte – nicht nur im Bilderbuch, sondern überall dort, wo die Verbalsprache in geschriebener oder gesprochener Form versagt oder nicht zum Zug kommt. Unter Wasser verständigt man sich mit Tauchzeichen, Polizei und Bodenlotsen am Flughafen regeln den Verkehr mit Handzeichen und auch im Konzertsaal, auf dem Fussball- oder Eishockeyfeld wird das Geschehen mit Gesten dirigiert. Sprachen im eigentlichen Sinn sind das jedoch nicht – im Unterschied etwa zur Gebärdensprache der Gehörlosen oder der ideografischen Bliss-Schrift, mit denen sich dank Begriffen und Grammatik praktisch alles ausdrücken lässt. Das reich illustrierte Duden-Büchlein stellt neben Musik- und Tanznotationen auch verschiedene Schriftsysteme und exotische Signalsprachen vor. Damit vermittelt es einen breiten Einblick in die faszinierende Welt der Kommunikation. Selbst ohne Worte sind wir mit unserem Latein also noch lange nicht am Ende.

Daniel Ammann, 26.2.2020/2026

  1. Jonathan Swift. Gullivers Reisen. Aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke. Nachwort von Dieter Mehl. Zürich: Manesse, 2017. ↩︎

«Wortlos kommunizieren?» 
Akzente 1 (2020): S. 35.
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Andrea Weller-Essers
Sprachen ohne Worte: Kommunikation auf anderen Wegen.
Berlin: Dudenverlag, 2019. 80 Seiten.
Sprachen ohne Worte

Ein Faible für den Tod

Ein Faible für den Tod

«Ein Faible für den Tod.»
Akzente 4 (2019): S. 35.

Jason Reynolds
Love oder Meine schönsten Beerdigungen.
Aus dem Englischen von Klaus Fritz.
München: dtv, 2017. 288 Seiten. Ab 14 Jahren.
Neuausgabe 2020 unter dem Titel «Die Sache mit dem Glücklichsein».
 

About a Girl.
Deutschland 2014. Regie: Mark Monheim.

Neil Gaiman
Das Graveyard-Buch.
Aus dem Englischen von Reinhard Tiffert.
Würzburg: Arena, 2009. 312 Seiten. Ab 11 Jahren.

 blog.phzh.ch/akzente/2019/11/26/ein-faible-fuer-den-tod/
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Leseschaltkreise

Leseschaltkreise

Die digitalen Medien haben unser Verhalten nachhaltig verändert. Wir lesen häufiger am Bildschirm – flüchtiger und mit kognitiver Ungeduld. Das wirke sich, so die Kognitions- und Literaturwissenschaftlerin Maryanne Wolf, auf unser Gehirn aus. In der Evolution des Menschen taucht das Lesen relativ spät auf und muss als künstliche kulturelle Errungenschaft erst mühsam erlernt werden. Dabei bilden sich spezielle Leseschaltkreise aus. Damit uns die Fähigkeit zur Tiefenlektüre nicht abhanden kommt, plädiert die Autorin für eine Neuorientierung in der Lehrerausbildung. Es gelte sicherzustellen, dass Kinder schon früh die Fähigkeit des vertieften Lesens kennen und schätzen lernen. Wolf wünscht sich für unsere Kinder eine «mediale Zweisprachigkeit». Sie sollen versierte, flexible Code-Switcher werden, die zwischen Druck- und Digitalmedien wechseln und auch die noch kommenden Kommunikationsformen optimal nutzen können. 

Daniel Ammann, 14.8.2019

«Leseschaltkreise.» 
Akzente 3 (2019): S. 35.
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Maryanne Wolf
Schnelles Lesen, langsames Lesen: Warum wir das Bücherlesen nicht verlernen dürfen.
Aus dem Englischen von Susanne Kuhlmann-Krieg.
München: Penguin, 2019. 300 Seiten.

Magoria by Daniel Ammann