Es war einmal ein Anfang

Es war einmal ein Anfang

Von einem guten Anfang hängt so manches ab. Das gilt erst recht für den Roman. Der erste Satz kann bereits darüber entscheiden, ob weitergelesen wird. Für den ersten Eindruck gibt es bekanntlich keine zweite Chance. Aber vielleicht wird die Bedeutung des Einstiegs auch masslos überschätzt. Schliesslich beginnen unzählige Geschichten ganz unspektakulär und schlagen uns dann doch in ihren Bann.

In seinem abwechslungsreichen Spaziergang durch die Literatur­geschichte der ersten Sätze breitet der Literatur­wissen­schaftler Peter-André Alt in 250 kommentierten Textbeispielen ein breites Spektrum an Erzählanfängen vor uns aus. Die handverlesene Auswahl hat durchaus repräsentativen Charakter, denn die Beispiele – vom 8. Jh. v. Chr. bis ins Jahr 2015 – demonstrieren und dokumentieren die unterschiedlichsten Praktiken und Strategien des Anfangens. Ausser dem märchenhaften «Es war einmal» ist da so ziemlich alles vertreten: vom antiken Musenanruf des Dichters («Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes …») über atmosphärische Landschafts­beschreibungen («Grobknochig wie ein aufgebahrtes Skelett liegen die Höhenzüge des Karsts zwischen der fetten friulanischen Ebene und den beginnenden Weiten des Balkan.») bis zum turbulenten Einstieg mit Cliffhanger («‹Um wiedergeboren zu werden›, sang Gibril Farishta, während er vom Himmel stürzte, ‹musst du erst sterben.›»). Mal werden Leserinnen und Leser brüsk vor den Kopf gestossen oder vor Rätsel gestellt («Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt – meins nicht.»), mal verspricht man ihnen eine wahre Geschichte («Alles das hat sich mehr oder weniger zugetragen.») oder stellt eine grosse Offenbarung in Aussicht («Ihr Menschenbrüder, lasst mich euch erzählen, wie es gewesen ist.»).

Selbstverständlich dürfen in dieser Sammlung auch viele der berühmten und oft zitierten Beispiele aus der Weltliteratur nicht fehlen:

  • «In der ganzen Welt gilt es als ausgemachte Wahrheit, dass ein begüterter Junggeselle unbedingt nach einer Frau Ausschau halten muss.»
  • «Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Art.»
  • «Nennt mich Ismael.»
  • «Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.»
  • «Ich bin nicht Stiller.»
  • «Lolita, Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden.»
  • «Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt.»

Ein Anfang verspricht manchmal alles und hält zuweilen nichts. Dennoch hält sich hartnäckig der Mythos der fulminanten Eröffnung. Dabei liegt dem literarischen Anfang eine Täuschung zugrunde. Das Erzählen setzt willkürlich ein. Anders als das Leben haben erzählte Geschichten keinen naturgegebenen Beginn. Erst die narrative Gestaltung eines Story-Geschehens bereitet aus dem Rohmaterial eine Geschichte: mit Figuren, Handlungen, Erzählperspektive und einer einzigartigen Dramaturgie.

Was verraten uns die Romananfänge über die Texte und die Literaturgeschichte? Zum einen sicher, dass der Auftakt schon immer ein guter Wegbereiter und ein probates Lockmittel war, um Leserinnen und Leser über die Schwelle ins Reich der Fiktion zu ziehen.

Im einleitenden ersten Kapitel «Von der Schwierigkeit, mit dem Erzählen zu beginnen» spricht der Autor gleich die wichtigsten Themen an. Der Beginn sei ein Verführungsversuch, heisst es etwa, und damit der wichtigste Satz des ganzen Textes. Die folgenden vierzehn Kapitel erkunden sodann «Grundmuster des ersten Satzes, die sich durch die Vermittlung von Informationen, durch Modelle der Ankündigung, des plötzlichen Einstiegs, des Spannungsaufbaus, der Stimmungserzeugung, des Sprechakts, der ironischen Distanzierung und der Selbstreflexion definieren».

Alts Programm führt anschaulich vor Augen, dass der Auftakt je nach Habitus, Stil und Tonlage ganz Unterschiedliches auslöst, mal Erwartungen weckt und zum Weiterlesen motiviert, ein andermal bereits im kitschig missglückten Anfang verrät, dass von diesem Text nicht viel zu erwarten sei.

Daniel Ammann, 27.8.2020


Peter-André Alt
«Jemand musste Josef K. verleumdet haben …»: Erste Sätze der Weltliteratur und was sie uns verraten.
München: C.H. Beck, 2020. 262 Seiten.


Akzente 3 (27.8.2020)
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Siehe auch «Alles auf Anfang – eine kleine Poetik der ersten Sätze»

Kanonaden für die Literatur

Kanonaden für die Literatur

Brauchen wir Geschichten? Macht uns das Lesen zu besseren Menschen? Wenn es um so gewichtige Fragen geht, sprechen die guten Bücher für sich. Wem das nicht genügt, für den oder die gibt es Lektüreempfehlungen en masse. Der Literaturkanon galt lange als letztes Bollwerk gegen den Kulturverfall. Jetzt meldet er sich mit frischer Stimme zurück und versucht, jenseits der Bestsellerlisten die Masse zu begeistern. Tobias Blumenberg etwa drückt uns nicht einfach seinen kiloschweren Lesebegleiter (Kiepenheuer & Witsch 2019) in die Hand, sondern erzählt voller Inbrunst von seinen Leseabenteuern und nimmt uns auf eine 800 Seiten lange «Entdeckungsreise durch die Welt der Bücher» mit.

Literaturkritiker Denis Scheck, bekannt aus der ARD-Sendung «druckfrisch», geht geordneter, aber nicht minder persönlich vor, wenn er uns in Schecks Kanon (Piper 2019) notorisch unbescheiden, aber stets lustvoll die «100 wichtigsten Werke der Weltliteratur von ‹Krieg und Frieden› bis Tim und Struppi›» in lebendigen Porträts ans Herz legt.

In Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen (Kunstmann 2016) denkt auch Autor und Übersetzer Tim Parks kritisch und entlarvend über die Welt des globalen Buchmarkts nach – über internationale Literaturpreise, den Sinn des Copyrights, E-Books, Schriftstellerkarrieren oder die Frage, ob wir Bücher zu Ende lesen sollen. In seinen ebenso fein- wie scharfsinnigen  Essays geht es Parks um Kultur an sich. Welche Bedeutung hat Literatur heute noch und was können Leserinnen und Leser überhaupt von Büchern erwarten?

Daniel Ammann, 27.8.2020

«Kanonaden für die Literatur.»
Akzente 3 (2020): S. 35.
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Tobias Blumenberg
Der Lesebegleiter: Eine Entdeckungsreise durch die Welt der Bücher.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019. 777 Seiten.

Denis Scheck
Schecks Kanon: Die 100 wichtigsten Werke der Weltliteratur; von «Krieg und Frieden» bis «Tim und Struppi».
München: Piper, 2019. 480 Seiten.

Tim Parks
Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen.
Aus dem Englischen von Ulrike Becker und Ruth Keen.
München: Kunstmann Verlag, 2016. 239 Seiten.

Covering Brandl

Covering Brandl

Daniel Ammann
Covering Brandl.
Mit zahlreichen Abbildungen und einem Nachwort von Mark Staff Brandl.
St. Gallen: Magoria, 2020. 56 Seiten.
ISBN 978-3-9524867-1-9 (Hardcover)  CHF 25.50 / € 17.80
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Coverdesign: Studio Lametta.

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Was wir auf einem Bild oder einer Zeichenskizze als perfekte Linie und ebenmässigen Umriss wahrnehmen, erweist sich in der fraktalen Vergrösserung – gleich Mandelbrot’schen Küstenstrichen – als weit komplexer, löst sich aber gleichzeitig wieder auf, da die herausgelösten Details in der malerischen Nahaufnahme oder im Zoom neue Strukturen und Formen entstehen lassen. Chaos und Perfektion halten sich die Waage. («Entschleunigte Bilder», 1995)

Die Texte und Katalogessays zu Arbeiten des in der Schweiz ­lebenden US-amerikanischen Künstlers Mark Staff Brandl sind zwischen 1990 und 2012 entstanden.

Der Band enthält folgende Beiträge:

Wie ein Neanderthaler falsch belichtet
Like a Neanderthal in a Bad Light (in English)
Kunstschitterbiige (vgl. markstaffbrandl.com/kunstschitterbiig)
Sudden Departures 1981–1992 (in English)
Entschleunigte Bilder
Displaced Monochromes
Here Comes the Impuritan
Installation: My Metaphor(m)
Das Auge der Verfolgung
Epilogue by Mark Staff Brandl (in English)

Review by Anna Buschon Goodreads:

Daniel Ammann is an excellent creative writing and media theorist. This is a collection of essays he has written over 23 years about the art of Mark Staff Brandl. They are all insightful, but even better, they generally formally, playfully mirror the series he is discussing. Highly creative.

Verwunschene Bibliotheken

Verwunschene Bibliotheken

Wer sich Bibliotheken als friedlichen Hort für Bücher vorstellt, muss umdenken. Bald stehen die Regale nur noch in virtuellen Räumen, wo die Werke vor Menschenhand und Katastrophen in Sicherheit sind. Unvergessen bleibt die Szene aus dem Film The Day After Tomorrow (2004): Überlebende flüchten vor dem Eissturm in die New York Public Library und verheizen die wertvollen Bücher im Kamin. Einen Zufluchtsort ganz anderer Art bietet die Bibliothek der abgelehnten Manuskripte in David Foenkinos’ Roman Das geheime Leben des Monsieur Pick (Penguin 2018), den Rémi Bezançon 2019 fürs Kino adaptiert hat. Wer keinen Verlag findet, darf sein Werk hier der Nachwelt hinterlassen. Als eine Lektorin ausgerechnet an diesem abgelegenen Ort in der Bretagne auf ein Meisterwerk stösst, sorgt das für gehöriges Aufsehen und gibt Rätsel auf. Der unbekannte Autor war Pizzabäcker und ausser einem Brief an seine Tochter ist von ihm keine Zeile überliefert.

Von vielen Büchern bleibt indes gar nichts übrig. Davon berichtet Alexander Pechmann in seinem launigen Sachbuch Die Bibliothek der verlorenen Bücher (Aufbau Digital 2015). Von den Schriften der Antike ist weniger als ein Zehntel erhalten. Bibliotheken gehen in Flammen auf, Manuskripte verschwinden spurlos oder werden mutwillig zerstört. Und manch ein Text wird nicht einmal aufgeschrieben. 

All das erinnert auch ein bisschen an den Friedhof der vergessenen Bücher aus Carlos Ruiz Zafóns Der Schatten des Windes (Fischer 2013). Zum Glück gibt es noch diese magischen Bücher, die von verwunschenen Bibliotheken erzählen. 

Daniel Ammann, 26.2.2020 

«Verwunschene Bibliotheken.»
Akzente 1 (2020): S. 35.
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David Foenkinos
Das geheime Leben des Monsieur Pick.
Aus dem Französischen von Christian Kolb.
München: Penguin, 2018. 336 Seiten.

Le Mystère Henri Pick. (Der geheime Roman des Monsieur Pick)
Frankreich/Belgien 2019. Regie: Rémi Bezançon.

Alexander Pechmann
Die Bibliothek der verlorenen Bücher.
Berlin: Aufbau Digital, 2015. 226. Seiten.

Carlos Ruiz Zafón
Der Schatten des Windes.
Aus dem Spanischen von Peter Schwaar.
Frankfurt/M.: Insel, 2003. 529 Seiten.


Schreiben als Leben

«Wir alle sind Fiktion, aber das glauben wir nicht, weil wir uns mitten in ihr befinden wie in einem Fortsetzungsroman», meint Doris Dörrie in ihrer wunderbaren Einladung zum Schreiben. Ja, denn das Leben schreibt keine Geschichten, die machen wir in unseren Köpfen. Deshalb ist Schreiben (und Lesen) gelegentlich sogar mehr als Leben. 

Die deutsche Regisseurin und Schriftstellerin Doris Dörrie versteht sich auf Geschichten. In ihrer sehr persönlichen «Einladung zum Schreiben» geht sie von der einfachen wie eigenwilligen Prämisse aus, dass man beim Schreiben immer von sich spricht.

«In einem endlosen inneren Monolog erzählen wir uns Geschichten über uns selbst.» So kann alles zum Schreiben inspirieren. In kurzen, autobiografisch motivierten Textstücken macht es uns die Autorin vor. Ausgehend von Erinnerungsstücken, Momentaufnahmen, verloren geglaubten Kindheitsbildern oder wiederkehrenden Motiven hält sie Rückschau auf Lebensabschnitte, flüchtige oder prägende Episoden. Dabei entspinnen sich assoziative Erzählungen, lassen Gefühltes und Erlebtes aufscheinen und verweben früher und jetzt. Mit jedem Blick in die eigene Schatzkiste zaubert die Autorin beispielhaft etwas hervor, holt es schreibend ans Licht und fordert ihre Leserinnen und Leser anschliessend dazu auf, es ihr gleichzutun.

 Daniel Ammann, 28.2.2020

«Schreiben als Leben.» 
Akzente 1 (2020): S. 34.
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Doris Dörrie
Leben, schreiben, atmen: Eine Einladung zum Schreiben.
Zürich: Diogenes, 2019. 277 Seiten.

Stell dir vor, es ist Text

«Stell dir vor, es ist Text, und keiner liest ihn.» 
ph akzente 2 (2011): S. 41

Wolf Schneider
Deutsch für junge Profis: Wie man gut und lebendig schreibt.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch, 2011. 191 Seiten.

Wolf Schneider schreibt zwar immer wieder das gleiche Buch, aber er tut dies kurzweilig und prägnant. 50 Regeln waren es in Deutsch fürs Leben, 44 Empfehlungen in Deutsch!. Für junge Profis hat der Altmeister seine Maximen nun auf 32 Rezepte eingekocht. Wer diese beherzigt, schreibt klar und verständlich und zollt damit seinen Leser:innen Respekt.
Ganz ohne Plage geht das zwar nicht, warnt Schneider, aber er verlangt nicht Unmögliches. Präzis und prall sollen die Wörter sein, schlank und schlicht die Sätze. Ob wir bloggen, mailen, simsen oder wissenschaftlich schreiben: Wer gelesen werden will, macht es seinem Publikum nicht unnötig schwer. Für aufgemotzte Modewörter und abgeleierte Adjektive gibt es deshalb Rote Karten. Schneider wettert gegen bemooste Textbausteine, spiesst die Hängebäuche eingeschobener Nebensätze auf und erklärt dem akademisch-­büro­kratischen Imponiergehabe den Krieg. Einfach-drauflos-Schreiber nimmt er ebenso ins Visier wie verkorkste Germanisten oder Grossmeister des Marketing-Jargons. Da schiesst Schneider dann gerne mal übers Ziel hinaus.
Liebe deinen Leser wie dich selbst, lautet die forsche Botschaft. Dabei prangert der Stilpapst nicht nur an: Er praktiziert auch, was er predigt. Seine Prosa hat Pfeffer und Pfiff und putscht selbst ältere Profis auf.
– Daniel Ammann, ph akzente 2 (2011): S. 41.

Magoria by Daniel Ammann