Kreativität – aus Alt mach Neu

Kreativität – aus Alt mach Neu

Wenn ein Novum auf den Plan tritt, hat es oft eine Vorgeschichte. Manchmal sogar eine lange. Aber wie funktioniert Innovation und welche Gesetzmässigkeiten und Strategien geben in schöpferischen Prozessen den Takt an?

Der Neurowissenschaftler David Eagleman und der Komponist Anthony Brandt haben genauer hingeschaut und erzählen in ihrem reich illustrierten Buch eine fesselnde Kulturgeschichte der Kreativität. Sie zeigen, dass technische Errungenschaften, Pionierleistungen der Wissenschaft und künstlerische Triumphe keineswegs aus heiterem Himmel erscheinen. Stets geht das Neue aus dem Alten hervor und folgt drei verlässlichen Prinzipien: Biegen, Brechen und Verbinden. Wir variieren, adaptieren und kombinieren Bisheriges oder stellen es einfach radikal auf den Kopf. Das klingt nach einem simplen Muster, sorgt in Wirklichkeit aber immer wieder für Knalleffekte. Und es wundert einen, dass man selbst nicht drauf gekommen ist.

Daniel Ammann, 24.2.2022 

«Aus Alt mach Neu.»
 Akzente 1 (2022): S. 38.
 blog.phzh.ch/akzente/2022/02/24/aus-alt-mach-neu/
Download


David Eagleman und Anthony Brandt
Kreativität: Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft.
Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer.
München: Siedler, 2018. 288 Seiten.

Siehe auch «Haben die Musen ausgedient?»

Eine Frage des Stils

Eine Frage des Stils

«Eine Frage des Stils.»
Akzente 4 (2021): S. 38.
 blog.phzh.ch/akzente/2021/11/26/eine-frage-des-stils
Download

Was ist guter Stil? Und was hat das mit grosser Literatur zu tun? Schon Plato und Aristoteles waren uneins, ob es sich bei rhetorischen Mitteln nur um Routinen und Kunstgriffe oder bereits um wahre Kunst handelt. In seiner definitorischen Annäherung vermag auch Michael Maar Inhalt und Form nicht einfach zu trennen.

Aber er zeigt eingangs, wie der Balanceakt gelingt, welche Rolle Wortwahl, Syntax, Klang und Metaphern, Regeln und Regelbrüche spielen. Im umfangreichen Mittelteil geht es dann in die grosse Bibliothek, zu kenntnisreichen Einzelbetrachtungen und scharfsinnigen Fallanalysen. Nach einem Kürzestausflug in die Lyrik schliesst die Tour d’Horizon mit der vergnüglichen Erkundung eines ebenso alltäglichen wie heiklen Phänomens. Anhand alter wie neuer Klassiker und zeitgenössischer Texte zeigt Maar, wie Literatur mit der Darstellung des Erotisch-Pikanten umgeht. Denn hier hängt alles vom guten Stil ab.

Daniel Ammann, 26.11.2021


Michael Maar
Die Schlange im Wolfspelz: Das Geheimnis grosser Literatur.
Hamburg: Rowohlt Verlag, 2020. 655 Seiten.

Von Menschen und Maschinen

Von Menschen und Maschinen

«Können Maschinen denken?», fragt Alan Turing 1950 in einem denkwürdigen Aufsatz, der nun als Neuübersetzung in einer zweisprachigen Ausgabe erscheint (Reclam 2021). Die Frage beschäftigt uns heute mehr denn je. Sogar an den von Turing diskutierten Einwänden gegen Künstliche Intelligenz hat sich seit 70 Jahren kaum etwas geändert. Da wir uns «Denken» ohne Bewusstsein und Emotionen nur schwer vorstellen können, entwirft Turing ein Imitationsspiel und regt zu einem Frage-und-Antwort-Experiment an, das inzwischen als «Turing-Test» geläufig ist. 

Wenn eine Maschine sinnvolle Wortfolgen oder sogar Kunst hervorbringt, ist das noch kein Beweis dafür, dass sich dahinter ein denkendes Wesen oder gar eine poetische Seele verbirgt. Aber könnte dabei so etwas wie Literatur entstehen? Um dieser Frage nachzugehen, hat sich Schrift­steller Daniel Kehlmann auf den Versuch eingelassen, gemeinsam mit einer Maschine eine Geschichte zu schreiben. Von seinen Erfahrungen berichtet er in seiner Stuttgarter Zukunfts­rede unter dem Titel Mein Algorithmus und ich (Klett-Cotta 2021). 

Man kann den Spiess auch umdrehen, wie es der britische Autor und Nobelpreisträger Kazuo Ishiguro in seinem Roman Klara und die Sonne tut (Blessing 2021). Seine Ich-Erzählerin ist ein humanoider Roboter und dafür programmiert, als Künstliche Freundin einem Kind Gesellschaft zu leisten und für dessen Wohlbefinden und Sicherheit zu sorgen. Wo ziehen wir bei diesem fiktionalen Imitationsspiel die Grenzen, um zwischen So-tun-als-ob und echter Zuneigung zu unterscheiden?

Daniel Ammann, 26.8.2021

«Von Menschen und Maschinen.»
Akzente 3 (2021): S. 39.
Download


Alan M. Turing
Computing Machinery and Intelligence / Können Maschinen denken?
Englisch/Deutsch. Übers. und hrsg. v. Achim Stephan u. Sven Walter.
Ditzingen: Reclam, 2021. 202 Seiten.

Daniel Kehlmann
Mein Algorithmus und ich.
Stuttgarter Zukunftsrede.
Stuttgart: Klett-Cotta, 2021. 63 Seiten.

Kazuo Ishiguro
Klara und die Sonne.
Aus dem Englischen v. Barbara Schaden.
München: Karl Blessing Verlag, 2021. 352 Seiten.


Siehe auch den Beitrag zum Biopic über Alan Turing: The Imitation Game

Size Matters

Size Matters

Auf die Grösse kommt es an. Das behauptet nicht nur die Wirtschaft, wo skaliert wird, damit die Gewinne superlinear ansteigen. Der Physiker Geoffrey West stiess in verschiedenen Lebensbereichen immer wieder auf erstaunliche Zusammenhänge und proportionale Gesetzmässigkeiten. So leben kleine und grosse Säugetiere zwar unterschiedlich lange, aber die Anzahl der Herzschläge über die gesamte Lebensdauer ist bei allen ungefähr gleich. West hat untersucht, was es mit Skalierung und «natürlichen» Grenzen auf sich hat. Warum wachsen wir irgendwann nicht mehr weiter? Warum können wir über hundert, aber nicht über tausend Jahre alt werden? In der Folge wollte er auch wissen, ob und wie sich diese Verhältnisse auf andere Gebiete übertragen lassen – Öko­systeme, Städte oder Unternehmen. Seine Erkenntnisse zu exponentiellem Wachstum und dessen Folgen für die Nachhaltigkeit sind wahre Augenöffner.

Daniel Ammann, 26.8.2021

«Size Matters.»
Akzente 3 (2021): S. 38.
Download


Geoffrey West
Scale: Die universalen Gesetze des Lebens von Organismen, Städten und Unternehmen.
Aus dem Englischen von Jens Hagestedt.
München: C. H. Beck, 2019. 479 Seiten.

Magoria by Daniel Ammann