Nachdem wir in der herausragenden Miniserie Miss Austen (BBC 2025) tatenlos zusehen mussten, wie Cassandra einen Grossteil der Korrespondenz ihrer berühmten Schwester dem Feuer übergab, können wir uns jetzt den erhaltenen Briefen zuwenden. Bei Manesse erscheinen Jane Austens Briefe zum ersten Mal komplett auf deutsch – in einer schön ausgestatteten kommentierten Edition, aus dem Englischen übersetzt von Andrea Ott. Ein unermesslicher Schatz für alle, die die Autorin lieben, ihren feinen Witz, ihre Schlagfertigkeit, ihren Sinn für Dramaturgie und Zuspitzung.
«Hätte Cassandra tatsächlich die Absicht verfolgt, uns ihre Schwester als friedfertige Jungfer zu überliefern, so wäre sie grandios gescheitert», kommentiert Horst Lauinger in seiner editorischen Notiz. Tatsächlich, schon im ersten Brief vom 9. Januar 1796 schreibt Jane, sie scheue sich fast zu schildern, wie sie und ihr irischer Freund sich benommen hätten:
«Stell Dir einfach das denkbar verworfenste, schockierendste Verhalten beim Tanzen und Zusammensitzen vor.» (Übers. Andrea Ott)
Eine Auswahl ihrer schönsten Briefe, übersetzt von Ursula und Christian Grawe, liegt auch unter dem Titel Herzlich, Deine Jane bei Reclam vor (2022). Da bietet es sich an, nicht nur die Covers, sondern (wie ich das gern tue) auch die verschiedenen Übersetzungen zu vergleichen. Bei den Grawes lautet die oben zitierte Briefstelle übrigens wie folgt:
«Mal Dir das verworfenste und skandalöseste Benehmen beim Tanzen und Zusammensitzen aus.» (Übers. Ursula und Christian Grawe)
Daniel Ammann, 3.10.2025/24.12.2025
Jane Austen Liebste Freundin! Sämtliche Briefe. Übersetzt von Andrea Ott und mit einem Nachwort von Adriana Altaras. Kommentierte Gesamtausgabe mit Personenglossar und exklusiver «Leseliste» Jane Austens. München: Manesse, 2025. 512 Seiten.
Jane Austen Herzlich, Deine Jane: Ihre schönsten Briefe. Aus dem Englischen übersetzt von Ursula und Christian Grawe. Nachwort und Anmerkungen von Christian Grawe. Ditzingen: Reclam, 2022. 240 Seiten.
Charles Dickens beginnt seinen unvollendeten Roman Das Geheimnis des Edwin Drood gleich mit mehreren Fragen. Die ersten vier Sätze springen uns mit verstörenden Trugbildern und Rätseln an und bereiten uns durch Irritation schon auf Besuche in der Opiumhöhle vor. Seltsam mutet es auch an, dass die vermeintlichen Aussagesätze (1 und 3) mit einem Fragezeichen und die offensichtlichen Fragesätze (2 und 4) mit einem Ausrufezeichen enden. Weshalb hat man diese subtile Verstörung in der deutschen Ausgabe grammatikalisch eingeebnet und vier Mal ein Fragezeichen gesetzt? Auch die gelungene BBC-Adaption fängt übrigens wie ein Fiebertraum an, mit einer Fata Morgana in der flimmernden Wüste.
Mit seinem letzten Roman hat uns Dickens einen literarhistorischen Cliffhanger hinterlassen. Er fährt sein ganzes Können auf, legt Fährten, aber eine Auflösung bleibt er uns schuldig. Wir wissen noch nicht einmal, ob der ‹Unnachahmliche› das Ende überhaupt schon im Kopf hatte, als der Tod seinem Schreiben ein Ende setzte.
Das ungelöste Rätsel demonstriert wieder mal, dass eine Geschichte bis zum Schluss noch alle möglichen Wendungen nehmen kann. Denn die Logik der Handlung erschliesst sich erst im Nachhinein. Als Leser:innen halten wir den Schlüssel zu einer plausiblen Lösung zwar in der Hand, aber wir wissen nicht, welche Tür er letztlich öffnet.
Nach dem Beitrag zum E-Mail- und Briefroman von Holly Sloan und Meg Wolitzer knüpfe ich in Episode 6 meiner Zwillingsanfänge thematisch an: E. M. Forster lässt Helen einen Brief an ihre Schwester schreiben. Zadie Smith steigt fast hundert Jahre später mit Jeromes E-Mail an seinen Vater ein. Im Original springt die textliche Anlehnung sofort ins Auge. Bei den Übersetzungen will das nicht so ganz klappen.
Sollte es von Howard’s End nach 40 Jahren eine Neuübersetzung geben, würde ich deshalb empfehlen, sich an Zadie Smith zu orientieren:
«Ebenso gut könnte man mit Helens Briefen an ihre Schwester beginnen.»
Schön und schlank. Und so schliessen sich die intertextuellen Kreise wieder.
Ein bisschen riskant ist es schon, wenn wir im ersten Satz schon um das Leben der Ich-Erzählerin bangen müssen. Noch ehe wir sie kennenlernen. Dann kippt die Bedrohung am Ende allerdings gleich wieder weg, weil es einer anderen Figur an den Kragen geht. Ob das eine mit dem anderen zu tut hat, kann nur die Lektüre beantworten.
Und wer hätte erwartet, dass wir auf Seite 450 nach einer düsteren Geschichte auf einen so wunderbar hellen Schlusssatz zusteuern? – «Und als ich auf dem Gehweg in Richtung des Parks mit den Stauteichen aufkam, atmete ich das Licht wieder aus, und kurz, ganz kurz, musste ich beinahe fast lachen.» Die letzten vier Worte mit diesem zauberhaft zwinkernden Doppler in der Mitte klingen nach.
I almost nearly laughed.
Daniel Ammann, 22.7.2025
Anna Burns Milchmann. Aus dem Englischen von Anna-Nina Kroll. Stuttgart: Tropen-Verlag, 2020. 452 Seiten.
Erste Sätze haben es in sich. Und sie verraten uns eine ganze Menge. Der Kinderroman der Autorinnen Sloan und Wolitzer zum Beispiel eröffnet mit einer E-Mail und lässt schon durchblicken, dass sich Bett und Avery noch nicht kennen. Aber dabei wird es wohl nicht bleiben, denn es folgen noch viele weitere E-Mails.
Der abrupte und verblüffende Einstieg in eine Geschichte hat auch Eingang in unser Lehrmittel Apropos Medien 5/6 gefunden – und zwar in der Rubrik Flaschenpost (Kap. 6, S. 45). Hat nicht jede E-Mail und jeder Romananfang etwas von einer geheimnisvollen Flaschenpost? Kommunikation beginnt mit dem ersten Satz, manchmal noch ehe man weiss, mit wem man es zu tun hat, woher die Botschaft kommt und worauf man sich einlässt.
Daniel Ammann, 15.7.2025
Holly Sloan und Meg Wolitzer An Nachteule von Sternhai. Aus dem Englischen v. Sophie Zeitz. München: dtv, 2021. 288 Seiten. Ab 11 Jahren.
Vor gut vierzig Jahren machte sich Dieter E. Zimmer angesichts des angebrochenen Computerzeitalters bereits Gedanken über die Zukunft des literarischen Übersetzens. «In der Euphorie des Anfangs», schreibt er 1986, «hat man den Computer über- , weit mehr aber noch den menschlichen Geist unterschätzt». In der Taschenbuchausgabe resümiert er zwei Jahre später mit einer gewissen Genugtuung, eine «allen Qualitätsansprüchen gerecht werdende Übersetzung beliebiger Texte» sei tatsächlich nicht in Sicht. Entweder fallen die Resultat dürftig aus oder der Mensch muss nachhelfen, indem er die Texte vorgängig für den Computer aufbereitet oder «durch eine gründliche Nachredaktion nach getanem Maschinenwerk» optimiert (1988, 185).
Dass es nach vier Jahrzehnten Forschung noch keine Maschine gebe, «die man mit egal welchen Texten allein lassen könnte», erst recht nicht mit stilistisch anspruchsvollen oder literarichen Texten, illustriert und kommentiert Zimmer am Beispiel der Anfangszeilen aus Joseph von Eichendorffs Gedicht «Das zerbrochene Ringlein» (1813).
In einem kühlen Grunde, Da geht ein Mühlenrad
Selbst wenn der Computer imstande sei, morphologische und syntaktische Strukturen richtig zu erkennen, fehle ihm das semantische Wissen. Laut Zimmer käme dabei etwas heraus wie: In a cool reason since a mill wheel goes. Denn wie sollte der Computer auch wissen, «dass Grund hier nicht reason, sondern valley sein müsste, geht nicht goes, sondern turns, da nicht since, sondern there?»
Heute kennen wir die Antwort. Die maschinelle Übersetzung arbeitet nicht mit Analysen und lexikalischen Bedeutungen aus dem Wörterbuch, sondern mit algorithmisch produzierten Erwartbarkeiten. Ein Teil der von Zimmer befürchteten Defizite lassen sich auf diese Weise verhindern. Das ausgewählte Textstück ist zwar sehr kurz und bietet wenig Kontext, aber es ist einen Versuch wert, die Probe aufs Exempel zu machen. So habe ich die kurzen Gedichtzeilen aus Zimmers Beispiel in verschiedene frei zugängliche Übersetzungsmachinen gefüttert. Supertext, DeepL und Google Translate liefern folgende Vorschläge:
In a cool base there goes a mill wheel
Als Alternativen für base werden von Suptertext ground, background, bottom, reason, soil, environment und depth angeboten. Die Vorschläge für goes sind nicht brauchbar.
In a cool ground there goes a mill wheel
Als Varianten für ground werden von DeepL valley, glade, meadow, woods oder plain aufgeführt; für goes immerhin spins, rotates, turns, moves, flows …
Das auf Anhieb beste Ergebnis spuckt der Google-Übersetzer aus:
In a cool valley, There turns a mill wheel
Mit einer Portion semantischem Weltwissen und sorgfältiger Nachredaktion kann man damit halbwegs arbeiten. Aber mit eigener Übersetzungsleistung käme man vermutlich schneller auf passable Lösungen.
Nun interessiert natürlich, wie die literarischen Humanübersetzer:innen die Aufgabe gemeistert haben? Hier drei Beispiele aus dem Netz:
William Ruleman (Poems for the Ages, 2019) ersetzt Eichendorffs Kreuzreime durch Paarreime. Auch das vorangestellt Verb in der zweite Zeile und die Entscheidung für vale unterstreicht die poetische Tonlage und weckt romantische Assoziationen (vergleichbar mit Deutschen Begriffen wie Aue oder Hain):
Down in a cool vale, still Turns the wheel of a mill
Tia Caswell (Journal of Languages, Texts, and Society, Vol. 5 [2021], 5) weist in ihrem Kommentar darauf hin, dass es wie bei anderen Übertragungen auch bei diesem Eichendorff-Gedicht nicht möglich war, das Reimschema des Originals beizubehalten:
In a cool valley, A mill wheel turns
Charles L. Cingolani (2024) verzichtet ebenfalls auf Reime. Dass hier aus dem beschaulichen Wiesen- oder Talgrund einfach ein Stück Land, wenn nicht gar ein Grundstück wird, stört die ländliche Idylle und will nicht so recht ins romantische Bild passen. Mit dem Humanübersetzer liesse sich aber bestimmt über semantische Feinheiten und Konnotationen diskutieren.
On a cool plot of land There’s a mill wheel turning
Dieter E. Zimmers schlimmste Befürchtungen sind zwar nicht eingetreten, aber wie man sieht, haben die Übersetzungsmaschinen mächtig zugelegt und täuschen sprachliche Kompetenz vor – weshalb ich lieber von simulierter als von künstlicher Intelligenz spreche. Damion Searls hat sich jüngst in seiner Philosophy of Translation (2024) ebenfalls zur KI-Problematik geäussert. Seinem Fazit können wir uns hier anschliessen: Ein Text, der durch die KI-Übersetzung gejagt wurde, muss immer noch übersetzt werden.
Daniel Ammann, 15.7.2025
Searls, Damion. The Philosophy of Translation. New Haven, CT: Yale University Press, 2024.
Zimmer, Dieter E. «Wettbewerb der Übersetzer: Die einstweilige Unentbehrlichkeit des Humantranslators.» Redens Arten: Über Trends und Tollheiten im neudeutschen Sprachgebrauch. Zürich: Haffmans, 1988 (1986). S. 163–187.