Jenseits des Selbst

Worüber unterhalten sich ein Hirnforscher und ein buddhistischer Mönch? Natürlich über Bewusstsein, Mitgefühl, Wahrnehmung und das Wesen der Wirklichkeit. Der Neuro­wissenschaftler Wolf Singer erweist sich als neugierig und offen für nicht­materialis­tische Zugänge. Sein Gesprächspartner Matthieu Ricard war Molekularbiologe in Paris, lebt aber seit 40 Jahren im Himalaya und hat Bücher über Glück, Nächsten­liebe und Weisheit verfasst. Ihr trans­disziplinärer Austausch bietet eine bewusstseins­erweiternde Mischung aus Philosophie und Natur­wissenschaft – und schlägt eine Brücke zwischen Kontemplation und Kognition. Der menschliche Geist hat heute Konjunktur. Meditation und Achtsamkeits­praxis sind im Alltag und selbst in der Schule angekommen. Der Dialog zweier inspirierter Köpfe stösst neue Pforten auf und erhellt alte Fragen über Liebe, Verantwortung, Wissen und den freien Willen.

Daniel Ammann, 23.5.2017

«Denken über den Geist.»
Akzente 2 (2017): S. 39.
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Wolf Singer und Matthieu Ricard 
Jenseits des Selbst. Dialoge zwischen einem Hirnforscher und einem buddhistischen Mönch
Aus dem Englischen von Friederike Moldenhauer, Susanne Warmuth und Wolf Singer.
Berlin: Suhrkamp, 2017. 351 Seiten. .

Lesen Sie wohl!

Da dies die letzten Medientipps für Akzente sind, gibt es zum Abschied Hinweise auf Bücher mit weiteren Lektüretipps. Die kann man lesen, um herauszufinden, was sich zu lesen lohnt. Die neue ZEIT-Bibliothek der Weltliteratur (Suhrkamp, 2024) legt gleich vor und empfiehlt «100 Bücher, 100 Lebensgefährten». Die Tipps sind nach thematischen Fragen gruppiert, z. B. «Wer begleitet mich durch die Nacht?», «Wer tröstet mich, wenn ich traurig bin?» oder – ein Dauerbrenner – «Wer bin ich?». Viele der Besprechungen stammen übrigens von namhaften Schriftsteller:innen, die man dann ebenfalls auf die Leseliste setzen kann. Für die nächsten Jahre ist also gut vorgesorgt.
Hilfreich bei der Lektürewahl sind mitunter sogar schonungslose Verrisse. In seiner Bestsellerbibel (Piper, 2024) präsentiert der Literaturkritiker Denis Scheck deshalb «Schätze und Schund aus 20 Jahren». Da dürfen «Die Zehn Gebote des Lesens» nicht fehlen, und in 21 pointierten Essays erfährt man, warum die meistverkauften Bücher nicht die besten sind und wozu Literatur überhaupt taugt, ob Bücher Leben retten oder uns zu besseren Menschen machen.
Autorinnen und Autoren produzieren aber nicht nur reichhaltigen Lesestoff. Wie der von Mara Delius und Marc Reichwein heraus­gege­bene Band 111 Action­szenen der Weltliteratur (Aufbau, 2024) auf unterhaltsame Weise demonstriert, liefern auch ihre Lebens­geschichten dramatische Episoden und heitere Anekdoten, die es zu erzählen lohnt.

Daniel Ammann, 26.2.2025

«Lesen Sie wohl!»
Akzente 1 (2025): S. 35.
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Literaturangaben

Zeitverlag Gerd Bucerius, Hrsg.
Die neue ZEIT-Bibliothek der Weltliteratur.
«100 Bücher, 100 Lebensgefährten»
Berlin: Suhrkamp, 2024. 462 Seiten.

Denis Scheck
Schecks Bestsellerbibel.
Schätze und Schund aus 20 Jahren.
München: Piper, 2024. 432 Seiten.

Mara Delius und Marc Reichwein, Hrsg.
111 Actionszenen der Weltliteratur.
Mit 11 Illustrationen von Paul Fretter.
Berlin: Aufbau Verlag, 2024. 384 Seiten.

Immerwährende Freundschaft

Immerwährende Freundschaft

Das Wort Freundschaft schreibt sich mit F, aber viele ihrer Attribute beginnen – wie das mittelhochdeutsche «vriuntschaft» – mit dem Buchstaben V: Vergangenheit, Vertrauen, Verlässlichkeit und Verständigung. Stabile Freundschaften, so Jutta Georg in ihrer Philosophie der Freundschaft (Brill Fink, 2023), setzen gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen voraus und werden durch geteilte Werte, Vorlieben und Überzeugungen getragen. Gegenseitiges Wohlwollen, Achtung und Wertschätzung dem andern gegenüber unterscheidet die Freundschaft vom profanen Zweckbündnis.

Wenn langjährige Freundschaften vergehen oder an Konflikten zu zerbrechen drohen, stehen diese Grundvoraussetzungen auf dem Spiel. In ihrem Roman Ich komme nicht zurück (DuMont, 2024) erzählt Rasha Khayat, wie Hanna, Cem und Zeyna in ihrer Kindheit zu unzertrennlichen Freunden und Teil einer Wahlfamilie werden, bis Eifersucht, Schuld und rassistische Anfeindungen ihre Freundschaft immer wieder auf eine harte Bewährungsrobe stellen.

Dass Freundschaften ein Leben weit über den Verlust hinaus prägen, beschreibt Emanuele Trevi wehmütig in seiner autobiografischen Erzählung Zwei Leben (Freies Geistesleben, 2024; aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt und Janine Malz). Trevi kämpft gegen das Vergessen an und setzt seinen Freunden Pia Pera und Rocco Carbone ein eindrückliches literarisches Denkmal.

Daniel Ammann, 27.11.2024

«Immerwährende Freundschaft.»
Akzente 4 (2024): S. 35.
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Literaturangaben

Jutta Georg
Philosophie der Freundschaft.
Paderborn: Brill | Fink, 2023. 181 Seiten.


Rasha Khayat
Ich komme nicht zurück.
Köln: DuMont, 2024. 176 Seiten.


Emanuele Trevi
Zwei Leben.
Erzählung.
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt und Janine Malz.
Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 2024. 160 Seiten.

Weitere Beiträge zum Thema Freundschaft

https://www.magoria.ch/dam/der-pakt-der-freundschaft

Fragen über Fragen

Fragen über Fragen

Was uns als Menschen auszeichnet und neben empfindsamer Körperlichkeit von leidenschaftsloser KI unterscheidet, ist unser Drang nach Wissen, die unaufhörliche Suche nach Antworten, die in den Enzyklopädien unserer Kultur noch nicht zu finden sind. Für Margaret Atwood sind es die brennenden Fragen, die uns vorantreiben und vorwärtsbringen.

Schreiben und Geschichtenerzählen sind gleichermassen Ausdruck dieser fragenden Grundhaltung. Aus Neugier und Leidenschaft (so der Titel eines früheren Bandes) richtet die kluge und engagierte Autorin seit Jahrzehnten ihren scharfen Blick auf die Wirklichkeit. Auch und vor allem dann, wenn sie uns scheinbar Märchen auftischt. Wie die fiktionalen beflügeln auch ihre essayistischen Gedankenreisen. Sie öffnen eine Luke, offenbaren den doppelten Boden einer fragilen Welt und geben Einblick in ihr Schreiben.

Daniel Ammann, 23.2.2024

«Fragen über Fragen.»
 Akzente 4 (2023): S. 34.
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Margaret Atwood
Brennende Fragen: Essays und Gelegenheitsarbeiten von 2004–2021.
Deutsch von Jan Schönherr, Eva Regul und Martina Tichy.
Berlin: Berlin Verlag, 2023. 704 Seiten.

Das Leben ist eine Baustelle

Das Leben ist eine Baustelle

«Das Leben ist eine Baustelle.»
 Akzente 4 (2023): S. 34.
blog.phzh.ch/akzente/2023/11/27/das-leben-ist-eine-baustelle/
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Es ist gerade mal vierzig Jahre her. Trotzdem hat man schon fast vergessen, dass es damals auf dem Bau in den Pausen Bier gab, dass in den Beizen und überall geraucht wurde und man samstagvormittags noch Schule hatte.

Pedro Lenz nimmt uns mit ins Jahr 1982 und lässt den siebzehn­jährigen Maurerlehrling Charly aus dieser Zeit erzählen – vor allem von seinem Freund und Mentor, dem spanischen Gastarbeiter Primitivo Pérez, der bei einem Arbeitsunfall ums Leben kommt, von dessen Abenteuern in Südamerika, der Jagd nach Kriegsverbrechern, aber auch von Büchern und dem Zauber der Poesie, von Freundschaft, Verliebtheit und einem berauschenden Polo-Hofer-Konzert in der «Traube» von Wynau. Uwe Dethier hat den Mundartroman souverän ins Hochdeutsche übersetzt und findet einen eigenen Ton, der nie manieriert wirkt. In der direkten Rede bleibt der Maurerlehrling zwar ein Stift, aber aus den Beizen werden Kneipen und «d Chessle und d Garette» müssen dem Kübel und der Schubkarre weichen.
– Daniel Ammann

Pedro Lenz
Primitivo.
Aus dem Schweizerdeutschen von Uwe Dethier.
Zürich: Kein und Aber, 2023. 237 Seiten.

Das Leben ist eine Baustelle

Schiesswütiges Amerika

Krimis wiegen uns in Sicherheit. Wir müssen nicht fürchten, dass sich bei der fiktionalen Schiesserei eine Kugel in unser Wohnzimmer verirrt oder unter dem Sofa plötzlich ein Sprengsatz detoniert. Die Bluttaten im Unterhaltungsprogramm sind gewissermassen harmlos. Kaum laufen aber die Nachrichten über den Bildschirm, ist es mit dem Spass vorbei. Krieg, Amokläufe, Terroranschläge, Attentate und Morde sind an der Tagesordnung. Rund vierzigtausend Amerikaner:innen, resümiert Paul Auster in seinem ebenso politischen wie persönlichen Essay, verlieren jährlich durch Schussverletzungen ihr Leben. Hinzu kommen doppelt so viele Verletzte, die oft lebenslang unter Folgeschäden zu leiden haben. Auster macht klar, dass rigorose Gesetze daran wenig zu ändern vermöchten. Spencer Ostranders Schwarzweissfotos zeigen scheinbar friedliche Schauplätze – Tatorte früherer Massentötungen, nachdem die Spuren beseitigt wurden.

Daniel Ammann, 27.5.2024

«Schiesswütiges Amerika.»
Akzente 2 (2023): S. 34.
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Paul Auster
Bloodbath Nation.
Mit Fotos von Spencer Ostrander. Aus dem Englischen von Werner Schmitz.
Hamburg: Rowohlt, 2024. 188 Seiten.

Magoria by Daniel Ammann